• H. P. Lovecraft: Seine Welten und ihre Fans. Literaturkolumne

    Aus einer fiktionalen Geschichte kann ein quasi bewohnbares Universum eigenen Rechts werden, wenn die eine über sich hinaus in andere Geschichten drängt, insbesondere solche aus anderen Zeiten und mit anderen Wirklichkeiten. Aus Geschichten werden dann Schichten, die alle irgendwie zusammenhängen, sich aber in keinem einzelnen Erzählstrang erschöpfen. Fiktion ist paradoxerweise dann besonders fesselnd und glaubhaft, wenn eine Welt unter dem Druck einer anderen, die genauso fiktional ist, ihre festen Konturen verliert und durchlässig wird. (mehr …)
  • Kurz und knapp durch dick und dünn (mit Maruan Paschen). Literaturkolumne

    Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

    Dicke Wälzer lesen derzeit alle gern. Ob immer mit Lust oder Gewinn, sei dahingestellt. Schon auf der letzten Buchmesse wurde der Trend zum XXL-Format diagnostiziert. »Klopper« sind auch in diesem Jahr genug dabei, um bis zu den Feiertagen über die Runden zu kommen. Wie gerufen liegt jetzt auch eine gelehrte Studie zur Frage der Formate in der Literatur vor, im Klopper-Format. 1

    Ein von den Literaturwissenschaften seit geraumer Zeit privilegierter Gegenstand sind die kleinen Formen. Insbesondere die seit dem 19. Jahrhundert auch absatztechnisch konkurrenzfähig gewordenen Kurzprosa-Alternativen zum Roman erfreuen sich wissenschaftlichen Interesses. Der Plural ist Programm. Vom Prosagedicht über Miniatur, Fall, Protokoll und Skizze bis zum Essay (und natürlich auch der »Twitteratur«) reichen die Möglichkeiten kleiner Formen. Bei Walter Benjamin, Ernst Bloch, Theodor W. Adorno und anderen greifen sie, im Anschluss an das frühromantische Fragment und Nietzsches Aphoristik, sogar ins Philosophische aus. Um 1900 nicht geradewegs erfunden, aber gründlich proliferierend, haben sich diese Formen, von denen man einmal glaubte, sie seien Reflex moderner Flüchtigkeitserfahrungen, als erstaunlich stabil erwiesen.

    Der Roman ist immer in der Krise, von einer Krise kleiner Prosa hat man noch nie gehört. Bis in die späten siebziger Jahre konnte sich das kurze Prosastück als literarische Königsdisziplin unter anderem bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz oder Jürgen Becker behaupten. Von Ausnahmen abgesehen, ist die Wiederkehr der Wälzer ein Phänomen der Nachwendezeit, das mit dem Abschied von der deutschen Nachkriegsliteratur ebenso viel zu tun haben mag wie mit der Internationalisierung der Romanproduktion. Einiges spricht dafür, dass die Literaturwissenschaft den Abstand aufholen und sich in naher Zukunft den großen Formen zuwenden wird. Vom Epos wird hier und da bereits gemunkelt.

    Ein Pionier der literaturwissenschaft-lichen Erforschung kleiner Formen ist André Jolles. Die traditionsreichsten hat er unter dem Titel Einfache Formen 1932 kanonisiert. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabilie, Märchen und Witz sind die Kapitel seines Buches gewidmet. Auf Kürze oder Länge kam es ihm dabei nicht an. In den homerischen Epen gewinnt dieselbe Mythe Epos-Form, die Kafka auf einer halben Seite erzählt. Unter »einfachen Formen« wollte Jolles verstanden wissen, was den Aggregatzustand einer festen Form nicht hat und deshalb als Form eigenen Rechts erst zu erschließen war. Dass diese meist mündlich tradierten und folglich von Haus aus flüssigen Formen in feste überführt werden können, hat Jolles nicht bestritten.

    Die Probe aufs Exempel hatte Heimito von Doderer einige Jahre vorher mit den 1926 erschienenen Sieben Variationen auf ein Thema von Johann Peter Hebel gemacht. Eine Anekdote aus Hebels Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes von 1811 wandelte er sukzessive in sieben verschiedenen Geschichten ab. In den ersten beiden wird das Original nur minimal modifiziert, dann immer mehr entstellt, bis es schließlich ganz verschwunden scheint. Doch mit wachsendem Abstand zum Ausgangstext tritt gegenläufig der Kern jener Hebel-Geschichte vom Tod durch Erschrecken immer deutlicher hervor: die Begegnung mit einer plötzlich nicht mehr verlässlichen Welt, deren Gefüge sich ruckartig verschiebt und verzieht. In jeder der sieben Geschichten hebt sich den Protagonisten ihre Welt plötzlich aus den Angeln. Erschreckt oder beglückt, jedenfalls überrascht, stehen sie vor dem neuen Raum, der sich da unerwartet aufgetan hat, obwohl eigentlich alles ist wie immer.

    In der siebten und letzten Geschichte wird diese die Variationen zur Serie verkettende Kippfigur in einer Weise beschrie-ben, die an Kafkas Prosastück Wunsch, Indianer zu werden , eine Inkunabel der Kurzprosa, erinnert: »Ach unsere verwunderliche Seele, die oft des äußeren Einschubes gar nicht mehr bedarf als Angel und Ecke, um darum zu wenden: nein, sie vermag’s aus sich allein in wenigen Augenblicken, baut sich selbst die Ecke, pflanzt sich selbst Angel und Achse auf und kippt und schwingt drum herum und treibt es ganz ebenso wie das Ackerland draußen, das auch seine Miene spielend und ständig verändert«.

    " title="">(lesen ...)

  • Weniger Strip, mehr Tease? (Teil 3)

    Peter Sloterdijk hat einen Roman geschrieben, ganz ohne Not, und auch nicht zum ersten Mal (siehe den Zauberbaum aus dem Jahr 1987, ein Auszug daraus war im übrigen sein letzter von zwei Auftritten im Merkur): Das Schelling-Projekt erzählt in E-Mail-Wechseln von einem (scheiternden) Projektantrag bei der DFG - es soll darum gehen, wie mit dem weiblichen Orgasmus der Geist in die Materie fuhr. Es ist im Roman allerdings so, dass sich für diese Frage vornehmlich forschende Männer (Peer Sloterdijk, Guido Mösenlechzner, Kurt Silbe) zuständig fühlen; ihre weiblichen Konterparts (Beatrice Freygel, Desiree zur Lippe) berichten beispielsweise von sexueller Erweckung mittels Gangbang. Für Eva Geulen und Hanna Engelmeier der Anlass, ihrerseits einen E-Mail-Wechsel zu beginnen, genau einen Monat lang, vom 8. Oktober bis zum 8. November, dem Tag der Trump-Wahl. Sloterdijks Roman war, wie sich zeigte, mehr Anlass für ein digressives Duett - einen schriftlichen Dialog darüber, welche Assoziationen zum Roman wie weit tragen. So geht es nun unter anderem um Autobiografien von (emeritierten) Professoren, um Machtpositionen im akademischen Betrieb, um Heinz Strunk, die Buchmesse und den Kritiker-Empfang des Suhrkamp Verlags bei der Frankfurter Buchmesse. Das Ganze war eine bei einer Zufallsbegegnung von Hanna Engelmeier und Eva Geulen spontan geborene Idee - da der Merkur (bzw. Ekkehard Knörer) dabei ebenfalls anwesend war, erscheint das Ergebnis nun hier, und zwar in drei Teilen. Dies ist der dritte Teil, den ersten Teil finden Sie hier, den zweiten hier. (mehr …)
  • Weniger Strip, mehr Tease? (Teil 2)

    Peter Sloterdijk hat einen Roman geschrieben, ganz ohne Not, und auch nicht zum ersten Mal (siehe den Zauberbaum aus dem Jahr 1987, ein Auszug daraus war im übrigen sein letzter von zwei Auftritten im Merkur): Das Schelling-Projekt erzählt in E-Mail-Wechseln von einem (scheiternden) Projektantrag bei der DFG - es soll darum gehen, wie mit dem weiblichen Orgasmus der Geist in die Materie fuhr. Es ist im Roman allerdings so, dass sich für diese Frage vornehmlich forschende Männer (Peer Sloterdijk, Guido Mösenlechzner, Kurt Silbe) zuständig fühlen; ihre weiblichen Konterparts (Beatrice Freygel, Desiree zur Lippe) berichten beispielsweise von sexueller Erweckung mittels Gangbang. Für Eva Geulen und Hanna Engelmeier der Anlass, ihrerseits einen E-Mail-Wechsel zu beginnen, genau einen Monat lang, vom 8. Oktober bis zum 8. November, dem Tag der Trump-Wahl. Sloterdijks Roman war, wie sich zeigte, mehr Anlass für ein digressives Duett - einen schriftlichen Dialog darüber, welche Assoziationen zum Roman wie weit tragen. So geht es nun unter anderem um Autobiografien von (emeritierten) Professoren, um Machtpositionen im akademischen Betrieb, um Heinz Strunk, die Buchmesse und den Kritiker-Empfang des Suhrkamp Verlags bei der Frankfurter Buchmesse. Das Ganze war eine bei einer Zufallsbegegnung von Hanna Engelmeier und Eva Geulen spontan geborene Idee - da der Merkur (bzw. Ekkehard Knörer) dabei ebenfalls anwesend war, erscheint das Ergebnis nun hier, und zwar in drei Teilen. Den ersten Teil finden Sie hier, dies ist der zweite Teil. Der dritte ist hier. (mehr …)
  • Weniger Strip, mehr Tease? Mailwechsel zu Sloterdijks „Schelling-Projekt“

    Peter Sloterdijk hat einen Roman geschrieben, ganz ohne Not, und auch nicht zum ersten Mal (siehe den Zauberbaum aus dem Jahr 1987, ein Auszug daraus war im übrigen sein letzter von zwei Auftritten im Merkur): Das Schelling-Projekt erzählt in E-Mail-Wechseln von einem (scheiternden) Projektantrag bei der DFG - es soll darum gehen, wie mit dem weiblichen Orgasmus der Geist in die Materie fuhr. Es ist im Roman allerdings so, dass sich für diese Frage vornehmlich forschende Männer (Peer Sloterdijk, Guido Mösenlechzner, Kurt Silbe) zuständig fühlen; ihre weiblichen Konterparts (Beatrice Freygel, Desiree zur Lippe) berichten beispielsweise von sexueller Erweckung mittels Gangbang. Für Eva Geulen und Hanna Engelmeier der Anlass, ihrerseits einen E-Mail-Wechsel zu beginnen, genau einen Monat lang, vom 8. Oktober bis zum 8. November, dem Tag der Trump-Wahl. Sloterdijks Roman war, wie sich zeigte, mehr Anlass für ein digressives Duett - einen schriftlichen Dialog darüber, welche Assoziationen zum Roman wie weit tragen. So geht es nun unter anderem um Autobiografien von (emeritierten) Professoren, um Machtpositionen im akademischen Betrieb, um Heinz Strunk, die Buchmesse und den Kritiker-Empfang des Suhrkamp Verlags bei der Frankfurter Buchmesse. Das Ganze war eine bei einer Zufallsbegegnung von Hanna Engelmeier und Eva Geulen spontan geborene Idee - da der Merkur (bzw. Ekkehard Knörer) dabei ebenfalls anwesend war, erscheint das Ergebnis nun hier, und zwar in drei Teilen. Hier ist der erste Teil, er umfasst den Zeitraum vom 8. bis zum 20. Oktober. Den zweiten Teil können Sie hier lesen. Und den dritten jetzt hier (mehr …)