Weniger Strip, mehr Tease? Mailwechsel zu Sloterdijks „Schelling-Projekt“

Peter Sloterdijk hat einen Roman geschrieben, ganz ohne Not, und auch nicht zum ersten Mal (siehe den Zauberbaum aus dem Jahr 1987, ein Auszug daraus war im übrigen sein letzter von zwei Auftritten im Merkur): Das Schelling-Projekt erzählt in E-Mail-Wechseln von einem (scheiternden) Projektantrag bei der DFG – es soll darum gehen, wie mit dem weiblichen Orgasmus der Geist in die Materie fuhr. Es ist im Roman allerdings so, dass sich für diese Frage vornehmlich forschende Männer (Peer Sloterdijk, Guido Mösenlechzner, Kurt Silbe) zuständig fühlen; ihre weiblichen Konterparts (Beatrice Freygel, Desiree zur Lippe) berichten beispielsweise von sexueller Erweckung mittels Gangbang. Für Eva Geulen und Hanna Engelmeier der Anlass, ihrerseits einen E-Mail-Wechsel zu beginnen, genau einen Monat lang, vom 8. Oktober bis zum 8. November, dem Tag der Trump-Wahl. Sloterdijks Roman war, wie sich zeigte, mehr Anlass für ein digressives Duett – einen schriftlichen Dialog darüber, welche Assoziationen zum Roman wie weit tragen. So geht es nun unter anderem um Autobiografien von (emeritierten) Professoren, um Machtpositionen im akademischen Betrieb, um Heinz Strunk, die Buchmesse und den Kritiker-Empfang des Suhrkamp Verlags bei der Frankfurter Buchmesse. Das Ganze war eine bei einer Zufallsbegegnung von Hanna Engelmeier und Eva Geulen spontan geborene Idee – da der Merkur (bzw. Ekkehard Knörer) dabei ebenfalls anwesend war, erscheint das Ergebnis nun hier, und zwar in drei Teilen. Hier ist der erste Teil, er umfasst den Zeitraum vom 8. bis zum 20. Oktober. Den zweiten Teil können Sie hier lesen. Und den dritten jetzt hier

Hanna Engelmeier <engelmeier@em.uni-frankfurt.de> hat am 8. Oktober 2016 um 09:31 geschrieben:

Liebe Frau Geulen,

wie Sie unten sehen können, habe ich nun ernst gemacht, das Buch wurde jetzt an meinen Kindle gesendet; das ist gut, dann steht es nachher nicht im Regal.

Wenn Sie nach wie vor Interesse haben, können wir uns gern etwas dazu ausdenken für den Merkur-E-Mail-Wechsel, Skype-Konversation oder Telegram-Austausch (falls wir GIFs einbinden möchten). Ich würde mich freuen und kann mich auf alles einstellen; vermutlich wäre es nur gut, damit jetzt nicht mehr zu lange zu warten. Das Buch lese ich dann morgen, nachher bin ich noch bei einer Konferenz.

Für die ganze Sache aufschlussreich ist vermutlich auch dieses Interview, das ein ehemaliger Kollege von mir geführt hat: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42372/Man-denkt-an-mich-also-bin-ich, habe ich damals schon mit – mh, Interesse gelesen.

Herzliche Grüße

Hanna Engelmeier

Am 08.10.2016 um 21:06 schrieb Eva Geulen <geulen@zfl-berlin.org>:
Liebe Frau Engelmeier,

dann mal los! Lektüre habe ich hinter mir, auch Sloterdijks Interview (auf das hin ich mir den Band mit der fatalen 1-click-buy-Option sofort bestellt habe) ist mir bekannt.

Schönes Wochenende!

Ihre

EG

Hanna Engelmeier <engelmeier@em.uni-frankfurt.de> hat am 14. Oktober 2016 um 14:35 geschrieben:

Liebe Frau Geulen,

also ich bin jetzt weitestgehend durch mit dem Buch, zumindest soweit, dass mir halbwegs informiert Sachen dazu einfallen; geholfen hat gestern auch ein längeres Gespräch mit Rembert Hüser, der mir Sloterdijks Dissertation mitgab, über Autobiographien der Zwanziger Jahre. Gucke ich mir mal an, wobei ich nicht vermute, dass da der Roman schon angelegt ist und ich auch nicht glaube, dass man viel Erfolg oder Freude dabei haben würde, das Sloterdijksche Œuvre  nach Hinweisen auf die 250 Seiten „Bericht“ (warum eigentlich? Ich habe sowieso hauptsächlich Fragen an die Gattung, glaube ich) zu durchforsten, die jetzt vorliegen.

In jedem Fall interessiert mich die Wendung zum Roman (bzw. Briefroman) und zur Fiktion (wie schwach auch immer) hin; verbunden mit der Beobachtung, dass es einen (kleinen) Aufschwung von intellektueller Autobiographik gibt, ich denke u.a. an Raulff, Lethen, Pörksen und andere. Sogar in Philipp Felschs Merve-Buch wird ja das eigene Theorieerlebnis als Motivation für den Text eingeführt. Dagegen ist gar nichts zu sagen, aber mich interessiert die Art und Weise, welche Rolle jeweils die Idee spielt, jetzt mal „was Literarisches“ zu machen, endlich rein ins Subjektive.

Also in jedem Fall wäre es gut, wenn wir uns überlegen, wie wir das angehen wollen, falls per Mail: so eine Art Fernschach wäre gut, das Ganze sollte auf jeden Fall auch nicht wiederholen, was im Buch passiert; ich hatte mehrfach den Eindruck, es geht vor allem darum, wie ältere (schon an den Domains der Mailadressen erkennbar, immerhin das wurde richtig gesehen) Leute das Internet benutzen: in Word Mails vorschreiben, Rechtschreibkorrektur drüber, dann möglichst fehlerfrei an den Verteiler bringen. Naja. Für mich würden diese vorbereitenden Mails auch schon zum Gespräch gehören, aber das können wir verabreden, wie Sie meinen.

Gerade kam noch eine Spam Mail von „Filibert Freudenberger“ in mein Postfach. Ich bin also mitten im Thema.

Herzlich

Ihre

HE

Am 14.10.2016 um 17:11 schrieb Eva Geulen <geulen@zfl-berlin.org>:

Liebe Frau Engelmeier,

in der Dissertation nicht unbedingt, aber in dem 87er Roman Zauberbaum (den ich aber auch nicht kenne) könnte etwas angelegt sein. Er macht das also nicht zum ersten Mal.

Die Schwächen der Fiktion macht im Kalkül der Sache der parodistisch-karikierende Zug wett: Zwischen Satire und ‚Roman‘ lässt sich das sehr wohl ernst gemeinte bon mot, der bissige Aphorismus, und die These des Projektes – mit der weiblichen Lust sei der Geist in die Materie eingeschlagen – der Sloterdijk-Sound eben, sehr gut unterbringen.

Aussichtsreich scheint mir die gegenwärtige Konjunktur des Autobiographischen. Aber mitnichten geht es um die Wonnen freigesetzter Subjektivität. Lizenz zur Autobiographie erteilt das Altern. Bei Goethe heißt das ’sich historisch werden‘. Und wenn man Bohrer, Lethen etc. mal beiseite lässt – die in dieser Hinsicht auf Goethes Spuren wandeln – beginnt das sich-historisch-werden derzeit ziemlich früh. Auch bei Philipp Felsch. (Ich bin auch nicht unschuldig. An der Derrida-Biographie ist mir auch was über die eigene aufgegangen, und die Erfahrung ist gerade nicht die des Rechts des Subjektiven, sondern die, dann eben doch gesteuert worden zu sein von sog. historischen Kräften, Mächten). Deshalb ist es wohl eher ein Historisierungsschub, der andere Wurzeln haben muss als die eigene Lebenszeit, mindestens ein Bewusstsein andernorts voraussetzt, dass bestimmte Dinge jetzt ‚fällig‘ sind und im historisierenden Modus erzählbar werden könnten. Der Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten verblasst dann.

Ich habe zwischenzeitlich die Rezensionen (taz, ZEIT, SZ-Interview und was ich sonst noch so bekommen konnte) gesichtet: Man windet sich. Und dieses Sich-Winden – wenn man nicht gerade in irgendeiner Mission unterwegs ist, des guten Geschmacks, der Literatur, whatever – das nimmt mich auf seltsame Weise sofort für das Buch ein.

Herzlich

Ihre

EG

Am 15.10.2016 um 10:28 schrieb Hanna Engelmeier <engelmeier@em.uni-frankfurt.de>:

Liebe Frau Geulen,

zwei Sachen: Also ja, den Reflex, ins Team mit dem zu wollen, vor dem sich Feuilleton und Intelligenz winden, kann ich gut verstehen. Allerdings löst das Buch ja auch noch alle möglichen anderen Reflexe aus, klopft mit dem Hämmerchen mehr oder weniger zart dran, dem würde ich lieber nicht nachgehen wollen. Allerdings auch aus dem Reflex, unbedingt über das Kalkül des Buchs triumphieren zu wollen. Warum eigentlich? Dann kann man es ja auch einfach weglassen, Reflexe: off.

Über das Autobiographische hab ich auch noch mal nachgedacht und mich an eine Bemerkung über Sacher-Masoch in Darwinismus und Literatur von Werner Michler erinnert, geht ungefähr so: SM wird selbst zur literarischen Figur, und zwar in der Psychopathia Sexualis von Krafft Ebing. Da wird dann Medizin zu dem Genre, in dem man in Ruhe über Sex sprechen kann, das Thema wird in Wissenschaft legitim. Das Problem besteht so ja nun nicht mehr, außer vielleicht in den Resistenzen, auf die Porn Studies stoßen – wobei ich mich auch gefragt hab, warum Sloterdijk, wenn er doch gern über Sex schreiben möchte, nicht in das Genre geht, also ins Pornographische, das viel schwieriger ist als ein „erotischer“ Roman. Da sollen dann wohl eben genau wir, die ZEIT, die taz und die DFG erreicht werden, die über so ein Buch noch schreiben, bei Pornographie aber beim Sich-Winden noch ganze andere Kurven nehmen müssten. Jedenfalls: Wenn also Sex in Wissenschaft ein unkontroverses Thema ist, und das Genre Aufsatz, Monographie, Essay oder whatever ausgereizt ist dafür, geht man eben auf die Fiktion, bzw. eben den Roman, der dann offenbar irgendwie das riskantere Genre ist. Oder zumindest eines, mit dem man mehr Sichtbarkeit erreicht. Stimmt ja auch. Und wenn einem Peinlichkeit egal ist, kann man sich dann über all die angesprochenen Reflexe freuen. Zusammengefasst also: Schelling-Projekt als invertierter Krafft-Ebing oder so.

Das würde auch die Muffigkeit des Textes und der mitgeteilten Phantasien erklären, die kann man ja nicht ganz unangesprochen lassen, wenn es darum geht zu gucken, was für ein Text da wie und mit welchen Mitteln und welcher Form in den Markt gedrückt wird.

Kennen Sie eigentlich I love Dick von Chris Kraus? Ich glaube, dass das im Prinzip die am besten funktionierende Negativfolie für das Schelling-Projekt ist, auch wegen der Art und Weise, wie sich die Autor/in da in der dritten Person einführt. Später mehr, jetzt gehe ich einkaufen.

Schönes Wochenende und herzliche Grüße

Ihre

HE

Hanna Engelmeier <engelmeier@em.uni-frankfurt.de> hat am 15. Oktober 2016 um 10:34 geschrieben:

P.S.: Ja, an die Frage des Autobiographischen sollten wir auch noch mal ran. Also ob Autobiographie auch dann ist, wenn mit aplomb was anderes annonciert wird. Können wir entscheiden, dass es das trotzdem ist? Und ist das eigentlich die totale Verachtung der Leserinnen und Leser, das so zu machen, die totale Verachtung des Mediums, mit dem man arbeitet?

Am 19.10.2016 um 22:24 schrieb Eva Geulen <geulen@zfl-berlin.org>:

Liebe Frau Engelmeier,

es war ein etwas turbulentes Wochenende, auf das der Semesterauftakt folgte. Folglich mit etwas Verspätung:

Sehr wohl möglich, dass meinerseits Reflexe am Werk sind. Ob derart sekundäre Reflexe noch Reflexe sind bzw. wie man sie von kalkulierten Reflexen, auf die der Gegenstand setzt, sinnvoll unterscheiden kann, fragt sich. Wenn sich alle rasch einig sind, sei es auch nur im ‚Winden‘, wird man neugierig auf Abweichung. Wenn sich derart viele winden, kann ein Gegenstand an der Abwehr gegen ihn vielleicht auch wachsen.

So geschehen heute im ersten ZfL-Plenum des WS (‚Realismus‘ lautet das Jahresthema). Nach dem ziemlich schwierigen Schluss mit Blumenbergs Wirklichkeit und Möglichkeit des Romans von 1964 in der letzten Sitzung des SoSe gab es zum Auftakt der Fortsetzung zwei Kapitel aus Helmut Lethens preisgekröntem Buch von 2014 (jahrgangstechisch sehr wohl der Autobiographiewelle zuzurechnen, freilich nicht lebensgeschichtlich, aber unter der Rubrik Generation kommt viel zusammen, was sonst nicht zusammengehört). In den Kapiteln ging es um Barthes‘ Mythologies und Kracauers „redemption of reality“). – Atmosphärisch ballte sich zunächst wortloser Unmut. Geschlossen schien die Front zum Bashing alter Männer, die sich als Exempel einer Generation wissen, glauben oder dazu erheben; herrisch wollte manch eine zu Gericht sitzen über dieses krude Realitätsbegehren. Sicher schien man sich im Affekt gegen das, was man als Renegatentum erkannt zu haben glaubte: die eigene Vergangenheit verraten (welche eigentlich?). Nichts sei aufschlussreicher und ernüchternder als der Auftakt mit Barthes‘ Stück zum Striptease: weil da einer auf einer Tagung bei einem Clip zum Neorealismus tatsächlich geweint habe und nichts besseres zu tun hatte, als das auszuposaunen. – Unbelehrbarer Leser Lethen griff danach aber nicht ins Leben (oder sonst wohin), sondern ins Regal: da war doch was – um Kracauer hervorzuziehen, der vormals im Regal gelandet war, weil man seinen Faible für den italienischen Neorealismus gründlich auseinandergenommen (später hätte es dann geheißen: dekonstruiert hatte). Also: Leseerfahrung, nicht Affekte. Außerdem das Weinen betreffend: Na, für wen ist es eigentlich peinlich? Den, der es tat oder den, der liest und aufschrieb, das er es tat? – Exhibitionismus und Striptease sind zwei verschiedene Kategorien.

Anwendbar auf Sloterdijk? Weniger strip, mehr tease? Weiß ich nicht.

Für Helmut Lethen leg ich einstweilen die Hand ins Feuer: wenn das Historisierung qua eigener Lebensgeschichte ist, dann in diesem Fall (vielleicht anders als im Handorakel) so, dass er wissen lässt, dass geschichtliche Mächte hinter seinem Rücken im Spiel gewesen sein mögen, was er explorativ, tastend, umwegig und ein bißchen spielerisch – mit offenem Ausgang – erforschen möchte. Lernen kann man, dass die Frage, unter die das Buch sich anfangs gestellt fand: Gibt es eine unabhängige Wirklichkeit, oder ist sie stets Konstrukt? dass das vielleicht keine ganz falsche, aber eine wenig hilfreiche Frage ist, und gewiss eine, die in der Form nur in bestimmten diskursiven Umgebungen sich stellt, also keine Gretchenfrage ist, sondern eine der Daten und Zeiten.

Literarisch ist Lethens Buch also schon deshalb nicht, weil Literatur tendenziell nur abgeschlossene Vorgänge für literaturfähig erachtet. (Las vor ein paar Wochen noch mal K. Hamburger über das epische Präteritum; es gibt Gegenpositionen und andere Lektüren, aber: ein weites Feld). Jedenfalls ist nach Maßgabe dieser Definition Lethens Buch keine Literatur (obwohl voll des epischen Präteritums). Es heißt eigentlich nur: Lethen liest immer noch. Man kann diskutieren, ob diese Art eines geschichteten Lektüreweges mitsamt seiner Umwege und seinen Koinzidenzen immer ‚funktioniert‘.

Gerne würde ich Sloterdijk auch unter die Leser rechnen. Aber in seinem Fall sind mit der Option für den E-Mail-Roman ein paar Würfel gefallen. Dazu gehört, dass das Schelling-Projekt sich dann auch die fälligen Kriterien gefallen lassen muss. Einwand dagegen erheben nur die grotesken Überspitzungen und die Schlüsselroman-Anleihen (z.B. die Namen, die ja von sich aus sagen: keine Bange, hier ist alles nur hauchdünn literarisiert, es geht um die Sachen – und dagegen sprechen die Realien, die denselben appeal haben mögen wie die brand names im Pop-Roman, allen voran ‚die DFG‘ und schließlich auch die Sombart-Cameo-appearance).

Reflexe noch mal: Mein schlimmster gilt vielleicht dem Einfall, dass ein Schwuler durch eine Frau bekehrt wird (sachlich im Rahmen des Schellingsprojektes fraglos stimmig und eigentlich fällig). Und dann auch erst mal so weint wie Lethen auf der Tagung; vielleicht weint Sloterdijks Schwuler ja auch gerade DARÜBER. – Aber dann sah ich neulich einen Dokumentarfilm über eine lesbische Frau, die ab und zu eine Dragqueen spielt und das als Zugewinn an Flexibilisierung lobt. Was war noch der letzte Satz von Thomas Meineckes Tomboy: Was ziehen wir heute Abend an?

(Schon seltsam, was einem so nebenher querschießt und zufällt. Vielleicht sollte man ja wirklich ein Lektüretagebuch führen. Ich führe bisher nur Listen des Ungelesenen: obenan jetzt also Chris Kraus, kenne ich nämlich nicht.)

Vielleicht ist Autobiographie ja immer (mindestens auch) im Spiel wenn ‚man mit Aplomb was anderes annonciert‘: Roman oder Wissenschaft oder Porn. – ‚Verachtung der Leserinnen und Leser‘ und der Form ist vielleicht immer auch eine (keinesfalls hinreichende) Voraussetzung für Äußerungen in Form.

Lethen macht keinen Striptease und Sloterdijk keinen Porn. Beides liegt (hoffentlich) nicht im Bereich ihrer Daseinsmöglichkeiten. Die simpelste Lösung: beide wollen „begreifen, was uns ergreift“ (Staiger, sorry to say).

Herzlich

Ihre

EG

Hanna Engelmeier <engelmeier@em.uni-frankfurt.de> hat am 20. Oktober 2016 um 11:32 geschrieben:

Liebe Frau Geulen,

ich habe mich schon auf Ihre Mail gefreut, bin nicht enttäuscht worden –

von hinten nach vorne: Zu „Sorry to say“ (ich habe nichts gegen Emil Staiger, sollte ich?) + „Ergreifen“: I mean: Everybody has sex (Salt ’n‘ Pepa, sorry to say, schon 1990). Ich glaube, darum geht es auch bei dem ganzen Tableau an Themen, das Sie zur Autobiographik aufziehen, bzw. das in den Reaktionen auf Sloterdijk oder von mir aus auch Lethen angelagert ist; genauer: Es geht darum, was es bedeutet, sich das „Everybody“ in „Everybody has sex“ zu vergegenwärtigen, man könnte auch anders akzentuieren und sagen: es real werden zu lassen. Ja, auch alte Männer sind betroffen. Warum auch nicht. Man muss ja nicht mitmachen.

Wenn man Ihre Beschreibungen des Plenums in den vergangenen Tagen liest, entsteht jedenfalls der Eindruck, dass nun diese Gruppe (also: alte Männer – ab wann geht „alt“ eigentlich los?) irgendwie in Bedrängnis ist, ständig sind sie in Gefahr, irgendwas falsch zu machen, sich zu blamieren, haben den Knall nicht gehört, kleben in 1984 fest, verstehen nicht, was an postheroischer Wissenschaft gut sein soll und so weiter. Es ist wirklich nicht so schwierig, sich das als Haltung zu eigen zu machen (sage ich als alter Mann), oder aber dann reflexhaft fürs Team Methusalix zu sprechen, weil das nun eben Subversionspotential hat.

Es kommt mir so vor, als könnte man an der Stelle aber auch noch mal das Klassenbewusstsein anschmeißen, bzw. ansprechen. Bei Lethen liegt das besonders nahe, allerdings eher hinsichtlich Auf der Suche nach dem Handorakel (aber ich bin befangen und Partei, weil ich gerade an dem neuen Lethen-Buch mit herumlektoriert habe). Der Schlüsselsatz da „Die historische Situation hat mehr aus uns rausgeholt, als drin war“ zielt ja nicht zuletzt auf den Weg durch die Institutionen ab, der nach der historischen Situation (ca. 68) angetreten wird. Bei Sloterdijk ist das vielleicht genau andersrum: Es ist mehr drin, als rausgeholt wird.

Dabei interessiert mich vor allem das Genre (und hier eben: Klassenbewusstsein: on) der Professorenautobiographik, oder eben Professorenliteratur. Das wäre für mich auch ein Klassenstandpunkt, und da kann man dann ja auch unsere eigenen Positionen bei diesem Austausch reinholen, denn wenn Sie über ein Plenum schreiben, das sich mit diesen Fragen auseinandersetzt, dann immer über eines, dem Sie vorsitzen. Ich bin nicht am anderen Ende, aber irgendwo dazwischen, ich stelle solche Situationen bestenfalls her und bin befristet Angestellte (Sie sind vermutlich auch jetzt Beamtin). Ich glaube, das macht etwas mit dem Diskurs, den man führen kann und will (vielleicht auch muss), und damit, was man dort selbst von anderen gemeldet bekommt; gleichzeitig bestimmt es eben die Lebensumstände (weil: Bezahlung), unter denen man nachdenkt. Die Resistenzen gegen oder die Sympathien für eine Figur wie Sloterdijk und ihre Gesten (dünn ummantelte Realien, meinetwegen) sind davon wohl ziemlich abhängig.

Jedenfalls: Professorenautobiographik. Gestern habe ich eine weitere Version davon kennengelernt, Bohrer, beim Kritikerempfang von Suhrkamp (da war ich im Windschatten des Merkur reingekrochen, habe aus Panik sofort den Teppich fotografiert, den Braun-Fernseher von Unseld und das Œuvre  der Weltöffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Jede, wie sie kann). Bohrer (84) schreibt nun also seine Biographie, das geht dann so, dass er durch Paris läuft und an die Revolution denkt, an Saint Just, Überleitung zu Büchner, Überleitung verpennt, Überleitung zu Guillotine, Überleitung ins Kolloquium nach Bielefeld, Überleitung zu der Feindschaft zu einem „Bielefelder Soziologen“, der vermutlich schon tot ist und nun aber in absentia und 30 Jahre danach noch mal als „Fachvertreter“ beschrieben wird (was als gelungene Spitze gemeint ist, fürchte ich); von ganz hinten gab die stille Post durch, Jürgen Kaube habe gesagt nein nein, damit sei nicht Luhmann gemeint, wir rätseln weiter. Egal. Was ist daran autobiographisch, was über Bohrer und seine Zeit erfährt man, was man noch nicht wusste?

Man konnte den Text finden, wie man will, auffällig ist daran nur, dass alles vermieden wird, was irgendwie Scham auslösen könnte, genauer: Was den Autor beschämen könnte. Atomschutzsichere Autorenpositionen, nichts, was den großen Mann schrumpfen könnte (dazu würden für mich auch sorgsam gesetzte Geständnisse von Kleinheit gehören, die dann nobilitieren, weil sie der Aufrichtigkeit genüge tun) – am deutlichsten wird das allerdings vielleicht bei Ulrich Raulff, Wilde Jahre des Lesens. Schönes Buch; wild: weiß nicht. Scham wird vermieden, wie andere kleine Gefühle, Neid und Eifersucht (auf bessere Autoren und Konkurrenten zum Beispiel), sie machen aber vielleicht eine Person aus. Gegenbeispiel wäre Didier Eribon, dessen Rückkehr nach Reims im Prinzip nur von Scham handelt, für die eigene Klassenzugehörigkeit, für die eigene Sexualität. (Eribon stand bei Suhrkamps auch in einer Ecke rum, verdeckt von einem jungen Mann mit beeindruckendem Bart, ich habe mich bemüht, nicht allzu ehrfürchtig hinzugucken, das lief so mittel.)

Sloterdijk, Schelling-Projekt: Zufügen von Peinlichkeiten, die für ihn vermutlich tatsächlich unter Zuspitzungen laufen, mir aber eher wie Zumutungen vorkommen. Zumutungen sind ja notwendig: aber nicht diese, glaube ich. Weil sie eben nicht versuchen, etwas über Scham zu sagen, damit zu arbeiten, sondern einen mit Peinlichkeiten behelligen, missverstanden als Mut, gewürzt mit der Denunziation aller Figuren. Beispielhaft dafür die Beschreibung des Tantra Workshops durch „Kurt“, in dem er die ihm zugewiesene Frau durch Furzen zum Orgasmus bringt.

Kann man ja aufschreiben. Aber dann eben vielleicht eher surrealistisch, gibt ja Vorlagen, ich denke an die Gespräche der Surrealisten über Sexualität, bei Hanser unter dem Knüllertitel „Expedition ins Reich der Sinne“ oder so rausgekommen. Das kommt mir wie ein interessanter pornographischer Diskurs vor, nicht über Pornographie, sondern in Kontakt mit den eigenen Einstellungen (Phantasien) dazu. Das sind ja auch Daseinsmöglichkeiten. Die Daseinsmöglichkeiten in diesem „Bericht“ sind anders, eben total real, wenn man so will. Realismus, aber jetzt mal in öde. Beliehen werden ja wohl auch die Gefährlichen Liebschaften, ich ging eben auf der Buchmesse an einem Sloterdijk Plakat vorbei, stand drauf „Liaison aus erotischem Roman und Anthropologie“. Vielleicht geht’s bei S. ja letztlich darum. Die Anthropologie des 18. Jahrhunderts (also bei De Laclos) war ja auch vor allem das: Charakterkunde. Was folgt da draus? Ich denk nach, jetzt erst mal weiter über die Messe.

Herzlich

Ihre

HE

Zum zweiten Teil

 


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