• Macht und Ohnmacht des Völkerrechts. Interview mit Anne Peters

    Anne Peters ist Direktorin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Sie war im Frühling 2018 Gast am Zentrum »Geschichte des Wissens« (ZGW) der Universität Zürich und der ETH Zürich. Das folgende Interview ist die überarbeitete Fassung eines Gesprächs über die Geschichte des Völkerrechts und seine Bedeutung in der Gegenwart, über die Macht und Ohnmacht des Völkerrechts gegenüber bewaffneten Konflikten, über nationalistische Kritik am Völkerrecht und die Kontroversen um den Migrationspakt.

    Sie haben im Januar 2018 auf dem Blog des European Journal of International Law vor den Folgen eines »Schweigens der Lämmer« (gemeint ist die internationale Staatengemeinschaft) angesichts der türkischen Offensive auf die syrisch-kurdische Stadt Afrin gewarnt. Afrin steht seitdem unter türkischer Besatzung. Was stand und steht hier aus der Sicht des Völkerrechts auf dem Spiel?

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  • Die Hausschweinfalle

    Wie leicht selbst eine so angesehene Intellektuelle wie Aleida Assmann in eine Falle tappt, lässt sich an ihrem Beitrag Let’s Go East im Merkur (April 2019, 73. Jahrgang, Heft 839) studieren. Ich nenne die Falle einmal die „Hausschweinfalle“ und will versuchen zu begründen, warum. Der Beitrag von Aleida Assmann ist im Wesentlichen eine Replik auf einen Text von Ivan Krastev und Stephen Holmes (Osteuropa erklären. Das Unbehagen an der Nachahmung; in: Merkur, Nr. 836, Januar 2019). Gewiss kann man sich mit vielen ihrer Thesen identifizieren, mit anderen streiten – allerdings unterläuft ihr gegen Mitte ihres Beitrags eine fatale Wertung, die keineswegs unwidersprochen bleiben kann. (mehr …)
  • Deutsches Wohnen

    Es gibt Großstadt als geistige Lebensform und Großstadt als Einkaufspassage. Man muss sich aber entscheiden, beides geht nicht. Es gibt keine richtige geistige Lebensform in der falschen Einkaufspassage. Ganz schwer wird es, wenn die Einkaufspassage ihr Gehäuse verlässt und überall hin vordringt, bis in den Schutzraum der Wohnung. Gute Idee für einen Horrorfilm im Grunde, The Blob II: Alexa.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Mein Wohnen in Berlin hat sich verändert, früher konnte ich am Wirtschaftsleben teilnehmen und abends nach Hause gehen und wohnen; in der Erlebnisökonomie konsumiere ich abends mein Wohnerlebnis, für das ich Erlebnisaufschlag bezahle. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich nur noch Wirtschaftsleben: kein Meter mehr, auf dem nicht Geld verdient werden muss, auf dem den Menschen kein Alkohol angeboten wird, kein Meter mehr, auf dem kein Alkohol konsumiert wird, die Konsumenten steigen aus riesigen Panzerwagen, an denen noch das Preisschild hängt, in weiten schwarzen Roben, an denen noch das Preisschild hängt, in riesigen weißen Turnschuhen, an denen noch das Preisschild hängt, mit nackten Knöcheln, an denen noch kein Preisschild hängt. Nachts will ich schlafen, muss aber zuhören, wie die Airbnb-Nachbarn ihr Berlin-Erlebnis feiern, für das sie schließlich bezahlt haben, und frühmorgens weckt mich der Nachbar aus der Gewerbeeinheit, der teuer ein Bio-Back-Erlebnis verkaufen muss, um die astronomische Gewerbemiete bezahlen zu können. Wohnen im Kapitalismus ist wie Krieg. In dieser Kolumne muss es um Perversität gehen, damit es nicht mehr nur um Absurdität geht, meine Freundin S. hat sich das gewünscht, und zur Unterscheidung ließe sich vielleicht versuchsweise sagen, dass Absurdität etwas ist, was eben da ist, wie Kaufhausmusik, während Perversität einen Vorgang der Pervertierung voraussetzt, eine pervertierende Kraft, die möglicherweise schuldhaft eingesetzt wird – jedenfalls solange wir uns das Unpervertierte als etwas denken, das Schutz verdient. Schon das schiefe Bild mit der Absurdität als Kaufhausmusik zeigt, wie schwierig es ist, etwas zu beschreiben, das einfach da ist, ohne da sein zu müssen, ohne dorthin gezwungen worden zu sein. Einfach da wie zum Beispiel was? Die Meereswelle? Die hat der Wind gemacht. Der Mond? Den hat ein Zusammenstoß gemacht. Die Kaufhausmusik? Die hat jemand eingeschaltet, der mich manipulieren will, mehr zu kaufen. Auch Absurdität ist nicht einfach da. Vielleicht ist sie eine Dissonanz aus einander überlagernden Kaufhausmusiken, die zu entwirren zu kompliziert wäre, so dass man der Einfachheit halber beschließt, sie schön zu finden, und anfängt, in ihren Klängen nach einem Trick zu suchen, die Kaufhäuser doch wenigstens über Nacht ein paar Stunden zu schließen oder sie sich wegzudenken. Aber man findet sich ab. Es kommt ja immer darauf an, ob man aufbegehrt oder sich abfindet. Womit sich Geld verdienen lässt, das muss getan werden, einer unerbittlichen Logik nach. Die unique selling proposition des Biobäckers bei mir im Erdgeschoss ist die Schaubäckerei: Man kann zuschauen, wie der Teig geknetet wird. Wenn man den Bäcker oder die Bäckerin schwitzen sieht, muss das Brot besonders authentisch sein. Die Bäckerinnen, die ich in Filialen dieser Biobäckerkette gesehen habe, in ihren Arbeitsweltterrarien, sahen nicht immer besonders glücklich aus, und ich weiß nicht, ob sie einen Aufschlag bekommen für den Peepshow-Exhibitionismus, den man ihnen aufzwingt. Aber das Peepshow-Erlebnis macht den Laden voll, und es gelingt den Biokunden offenbar, die Würdelosigkeit des Spektakels auszublenden.

    (…)

  • Stimmungsmache. Zu Risiken und Chancen von »Stimmungen« als (sozial)wissenschaftlichem Konzept

    Allerorten ist von »der Stimmung« die Rede. Oft in einem alarmistischen Ton, zumal wenn das Gefühl dominiert, die Stimmung sei schlecht. Warnungen vor den Folgen schlechter Stimmung werden dann präsentiert mit dem Gestus sozialpathologischer Diagnosekompetenz. Stimmungen, so die gängige Suggestion, sind die Fieberkurven moderner Gesellschaften. Doch wer sich die Verwendung des Begriffs näher ansieht, stolpert schnell über Ungereimtheiten. Zu unterschiedlich sind die Dinge, die damit bezeichnet werden. So hört man von der Stimmung im Olympiastadion oder auf Kirchentagen, der Bundespräsident wird nach der Stimmung im Land befragt, die Stimmung in bilateralen Beziehungen kann auf Tiefpunkte sinken, Einzelne berichten, dass sie zu irgendetwas nicht in der Stimmung seien, andere schwärmen von stimmungsvollen Bildern.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Längst wird die »Stimmung« auch auf der wissenschaftlichen Metaebene diskutiert – wenn auch nicht in der Geschichtswissenschaft: Heinz Bude diagnostizierte unlängst eine »Wiederkehr der Stimmung als seriöse Kategorie der Humanwissenschaften«. Wie »seriös« die Kategorie ist, sei einstweilen dahingestellt. Wenn aber der Begriff »zurück« sein soll, dann muss er eine Geschichte haben. Diese zu berücksichtigen, ist wichtig, weil sie sensibel dafür macht, inwiefern sich Inhalte und Konzepte verändern. Begriffsinhalt und -umfang unterliegen einem ständigen Wandel.[2. Grundlegend David E. Wellbery, Stimmung. In: Karlheinz Barck u.a. (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe. Bd. 5. Stuttgart: Metzler 2003.] Darüber hinaus kann man zeigen, wie frühere Bedeutungsschichten in die heutigen Verwendungskontexte hineinragen. Neue und alte Begriffsfüllungen stehen dann oftmals nebeneinander, was die Inkohärenzen bei der Verwendung dieses Begriffs erklären hilft. Die Heterogenität dessen, was unter dem Terminus verstanden werden kann, zeigt sich schon bei Versuchen, ihn in andere Sprachen zu übertragen. Ins Englische kann man »Stimmung« übersetzen entweder als »atmosphere« oder als »mood«. Das eine aber meint die äußere, von einem selbst unabhängige Atmosphäre, das andere die individuelle Laune oder Verfasstheit. Nur der deutsche Begriff »Stimmung« vollbringt das Kunststück, »atmosphere« und »mood«, innen und außen, zusammenzufügen. Mehr noch: Das deutsche Wort »Stimmung« umfasst nicht nur den Gefühlszustand des Individuums und die äußere Atmosphäre, sondern auch die Wechselwirkung zwischen beidem, etwa wenn es heißt, dass der Mensch »von der Atmosphäre ergriffen« werde. Letzteres verweist auf einen Kernaspekt, der den Begriff auszeichnet und ihn besonders, aber auch besonders schwierig macht: »Stimmung« ist durch dieses Kommunikationsverhältnis ein Grenzphänomen. Sie verbindet Menschen und Dinge, Individuum und Kollektiv, »subjektiv« und »objektiv«, »Geist« und »Materie«, »bewusst« und »unbewusst«, selbst – bei religiösen »Stimmungen« – Transzendenz und Immanenz. Eindeutig gehören Stimmungen zu den Emotionen, werden aber abgegrenzt von »Gefühlen« und »Affekten«. Simpel gesagt: Affekte sind kurze, heftige Gefühlsereignisse, Gefühle hingegen Empfindungen, die sich auf etwas Konkretes beziehen und damit »gerichtet« sind. Demgegenüber sind Stimmungen anhaltender als Affekte, aber ungerichtet, vage, ihre Herkunft ist oftmals nebulös. Aber ihre Ausrichtung kann großen Einfluss darauf haben, welche Gefühle Menschen entwickeln, und damit auch darauf, zu welchen Handlungen sie neigen. Die Auseinandersetzung mit solchen Mechanismen hilft beim Verständnis gegenwärtiger Konfliktfelder. Allerdings tauchen immer wieder abweichende, widersprüchliche Nuancen auf, die sich aus der Geschichte des Begriffs ergeben. Seit rund zweihundertfünfzig Jahren spricht man über Stimmungen. Die Konzepte, die dahinter stehen, sind noch älter. Der Romanist und Literaturtheoretiker Leo Spitzer ist den Ursprüngen nachgegangen und stieß auf antike und frühchristliche Vorstellungen einer »Weltharmonie«: »Stimmung« entsprach Spitzer zufolge einem Gefühl der Alten Welt für ein geordnetes Universum.[3. Leo Spitzer, Classical and Christian Ideas of World Harmony. Prolegomena to an Interpretation of the Word »Stimmung«. Baltimore: Johns Hopkins University Press 1963.] Dabei mussten nur wenige Elemente erkannt werden, um aus dem harmonischen Mikrokosmos auf den Makrokosmos schließen zu können. Wenn Heinz Bude von der Stimmung als einem »Gefühl der Welt« schreibt, dann verbirgt sich dieses Konzept dahinter. »Harmonie« verweist zugleich auf die Disziplin, in der der Begriff »Stimmung« im 18. Jahrhundert das erste Mal explizit in Erscheinung trat: die Musik. Dieser Geburtsort ist durchaus bedeutsam, denn Bestände seiner Herkunft ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Begriffs. »Stimmung« war zunächst nichts anderes als die (lesen ...)
  • Nordirland – die Gegenwart des Terrors

    Es war Samstag, 12. April 2009, es war windig, regnerisch und kalt. Ich stand am Rand, als sich am frühen Nachmittag eine irisch-republikanische Splittergruppe namens Republican Sinn Féin auf dem Friedhof der nordirischen Kleinstadt Lurgan versammelte, zum Gedenken an den Osteraufstand gegen die Briten von 1916. Als Hauptredner war Ruairí Ó Brádaigh gekommen. Ó Brádaigh lebte damals in Roscommon, einem beschaulichen Ort etwa drei Autostunden südwestlich von Lurgan in der Republik Irland. Der pensionierte Lehrer war gutgelaunt und erzählte mir von seinen Enkeln. In den 1960er Jahren war er Oberbefehlshaber der IRA gewesen, bis 1983 Präsident von Sinn Féin, bevor er von Gerry Adams abgelöst wurde. Es waren rund dreihundert Leute gekommen, um ihn zu hören. Auch Medienvertreter von Belfast Telegraph und Sunday Life waren da.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    1986 hatte sich Ó Brádaigh von Sinn Féin , dem politischen Arm der IRA, getrennt und die radikale RSF gegründet, die bis heute den Friedensprozess ablehnt. Vor ihm auf dem Friedhof stand 2009 eine Gruppe von Männern und Frauen in dunkelgrünen Uniformen. Ihre Gesichter waren verdeckt. Sie hörten auf Kommandos in irischer Sprache und waren mutmaßlich Mitglieder der Continuity IRA (CIRA), einer von den USA und Großbritannien als »terroristisch« eingestuften Organisation. Im März 2009 hatte die CIRA in der Nachbarstadt Craigavon den Polizisten Stephen Carroll erschossen: das dritte Opfer republikanischer Anschläge in nur zwei Tagen. Die Real IRA (RIRA) hatte sich zu den Morden an zwei britischen Soldaten zwei Tage zuvor bekannt. Das Gebiet um Lurgan und Craigavon gilt noch heute als Hochburg republikanischer Terrororganisationen. Als ein Vermummter das Podium bestieg und eine Stellungnahme der »IRA-Gefangenen in Maghaberry« verlas, applaudierte die Menschenmenge frenetisch. Es waren junge Frauen mit Kinderwägen darunter, Grundschüler in Celtic-Glasgow-Trikots, viele ältere Frauen, Männer mit Gehhilfen und Männer mittleren Alters mit Regenschirmen ihrer lokalen gälischen Sportvereinigungen. Die britische Regierung stuft die Terrorwarnstufe für Nordirland bis heute als »hoch« ein. Vor mir standen nun jene Personen, die dafür verantwortlich waren. Vor und nach dieser Gedenkveranstaltung ging man gemeinsam zum Tee.

    Zur Geschichte des Nordirland-Konflikts

    Der Nordirland-Konflikt begann 1968. Damals hatte sich eine Bürgerrechtsbewegung gegründet gegen die strukturelle Unterdrückung der katholischen Minderheit durch die protestantische Mehrheit. Der Staat Nordirland war nach dem Unabhängigkeitskampf zwischen irischen Separatisten und der britischen Kolonialmacht 1921 entstanden. Seitdem wurde er von der Ulster Unionist Party (UUP) nahezu als Einparteienstaat geführt: Pro-britische Protestanten wurden bevorzugt, pro-irische Katholiken benachteiligt. Als sich die friedliche Bürgerrechtsbewegung formierte und bei Protestmärschen für die Gleichbehandlung bei Wahlen und am Arbeitsplatz immer mehr Zuspruch bekam, begann sich die Lage zu radikalisieren. Loyalisten – so werden die radikalen pro-britischen Unionisten bezeichnet, die politische Gewalt als legitimes Mittel anerkennen – begannen sich zu formieren. Im Sommer 1969 überfielen sie Wohnhäuser von Katholiken in Belfast, vertrieben deren Bewohner und setzten die Häuser in Brand. Die britische Armee wurde in die Provinz entsandt, auch auf republikanischer Seite bewaffneten sich Aktivisten, um die Bevölkerung vor Übergriffen zu schützen. Die Gewaltspirale drehte sich immer rascher, und spätestens 1972 war daraus ein offener Krieg geworden. Der Nordirland-Konflikt dauerte bis zur Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens 1998 an und kostete fast viertausend Menschen das Leben. Die Wurzeln des heutigen Terrorismus in Nordirland reichen jedoch zurück in die Mitte der achtziger Jahre. Sinn Féin war bis dahin eine »abstentionistische« Partei: Sie nahm die gewonnenen Sitze in den Parlamenten in London und Dublin nicht ein, da sie die Parlamente nicht als legitime Vertretungen der irischen Bevölkerung ansah. Als die Partei diese Position 1986 beim Ard Fheis, dem alljährlichen Parteitag, revidierte, spaltete sich die Gruppe von Hardlinern um Ruairí Ó Brádaigh ab und gründete die RSF sowie die CIRA. Ihnen folgte unter anderem die paramilitärische Frauenorganisation der IRA Cumann na mBan (Organisation der Frauen). Auf dem Höhepunkt des Friedensprozesses entstand 1997 das 32 County Sovereignty Movement als politischer Arm der RIRA, die am 15. August 1998 eine Autobombe in der Kleinstadt Omagh in der Grafschaft Tyrone zündete. 29 Personen starben bei diesem schwersten Anschlag des Nordirland-Konflikts. Als 2005 die IRA die endgültige Waffenabgabe erklärte und Sinn (lesen ...)
  • Unter Banditen

    Beinahe gleichzeitig – in den Jahren 1855 und 1856 – erschienen zwei in verschiedenen Aspekten verblüffend ähnliche Romane, die nicht nur im jungen Staat Griechenland spielen, sondern dessen politische und gesellschaftliche Verhältnisse einer erbarmungslosen Kritik unterziehen. Der eine geschrieben von einem griechenlandkundigen Franzosen, der andere von einem Griechen. Ersterer weidet sich mit herablassendem Spott an einem korrupten Operettenstaat, Letzterer verzweifelt an ihm als Idealist. Der eine nimmt eine zynische Fremdperspektive ein, der andere hüllt seine Generalanklage in Fiktion. Jener verfasst ein launiges Abenteuerbuch mit beachtlicher politischer Expertise, dieser den ersten sozialkritischen Roman der neugriechischen Literatur.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Beide aber, jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, betrieben Aufklärung. Edmond About kontrastierte die romantischen Spleens eines zum Tourismus zurückgekehrten Philhellenismus mit einer prosaischen Realität, Pavlos Kalligas hielt dieser den Spiegel vor. Abouts Le Roi des montagnes (Der Bergkönig) trug seinem Autor seitens der politischen Klasse Griechenlands Hass und Ächtung ein. Schließlich hatte er Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert und dem heroischen Image des Landes, das Sympathien, Investitionen, Kredite und Bildungsreisende sicherte, international geschadet. Mit Kalligas wurde man eher fertig, denn er hatte nur vor der eigenen Tür gekehrt; die Gefahr, dass sein Roman in eine Fremdsprache übersetzt würde, hielt sich in Grenzen. Sein Thanos Vlekas war in Fortsetzungen in der Athener Literaturzeitschrift Pandora erschienen, erst drei Jahre später als Buch. Er stieß zwar auf Kritik, doch als Staatsanwalt des Inkassationsgerichtshofs war der zweiundvierzigjährige Kalligas ein angesehenes Mitglied der Oberschicht (1854 war er für kurze Zeit sogar Justizminister gewesen), und es ist anzunehmen, dass eben jene, die für die im Roman dargestellten Missstände verantwortlich zeichneten oder daraus ihren Nutzen zogen, der beherzten Anklage des Autors beipflichteten – so sie lesen konnten und sich überhaupt für Literatur interessierten.

    Griechenland nach 1830

    Griechenland war unter dem Beifall des europäischen Bildungsbürgertums zwanzig Jahre zuvor nach einem achtjährigen, überaus brutalen Befreiungskrieg, der mehr einem Bürgerkrieg als einem antikolonialen Aufstand glich, in die Unabhängigkeit entlassen worden. Wer die Verhältnisse vor und nach der Staatsgründung unbeschönigt beschreibt, begibt sich in eine verzwickte Lage – setzt sich zumindest seitens ahistorisch denkender Menschen dem Vorwurf aus, bestimmte Stereotypen zu naturalisieren und die rassistische Schelte zu decken, die sich das Griechenland des frühen 21. Jahrhunderts vom neoliberalen Europa gefallen lassen musste, als wären seine wirtschaftlichen Probleme bloß selbstverschuldet, eine Sache der Mentalität und dergleichen. Die realen Zustände im jungen Griechenland waren sogar um vieles skandalöser, als man sich je vorstellen könnte: Klientelismus, Korruption, Ämterpatronage, mafiöse Strukturen, schlimmste Ausbeutung der Bauern und Landlosen, eine unverschämt durchsichtige Durchdringung von Banditentum und politischer Klasse – all das übertrieb sich selbst. Die jeweiligen Profiteure erstaunen in beiden Romanen durch die fröhliche Gelassenheit, mit der sie das politische Schurkentum einbekennen. Heuchler sind sie jedenfalls keine – und folglich unschätzbare Whistleblower der Transition von romantisiertem Banditentum zu staatlicher Macht. Die Verhältnisse dieser Zeit erfordern somit einen unvoreingenommenen, von aktuellen ideologischen Polungen freien Blick, der weder das Osmanische Reich ab- noch aufwerten muss, der weder die bayerische Regentschaft König Ottos als Vorläufer deutschen Großmachtstrebens noch den griechischen Widerstand als basisdemokratische Revolte gegen osmanischen oder westlichen Imperialismus missversteht. Das alles griffe zu kurz oder daneben; auch Fachsimpeleien über die Korrumpierung der Griechen durch osmanische Schreckensherrschaft, die zu jener Zeit beliebteste Schutzerklärung, um sich den Kontrast zwischen den idealisierten antiken Übermenschen und den pragmatischen Griechen der jeweiligen Gegenwart zu erklären. Außer der dörflichen Selbstverwaltung kannte die Bevölkerung Griechenlands keine demokratischen Institutionen. Und auch das Konzept des Rechtsstaats war ihr fremd. Dies aber osmanischer Despotie anzulasten verkennt, dass es mit dieser Staatsform im doch immer aufgeklärteren Europa auch nicht weit her war. Die Vereinigten Staaten als erste moderne Demokratie waren eine oligarchische Republik von Großgrundbesitzern, Händlern, Manufakturisten, Richtern und Sklavenhaltern. Somit gar nicht weit entfernt von den antizentralistischen (lesen ...)
  • Palästina-Solidarität. Bruchstelle einer globalen Linken

    In wenigen Monaten jährt sich der versuchte Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin zum fünfzigsten Mal. Am 9. November 1969, dem Jahrestag der Novemberpogrome, deponierte eine Gruppe um Dieter Kunzelmann eine Brandbombe in dem Gebäude an der Fasanenstraße. Da die Bombe nicht funktionsfähig war, kam es nicht zum Anschlag. Spätestens seit Wolfgang Kraushaars einflussreicher Studie steht die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus stellvertretend für eine verstörende Geschichte der Palästina-Solidarität in der Bundesrepublik. Wenige Wochen vor dem versuchten Anschlag war Kunzelmann aus einem Lager der Fatah in Jordanien zurückgekehrt. In antisemitischen Texten rief er zum gewaltsamen Kampf gegen Israel auf; der gescheiterte Brandbombenanschlag kann als Teil dieser Strategie gelesen werden.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Die Palästina-Solidarität in der Bundesrepublik setzte mit dem Sechstagekrieg ein. Bis 1967 hatte sich besonders die politische Linke für gute Beziehungen zu Israel engagiert. Um Helmut Gollwitzer, den in Berlin lehrenden Theologen und Wegbegleiter Rudi Dutschkes, gründete sich beispielsweise 1957 eine Deutsch-Israelische Studiengruppe, die inoffizielle Begegnungen zwischen Deutschen und Israelis sowie Informationskampagnen zu Israel organisierte. Zehn Jahre später jedoch tauchten innerhalb der westdeutschen Linken immer mehr Stimmen auf, die Israel kritisierten. Während eine jüngere Generation begann, den Zionismus infrage zu stellen, stemmten sich ältere Linke, unter ihnen Gollwitzer, gegen diese Tendenz. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die westdeutsche Linke bei vielen Themen eine einheitliche Linie vertreten, beispielsweise beim Vietnamkrieg. Mit der unterschiedlichen Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt taten sich zunehmend Risse auf.[2. Martin W. Kloke, Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses. Frankfurt: Haag + Herchen 1990.] Zur gleichen Zeit entstanden auch in Italien, Frankreich, Dänemark, Großbritannien und den Vereinigten Staaten propalästinensische Solidaritätsbewegungen. Staaten wie Kuba, Nordvietnam oder die DDR erhoben nach 1967 Solidarität mit den Palästinensern sogar zur Staatsräson. Diese Entwicklungen speisten sich einerseits aus einer gezielten Internationalisierung des Konflikts durch palästinensische Gruppen wie die Fatah oder die Volksfront zur Befreiung Palästinas. Andererseits spiegeln sie den Internationalismus der Dritte-Welt-Solidarität wider, der auf internationalen Kongressen, studentischer Mobilität und der weltweiten Zirkulation von Texten und Bildern aufbaute.[3. Christoph Kalter, Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Frankfurt: Campus 2011.] Doch wie verlief diese weltweite Solidarität mit Palästina? Kam es auch in anderen Ländern zu Zerwürfnissen? Neue Studien bieten Einblick in die Bruchstelle einer globalen Linken.

    Afroamerikanische Politik zwischen Israel und Palästina

    Ein vor kurzem erschienenes Buch des Historikers Michael R. Fischbach zeigt, wie die Haltung zum palästinensisch-israelischen Konflikt zu Auseinandersetzungen innerhalb einer linken Koalition in den Vereinigten Staaten beitrug.[4. Michael R. Fischbach, Black Power and Palestine. Transnational Countries of Color. Stanford University Press 2018.] Fischbachs Studie setzt sich erstmals mit der Palästina-Solidarität als Teil afroamerikanischer Politik in den 1960er und 1970er Jahren auseinander. Seit Beginn der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten bestanden enge Verbindungen zwischen jüdischen und afroamerikanischen Gruppen. So spielten jüdische Mitglieder in der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) seit ihrer Gründung 1909 eine wichtige Rolle. Auch Martin Luther King fand in prominenten Vertretern der jüdischen Gemeinde wie Joachim Prinz wichtige Verbündete. Prinz war als junger Rabbi in Berlin tätig gewesen, bis er 1937 in die USA emigrierte, wo er von 1958 bis 1966 Präsident des American Jewish Congress war. 1963 sprach er beim Marsch auf Washington kurz vor Kings berühmter Rede I Have a Dream. Im Sommer 1967 setzte eine kontroverse Debatte um die Haltung afroamerikanischer Gruppen zum israelisch-palästinensischen Konflikt ein. Kurz nach dem Sechstagekrieg veröffentlichte das afroamerikanische Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) einen Artikel, in dem es vehement gegen Israel und den Zionismus Stellung bezog. Antisemitische Karikaturen begleiteten den Beitrag, die in der Bildunterschrift unter anderem eine Parallele zwischen dem Vorgehen der israelischen Armee während der Suez-Krise und dem Konzentrationslager Dachau zogen. Der Text und die Karikaturen riefen laute Proteste insbesondere von jüdischen (lesen ...)
  • Bauhaus: Die verschwiegenen Krisen. Architekturkolumne

    Am 16. Januar 2019 eröffnete der Bundespräsident die Feiern zum hundertsten Gründungsjubiläum des Bauhauses. Unter dem vermeintlich radikalen, tatsächlich jedoch völlig unverbindlichen Motto »Die Welt neu denken« soll das Bauhaus-Erbe 2019 touristisch, kulturell und politisch verwertet werden. Die kulturelle Maschinerie des Außenministeriums läuft auf Hochtouren, in Weimar, Dessau und Berlin werden Bauhaus-Museen erbaut oder eröffnet, die öffentlich-rechtlichen Sender und die Filmförderung produzieren Bauhaus-Filme im Dutzend, bis Ende des Jahres wird kein Monat vergehen ohne Ausstellungen, Symposien, Vortragsreihen, Buchvorstellungen.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    In dem gängigen Bauhaus-Bild, vor dessen Hintergrund dieser Eventmarathon abläuft und das er zugleich affirmiert, nimmt Walter Gropius eine überragende Rolle ein. In seinen wesentlichen Zügen entspricht es dem Bild, das auch Gropius selbst zu Lebzeiten von der Entwicklung der von ihm gegründeten Schule und der Bilanz seines Rektorats zeichnete. In seinem Abschiedsgesuch an den Oberbürgermeister von Dessau, Fritz Hesse, hieß es Anfang Februar 1928: »Das von mir vor neun Jahren begründete Bauhaus steht heute gefestigt da, was sich in der zunehmenden Anerkennung des Instituts und in dem wachsenden Andrang von Studierenden ausspricht.« Gropius, so geht die Erzählung weiter, habe sich seinerzeit aus dem Bauhaus zurückgezogen, um sich beruflich frei entfalten zu können. Probleme seien erst später und zwar durch eine von Hannes Meyer als nachfolgendem Direktor nicht nur tolerierte, sondern aktiv geförderte Politisierung der Schule entstanden, die das Bauhaus schließlich in eine schwere, ihre Existenz gefährdende Krise geführt hätte. Wer sich die Mühe macht, den verstreuten Quellen nochmals nachzugehen, bekommt ein anderes Bild. Das Bauhaus befand sich bereits in den Jahren 1927/28 in einer substantiellen Krise – Gropius’ Demission dürfte also weniger in den Verlockungen seines Berliner Büros begründet gewesen sein als in den drängenden Problemen in Dessau. Die hatten sich mit dem Ortswechsel von Weimar nach Dessau ergeben, durch den sich die Rahmenbedingungen für die Institution grundlegend verändert hatten. Aus einer vom Land Thüringen getragenen Bildungseinrichtung war eine von der Stadt Dessau finanzierte Institution geworden, die nicht allein der Ausbildung von Gestaltern diente, sondern mit der die Stadtväter auch eine Neugestaltung von Dessau ins Werk setzen wollten. Wichtigstes Anliegen war die Lösung der drängenden Wohnungsfrage. Im Jahr 1926 hatte die Stadt Walter Gropius mit einem Großprojekt betraut, das hier modellhaft Abhilfe schaffen sollte: In der Wohnsiedlung in Dessau-Törten sollte die von Gropius formulierte Idee, durch eine Industrialisierung des Bauens – also etwa die Verwendung von Betonfertigteilen und eine rationelle Baustellenorganisation – das Wohnen für die breite Bevölkerung erschwinglich zu machen, erstmals und in größerem Umfang realisiert werden. Doch Anfang Januar 1928 musste der Verkaufspreis für die einhundert Häuser des zweiten Bauabschnitts um 14 Prozent erhöht werden, was sie für viele Interessenten unerschwinglich machte. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Anfang Januar 1928 strömten über tausend Menschen ins sozialdemokratische Volkshaus Tivoli. Eine Lokalzeitung resümierte später, die Veranstaltung »besiegelte die erste große Niederlage des Bauhauses und seines Leiters«. Spätere Untersuchungen der Reichsforschungsgesellschaft aus den Jahren 1929 und 1932 wie auch aktuelle Forschungen bestätigen das Fiasko der Gropius’schen Siedlung. Die zahlreichen Widersprüche in der Konzeption und Umsetzung des Projekts erweckten zudem den Eindruck, dass es dem Bauhaus-Begründer nicht vordringlich darum ging, die Baukosten zu senken und damit bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sondern vor allem darum, sich öffentlichkeitswirksam als »Ford des Wohnungsbaus« in Deutschland zu profilieren.

    Praxisbezug

    Gropius hatte mit dem Bauhaus in Weimar über Jahre erfolgreich Ideen einer neuen Welt und eines neuen Alltagslebens propagiert. Doch mit dem Umzug nach Dessau mussten diese Ideen einem Realitäts-Check standhalten – und entpuppten sich nicht selten als maßlose Übertreibungen oder gar leere Versprechungen. Auch mit der Qualität und Funktionalität der Bauten war es nicht weit her. Nicht nur gab es Bauschäden wie Risse, abplatzenden Putz, mangelhafte Heizungsanlagen, die bei experimentellen Bauten vielleicht zu erwarten waren. Es zeigten sich darüber hinaus aber auch ganz grundlegende Mängel in der Entwurfskonzeption. Aus ästhetischen Gründen hatte Gropius etwa die Fenster sehr hoch eingebaut, wodurch große Teile der Zimmer verschattet blieben und Kindern und Sitzenden der Ausblick genommen wurde. Auch waren die Fassaden viel zu dünn und damit viel zu wenig (lesen ...)
  • Klangkolumne. Plastizität

    Dann stülpte der Automechaniker in grauer Latzhose das quietschende gelbe Gummihuhn über den Auspuff seines dunkelblauen Mercedes, ein Modell aus den neunziger Jahren. Er fuhr los, und die Abgase, die durch das Huhn strömten, erzeugten ein erst stotterndes, hustendes Quäken, das dann mehr und mehr in ein auf- und abschwellendes Gummiplärren überging. Pro Auspuff war aber nicht nur ein Gummihuhn angebracht; wie bei einer modernen Schalmei mit acht Schalltrichtern war hier eine Schar von vier verschiedenen Hühnern ineinandergesteckt worden, um den Druck der Auspuffgase bestmöglich zur Klangerzeugung auszunutzen und zu verhindern, dass jedes einzelne weggepresst und zerfetzt würde.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Mir fiel ein anderes kurzes Video wieder ein, das ich einmal auf einer Social-Media-Plattform entdeckt hatte: Zwei junge Musiker, Brett Yang und Eddy Chen, spielen Eric Saties berühmte Gymnopédie No.1 von 1888. Dabei nutzen sie neben dem Piano ein Gummihuhn als zweites Instrument, um die Melodie zu intonieren.[2. https://youtu.be/_8tYhI8OHxIf] Saties Stück ist durch unaufhörlichen Gebrauch – in der Regel als Klangklischee, um eine Art gelassener Wehmut, eine eher gelangweilte Meditationslaune zu evozieren – ästhetisch bis aufs Äußerste abgenutzt. Doch diese Interpretation, mithilfe eines offenkundig lächerlichen Objekts, machte den gespielten Ernst und die Ironie, die launige und selbstvergessene Kleinkunst, sogar die bescheidene instrumentale Kunstfertigkeit, die in dem Werk stecken, wieder hörbar. Bevor ich mich hinsetzte, um das aufzuschreiben, sah ich eine dritte solche Performance for Rubber Chicken. In diesem Fall wurden zwei Gummihühner über zwei Wasserhähne gestülpt. Die Szenerie bleibt dann einige Sekunden so stehen; dann tritt von außen eine Hand hinzu und dreht den Wasserstrahl auf. Wie erwartet strömt er durch beide Hühner hindurch – und erzeugt beim Austreten einen steten, hochquietschenden Klang. Der eigentliche Überraschungseffekt entsteht allerdings, sobald das Wasser wieder abgedreht wird: Mit einem kurzen, aber betonten Aufkieksen hört der Strahl auf. Die Performance wird mit einem angemessen armseligen Abschlussakkord beendet.[3. https://youtu.be/p_2ld-qDi6A] Kurzvideos wie diese demonstrieren eine Art kleiner Klangkunst, die mit der schier unendlichen Plastizität von Klängen in Zeit, Raum, Situation, Material und Humor spielt. Je kleiner der mediale Bühnenraum im Netz, je kürzer das Format ist, umso stärker passt diese Klangkunst sich ihren Gegebenheiten an. Sie ist überall präsent, braucht keine umfassenden Apparaturen zur Aufführung, öffentlichen Bekanntmachung und diskursiven Nachbearbeitung. Sie ist so schnell weggescrollt wie herbeigeklickt. Solche kleineren und größeren Spielformen im Netz aber, völlig albern und weitgehend nutzlos, krallen sich in die Erinnerung, gerade als die practical jokes und verkicherten Jackass-Ideen, die sie sind.

    Beat Is Missing

    Ich kenne das Lied, das da spielt. Zunächst höre ich eine Serie von Stampfern, über die chorisch gesungen wird; nach etwa einer Minute beginnt dann der zweite Teil, mit einer Serie von Klatschen, über die eher gescattet wird.[4. https://youtu.be/DJwVlrM0E_k] Es ist der große Schlager We Will Rock You, der von Jimo Theor in zwei Teile aufgespalten wurde. In der ersten Minute des Youtube-Videos höre ich die nicht geradzahligen Takte der Originalaufnahme, in der zweiten Minute alle geradzahligen Takte. Es handelt sich um eine simple Laubsägearbeit, eine vollkommen handwerkliche Intervention, die hier vorgeführt wird. Die geschmeidige Anpassung der fernen Takte aneinander lässt die beiden neuen Musikstücke nun aber so bruchlos dahinfließen, dass allein die abgehackten Artikulationen Freddie Mercurys noch irritieren können. Die Irritation bleibt aber bescheiden, da die Schneidearbeit so sauber und kunstvoll durchgeführt wurde, dass die zerhackten Worte eher als gewitzter Produzenteneffekt erscheinen: Aus einem zu Tode gespielten und von seinen Klischees, etwa der Stadionnutzung, kaum mehr zu trennenden, nur noch schwer erträglichen Musikstück wurden tatsächlich zwei völlig neue, hörenswerte Stücke. Musiker und Arrangeure wie Jimo Theor oder Adam Emond setzen damit die lange Tradition des digitalen und analogen Cut-up bestehender Popmusik fort. Deren bekanntester Vertreter ist bis heute John Oswald, der seit den späten 1980ern seine sogenannten Plunderphonics vorführte. Oswald nahm Stücke von Elvis Presley, den Beatles, Glenn Gould und Michael Jackson und rekombinierte die kleinsten herauszuschneidenden Bestandteile neu. Legendär ist sein Stück DAB, in dem er Michael Jacksons (lesen ...)
  • Ins Wort fallen. Figuren der Unterbrechung

    G enerationenfolge. Lear, der König Britanniens, möchte die Macht, die er lange innehatte, ohne Unterbrechung auf seine Töchter und deren Männer übergehen lassen. Wie allen dynastischen Adel beherrscht ihn der Glaube, Ununterbrochenes sei gerechtfertigt; der Verdacht, es könne auch ununterbrochene Misere geben, kam ihm nie. Ganz vermeiden kann Lear die Unterbrechung jedoch nicht. Eines Übergangs bedarf es nur, weil der Bruch schon da ist – menschliches Leben zerfällt eben in endliche Spannen und darum in Generationen wie jene Lears und seiner Töchter: »’tis our fast intent || To shake all cares and business from our age, || Conferring them on younger strengths while we || Unburdened crawl toward death«. In Tiecks Übertragung: »’S ist unser fester Schluß, || Von unserm Alter Sorg und Müh’ zu schütteln, || Sie jüng’rer Kraft vertrauend, während wir || Zum Grab entbürdet wanken«.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Filiation ist Kontinuität und Diskontinuität in einem: Kinder sind stets Fortsetzer wie zugleich Unterbrecher – um diese Seite wissend, will Lear doch nur jene, die Fortsetzung, zelebrieren. Teilnehmer eines solchen Als-Ob haben eine Art Bühne zu besteigen. Die ununterbrochene Folge der Generationen muss inszeniert werden: So geschieht es – soll es geschehen – in der ersten Szene des Shakespeare’schen Dramas. Lear weist seinen Töchtern nicht nur die Auftritte an, er möchte ihnen auch die Texte zuweisen. Dass es bruchlos zugehe zwischen den Generationen, erwartet Lear von der Liebe. Doch unter seinen Töchtern organisiert er Liebe als Konkurrenz, nach der die Bruchlinien durch seinen Besitz, Britannien, verlaufen sollen: »Which of you shall we say doth love us most? || That we our largest bounty may extend || Where nature doth with merit challenge« (»Welche von euch liebt uns nun wohl am meisten? || Daß wir die reichste Gabe spenden, wo || Verdienst sie und Natur heischt«). Wer in diesem Spiel »love« sagt, wird »bounty« meinen. Der brüchig angelegte Ritus des Übergangs und der Übergabe zerbricht in seiner Mitte. Lear selber, sein Regisseur, unterbricht ihn. Er beruft sich auf die ewige Kontinuität des Leblosen, der Gestirne, als er die lebendige Bindung zu seiner jüngsten Tochter zerbricht: »By all the operation of the orbs || From whom we do exist and cease to be; || Here I disclaim all my paternal care, || Propinquity and property of blood, || And as a stranger to my heart and me || Hold thee from this for ever« (»Bei allen Kräften der Planetenbahn, || Durch die wir leben und dem Tod verfallen, || Sag’ ich mich los hier aller Vaterpflicht, || Aller Gemeinsamkeit und Blutsverwandtschaft, || Und wie ein Fremdling meiner Brust und mir || Sei du von jetzt auf ewig«). So selbstgerecht proklamiert der König dies, weil Cordelia seine Inszenierung zuvor bereits unterbrochen hatte. Sagten ihre älteren Schwestern das Vorgesehene, rhetorisch Kodifizierte, so Cordelia das für ihren Vater Unvorhersehbare, ja von ihr selbst nicht Vorgesehene (wie ihre beiseite gesprochenen Worte zeigen). Cordelia begeht ein Sakrileg, indem sie ins Ritual interveniert. Dieses durfte nicht unvollendet bleiben; der autoritäre Stil, der mit ihm einhergeht, duldet weder Unterbrechung noch Widerrede. Wer hier unterbricht, sagt Nein. Cordelias »Nothing, my lord« unterbricht alle Phrasen geforderter öffentlicher Liebesbeweise. Bis in ihre letzten Verse entfaltet sich die Tragedy of King Lear zwischen Cordelias Unterbrechung der Heuchelei und Lears Unterbrechung der »paternal care«, der väterlichen Fürsorge. Lange braucht Lear, das Unrecht seiner Unterbrechung zu erkennen. Als er es sieht, muss er sich fragen: Trägt etwas, rückwirkend, über einen solchen Bruch? Kann sich Zerbrochenes je wieder aneinanderfügen? Lässt sich eine Unterbrechung – eine derartige Unterbrechung – zurücknehmen? Über diesen Fragen kann man, wie Lear, wahnsinnig werden. Und selbst wer eine Unterbrechung einmal als Abbruch deklarierte – »Here I disclaim«, »Sag’ ich mich los« –, kann es als Schock erfahren, dass sie einer war. Gegenüber dem Endgültigen eines Abbruchs gewönne das Vorläufige einer Unterbrechung geradezu etwas Tröstliches. Hinwegkommen und Nachgeben. Unterbrechen ist nicht dasselbe wie Zerstören. Es ist eher ein Stören. Das Unterbrechen ist auch nicht, wie das deutsche Wort nahelegt, ein Darunter, sondern, wie das lateinische »interruptio« sagt, ein Dazwischen. Wer sieht, dass ein Regime nicht zu stürzen ist, mag sich dennoch vornehmen, dessen Treiben wieder und wieder zu unterbrechen. Nach der Unterbrechung kann man, scheinbar unbeeindruckt, fortfahren wie zuvor – und doch ist es nicht mehr dasselbe. Als Tat, die andere Taten stört, fordert das Unterbrechen eine Reaktion des Unterbrochenen heraus. Auf den Versuch, einen zu unterbrechen, reagiert selbst derjenige noch, (lesen ...)