Unter Banditen

Beinahe gleichzeitig – in den Jahren 1855 und 1856 – erschienen zwei in verschiedenen Aspekten verblüffend ähnliche Romane, die nicht nur im jungen Staat Griechenland spielen, sondern dessen politische und gesellschaftliche Verhältnisse einer erbarmungslosen Kritik unterziehen. Der eine geschrieben von einem griechenlandkundigen Franzosen, der andere von einem Griechen. Ersterer weidet sich mit herablassendem Spott an einem korrupten Operettenstaat, Letzterer verzweifelt an ihm als Idealist. Der eine nimmt eine zynische Fremdperspektive ein, der andere hüllt seine Generalanklage in Fiktion. Jener verfasst ein launiges Abenteuerbuch mit beachtlicher politischer Expertise, dieser den ersten sozialkritischen Roman der neugriechischen Literatur.1

(Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

Beide aber, jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, betrieben Aufklärung. Edmond About kontrastierte die romantischen Spleens eines zum Tourismus zurückgekehrten Philhellenismus mit einer prosaischen Realität, Pavlos Kalligas hielt dieser den Spiegel vor. Abouts Le Roi des montagnes (Der Bergkönig) trug seinem Autor seitens der politischen Klasse Griechenlands Hass und Ächtung ein. Schließlich hatte er Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert und dem heroischen Image des Landes, das Sympathien, Investitionen, Kredite und Bildungsreisende sicherte, international geschadet.

Mit Kalligas wurde man eher fertig, denn er hatte nur vor der eigenen Tür gekehrt; die Gefahr, dass sein Roman in eine Fremdsprache übersetzt würde, hielt sich in Grenzen. Sein Thanos Vlekas war in Fortsetzungen in der Athener Literaturzeitschrift Pandora erschienen, erst drei Jahre später als Buch. Er stieß zwar auf Kritik, doch als Staatsanwalt des Inkassationsgerichtshofs war der zweiundvierzigjährige Kalligas ein angesehenes Mitglied der Oberschicht (1854 war er für kurze Zeit sogar Justizminister gewesen), und es ist anzunehmen, dass eben jene, die für die im Roman dargestellten Missstände verantwortlich zeichneten oder daraus ihren Nutzen zogen, der beherzten Anklage des Autors beipflichteten – so sie lesen konnten und sich überhaupt für Literatur interessierten.

Griechenland nach 1830

Griechenland war unter dem Beifall des europäischen Bildungsbürgertums zwanzig Jahre zuvor nach einem achtjährigen, überaus brutalen Befreiungskrieg, der mehr einem Bürgerkrieg als einem antikolonialen Aufstand glich, in die Unabhängigkeit entlassen worden. Wer die Verhältnisse vor und nach der Staatsgründung unbeschönigt beschreibt, begibt sich in eine verzwickte Lage – setzt sich zumindest seitens ahistorisch denkender Menschen dem Vorwurf aus, bestimmte Stereotypen zu naturalisieren und die rassistische Schelte zu decken, die sich das Griechenland des frühen 21. Jahrhunderts vom neoliberalen Europa gefallen lassen musste, als wären seine wirtschaftlichen Probleme bloß selbstverschuldet, eine Sache der Mentalität und dergleichen.

Die realen Zustände im jungen Griechenland waren sogar um vieles skandalöser, als man sich je vorstellen könnte: Klientelismus, Korruption, Ämterpatronage, mafiöse Strukturen, schlimmste Ausbeutung der Bauern und Landlosen, eine unverschämt durchsichtige Durchdringung von Banditentum und politischer Klasse – all das übertrieb sich selbst. Die jeweiligen Profiteure erstaunen in beiden Romanen durch die fröhliche Gelassenheit, mit der sie das politische Schurkentum einbekennen. Heuchler sind sie jedenfalls keine – und folglich unschätzbare Whistleblower der Transition von romantisiertem Banditentum zu staatlicher Macht.

Die Verhältnisse dieser Zeit erfordern somit einen unvoreingenommenen, von aktuellen ideologischen Polungen freien Blick, der weder das Osmanische Reich ab- noch aufwerten muss, der weder die bayerische Regentschaft König Ottos als Vorläufer deutschen Großmachtstrebens noch den griechischen Widerstand als basisdemokratische Revolte gegen osmanischen oder westlichen Imperialismus missversteht. Das alles griffe zu kurz oder daneben; auch Fachsimpeleien über die Korrumpierung der Griechen durch osmanische Schreckensherrschaft, die zu jener Zeit beliebteste Schutzerklärung, um sich den Kontrast zwischen den idealisierten antiken Übermenschen und den pragmatischen Griechen der jeweiligen Gegenwart zu erklären.

Außer der dörflichen Selbstverwaltung kannte die Bevölkerung Griechenlands keine demokratischen Institutionen. Und auch das Konzept des Rechtsstaats war ihr fremd. Dies aber osmanischer Despotie anzulasten verkennt, dass es mit dieser Staatsform im doch immer aufgeklärteren Europa auch nicht weit her war. Die Vereinigten Staaten als erste moderne Demokratie waren eine oligarchische Republik von Großgrundbesitzern, Händlern, Manufakturisten, Richtern und Sklavenhaltern. Somit gar nicht weit entfernt von den antizentralistischen Adelsdemokratien, die etwa in Form der Magna Carta fälschlicherweise als evolutiver Schritt hin zur modernen Volksdemokratie interpretiert werden.

Es waren nicht die Bayern, sondern der erste Präsident Ioannis Kapodistrias (1776 bis 1831), der als aufgeklärter Autokrat die protoparlamentarischen Institutionen schwächte. Er tat dies zugunsten der einfachen Bevölkerung, denn Demokratie hieß im griechischen Fall ein permanentes Hauen und Stechen von Fraktionen einflussreicher Clans, Großgrundbesitzer, aus allen Winkeln der Diaspora nach Griechenland strömender, westlich gebildeter Glücksritter, einer stark im Banditentum verwurzelten Militärkaste und um ihre Pfründen mit all diesen neuen Playern konkurrierender Nutznießer der osmanischen Macht.

Nicht umsonst entzog Kapodistrias diesen Primaten, den Großgrundbesitzern der Peloponnes, die Steuerpacht und übertrug viele Ämter einer neuen, ihm verpflichteten Beamtenschicht. War schon seit Beginn des Unabhängigkeitskriegs das politische Geschehen ein permanenter Bürgerkrieg mit wechselnden Fronten gewesen, so waren sich nun doch die meisten Fraktionen einig in ihrer Opposition zum neuen Präsidenten. Eine ordentliche Verfassung blieb auch nach Kapodistrias’ Ermordung (1831) unter der Regentschaft König Ottos bis 1844 aus. Doch im Ruf »der Griechen« nach Demokratie entluden sich weniger zivilgesellschaftliche Impulse als Ambitionen zur Absicherung von Privilegien, Steuerpacht und zur Hegemonie einer teils alten, teils neuen Oberschicht.

Der Vorwurf des Banditentums bedarf der Differenzierung. Die gesamte aufständische Armee rekrutierte sich fast ausschließlich aus einer »Kleften« (Diebe) genannten, ebenso gefürchteten wie bewunderten Krieger- und Räuberkaste auf der Peloponnes und in Mittelgriechenland sowie dem albanischen Stamm der Soulioten aus Epirus. Dem Banditenethos war es eben gelungen, sich als revolutionär nostrifizieren zu lassen. Und wie schon im Kampf zwischen den sultanstreuen Armatolen und den geächteten Kleften wechselte das Personal permanent die Fronten zwischen nomineller Legalität und Kriminalität.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Der Faksimilenachdruck der deutschen Erstübersetzung von Edmond Abouts Roi des montagnes aus dem Jahr 1870 (mit Illustrationen von Gustave Doré) mit dem Titel Unter griechischen Räubern. Unromantische Erlebnisse auf klassischem Boden erschien 2016 bei Hansebooks; die deutsche Übersetzung von Pavlos Kalligas’ Thanos Vlekas erschien 2013 im Athener Verlag Aiora Press.

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