• Klagenfurt – So geht es nicht

    Im Juli 2005 fängt alles an. Ich befinde mich gerade auf La Palma und begehe mit 50 Astronomen den zehnten Jahrestag der Entdeckung der ersten Braunen Zwerge, in einem Luxushotel inmitten von Lavawüste und Bananenplantagen mit absurd vielen azurblauen Pools im Hotelgarten und ebenso absurd vielen Badewannen pro Hotelzimmer. Oppenheimer ist da, Nakajima, Rebolo, Jayawardhana, alle großen Namen in der Braune-Zwerg-Branche, eine Woche der großen Gesten, der großen Torten, der großen Besäufnisse und der Saunen mit Seeblick. "Do you fancy a beer?" fragt mich Simon wieder und wieder, während nebenan über Deuteriumbrennen und Molekülwolkenkollaps diskutiert wird. Gliese 229B, der legendäre erste Braune Zwerg, ist nur wenige Lichtjahre entfernt, und damit viel näher als Klagenfurt. Aus diesem durchweg heiterem Himmel erreicht mich die Nachricht von einem "Tex Rubinowitz", der mir vorschlägt, nächstes Jahr am Ingeborg-Bachmann-Wettlesen teilzunehmen. Ich überlege keine einzige Sekunde und antwortete: "Guter Scherz, schöne Grüße, Aleks." (mehr …)
  • Gegen die Lügen

    von

    Vergangene Woche beschuldigten die Zeitungen BILD und WELT die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke des Antisemitismus. Der Vorwurf: Sie habe in ihrer Gastrede, die sie beim Grünen-Parteitag gehalten hatte, angeblich Holocaust-Opfer mit Klimawissenschaftler:innen und Virolog:innen verglichen und damit das Leid von Jüdinnen*Juden bagatellisiert. Diese Vorwürfe sind haltlos und unangebracht, und wir stellen uns hinter die Publizistin Carolin Emcke: Keiner ihrer Sätze ist in irgendeiner Weise als antisemitisch zu werten. Die Publizistin hat in ihrer Rede vielmehr darauf hingewiesen, dass bestimmte Gruppen empirisch immer wieder verunglimpft werden: „radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt“ führten, so Emcke dazu, dass Gruppen wie z.B. „Feministinnen, „Juden, „Kosmopoliten, „Virolog:innen“ angegriffen und zu Sündenböcken gemacht werden. Auf die gemeinsame kulturelle Textur und politische Form gruppenfeindlicher Ressentiments hinzuweisen bedeutet mitnichten, den Antisemitismus zu verharmlosen oder alles irgendwie gleich, gar beliebig zu behandeln. Im Gegenteil. Solche Betrachtungen klären darüber auf, wie sich Exklusionsdynamiken verflechten, und warnen uns – gerade auch im Lichte des Antisemitismus – vor den Gefahren, dieses nicht angemessen ernst zu nehmen.

    Wir kritisieren scharf die Form der Angriffe auf die Publizistin, die exakt das vollziehen, was Carolin Emcke in ihrem Redebeitrag formuliert und wovor sie zu Recht eindrücklich gewarnt hat: Die Beschädigung der politischen Öffentlichkeit durch mutwillig verzerrte Halbwahrheiten und bösartige Verdrehungen von Sinn, mit dem politischer Streit nicht ausgetragen, sondern ausgehöhlt wird.

    Die Springer-Presse sowie einige Politiker:innen diffamieren nicht nur eine der wichtigsten Stimmen dieses Landes, die nachweislich – man lese jeden einzelnen Text und höre jede Rede der Publizistin - unermüdlich gegen Antisemitismus, Rassismus, sexualisierte Gewalt oder Homophobie, gegen überhaupt alle Spielarten demokratiefeindlicher Menschenfeindlichkeit anschreibt, spricht und kämpft. Sie untergraben mit diesen aus dem Zusammenhang und aus der Luft gerissenen Vorwürfen den eigentlichen wichtigen Kampf gegen den Antisemitismus. Es ist bei weitem nicht das erste (und sicher nicht das letzte) Mal, dass sich Medien (insbesondere des Springer-Verlags) dieser Methode bedienen: Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und in neue Kontexte gesetzt, die Deutungshoheit über den Antisemitismus wird an sich gerissen. Damit wird der Antisemitismus-Begriff instrumentalisiert, missbraucht, also entwertet. Dies zeigt einmal mehr, wie hohl die beständig wiederholte Behauptung ist, dass sich die Medien des Springer-Konzerns konsequent gegen Antisemitismus einsetzen würden. Tatsächlich nämlich dient das vermeintliche Eintreten gegen Antisemitismus als Alibi für ressentiment-schürende, teilweise regelrecht hetzende Berichterstattung gegen Muslim:innen, Geflüchtete - oder, wie in diesem Fall, gegen Menschen, die politisch nicht rechts stehen. Das Leben von Jüdinnen*Juden - unser Leben - wird dabei lediglich als Munition in einem herbeigeschriebenen Kulturkampf genutzt. So wird ein Klima der Gewalt und des Misstrauens erzeugt.

    Das absichtliche (und wiederholte) Missverstehen, die Verzerrung und Verdrehung von Tatsachen und die Lüge als mediale Methoden untergraben jeden sachlichen Diskurs und gefährden die Demokratie in diesem Land. Dass dies jüdische Menschen ebenso wie andere Minoritäten bedroht, ist eine der historischen Lehren, denen wir verpflichtet sind.

     

    14. Juni 2021

    Unterzeichner:innen

    Lena Gorelik, Autorin, München Paula-Irene Villa Braslavsky, Soziologie / Gender Studies, München Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main Fabian Wolff, Autor, Berlin Emily Dische-Becker, Journalistin, Berlin Micha Brumlik, Seniorprofessor am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin Brandenburg Max Czollek, Autor, Berlin Aaron Altaras, Schauspieler, Berlin Alexa Karolinski, Filmemacherin, Berlin Bella Lieberberg, Fotografin, Berlin (lesen ...)

  • Jubiläums-Gewinnspiel

    Wir feiern den 75. Jahrgang der Zeitschrift mit einem großen Gewinnspiel. Es gibt Abos und Notizbücher zu gewinnen, außerdem den kompletten Merkur-Jahrgang 2020 als edle, gebundene Buchausgabe in zwei Bänden. Hier teilnehmen: 75jahre.merkur-zeitschrift.de (mehr …)