• Auf die Melodie von „A House is Not a Home“ zu singen

    Mit meinen Möbeln habe der Raum aber größer ausgesehen, sagte die Nachmieterin bei der Schlüsselübergabe und lächelte über mein Schlafzimmer wie jemand, dem ein Kleinkind gerade eine Zeichnung überreicht hat, deren Krikelakrak angeblich den Ausflug in den Zoo am letzten Sonntag darstellt. Ich hatte das Bedürfnis, das Zimmer zu verteidigen, das eigentlich nie wirklich meines gewesen war. Es war ja nur gemietet, und für seinen Zuschnitt zu rechtfertigen hätte sich höchstens die Person, die irgendwann entschieden hatte, aus den größeren Räumen eines Altbaus viele kleinere Zimmer zu machen. Mein nunmehr ehemaliges Schlafzimmer sah tatsächlich mickrig und nackt aus. Aber es war besenrein, wie auch die anderen Zimmer, durch die ich eine letzte Runde drehte, bevor ich nach sechzehn Jahren zum letzten Mal die 83 Stufen nach unten in den Innenhof ging. Der Text ist im Juliheft 2021, Merkur # 866, erschienen.) (...)  
  • Zeitreise in die Multibürgergesellschaft: Tokyo von Olympia zu Olympia

    Mal angenommen, Zeitreisen wären möglich. Stellen wir uns vor, die Tokyoter und Tokyoterinnen, die sich heute für den Erhalt des Artikels 9 der japanischen Verfassung einsetzen, der Japan in aller Deutlichkeit zum Pazifismus verpflichtet, dass eben diese Leute nur ein Menschenleben zurück in der Zeit reisten, um dafür zu sorgen, dass die japanische Regierung ihren Ehrgeiz, in der Welt etwas zu bedeuten, auf die Olympischen Spiele 1940 konzentrierte, statt China mit Krieg zu überziehen. Die Welt sähe heute ganz anders aus. Tatsächlich war es ja ein großer Fortschritt für Japans internationales Renommee, als Tokyo 1936 den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1940 bekam. Zum ersten Mal in Asien, sollten die Spiele stattfinden mit Japan als Leitgans, der die übrigen Länder der Region folgen würden. Dann aber fielen die Spiele aus, die japanische Führung blies sie 1938 ab. Einen Moment lang sah es so aus, als würden sie nach Helsinki verlegt, doch letztlich gingen sie im Kriegsgetümmel unter. (mehr …)

  • Warum im deutschen Wahlsystem die Städte überrepräsentiert sind

    Einmal mehr hat die amerikanische Präsidentschaftswahl im vergangenen November den tiefen Stadt-Land-Graben offengelegt, der das politische System der Vereinigten Staaten durchzieht. Dieser Graben prägt nicht bloß das Verhalten der Wähler – Städter wählen demokratisch, Landbewohner die Republikaner –, sondern ist tief in den politischen Institutionen des Landes verankert. So hing der Sieg Joe Bidens trotz eines landesweiten Vorsprungs von mehr als sieben Millionen Stimmen an wenigen zehntausend Stimmen in einzelnen Staaten, weil die geografische Verteilung der republikanischen Wähler ihnen im Electoral College einen erheblichen Vorteil verschafft. Noch viel ausgeprägter ist dieser Effekt im Senat: Hier kann sich Biden nur auf die knappste denkbare Mehrheit, die ein Patt brechende Stimme der Vizepräsidentin, stützen, weil dünnbesiedelte Staaten wie Wyoming ebenso zwei Senatoren stellen wie die urbanen Staaten an den Küsten. Städte sind im politischen System der USA strukturell benachteiligt. (mehr …)

  • Wiederkehr als politisches Motiv

    Christian Dietrich Grabbe hat 1829 ein fünfaktiges Drama publiziert, betitelt Kaiser Friedrich Barbarossa. Als der Titelheld nach gewonnener Schlacht wieder heimkehrt, empfängt ihn seine treue Gattin Beatrice voller Überschwang: »Christi Auferstehung freut mich nicht wie deine!« (mehr …)

  • Tonald Drump, Zensur und Deplatforming

    Nach der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 äußerte sich der noch amtierende amerikanische Präsident öffentlich erst einmal gar nicht. Trumps Schweigen zielte eindeutig darauf, koordinierte Maßnahmen gegen die Eskalation, die er durch seine Rede am Morgen selbst angezettelt hatte, zu verhindern.1 »Six hours of paralysis«, titelte die Washington Post. Erst nach einer von Joe Biden hastig zusammengestückelten Rede zum »Angriff auf die Demokratie« postete Trump über die Plattformen Twitter, Facebook und Youtube ein Video aus dem Garten des Weißen Hauses. Es handelte sich um eine Stellungnahme gegen Gewalt und gleichzeitig eine Bekräftigung der Behauptung, die Wahl sei ihm gestohlen worden. (mehr …)

  • Kontext ist alles. Kenneth Goldsmith und UbuWeb

    Der in die Jahre gekommene Dirigent Nicolas Slonimsky, bekannt für seine überaus experimentellen Kompositionen, setzte sich 1988 ans Klavier, um ein Liedchen über ein Medikament gegen Verstopfung aufzunehmen. Die Musik stammte von ihm, aber den Text hatte er – wortwörtlich – aus einer Reklame übernommen, die einige Jahre zuvor in der Saturday Evening Post erschienen war. »Kinder quengeln um Castoria!«, trällerte Slonimsky, damals schon weit über neunzig Jahre alt. »O sanftes, unbedenkliches Abführmittel, das stets den Magen beruhigt und den Darm befreit.« Es war ein surrealer Moment in einem Spätwerk, aufgenommen für eine Gratis-Flexidisc einer Zeitschriftenbeilage, also wenig aussichtsreich, in den musikalischen Kanon der Moderne Eingang zu finden. (mehr …)

  • Eindeutigkeit. Philosophiekolumne

    I In unseren Tagen sei Eindeutigkeit eingetreten. So lautet die zufriedene Feststellung – oder die Klage. Denn so sehr Eindeutigkeit für Klarheit, Haltung, Entschiedenheit steht, so sehr droht sie mit Blickverengung, erzwungener Reinheit, Einseitigkeit einherzugehen. Ja, weil Eindeutigkeit das Mehrdeutige ausräumt, scheint sie eine Präzision vorzunehmen, die der Mannigfaltigkeit dessen, was ist, die Luft abschnürt. (mehr …)
  • DIE LEGENDE VOM »KONFORMITÄTSDRUCK«. Zur zweifelhaften Kritik an der Corona-Debatte

    Wenn medial präsente Intellektuelle ein »Manifest« veröffentlichen, in dem sie die Unterrepräsentation ihrer Ansichten beklagen, dürfte es sich um Vertreterinnen und Vertreter einer gesellschaftlichen Minderheitenposition handeln. Dies allein sagt freilich noch nichts über die Qualität des Anliegens selbst. Spätestens seit Tocquevilles Diktum von der »Tyrannei der Mehrheit« ist bekannt, wie sehr die Entstehung integrativer Mehrheiten von pluralistischen, institutionell verankerten und gewaltenteilig organisierten Diskussionsprozessen im Rahmen demokratischer Öffentlichkeit abhängig ist. Eben hier setzt die Klage der Unterzeichner und Unterzeichnerinnen des Manifests der offenen Gesellschaft vom März dieses Jahres an.1 (mehr …)

  • »Das Kaiserreich« zwischen Geschichtswissenschaft und Public History

    Die öffentliche Geschichtsdarstellung hat das Chiaroscuro entdeckt. Hell und dunkel beschreiben die binäre Begrifflichkeit, mit der Historikerinnen und Historiker einem breiteren Publikum neuerdings Geschichte veranschaulichen wollen. Mit Blick auf das Deutsche Kaiserreich, das Hedwig Richter neu in den Fokus öffentlicher Debatten gerückt hat, geht die Lichtmetaphorik auch mit dem Anspruch einer historischen Neubewertung einher. Denn wo Schatten ist, muss auch Licht sein. Dominik Geppert wies jüngst die »Ambivalenz« des Kaiserreichs als Ergebnis der neuesten Forschung aus, die nur die sogenannten Schwarzmaler nicht wahrnehmen wollten.1  (mehr …)

  • Homestorys (III): Zeige mir, wie du wohnst

    In der monatlichen Magazinbeilage der Neuen Zürcher Zeitung erscheint unter dem Titel Wer wohnt da? seit 2005 eine außergewöhnlich langlebige Kolumne. Welchen Stellenwert Redaktion und Verlag ihr beimessen, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass sie alle konzeptionellen und formalen Umgestaltungen, mit denen die NZZ auf die im Lauf der vergangenen gut anderthalb Jahrzehnte auch in der Schweiz chronisch gewordene Krise der Printmedien reagierte, fast unverändert überstanden hat. Wer wohnt da? ist eine unterhaltsam verkomplizierte Homestory, eine Mischung aus Wohlfühlreportage, alltagshermeneutischem Detektivspiel und spätmodernem Wohnknigge. Den Ausgangspunkt jeder Folge bilden drei professionell gefertigte Farbfotos, wie man sie auch in einem Wohnmagazin finden könnte. Jedes davon gibt großzügig Einblick in unterschiedliche Räume – meist Wohnzimmer und /oder Küche, häufig aber auch Schlaf- und /oder Badezimmer – einer Privatwohnung, über die darüber hinaus nichts bekannt ist und deren Nutzer nicht nur unsichtbar, sondern auch ungenannt bleiben. (mehr …)