• Occupy Everything. David Graebers und David Wengrows Geschichte der Menschheit im Konjunktiv

    Die Qualität einer Polemik entscheidet sich an der Qualität der Sparringspartner, die sie herbeizitiert, um sie vor den Augen der Leserinnen und Leser kunstvoll zu zerlegen. David Graeber und David Wengrow haben mit Anfänge eine Polemik vorgelegt, auch wenn sie als wissenschaftliche Darstellung des »frühen menschlichen Soziallebens« präsentiert wird, die sich aus »den tatsächlich vorliegenden Quellen« ergebe.  Überall, nicht zuletzt in populären Geschichten der Menschheit von Francis Fukuyama über Jared Diamond und Steven Pinker bis hin zu Yuval Noah Harari, entdecken Graeber und Wengrow eine »Schulbuchversion der Menschheitsgeschichte«, die auf Hobbes und Rousseau zurückgehe.

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  • Ukraine – Sandspieltherapie, Kultur und Politik

    In den letzten Jahren war ich mehrfach in der Ukraine. Mein erster Besuch führte mich Ostern 2013 nach Kiew, wo ich zu einer kindertherapeutischen Fachtagung eingeladen war. Der Aufstand vom Maidan lag damals schon in der Luft, doch noch lag die Stadt friedlich im tiefen Schnee. (mehr …)

  • Seltsame Wissenschaft

    Vor rund zwanzig Jahren, ich hatte gerade meinen Abschluss in Wissenschaftsgeschichte gemacht, fing eine Freundin von mir an einer anderen Universität ihr Graduiertenstudium im selben Fach an. Als Undergraduate hatte sie eindrucksvolle Forschung in einem der nicht-so-seriösen Wissenschafts-Seitenzweige betrieben – Löffelbiegen, Schädelkunde, UFOs – und fragte sich, ob sie auf dem Gebiet weitermachen sollte. Ihr neuer Betreuer warnte sie: »Wenn du dich mit Parawissenschaft befasst, könnten die Leute denken, dass du selbst daran glaubst« (oder etwas dergleichen; ich war nicht dabei). Das war ganz klar ein wohlmeinender Ratschlag. Er kannte (und kennt) das ganze Feld außerordentlich gut und hatte völlig Recht. Abgesehen von einer kurzen Blüte in ein paar Untergebieten der Wissenschaftssoziologie, vor allem in den siebziger Jahren in Großbritannien, versprachen »anrüchige« Themen keinen Weg zum Ruhm. (mehr …)

  • Die Katze von Kilrenny

    Am 25. September 1997 sieht Jack Marr einen Schwarzen Panther. Marr ist mit zwei Kollegen dabei, Hecken zu schneiden, in Kilrenny Commons, einem Park in der Nähe der schottischen Stadt Anstruther. Ein schwarzer Körper erscheint vor ihm, fünfzig Meter entfernt, neben einer Brücke, die über die ehemalige Bahntrasse führt. Vielleicht ein streunender Hund, denkt Jack Marr, aber dann wird ihm klar, dass es sich um eine Großkatze handelt. Ein Panther, genauer gesagt. Jack Marr ist vertraut mit den in Schottland üblichen Tieren und hat so etwas noch nie gesehen. Der Panther verschwindet zügig und wird nie wieder an dieser Stelle gesichtet. Die Zeitungen schreiben vom »Beast von Fife«. Fife ist eine Provinz in Schottland, eine Halbinsel zwischen Edinburgh und Dundee. Am Tag nach der Panther-Sichtung meldet ein Mann, dass ein großer schwarzer Hund alleine durch Kilrenny Commons wandert. (mehr …)

  • Sensed Communities. Sinneskolumne

    Nehmen wir zum Beispiel Jan. Jan entstammt der Mittelschicht, ist mittelalt und hochsensibel. Von Beruf Gymnasiallehrer, wohnt er in einer Großstadt, trinkt wenig, raucht gar nicht und nimmt auf alle Rücksicht. Auf seine Schüler, die er nicht schilt, auf seine Kinder, die er nicht schlägt, auf seine Frau, mit der er selten schläft, und auf die Natur, die er wenig schädigt. Seine Möbel sind aus Holz, er fährt Fahrrad oder S-Bahn. Strikt vermeidet er nicht nur rassistische Sprache; in seiner Freizeit gibt er auch Menschen aus Syrien Nachhilfe, von denen er als »Geflüchteten« spricht. Auch trägt er klaglos seine FFP2-Maske und fühlt sich selbstredend mit der MeToo-Bewegung solidarisch. (mehr …)

  • Die Literatur der Mitlebenden. Gegenwart als Aufgabe für die Literaturwissenschaft

    Gegenwartsliteratur – Zeitliteratur

    Vor einiger Zeit hat Carlos Spoerhase konstatiert, dass die Gegenwartsliteratur, die als Forschungsgegenstand fachgeschichtlich immer stark umstritten gewesen war, sich mittlerweile […] »in der Literaturwissenschaft breit gemacht« habe.1 Professuren »mit gegenwartsliterarischem Forschungs- und Lehrschwerpunkt« würden eingerichtet, und die darauf Berufenen begründeten entsprechend benannte Studiengänge. Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft würden Forschungsprojekte zu gegenwärtig noch schreibenden Autorinnen und Autoren gefördert. (mehr …)

  • Zur Renaissance der politischen Theologie in antidemokratischen Strömungen

    Christen hatten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts große Schwierigkeiten, die Säkularisierung und die liberale Demokratie als Grundlage moderner Gesellschaften und als Geschäftsordnung des politischen Lebens anzuerkennen. Sie wurden in der politischen Topologie der Moderne deswegen meistens auf der rechten Seite angesiedelt, wobei sich religiöse Bewegungen selbst eher a- und überpolitisch positionierten (die dezidiert linke »Befreiungstheologie« lateinamerikanischer Provenienz ist diesbezüglich eine Ausnahmeerscheinung). (mehr …)

  • Gefährtinnen

    Ein Foto mit der Aufschrift Rosenmontag 1971 zeigt zehn Personen um den runden Tisch und auf dem roten Sofa, die betont heiter oder aber mit authentischer Skepsis in die Kamera blicken und vermutlich soeben Hannes Zitronenkrem verspeist haben: die meisten mit einem kuriosen Kopfschmuck, mein Vater, einer von nur zwei Männern, sogar mit einer schwarzen Langhaarperücke. Ein, zwei Masken baumeln von einer Stehlampe, Hanne sitzt mit einer vorgebundenen Schürze, von der nicht auszumachen ist, ob sie Teil der Verkleidung ist, vorne links, die Tür zur Küche direkt im Rücken, die Hände tatenbereit auf die Knie gestützt. (mehr …)

  • Weltgeschichte in Farbe

    Unter den vier Bänden von Tessloffs Weltgeschichte in Farbe der Auflage von 1982 war mein liebster Band der zweite, in dem eine Doppelseite die opulente Illustration der Hochzeit von Isabella I. von Kastilien mit Ferdinand von Aragon im Jahr 1469 zeigt. Isabella trägt in meiner Erinnerung auf diesem Bild Perlen im Haar und ähnelt der klugen Bauerntochter, die in einem anderen meiner Bilderbücher ihre Vermählung mit einem Prinzen selbst einfädelte (Details vergessen). (mehr …)