• Video: Günter Hack im Gespräch | Zweite Lesung

    Günter Hack empfiehlt zur Zweiten Lesung den 2016 im Merkur erschienenen Text „Trinken gehen, Bus fahren“ von Holger Schulze. Im Gespräch mit Ekkehard Knörer und Christian Demand geht es um das Programmieren von E-Books als Handwerk, die Ästhetik des Codes und literarische Tweets. (mehr …)
  • Fragen zur Botanik

    In einem tropischen Gewässer ein Schiff; auf dem Schiff drei Tierschützer: Einer filmt, einer hält eine Riesenschildkröte fest, und der dritte versucht mit einer Pinzette ein rosa Stück Plastik zu packen, das dem Tier im Nasenloch steckt. Es dauert. Die Schildkröte schreit wie ein Schwein. Irgendwann greifen die silbrigen Arme zu, und der Tierschützer zieht, langsam. Aus dem Nasenloch läuft ein rotes Rinnsal. Nach weiteren langen Sekunden die Befreiung, das blutende Tier wird behutsam auf den Boden gesetzt, der Tierschützer hält den ehemals rosafarbenen Strohhalm in die Kamera.

    Ist die blinde Justitia verwandt mit der Heiligen Lucia aus dem sizilianischen Syrakus, dem Mädchen, das sich verweigerte, dem man die Augäpfel ausriss, die sie seitdem stets in einer Schüssel bei sich trägt, der seitdem stets zwei braune Streifen aus den leeren Augenhöhlen rinnen, die über die Straße von Messina hinweg nach Norden schaute, wenn sie denn noch schauen könnte?

    Nach Norden, nach Norden, singen die Mütter ihren flach auf den Boden eines Rettungsboots gepressten Kindern zu, nach Norden, die Passagiere der dritten Klasse werden von der Besatzung in Schach gehalten, nach Norden, weil es nichts anderes mehr gibt, weil die Welt zergeht, nach Norden, der Erbauer des Schiffs stirbt bei dessen Untergang, nach Norden, die Mütter ahnen nichts von Eisbergen.

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  • Kultur heißt Dissens

    Vor nicht allzu langer Zeit wäre mir dieser Essay wohl überflüssig erschienen. Als eine Aneinanderreihung von Selbstverständlichkeiten. Als eine Sonntagspredigt. Ein Plädoyer für unbequeme, kritische, pluralistische, hybride Kunst und Kultur aus liberaler Sicht? An Einfallslosigkeit nicht zu überbieten! Wie Eulen nach Athen tragen! Die Erfahrung mit autoritären und totalitären Staaten hat doch gelehrt, dass der Respekt für eine solche Kultur ein Gradmesser für freie Gesellschaften ist. Dass nicht die Schmeichler Schutz und Förderung verdienen, sondern die, die die Förderer fordern. Allein, auch die Lehren aus der Geschichte unterliegen den Kräften geschichtlicher Erosion.

    In Europa werden Stimmen lauter, die unbequeme Kunst und Kultur nicht nur kritisieren, was ja Sinn der Sache ist, sondern rundweg als volksfeindlich, versifft, zersetzend, gar terroristisch abtun. Auch das Hybride und Transkulturelle geraten unter Verdacht: Stellen sie nicht vermeidbare Stressfaktoren in stressgeplagten Zeiten dar? So verlangt man denn die Reduktion der Förderung für vermeintliche »Fremdkörper« oder die Ächtung und Entlassung von Querdenkern. Zugleich beschwört man die Besinnung auf ein Set angeblich »eigener«, authentischer Werte. Kultur soll zu etwas klar Umrissenem, Positivem, Erbaulichem, ja intuitiv Verständlichem werden – was eine einheitliche, kollektive Identität voraussetzt.

    Greifbar wird die wachsende Ablehnung kritischen Kunstschaffens wie auch des Transkulturellen etwa in Polen, wo die nationalkonservative Regierung einen entsprechenden kulturpolitischen Kurs eingeschlagen hat. Ausgerechnet Polen! Das vielzitierte »goldene Zeitalter« des Landes im 16. und 17. Jahrhundert fiel in eine Phase des religiösen, ethnischen und kulturellen Pluralismus. Die heutige Homogenität der polnischen Republik ist zuvorderst tragische Folge des Zweiten Weltkriegs.

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  • Kulturerbe als »Shared Heritage« (II) Anerkennungsfragen

    »Ich bitte diese Generalversammlung um die Annahme einer Resolution, mit der sie die reichen Länder, welche Kunstschätze der armen Länder besitzen, auffordert, einige von ihnen zurückzugeben, so daß wir unseren Kindern und Kindeskindern die Geschichte ihrer Länder vermitteln können.« Mit diesem Satz bat der Präsident von Zaire, General Mobutu Sese, am 4. Oktober 1973 die UN-Vollversammlung, völkerrechtlich belastbare Regelungen zu finden, um Kulturgut aus vormals kolonisierten Ländern in diese zurückführen zu können.

    Mobutus Initiative führte zu Resolution 3187 mit dem Titel Restitution of works of art to countries victims of expropriation. Die Differenz zwischen »armen« und »reichen« Ländern, die Mobutu starkgemacht hatte, tauchte in der Resolution nicht mehr auf (stattdessen wird dort neutral von »prompt restitution to a country of its objets d’art, monuments … by another country« gesprochen). Auf rechtlich bindende Regeln wollte sich die Staatengemeinschaft nicht einlassen. Seit damals ringt sie um eine konsistente Haltung zu Rückgabefragen für Objekte aus der Kolonialzeit. Im Prinzip  – darauf ließe sich das Ergebnis der UN-Debatten der letzten fünfundvierzig Jahre verkürzen – findet sie das Anliegen richtig und unterstützt es: »Convinced that the restitution of such works should make good the serious damage suffered by countries as a result of such removal«.

    Rechtlich verbindliche Ansprüche auf Rückerstattung ließen sich politisch bislang aber nicht durchsetzen. Bezeichnenderweise lautete die deutsche Übersetzung des Begriffs »restitution« in Resolution 3187 »Rückgabe«, wobei »Rückgabe die freiwillige Rückführung ohne Anerkennung einer Rechtspflicht meint«. Bislang bleibt es bei einem Appell an die moralische Verpflichtung der Staaten, sich dafür einzusetzen, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen. Daran änderte auch die Erklärung über die Rechte indigener Völker von 2007 bislang wenig.[2. http://www.un.org/esa/socdev/unpfii/documents/Declaration%28German%29.pdf. Hier sind insbesondere Artikel 11 (2) und 12 (2) relevant, die Rückerstattungen und Wiedergutmachungen für vergangenes Unrecht thematisieren, insbesondere mit Blick auf sterbliche Überreste und Ritualgegenstände.] Von völkerrechtlich belastbaren Ansprüchen ist man weit entfernt.

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  • Ein trauriger Optimist

    Als ich die Rutschkys zum ersten Mal in ihrer Berliner Wohnung in der Wartenburgstraße 18 besuchte, in den rätselhaft unschuldigen achtziger Jahren, schienen sie mir ein beneidenswert glückliches Paar. Michael und Katharina Rutschky wurden Mentoren für mich (wie für so viele andere junge Autoren), wir wurden Freunde, und irgendwann gehörten sie zu meiner erweiterten Familie. Die Rutschkys waren Paten meiner Kinder, und Herr Rutschky (wie ich ihn bis zum Schluss nannte) erklärte mir irgendwann zu meiner Überraschung, er habe mich und meine Frau als Universalerben eingesetzt.

    So bin ich in die Lage gekommen, die Wohnung in der Wartenburgstraße – bis heute ein Fixpunkt meiner seelischen Geografie – aufzulösen. Bei jedem Besuch wird mir ungewisser, ob ich Michael Rutschky wirklich gekannt habe. Er war ganz offensichtlich ein Meister der Selbstmystifikation.

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  • Mit der »Jan Maat« vor Warnemünde, drei Strich Backbord, 11. April 2018, vier Glasen

    Frau Lau bestellte Lachs, aber bitte ohne Bratkartoffeln, dafür mit mehr Salat, was Herrn Wagner zu dem Kommentar veranlasste, das bedeute einen Aufpreis von drei Euro fumfzich, großes Gelächter, und fast ein wenig empört korrigierte Herr Wagner: Nein, so stehe das tatsächlich auf der Speisekarte! Da waren wir baff. Wir befinden uns im Restaurant »Kettenkasten«, Warnemünde, Provinz eben, misstrauisch und ein wenig ungeschickt, man will sich ums Verrecken nicht von den großkotzigen Berlinern herumschubsen lassen: Wenn die eine Extrawurst wollen, sollen sie ordentlich bluten!

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  • Letzter Spaziergang, 18. Oktober 2017

    Quarto springt mir aus der offenen Wohnungstür entgegen, um kurz vor halb elf habe ich in der Wartenburgstraße geklingelt, wir wollen hinaus, R. kann wieder gehen, einigermaßen, er leint den Hund an.

    Auf dem Bürgersteig schnuppert Quarto an den stinkenden Früchten, die von den Ginkgobäumen gefallen sind. R. weiß, dass es sich, auch wenn sie so aussehen, nicht um Früchte, sondern um Samen handelt. In denen leider Buttersäure steckt. In Seoul, erzähle ich, habe ich ältere Frauen diese Samen sammeln sehen, die geschälten Kerne sind essbar, werden im Reis mitgekocht oder geröstet – übermäßiger Verzehr kann allerdings, ich wurde gewarnt, zu Vergiftungserscheinungen führen.

    Wir überqueren die Möckernstraße und gelangen über eine sanft ansteigende Rampe in den Park, zwei Fahrradfahrer kommen uns entgegen, einer von ihnen bleibt fast in Quartos nun ausgerollter automatischer Hundeleine hängen, R. entschuldigt sich, obwohl der Radfahrer eigentlich hätte absteigen müssen.

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  • Mai 2011

    Wir hatten uns zu einem Spaziergang verabredet. Wir kamen am Dorotheenstädtischen Friedhof vorbei. Ich wollte, wenn wir schon einmal hier sind, das Grab von Heiner Müller sehen. Er wisse genau, wo das liege. Er sei schließlich Berlin-Spezialist, kenne den Friedhof wie seine Westentasche. Eine Weste trug er nicht. Es war später Nachmittag und außer uns kein Mensch weit und breit. Zielstrebig gingen wir bis fast zum Ende der Birkenallee, hier müsste es sein. (…)

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  • So geht’s eben auch

    »Man darf also die Märchen Hans Christian Andersens als Klartext eines gequälten Lebens lesen, das von den Tagebüchern bis zur Unkenntlichkeit normalisiert wird.«

    Im September 2000 bespricht Michael Rutschky den gerade erschienenen Auswahlband der Tagebücher Hans Christian Andersens für die taz ; es ist einer seiner Texte, die mich bis heute immer wieder verblüffen. Die Thesen darin sind so einfach wie schlagend, aber man muss eben auf sie kommen. Dass Märchen kindliche Seelenqualen artikulieren können, klar, das ist kein fremder Gedanke. Aber Kunstmärchen als »Klartext eines gequälten Lebens«, das ist schon stark.

    Auch der zweite Gedanke hat es in sich. »… der Schreiber scheint intensiv damit beschäftigt, dass überhaupt etwas zu verzeichnen ist – und nicht alles in einem schwarzen Wirbel aus Zwangsgedanken und Panik untergeht. Dies Tagebuchschreiben ist ein ununterbrochenes Normalisieren«. Andersens Tagebuch diente eben gerade nicht dazu, sich selbst nahe zu kommen und seine eigenen Gedanken zu verstehen, sondern dazu, sich eine Normalität vorzugaukeln, die der von Dämonen gejagte, hypernervöse Andersen real nicht kannte.

    In den Märchen steckt der Klartext, die Tagebücher dagegen sind irgendwie erträumt: Wirklich, wie kommt man darauf?

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  • Herr Rutschky werden

    Herr Rutschky fing beim Schreiben von Texten mit dem ersten Satz an, dann schrieb er den zweiten und den dritten, und so weiter bis zum letzten Satz. Dann schickte er den fertigen Text an seinen Redakteur, zwei Wochen vor dem Abgabetermin. Ich fange in der Mitte an, und nicht immer liegt der vereinbarte Termin dann noch in der Zukunft. (…)

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