• Solidarität heißt Angriff

    Ich finde das Fotografieren von Essen sehr peinlich. Dennoch fotografiere ich in Cafés und Restaurants meine Bestellungen, wenn auch verschämt und so heimlich wie möglich, bevor ich die Bilder dann im Internet der Weltöffentlichkeit präsentiere. Angesichts von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Lokalen fielen in den letzten Monaten alle Hemmungen. Sonntags traf ich mich regelmäßig zum Tortenessen mit einer Freundin bei mir zuhause und knipste drauf los. Bei einer dieser Gelegenheiten arrangierte ich neben den Desserttellern und einer Auswahl von Spielzeugfiguren wie zufällig eine Anthologie, die ich mir erst ein paar Tage zuvor gekauft hatte. Ihr Titel, Die Schwarze Botin. Ästhetik, Polemik, Satire 1976–1980, passte hervorragend zur Farbe der Bekleidung meiner Freundin, und ich erfreute mich an meiner Komposition. (mehr …)

  • Barbecue

    Aus dem Briefschlitz hängen alte Werbeprospekte, vom Regen gewellt, von der Sonne verblichen. Die Gartenpforte ist nur angelehnt. Der Waschbetonweg ist brüchig geworden seit meinem letzten Besuch, und die Bäume und Sträucher des Vorgartens haben ihn so überwuchert, dass da nur ein schmaler Gang bleibt, der hoch zur Haustür führt. Sie steht offen, doch es riecht nach dem Rauch eines Holzfeuers, deshalb vermute ich ihn hinter dem Haus. Ich gehe an der Fassade entlang, die Pflanzen drängen mich an den Rauputz. Als ich den betonierten Bereich halb hinter dem Haus erreiche, sehe ich Justus im Bademantel am Grill stehen, mit einem Glas Rosé in der Hand. (mehr …)

  • Schwierige Gespräche nach den US-Wahlen

    Noch bevor die Präsidentschaftswahl entschieden war, wurden wir in den Vereinigten Staaten von Ratschlägen zum Umgang mit der extremen politischen Spaltung unseres Landes geradezu überschwemmt. Nachdem der Sieg von Joe Biden und Kamala Harris über Trump deutlich knapper ausgefallen ist, als nach den Umfragen zunächst zu erwarten gewesen war, ist guter Rat in dieser Sache teurer als je zuvor. Trump konnte mehr als 73 Millionen Stimmen für sich verbuchen: Es haben also 47 Prozent der Wähler für ihn gestimmt, wobei die höchste Wahlbeteiligung der amerikanischen Geschichte gemessen wurde. Ja, Trump ist abgestraft worden, eine zweite Amtszeit wurde ihm klar verweigert, und doch war die Ablehnung alles andere als einmütig. Er wird die Bühne verlassen, seine Anhänger hingegen werden das nicht tun. Wir leben, wir arbeiten zusammen mit ihnen, sie sind Kollegen, Nachbarn, Freunde – häufig genug auch Teil unserer Familien. Wie sollen wir mit ihnen umgehen? (mehr …)

  • Große Illusionen

    In seinem Buch Radikale Hoffnung beschreibt Jonathan Lear das intellektuelle Trauma der Crow-Indianer.1 Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie gezwungen, von einer nomadischen zu einer sesshaften Lebensweise überzugehen, und verloren auf dramatische Weise nicht nur ihre uralte Welt, sondern auch »die konzeptuellen Ressourcen«, um ihre Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen. Das Problem für einen Crow-Indianer, schreibt Lear, war nicht nur, dass »meine Art zu leben zu Ende gegangen ist«. Sondern dass »ich nicht mehr über die begrifflichen Mittel verfüge, mittels derer ich mich selbst oder die Welt verstehe … Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, was vor sich geht.« (mehr …)

  • Entnazifizierungskitsch: Thomas Hettches Puppenkiste

    Thomas Hettches neuer Roman galt vielen als Favorit beim Deutschen Buchpreis und war auch ohne den Sieg die Konsenslektüre des Herbsts 2020. Die zuständige Kritik war berührt und begeistert. Berührt, weil die Geschichte possierlich ist. Begeistert, weil Thomas Hettches Herzfaden die Geburt der Bundesrepublik aus der moralischen Ambivalenz ihrer Gründerfiguren heraus abgeleitet habe. Und zwar »virtuos«. So urteilt jedenfalls die überwältigende Mehrheit der etablierten Kritiker. (mehr …)

  • Wider eine falsch verstandene Skepsis

    Manche Argumente sehen auf den ersten Blick so gut aus, dass man sich ein wenig schämt, ihre Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit zu entlarven. Mir geht es so mit einem Argument, das ich das Argument der Skepsis nennen möchte. Es kommt mit großem humanistischen Pathos daher und richtet sich zumeist, wenn auch nicht immer in ganz transparenter Weise, gegen scheinbar etablierte linke oder kapitalismuskritische Gewissheiten, etwa gegen die (nun ja: vermeintliche) Gewissheit, dass sich das Erdklima mit potentiell katastrophalen Folgen für Mensch, Tier und Natur erwärmt. Manchmal zieht sich das Argument das Kleid des Pluralismus über und verteidigt die Vielfalt der Meinungen und Positionen gegen scheinbar festgefügte Wahrheitsannahmen oder blinden Fanatismus, manchmal feiert es intellektuelle Bescheidenheit und rühmt Haltungen des Selbstzweifels. (mehr …)

  • Kanaky zuhause

    Der größte Unterschied zwischen Schreiben und Übersetzen ist für mich: Schreiben hat mit einem selbst zu tun, mit dem eigenen Horizont, dem eigenen Fühlen, der eigenen Sprache – beim Übersetzen geht es hinterm Horizont weiter, ich treffe auf Dinge, von denen ich nicht einmal wusste und mit denen ich mich schreibend nie beschäftigt hätte. (mehr …)

  • Braucht Demokratie unseren Glauben?

    Als nach zweihundertfünfzig Jahren Bestand die Schule sich im späten Winter 2020 vorübergehend verabschiedete und der Homo oeconomicus eine Weile von der politischen Agenda verschwand, als die Zeit eingefroren und die Welt auf Zeit unbewohnbar wurde, feierten wir jeden Abend im Familienkreis. (mehr …)

  • Der lange Abschied der SPD. Kleine Parteienkunde I

    »But I’m never sure you can bribe the electorate financially. They are cleverer than that.« Sasha Swire, Diary of an MP’s Wife

    1. Am 23. September 2020, als die Partei nicht eben im Vordergrund des allgemeinen Interesses stand, titelte die FAZ in ihrer Hauptschlagzeile: »Das Ansehen der SPD auf neuem Tiefstand«. Als Anlass für diese Meldung genügte eine Umfrage. Wie beim von der Boulevardpresse vorgeblich fürsorglich begleiteten langen Sterben eines Prominenten kann bei der »ältesten Partei Deutschlands« immer noch jede kleine Verschlechterung der Lage als Neuigkeit zählen. Auch ist eine gewisse Lust am Siechtum selbst bei denen zu beobachten, die die Moribunde eigentlich mögen. (mehr …)

  • Frankreich nach dem Tod von Samuel Paty. Interview mit Peter Schöttler

    Der Mord an Samuel Paty und der Anschlag in Nizza haben die Gemüter in Frankreich in helle Aufregung versetzt. Das Diskussionsklima ist polemisch bis über die Schmerzgrenze hinaus, die Rhetorik häufig geradezu feindselig. Das dürfte indes nicht nur durch die schockierende Vorgehensweise der Täter zu erklären sein. Seit den Anschlägen vom Januar 2015 und November 2016 hat sich die seit dem Aufstieg des Rassemblement National (ehemals Front National) und der Regierung Sarkozy ohnehin starke Polarisierung der politischen Szenerie noch einmal zugespitzt – nicht zuletzt auch, Stichwort Gelbwesten, aufgrund der Sozialpolitik der Regierung Macron. Peter Schöttler, ehemaliger Directeur de Recherche am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris und Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, ist Experte für die Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert und seit Jahrzehnten mit den dortigen Entwicklungen bestens vertraut. Die derzeitige Zuspitzung hält er für eng verwoben mit Umständen, die weit über Auseinandersetzungen um den islamistischen Terrorismus hinausreichen. (mehr …)