• Günther Anders‘ Breslau 1915/1966, Wrocław 2020

    Ich bin dem Schriftsteller, Philosophen und Dichter Günther Anders (1902-1992) in kurzer Zeit dreimal hintereinander begegnet: Anders war in der Umwelt-, und Friedens- und Antiatomkraftbewegung aktiv, und in erster Ehe mit Hannah Arendt verheiratet, deren Werk im Deutschen Historischen Museum gerade eine umfangreiche Schau gewidmet wurde. Während der Vorbereitung eines Aufenthalts in Wrocław stellte ich außerdem fest, dass er ein Tagebuch seiner Rückkehr in die Stadt geführt hatte. Anders hatte Wrocław fünfzig Jahre zuvor verlassen, um mit seinen Eltern, den deutsch-jüdischen Psychologen Clara und William Stern, nach Hamburg zu ziehen und war seitdem nicht zurückgekehrt. (mehr …)
  • Verlegt, verwahrt und vergessen. Die Bücher aus den ehemaligen deutschen Bibliotheken in Polen

    Man kennt den Ausdruck »displaced person«, im folgenden Artikel geht es um »displaced books«: Millionen von Büchern, die mit der Verlegung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Neiße 1945 aus privaten, kirchlichen und öffentlichen Sammlungen aus Hinterpommern, Schlesien und Ostpreußen in einen neuen nationalen Kontext gelangten. Aus polnischer Perspektive wurden diese »zurückgelassenen« Bücher aus deutschen Bibliotheken als Staatseigentum betrachtet und als solches vor weiteren Plünderungen, Verwüstungen und Zerstörungen geschützt. Während man in polnischen Publikationen bis heute von den »sichergestellten Büchersammlungen« spricht,  fallen in Deutschland dieselben Bücher schnell unter die Rubrik »Beutekunst«. Zwei Länder, zwei Erinnerungskulturen, die das Trennende betonen. Man könnte aber – ich will es hier versuchen – die Geschichte dieser Bücher aus einer europäischen Perspektive neu erzählen. (mehr …)

  • Herbstangebot

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  • Über meinen Lehrer Hans Blumenberg

    Nachteil des Alters: Man kann nichts mehr werden – Ausnahmen wie der erste Bundeskanzler bestätigen die Regel. Durch Einverständnis lässt sich das Manko ins Gegenteil verkehren (nolentem trahunt, volentem ducunt fata)Vorzug des Alters: Man will nichts mehr werden – außer noch älter; nicht zuletzt davon hängt die Alterszufriedenheit ab. Man steht nicht mehr unter dem Druck, dem die jungen Kollegen, die noch etwas werden wollen, ausgesetzt sind, nämlich anderen etwas beweisen zu müssen; man muss niemandem mehr etwas beweisen als allenfalls sich selbst, nämlich dass – und was – man noch schafft: in körperlicher Hinsicht eine bestimmte Anstrengung wie zum Beispiel vier Kilometer am Stück zu schwimmen, in geistiger, dass man noch ein Buch zustande bringt in der restlichen Zeit. Je weniger einem davon bleibt, je kürzer die Ausblicke nach vorne hin werden, umso mehr schaut man zurück in die immer tiefer werdende Vergangenheit und auf die immer reicheren Erfahrungen, die man gemacht hat. (mehr …)

  • Woher kommt jetzt diese Frage? Zu Rainald Goetz‘ „Reich des Todes“

    Drei Frauen tanzen im neuen Stück von Rainald Goetz, Reich des Todes, wie Tick, Trick und Track auf der Bühne im Gleichschwung zu einem Lied über Coca-Cola, die rote Imperalistenbrause. Die Schauspielerinnen singen das Lied selber, zu dem sie sich im Takt wie einst Marlene Dietrich oder Marilyn Monroe vor den amerikanischen Soldaten wiegen. Coca-Cola ist ein Zeichen, das durch das Stück immer wieder verwendet wird. Sie ist leistungssteigernd, sie ist voller Zucker, sie hebt die Stimmung und sie wird in die ganze Welt exportiert. Ein amerikanischer Krieg ohne Coca-Cola scheint undenkbar. Die Performance der Truppenunterhalterinnen soll die Arbeitsmoral der amerikanischen Soldaten heben. Die Arbeit bestand 2003-2004 im Irak darin, an Informationen zu kommen, wer für die Anschläge auf die Twin-Towers verantwortlich zu machen sein könnte. (mehr …)
  • Ein italienisches Selbstgespräch

    Die Philosophie ist sich uneins, was sie herausfinden will – letzte Dinge, korrekte Sätze, ganze Systeme, gute Ordnungen – da sagt jeder etwas anderes. Donatella di Cesare, Philosophin aus Rom, fügt diesen Positivbestimmungen eine negative hinzu und behauptet, es gehe ums Dagegensein. Nur wer weltfremd ist wie Thales (der antike Hans Guck-in-die-Luft), lästig wie Sokrates (die Stechfliege auf der Agora) und manchmal auch dunkel wie Heraklit, verdient es, Philosophin genannt zu werden. Als Negationskünstlerin braucht sie die Polis, um nachzuweisen, dass die Form nicht stimmt. (mehr …)
  • Kette der Solidarität. Litauen und Belarus sind in Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander verbunden

    Von der litauischen Hauptstadt Wilna sind es 172 Kilometer bis ins belarussische Minsk. Auf drei dutzend Kilometern zur EU-Außengrenze haben vor gut einer Woche 50 000 Menschen eine Menschenkette gebildet. Sie erinnerten damit an den Hiter-Stalin-Pakt, der am 23. August 1939 geschlossen wurde und die Teilung Europas in zwei Einflussbereiche festschrieb. Für fünf Jahrzehnte unterbrach der Pakt die Eigenstaatlichkeit der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Staaten im Baltikum. Der litauische Journalist Andrius Tapinas schlug vor, zur Erinnerung an die von Estland bis Litauen reichenden Baltischen Weg am 23. August 1989, 2020 eine Kette der Freiheit in Richtung Minsk zu bilden. Die ehemaligen Präsidenten Dalia Grybauskaute, Vladas Adamkus und der amtierende Präsident Gintanas Nauseda stehen am Straßenrand in Masken neben Familien mit weiß-rot-weißen Wimpeln. Alle rufen: „Für eine freie Republik Belarus!“ (mehr …)
  • Das deutsche Volk

    Ich bin in der sogenannten Heimat, aus der ich mit achtzehn so schnell und so weit geflohen bin, wie es ging (teuflische 8888 Kilometer weit, hat mir ein Online-Entfernungsrechner ausgerechnet). Es ist heiterer geworden dort: Auf dem Feldweg grüßt man einander, anstatt starr zur Seite zu blicken, in den Knick. Die Feld- und Waldlandschaft, in die die Einfamilienhaussiedlung sich drückt, ist kein Ort mehr, an dem man sich vor dem letzten Krieg versteckt, vor dem nächsten Krieg, kein Bunker mehr, in dem man nicht gefunden werden darf, zum Beispiel vom nächsten Diktator und seinen Verführungskünsten. Protect me from what I want. (mehr …)

  • Die statistische Übermacht oder: Eine Verteidigung der Theorie

    In seinem Aufsatz zur Replikationskrise behauptet Aubrey Clayton, er habe einen großen Denkfehler aufgedeckt und sei damit einem Problem, vor dem die Wissenschaft steht, auf die Schliche gekommen.1 Doch er deckt das Problem nicht nur auf, als Mathematiker hat er auch eine Antwort parat: Bayes’ Statistik. Diese Antwort ist unzureichend, denn erstens ist diese Antwort der Wissenschaft selbst schon eingefallen, und zweitens wird der Satz von Bayes alleine die Replikationskrise nicht lösen. (mehr …)

  • Flugstunde. Eine Geschichte aus dem April 2020

    lle müssen sich umstellen, heißt es. Das ist für keinen leicht, sagt die Nachbarin und verabschiedet sich in ihre Wohnung. Die Kanzlerin sagt es auch, sie ist schon in ihrer Wohnung, aber man kann nicht viel erkennen. Es wäre zu schön, mal zu sehen, ob sie auch so eine Schrankwand und eine Sitzecke mit Stehlampe hat wie andere Leute. (mehr …)