• Woher kommt jetzt diese Frage? Zu Rainald Goetz‘ „Reich des Todes“

    Drei Frauen tanzen im neuen Stück von Rainald Goetz, Reich des Todes, wie Tick, Trick und Track auf der Bühne im Gleichschwung zu einem Lied über Coca-Cola, die rote Imperalistenbrause. Die Schauspielerinnen singen das Lied selber, zu dem sie sich im Takt wie einst Marlene Dietrich oder Marilyn Monroe vor den amerikanischen Soldaten wiegen. Coca-Cola ist ein Zeichen, das durch das Stück immer wieder verwendet wird. Sie ist leistungssteigernd, sie ist voller Zucker, sie hebt die Stimmung und sie wird in die ganze Welt exportiert. Ein amerikanischer Krieg ohne Coca-Cola scheint undenkbar. Die Performance der Truppenunterhalterinnen soll die Arbeitsmoral der amerikanischen Soldaten heben. Die Arbeit bestand 2003-2004 im Irak darin, an Informationen zu kommen, wer für die Anschläge auf die Twin-Towers verantwortlich zu machen sein könnte. (mehr …)
  • Ein italienisches Selbstgespräch

    Die Philosophie ist sich uneins, was sie herausfinden will – letzte Dinge, korrekte Sätze, ganze Systeme, gute Ordnungen – da sagt jeder etwas anderes. Donatella di Cesare, Philosophin aus Rom, fügt diesen Positivbestimmungen eine negative hinzu und behauptet, es gehe ums Dagegensein. Nur wer weltfremd ist wie Thales (der antike Hans Guck-in-die-Luft), lästig wie Sokrates (die Stechfliege auf der Agora) und manchmal auch dunkel wie Heraklit, verdient es, Philosophin genannt zu werden. Als Negationskünstlerin braucht sie die Polis, um nachzuweisen, dass die Form nicht stimmt. (mehr …)
  • Kette der Solidarität. Litauen und Belarus sind in Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander verbunden

    Von der litauischen Hauptstadt Wilna sind es 172 Kilometer bis ins belarussische Minsk. Auf drei dutzend Kilometern zur EU-Außengrenze haben vor gut einer Woche 50 000 Menschen eine Menschenkette gebildet. Sie erinnerten damit an den Hiter-Stalin-Pakt, der am 23. August 1939 geschlossen wurde und die Teilung Europas in zwei Einflussbereiche festschrieb. Für fünf Jahrzehnte unterbrach der Pakt die Eigenstaatlichkeit der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Staaten im Baltikum. Der litauische Journalist Andrius Tapinas schlug vor, zur Erinnerung an die von Estland bis Litauen reichenden Baltischen Weg am 23. August 1989, 2020 eine Kette der Freiheit in Richtung Minsk zu bilden. Die ehemaligen Präsidenten Dalia Grybauskaute, Vladas Adamkus und der amtierende Präsident Gintanas Nauseda stehen am Straßenrand in Masken neben Familien mit weiß-rot-weißen Wimpeln. Alle rufen: „Für eine freie Republik Belarus!“ (mehr …)
  • Das deutsche Volk

    Ich bin in der sogenannten Heimat, aus der ich mit achtzehn so schnell und so weit geflohen bin, wie es ging (teuflische 8888 Kilometer weit, hat mir ein Online-Entfernungsrechner ausgerechnet). Es ist heiterer geworden dort: Auf dem Feldweg grüßt man einander, anstatt starr zur Seite zu blicken, in den Knick. Die Feld- und Waldlandschaft, in die die Einfamilienhaussiedlung sich drückt, ist kein Ort mehr, an dem man sich vor dem letzten Krieg versteckt, vor dem nächsten Krieg, kein Bunker mehr, in dem man nicht gefunden werden darf, zum Beispiel vom nächsten Diktator und seinen Verführungskünsten. Protect me from what I want. (mehr …)

  • Die statistische Übermacht oder: Eine Verteidigung der Theorie

    In seinem Aufsatz zur Replikationskrise behauptet Aubrey Clayton, er habe einen großen Denkfehler aufgedeckt und sei damit einem Problem, vor dem die Wissenschaft steht, auf die Schliche gekommen.1 Doch er deckt das Problem nicht nur auf, als Mathematiker hat er auch eine Antwort parat: Bayes’ Statistik. Diese Antwort ist unzureichend, denn erstens ist diese Antwort der Wissenschaft selbst schon eingefallen, und zweitens wird der Satz von Bayes alleine die Replikationskrise nicht lösen. (mehr …)

  • Flugstunde. Eine Geschichte aus dem April 2020

    lle müssen sich umstellen, heißt es. Das ist für keinen leicht, sagt die Nachbarin und verabschiedet sich in ihre Wohnung. Die Kanzlerin sagt es auch, sie ist schon in ihrer Wohnung, aber man kann nicht viel erkennen. Es wäre zu schön, mal zu sehen, ob sie auch so eine Schrankwand und eine Sitzecke mit Stehlampe hat wie andere Leute. (mehr …)

  • Ein Gespräch über Bäume

    »Was sind das für Zeiten, wo || Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist || Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!« Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Philosophie – ein langes, fortgesetztes Gespräch mit einem von jenen »alten Büchern«, an die schon Brecht sich so gern gehalten hat – einem selbst schon vielleicht nicht gerade wie ein Verbrechen, so doch wie eine Flucht vorkommt … ein Gespräch mit der Philosophie als Gespräch über Bäume? (mehr …)

  • Seuche der Menschen, Seuche des Staates

    Präsident Washington, als furchtloser Feldherr in die Annalen eingegangen, hat das Weite gesucht, als 1796 das Gelbfieber in Philadelphia ausgebrochen ist: »Mein Wunsch war es«, erläutert er seinem Sekretär, »noch länger zu bleiben – da aber Mrs. Washington nicht bereit war, mich inmitten des heimtückischen Fiebers zurückzulassen, schien es mir unverantwortlich, sie und die Kinder damit zu belasten, dass ich noch weiter zugegen bin.«1 Und weg war er. (mehr …)

  • Hexen und Leihmütter. Silvia Federicis Kapitalismustheorie

    Jede Theorie des Kapitalismus steht und fällt mit der Entscheidung, welche Aspekte seiner Geschichte sie ein- oder ausschließt. Im historischen Material, auf anekdotischem oder definitorischem Weg gewonnene Behauptungen der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus implizieren Setzungen über seine räumliche und zeitliche Ausdehnung. So hat die Definition als kapitalintensive Massenproduktion nicht nur den Effekt, Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und industrielle Revolution bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander zu schieben. Sie führt auch dazu, dass bestimmte Weltregionen und Epochen aus der Geschichte herausgeschrieben werden.1

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  • Le Roi-Machine. Der ungewöhnliche Intellektuelle Pierre Rosanvallon

    »Unsere politischen Systeme können als demokratisch bezeichnet werden, doch demokratisch regiert werden wir nicht.« So beginnt Pierre Rosanvallons Buch Die gute Regierung.1 Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte, so dessen Grundthese, habe eine politische Verschiebung weg vom Modell der Demokratie parlamentarisch repräsentativen Zuschnitts, hin zu einem Primat der Exekutive stattgefunden. In mehr und mehr Ländern lasse sich eine »Tendenz zur Präsidialisierung« beobachten, selbst da, wo es sich, wie im Fall Großbritanniens, nominell weiterhin um parlamentarische Demokratien handele. (mehr …)