• Die Rückkehr des Königs. Das Subjekt in der apollinischen Postmoderne

    Zu den wichtigsten Fragen der bürgerlichen Gesellschaft gehört, was nach ihr kommt: Denkbar sind zum Beispiel proletarische oder klassenlose Formationen oder der archaische Zerfall in Banden. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass wir auf etwas anderes zusteuern: auf eine Gesellschaft der Könige, die jenes Herrschaftsprinzip wiederherstellt, das die bürgerliche Gesellschaft einst überwunden hatte. Erzwungen wird dies von Entwicklungen der Technik und vom Druck der Umwelt, also durch Verschiebungen im Mensch-Natur-Verhältnis. Sie verlangen einen neuen Menschen, der nicht mehr viel zu tun hat mit dem markterobernden, frei zirkulierenden und auch ein wenig rücksichtslosen Subjekt der vergangenen Epoche.

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  • Ein italienisches Selbstgespräch

    Die Philosophie ist sich uneins, was sie herausfinden will – letzte Dinge, korrekte Sätze, ganze Systeme, gute Ordnungen – da sagt jeder etwas anderes. Donatella di Cesare, Philosophin aus Rom, fügt diesen Positivbestimmungen eine negative hinzu und behauptet, es gehe ums Dagegensein. Nur wer weltfremd ist wie Thales (der antike Hans Guck-in-die-Luft), lästig wie Sokrates (die Stechfliege auf der Agora) und manchmal auch dunkel wie Heraklit, verdient es, Philosophin genannt zu werden. Als Negationskünstlerin braucht sie die Polis, um nachzuweisen, dass die Form nicht stimmt. (mehr …)
  • Kommt jetzt der globale Babeuf?

    Parallel zur virologischen und politberatenden (Was ist das und was können wir tun?) tobt derzeit eine politphilosophische Schlacht um die Zukunft der Welt. Da gibt es zwei Konflikte: Einmal den zwischen Kontraktionisten und Expansionistinnen um die Frage, ob die Globalisierung jetzt zurückgenommen (Claus Leggewie), wiederhergestellt (Ulrike Hermann) oder angetrieben wird, indem sie nun politische Strukturen bekommt. Zweitens wird über den Charakter der Nach-Corona-Politik gestritten: Ist der (Neo)Liberalismus am Ende (Heinz Bude), kommt jetzt eine autoritäre Welle (Giorgio Agamben, Naomi Klein, Groupe Tiqqun, Richard Sennett, Rene Schlott) oder doch noch der Kommunismus (Slavoj Žižek)? Beide Fragen gehören zusammen, weil sie den Ort (national, supranational, transnational oder global) und die Idee politischer Gemeinschaften verhandeln (liberal, sozialistisch, faschistisch, ökologistisch), sie sich also fragen, welches politische Gebilde aus der Corona-Situation hervorgeht, welchen Umfang es nach außen und innen annimmt und wie es die Bevölkerungsinteraktionen kontrolliert. Es geht also darum, wie das Material (die Gesellschaft) in eine Form (ihre Organisation) gebracht wird und welche Form dieser Form (der Ort) die richtige ist.

    Ort: Kontraktion und Expansion

    Was fehlt, ist eine Zusammenführung der widerstreitenden Positionen, denn wahrscheinlich haben, wie so oft, beide Seiten recht und unrecht zugleich: Die Kontraktionisten, weil tatsächlich erst einmal Grenzen geschlossen werden und sich die Nationalstaaten um sich selbst kümmern (vielleicht sogar ihre eigenen Staatsbürgerinnen in den Krankenhäusern bevorzugt behandeln werden); weil der Welthandel zurückgeht und die Börsen einbrechen; weil globale Lieferketten unterbrochen werden, die wahrscheinlich etwas regionaler als zuvor wieder aufgebaut werden; und weil Firmenpleiten anstehen und die Arbeitslosigkeit steigt, was den protektionistischen Druck auf die Regierungen erhöhen dürfte. Aber auch die Expansionistinnen haben recht, weil alle weltweit über das Gleiche diskutieren (es also eine globale Öffentlichkeit gibt), fieberhaft an einem Gegenmittel forschen und weil nun Stimmen lauter werden dürften, die der Weltgesellschaft einen staatlichen Überbau verpassen wollen, der zunächst einmal europäisch ausfallen dürfte (gerade dass Europa derzeit handlungsunfähig ist, könnte es künftig stärken, weil Krisenressourcen zentral besser mobilisierbar sind; was aber nicht heißt, dass es als liberales Projekt fortgesetzt werden muss, wahrscheinlicher ist eine Gesundheitsfestung Europa, denn Grenzen sind jetzt sehr gefragt). Wie kann das sein, dass beide Seiten recht haben, obwohl sie einander zu widersprechen scheinen? Die Globalisierung ist, und daran hält Maurizio Ferraris noch in seiner Turiner Corona-Isolation fest, unser „Schicksal“. Das mag schon sein, aber sie ist eines, das sich manchmal gegen sich selbst kehrt. Denn die Globalisierung meint nicht nur sich selbst, sie enthält zugleich ihr eigenes Gegenteil, die Deglobalisierung, die ihr wie ein Schatten durch die Geschichte folgt (was aber auch heißt, dass die Rücknahme ebenfalls wieder zurückgenommen wird, weshalb die Expansionistinnen doch wieder recht haben, aber auf andere, verschlungenere Weise als es ihnen vorschwebt). Schon ein flüchtigen Blick auf die Geschichte der Globalisierung (und der Formgenese ihrer Subjekte) zeigt, dass diese stets zwischen Expansion und Kontraktion oszillierte, Dass sie jetzt unterbrochen, aber (lesen ...)