• Der Weltgeist als Lachs. Geschichtsphilosophische Implikationen des chinesischen Aufstiegs

    Mit dem Reiche China hat die Geschichte zu beginnen.«1 Dieser erste Satz der hegelschen Weltgeschichtsphilosophie könnte uns bei der Deutung unserer Gegenwart behilflich sein. Denn wenn wir Hegels Dialektik ernst nehmen in ihrem Anspruch, Anfangs- und Endpunkt in eins zu setzen, so dass sie am Ende wieder »in ihren Ursprung mündet«,2 dann müsste das auch geophilosophisch gelten. Sehen wir die Sache so, dann ergibt sich eine ganz andere Lesart auf die geschichtsphilosophische Wegmarke 1989, als es Fukuyamas Diktum vom Ende der Geschichte (1992) nahelegt. Mauerfall und Zusammenbruch des Ostblocks als dem einzigen Konkurrenten des spätliberalen Westens bedeuten dann nicht das Ende der Geschichte – das kann es hegelianisch gedacht, und das beansprucht Fukuyama schließlich für sich, gar nicht sein –, aber eine Etappe auf dem Weg dorthin sind sie schon. (mehr …)
  • Die Zuspätrevoltierenden

    In Ostdeutschland wirbt die AfD erfolgreich mit dem Slogan »Vollende die Wende« und appelliert damit an das verbreitete Gefühl, hier sei 1989 etwas Erstaunliches auf den Weg gebracht worden, dann aber ins Stocken geraten und seither unabgegolten. Tatsächlich ist die ostdeutsche Revolte von 1989, die zur ersten erfolgreichen Revolution in der deutschen Geschichte hätte werden können, auf halber Strecke steckengeblieben. Die radikalen Anfangsideen, die sich nicht zur Vulgarität des Konkreten hinreißen ließen, sondern zunächst einmal nur eine utopische Spannung erzeugten, die das Gefühl nährte, alles sei möglich, diese fabelhaften Ideen von Leipzig und Berlin wurden, als die Kleinbürger aus Ost (D-Mark-Lüstlinge) und West (die mit der D-Mark im Gepäck) Lunte gerochen hatten, rasch überwältigt und im Einheitskitsch erstickt (»Wir sind ein Volk«). (mehr …)

  • Eurofaschismus – Wer gegen ihn ist, könnte für ihn sein

    An diesem EU-Wahlkampf fiel auf, wie viele abstrakte Unterstützer Europa hat: Fast alle großen Parteien, Redaktionen, Verwaltungen (»Berlin ist vereint, Europa soll es bleiben. Gib Europa deine Stimme!«) und Unternehmen (Bahn, VW, Spotify, Gesamtmetall und fritz-kola) riefen zur Wahl auf, um »den Rechten« (fritz-kola) das Wasser abzugraben. Ganz abgesehen davon, dass die wichtigste EU-Wahl wohl die deutsche Bundestagswahl ist (und vielleicht noch die französische Präsidentenkür), wo sich entscheidet, was der Rat entscheidet, also diesen demokratietheoretisch unschönen Fleck einmal beiseite gelassen und angenommen, es gäbe bei der EU-Parlamentswahl tatsächlich so viel zu bestimmen, wie alle behaupten, ist es doch seltsam, wie selbstverständlich eine Verwandtschaft von Europa und Liberalismus oder gar Emanzipation vorausgesetzt wird. (mehr …)