Ein italienisches Selbstgespräch

Die Philosophie ist sich uneins, was sie herausfinden will – letzte Dinge, korrekte Sätze, ganze Systeme, gute Ordnungen – da sagt jeder etwas anderes. Donatella di Cesare, Philosophin aus Rom, fügt diesen Positivbestimmungen eine negative hinzu und behauptet, es gehe ums Dagegensein. Nur wer weltfremd ist wie Thales (der antike Hans Guck-in-die-Luft), lästig wie Sokrates (die Stechfliege auf der Agora) und manchmal auch dunkel wie Heraklit, verdient es, Philosophin genannt zu werden. Als Negationskünstlerin braucht sie die Polis, um nachzuweisen, dass die Form nicht stimmt.

Ist diese Grundhaltung eingenommen, spürt sie ihre Gegner in der Gegenwart (die Namensverwandtschaften ist kein Zufall) auf, was bei di Cesare so aussieht: Sie ist gegen die parlamentarisch-plutokratische Ordnung, die sich ums Kapital schart und eine „räumlich-zeitliche Sättigung“ bewirkt. Besonders unanständig findet sie das Ranschmeißerische mancher Philosophen (sie ist also auch gegen ihre Kollegen), die sich zu „Pressesprechern der Demokratie“ machen. Denn die, so di Cesares Befund, funktioniert nur noch als „Konsensmaschine“ zur Absegnung bereits getroffener Entscheidungen, die der Menge durch einen Medienzirkus schmackhaft gemacht werden sollen. Bei einer derart geschlossenen Ordnung helfen keine Korrekturen hier und da, das Ganze muss über den Haufen geworfen werden. Wer das nicht tut, ist ein Stillhalter, ein Ordnungsknecht, der sich für di Cesare aus dem Kreis der Philosophen verabschiedet hat.

Dass man sich gegen die Ordnung ausspricht und damit Professorin wird, ist in Deutschland ungewöhnlich, in Italien aber normal, wo Uneinverstandene aller Art ein Zuhause finden. Der bekannteste ist Giorgio Agamben. Er wünscht sich den Untergang Europas, damit eine neue Kultur entstehen kann und wird, zusammen mit anderen Starphilosophen wie Antonio Negri und Roberto Esposito, dafür geliebt, dass er mit Globalisierung und Liberalismus hadert. (In Deutschland fast schon Frevel). Italiens philosophisches Establishment will offenbar nicht dazugehören; so wie das früher auch mal in Frankreich war. Seine Spuren hinterlässt es überall, wo es hinkommt. So ist zum Beispiel der linksradikalste Nachkriegsprofessor in Deutschland, Johannes Agnoli, in Italien aufgewachsen. Und dass „die Ordnung“ „in Berlin“ „herrscht“, hat die Deutschen lange nicht gestört – bis Francesco Masci es ihnen gesagt hat.

Diese Stimmung gegen die Ordnung hat sich im gesamten politischen Spektrum ausgebreitet, dessen Ränder Italiens geistige Mitte bilden. Ernst Nolte, in Deutschland verpönt, ist in Italien ein Klassiker. Die neue deutsche Rechte interessiert sich umgekehrt sehr für Italien, wo eine einflussreiche geopolitische Schule um Carlo Terracciano und Claudio Mutti entstehen konnte und Diego Fusaro ein Star ist. Er, ein Grenzgänger zwischen rechts und links, schafft eine Verbindung zu Marxisten wie Costanzo Preve, Domenico Losurdo oder Luciano Canfora, mit denen er sich in seiner Gegnerschaft zur US-geführten Globalisierung einig ist. Und wer einen illiberalen Blick zurück werfen möchte, wird ebenfalls in Italien fündig, wo jüngere Klassiker besonders lebendig sind: Linke lesen Gramsci, Rechte Evola – die Revolte scheint eine Italienerin zu sein und nur die Frage, was danach geschieht – ob linke, also gleichfreiheitliche Fortsetzung der Aufklärung oder rechter Abschied davon – ist noch offen.

Di Cesares „atopische“ Position hat also einen ganz bestimmten Ort, Italien, das eine besondere Beziehung zur Unordnung pflegt. Das kommt vielleicht daher, dass es wesenhaft mit der Ordnung verbunden ist, jetzt aber in eine prekäre Lage gerät. Seit Jahrzehnten dümpelt es im unteren Bereich des Weltoberhauses herum und rutscht langsam ab. Deshalb schaut man hier nüchterner aufs Weltsystem als zum Beispiel in Deutschland, wo die Nachkriegsordnung heilig ist und fette Beute eingebracht hat – zum Schluss sogar einen ganzen Kontinent, einen Staatenverbund, mit dem viele Italienerinnen nicht zufrieden sind. Sie finden die Ordnung öde, eng, überdreht und total: „Alles ändert sich – aber im Grunde ändert sich nichts wirklich. Träg verharrende Veränderung ist das Signum des synchronisierten Globus“ (di Cesare). Dass nichts Neues entsteht, langweilt Italien, das politisch experimentierfreudigste Land der Geschichte, ganz besonders. Einst hat es die Welt hervorgebracht, sie „umrundet, besetzt, vernetzt, vor- und dargestellt“ und jetzt muss es strampeln, um darin noch mithalten zu können.

In italienischen Renaissance-Städten ist der Kapitalismus entstanden, Venezianer und Geneuesen, die den spätmittelalterlichen Eurasienhandel organisierten und das koloniale Plantagensystem erfanden, haben die europäische Expansion angestoßen. Einer aus ihren Reihen, Christoph Kolumbus, erweiterte Europa nach Amerika, während genuesisches Kapital die portugiesischen Entdeckungsfahrten finanzierte, also Afrika und Asien dem Weltsystem hinzufügte. Obendrein wurden in Italien alle möglichen Regierungsformen erfunden – etwa Imperium, Theokratie, bürokratischer Stauferstaat, Stadtrepublik oder Faschismus; und mit Machiavelli brachte es den größten Experten der Herrschaft hervor. Weltsystem und Formgebung – die zweite Natur des Menschen und wie dieser darauf einwirkt – sind italienische Produkte.

Obwohl Italien die einzige europäische Macht zu sein scheint, die den Globus nicht erobert hat, hat es dies doch am gründlichsten getan. Es ist die europäische Anfangsmacht, von der jede weitere Geschichte ausgeht. Durch das Römische Reich hatte es schon alles erreicht und seine europäischen Abkömmlinge bemühten sich, es ihm gleichzutun. Vielleicht können wir die europäische Welteroberung als Italienkomplex deuten, als Versuch, mit Rom gleichzuziehen.

Das könnte der Grund dafür sein, warum in Italien Geschichts- und Geophilosophien so beliebt sind: Sie handeln vom Ganzen, das italienisch ist. Das Interesse am Weltgeist ist also Bescheidenheit und die italienische Schusterin bleibt bei ihren Leisten des Weltsystems. Das hat sie geschaffen, damit kennt sie sich aus, das kritisiert sie jetzt, weil es ihr über den Kopf gewachsen ist und sie als deklassierte Schöpfungsadelige zurücklässt. Lesen wir die Geschichte auf diese Weise, verschieben sich ein paar Bedeutungen unseres Gegenstandes: Italiens Ordnungskritik richtet sich gegen die eigenen Produkte, di Cesares „Atopik“ ist die Antwort auf die italienische Raumrevolution und ihr „Anarchismus“ die Widerrufung jener „Archismen“, die in Italien entstanden sind. Wir lauschen hier einem italienischen Selbstgespräch.

Deutschland spielt darin eine besondere Rolle, die umgekehrt zur wirtschaftlichen Import-Export-Struktur funktioniert (die Handels- gleicht vielleicht nur die Politikbilanz aus): Italien ist das Land, von dem alles ausgeht, Deutschland das Land, in das alles hineingeht und dort eine heftige Reaktion hervorruft. Das Römische Reich entstand in Italien, wanderte nach Deutschland ab und wurde „heilig“. Mit dem italienischen Papsttum rangen zuerst die deutschen Kaiser und anschließend Luther. Die europäische Welteroberung, die erste Globalisierung, ist eine italienisch-iberische Schöpfung und kontrahierte in Deutschland als Dreißigjähriger Krieg. Die französische Revolutionsmoderne ist das Exportprodukt Napoleons, der als Italiener geboren wurde. Sein erstes Ziel war Deutschland, das zur Antwort den heiligen Krieg gegen die Moderne entfesselte. Die Regierungsform dazu erfanden aber italienische Faschisten und die Deutschen steigerten sie ins Grenzenlose. Später hat Italien den Populismus eines Medienzampanos erfunden, aber diese Idee haben bisher nur die US-Amerikaner aufgenommen. Berlusconis Erben tüfteln derweil an neuen Schöpfungen, die die „Souveränität“ gegen das „Diktat aus Brüssel“ in Stellung bringen. Dabei geraten die links-rechts-Fronten durcheinander.

Italien ist das Land der Subjekte, Deutschland das der Objekte. Italien schafft etwas Neues, die Deutschen bekommen es ab, fügen ihm etwas hinzu und denken darüber danach. Das wiederum interessiert viele Italiener, die ihre Schöpfungsgeschichte begreifen und fortsetzen wollen. Deshalb lesen sie deutsche Philosophen. Di Cesare zum Beispiel ist Spezialistin für Heidegger, Gadamer und Benjamin, andere bevorzugen Fichte, Marx, Nietzsche oder Arendt.

Doch hinter der Lektüre verbirgt sich vielleicht noch immer ein Schöpfungsanspruch, der damit beginnt, der Herrschaft zu widerstehen. Aus zwei Gründen – dem Wunsch nach (Gegen-)Machtbildung und einem künstlerischen Schaffensdrang – denken viele Italienerinnen gegen eine Ordnung, die einst in Italien entstanden ist, sodass hier ein Land gegen sich selbst interveniert und zur Geste der Immanenz ausholt (Negri hat daraus seine Empire-Multitude-Theorie gemacht). Im globalen Zeitalter gibt es, wie di Cesare sagt, ohnehin „kein Außen mehr“, weshalb dialektisches Denken hoch im Kurs steht. Und so ist es gerade Italiens positive Kraft, die es zur Negation zwingt. Davon handelt Donatella di Cesares Buch, das eigentliches eines für Ordnungen ist, auch wenn es zunächst vom Gegenteil handelt.

Donatella di Cesare: Von der politischen Berufung der Philosophie, Berlin: Matthes & Seitz 2020.

Hinweis: Noch mehr zu Italien finden Sie in Motiz Rudolphs Essay „Wofür steht Rom?“, der im Blog des von ihm mitherausgegebenen Magazins Agave erschienen ist.


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