Woher kommt jetzt diese Frage? Zu Rainald Goetz‘ „Reich des Todes“

Drei Frauen tanzen im neuen Stück von Rainald Goetz, Reich des Todes, wie Tick, Trick und Track auf der Bühne im Gleichschwung zu einem Lied über Coca-Cola, die rote Imperalistenbrause. Die Schauspielerinnen singen das Lied selber, zu dem sie sich im Takt wie einst Marlene Dietrich oder Marilyn Monroe vor den amerikanischen Soldaten wiegen. Coca-Cola ist ein Zeichen, das durch das Stück immer wieder verwendet wird. Sie ist leistungssteigernd, sie ist voller Zucker, sie hebt die Stimmung und sie wird in die ganze Welt exportiert. Ein amerikanischer Krieg ohne Coca-Cola scheint undenkbar. Die Performance der Truppenunterhalterinnen soll die Arbeitsmoral der amerikanischen Soldaten heben. Die Arbeit bestand 2003-2004 im Irak darin, an Informationen zu kommen, wer für die Anschläge auf die Twin-Towers verantwortlich zu machen sein könnte.

Im Video zu dem Lied Candyman von Christina Aguilera geht es auch um diese soldatischen Entertainerinnen des amerikanischen Militärs. Auch hier wird die gleiche singende Frau verdreifacht, so dass die Sängerin in der Videomontage drei Mal mit anderen Haarfarben, die eine neben der andern erscheint. Hypersexualisiert erscheint die Frau als fast-identische Wiederholung einer Fantasie. Alle Frauen müssen Sex haben oder sich ausziehen. Alle Figuren haben fiktive Namen bekommen, aber sind Abbildungen realer Figuren. Das irakische Kriegs- und Foltergefängnis ist, immer abwechselnd mit den Konferenzräumen, gut drei Stunden lang Schauplatz des Stücks. Neben Condoleezza Rice gibt es die Ehefrau des Präsidenten George W. Bush, im Irak zwei Wärterinnen, die im Stück Cindy und Eve heißen. Bei ihnen handelt es sich offensichtlich um Lynndie England und Sabrina Harman.

Auch wenn man über die Männer auf der Bühne sagen könnte, dass sie sich alle irgendwie ähnlich sind, gibt es doch Unterschiede: Während nicht alle Männer Sex haben müssen, müssen alle Frauen irgendwie sexualisiert werden. Im Falle von England erinnert sich die Welt daran, wie sie mit Siegerpose und ausgestreckten Zeigefinger auf die Penisse gefesselter Gefangener zeigt. Von Harman erinnert man das Lippenstiftlächeln in die Kamera, während sie gebückt über gesichtslosen Opfern posiert. Und so wird das der Aufführung unterliegende Thema: Frauen und Männer sind Täter bzw. Täterinnen. Die Welt erinnert sich daran, dass auch an dem Penis des Gefolterten mit Spitzenhut, dessen Abbild emblematisch für die Folter in Abu Ghraib wurde, Elektrodrähte verkabelt waren. Die Gewalt dort hat also irgendwas mit Sex zu tun.

Die exponierte Sexualität im Stück wird irgendwann auch thematisiert. Während die Vorsteherin des Gefängnisses überzeugt davon ist, dass die Gewalt nur sexualisiert aussieht, aber nichts mit Sexualität zu tun hat, ist eine Wärterin der Meinung, dass durchaus sexuell war, was da passiert ist. Früh im Stück wird ein Frauenaufmarsch der Nazis projiziert. Sexualität wird nur anhand der Frauen thematisiert. In der Sexualisierung der Opfer und Täter wird die ganze sexuelle Matrix der Folter sichtbar. Auch wenn Frauen Täter sind, sind sie männlich und auch wenn die Opfer Männer sind, sind sie verweiblicht. Das wird durch die Szene unterstützt in der Condoleezza Rice mit einem Strap-On auf der Bühne steht. Ist das Stück einfach eine sehr gute Abbildung der bestehenden Verhältnisse oder reproduziert das Stück bestehende Sexismen?

Von der Regisseurin Karin Beier erfrischend gelöst ist, dass die Frauen sich nicht wirklich ausziehen müssen. Unter der Unterwäsche ist noch eine Lage schwarzer Stoff. Es gibt den Abend über aber auch wirklich peinliche Momente. Das Gericht kommt nicht zum Ende, weil ein Behindertenzugang gebaut werden muss. Ist das ein Witz? Es werden Witze über die „Morgenlatte“ gemacht. In einer Szene tauchen zwei Clowns auf, die wild sexuell gestikulieren. Sie gestikulieren Geschlechtsverkehr und große Brüste. Entweder man versteht eine höhere ironische Ebene nicht oder es ist einfach nur unbedarft naiv.

Abu Ghraib ist das „Reich des Todes“. Die Männer bekommen lange Monologe der Selbstwahrnehmung, die Frauen dagegen nicht. In die reflektierenden Passagen sind auch verschiedene Alter Egos des Autors Rainald Goetz verpackt. Manchmal offensichtlich, wie in einer Szene, in der der Oberjustizrat sich à la Bachmannpreis-Lesung die Stirn schlitzt. Manchmal verdeckter, wenn man merkt, dass die Reflexion in der Rede der Schauspieler_innen sich nicht direkt auf das Geschehen bezieht, sondern total darüber hinausgeht. Die schwelende und sich am Ende entladende Frage ist: „Und was ist eigentlich mit mir?“ Das Reich des Todes wird zu einer existentiellen Programmatik, in der sich der Autor selbst innerhalb des Geschehenen situiert. In einem typischen Goetz-Moment wird das Dokumentierte zu einem individuellen Drama. Das Abu Ghraib geschehen endet mit dem Gericht, aber der Prozess kommt zu keinem Ende. Er fragt sich, wie die Gefolterten, wann wird der Tod kommen. Von der Unsterblichkeit der Seele ist die Rede. „Ich bin noch nicht tot“ heißt es am Ende.

In einer komischen Wendung kommt es zur Verherrlichung der Missbrauchten. Die Gefolterten werden heiliggesprochen: Im Martyrium verlässt die Seele den Körper. Wie in einer schlechten Deutung der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik ist der Geknechtete der eigentlich Freie. Das ignoriert den absolut gewalthaften Zwang, in dem sich die Gefangenen befanden, der auch nicht existentiell vergleichbar ist mit der Frage nach dem Tod im Allgemeinen. Goetz‘ Text ist so katholisch, dass selbst die irakischen Gefangenen anfangen, zur Mutter Maria zu beten, das Motiv des Tags des Jüngsten Gerichts für die Folterer wird in Form einer Messe abgehalten.

Zwischendurch sind im Hintergrund aber auch ganz unterschiedliche Bilder zu sehen: Von Goyas Satan isst seinen Sohn bis zu Henry Wallis Der Tod von Chatterton. Wir sehen Fotos von Kindern, mit halb abgerissenen Körpern. Man will weggucken. Humanistisch gelesen wäre das Stück eine Ermahnung, den Blick nicht abzuwenden. Es ist sehr genaues dokumentarisches Theater: Dieser Teil ist unterhaltsam oder fesselnd. Man weiß nicht genau, was von beidem. Jedenfalls entfaltet sich zwischen den Personen eine verständliche und erzählerische Dramaturgie. Dann folgen langatmige Reflexionen.

Wie Streber wirken die Schauspieler: Bloß gut spielen, bloß alles richtig machen. Die Inszenierung wirkt auch etwas streberhaft: Bloß genügend Effekte und alle Talente und Fähigkeiten gut ausgebildeter Schauspieler ausnutzen. Daniel Hoevels als Dr. Schill spielt wirklich richtig gut, eigenständig und neu. Er probiert tolle Gesichtsmimik aus, bei der er erst fast den Text vergisst, aber das ist weniger wichtig. Er erspielt sich einen Freiraum im Stück. Die Szene, in der er Heideggers Schwarze Hefte aufs Korn nimmt, wird vielleicht zur besten Szene des Stücks.

Eine etwas heruntergefahrene Inszenierung hätte dem Stück bestimmt gutgetan. Die Schlussszene ist ein Chor. „Where is the fun? Wo bleibt der Spaß?“ verhallt irgendwo im Raum. Im Stück ist ihre Resonanz nicht zu erkennen. Woher kommt jetzt diese Frage? Es bleiben viele Fragen hinten und vorne offen. Aber anders als bei den anderen Stücken von Goetz regt es nicht zum Nachdenken und Nachforschen an. Das Stück scheint hermetisch und unfertig in sich geschlossen – und nicht im guten, fragmentarischen Sinn.


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