• Die Republik der Außenseiterin

    Die Bundeskanzler der Bundesrepublik waren zumeist Insider, die sowohl eine parteipolitische als auch eine föderative Machtbasis hatten. Patrick Bahners hat Helmut Kohl in seiner Biografie als politischen Insider par excellence beschrieben, dessen Macht nicht auf Charisma gründete, sondern auf einer von Jugend an erworbenen Vertrautheit mit den Lebenswelten der Partei-, der Landes- und der Bundespolitik. Aber auch Schröder, Schmidt und Brandt waren Insider. Dagegen hat Angela Merkel das Kanzleramt als Außenseiterin ohne sogenannte Hausmacht in Partei und Fraktion betreten. Ihre Regierungszeit hat die Verfassungslage der Bundesrepublik so fundamental verändert wie zuvor nur die sozialliberale Ära. »Merkel hat die Republik nicht nur verwaltet. Sie hat die Regeln der alten BRD kontrolliert gesprengt«, hat der Politikwissenschaftler Philip Manow in einem der Nachrufe auf die Kanzlerin geschrieben, die zu Beginn ihrer vierten Amtszeit erschienen.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Technokratie oder Moral?

    Die Klagen über ihren »undemokratischen« Regierungsstil füllen inzwischen Bände. Doch was damit gemeint ist, ist merkwürdig unklar geblieben. Von Verschwörungstheorien und abstrusen Behauptungen wie dem Umvolkungsnarrativ einmal abgesehen, konkurrieren im Wesentlichen zwei Deutungen. Für die einen besteht das demokratische Problem dieser Kanzlerschaft vor allem in der Logik des Sachzwangs und einer unpolitischen Technokratie. Als Sündenfall der Merkel-Ära gilt neuerdings ihre Sprache, jenes Ensemble aus »toxischen Phrasen« einer vermeintlichen Alternativlosigkeit (»TINA«), die jede demokratische Entscheidung unterlaufen.  [2. Astrid Séville, Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. München: Beck 2018.] Die Bundeskanzlerin wäre dann die Volkstribunin einer Wohlstandsgesellschaft mit abnehmendem politischen Orientierungsbedarf: Lebt euer Leben, ich kümmere mich um den Rest. Nur trifft das Urteil aber spezifisch weder auf die Person der Bundeskanzlerin noch auf die Politik ihrer Zeit, sondern auf eine ganze Epoche zu. In den Nullerjahren sprachen ja auch Unternehmensberater, Politikwissenschaftler und Lebensratgeber im weichen Sound der Technokratie. Gerhard Schröders Interpretation der Richtlinienkompetenz (»Basta-Politik«), die er seit dem Frühjahr 2003 praktizierte, stand jedenfalls in schlechtem Ansehen. Wer wollte der Politik aber verübeln, dass sie zu einer Gesellschaft, die die Macht verachtet, in einer Sprache spricht, die sie dezent verschweigt und durch Management ersetzt? Dass diese Sprache heute niemand mehr hören kann und sie trotzdem bei Wahlen gelegentlich honoriert wird, kann man schwerlich der Politik in die Schuhe schieben.

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    Anderen gilt gerade das Gegenteil von Sachzwang als undemokratisch, nämlich hochgradig kontingente, disruptive Politikwechsel: Wehrpflicht, Atomausstieg, Euro-Rettung, Flüchtlingskrise und Ehe für alle sind Stichworte einer Politik, mit der Partei und Parlament gezielt überrumpelt wurden. Niemand würde es heute mehr – wie noch Arnulf Baring kurz nach der Wiederwahl der rot-grünen Regierung und ein halbes Jahr vor Beginn der Agenda-Reformen – für bedauerlich halten, dass das Grundgesetz keinen Artikel 48 kennt und deswegen »erforderliche, schmerzliche Reformen ohne das Parlament […] mit Hilfe präsidialer Notverordnungen« unmöglich sind. [3. Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden! Deutschland auf dem Weg zu einer westlichen DDR. In: FAZ vom 19. November 2002.] Die fundamentalen politischen Entscheidungen seit 2005 wurden meist ganz und gar nicht technokratisch, sondern, jeweils mit den Mitteln demografischer Feinsteuerung, ziemlich explizit moralisch begründet. Darauf hat Christoph Möllers vor kurzem aufmerksam gemacht: »In vielen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gilt die Verbindung von Sparsamkeit gegenüber Griechenland, einem Mitglied der EU, und Offenheit gegenüber außereuropäischen (lesen ...)

  • It’s Over. Begegnungen in Hongkong

    Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Die Hochhäuser ragen in den Himmel wie die stumpfen Stacheln eines versteinerten Igels. In der Lockhart Road, wo alte, biertrinkende, weiße Männer in Bars mit jungen, cocktailtrinkenden, asiatischen Prostituierten und Escort-Damen tändeln, wabert der gewohnte süßsäuerliche Fäulnisgeruch. Geschäftsmänner steigen in ihre Teslas ein, Geschäftsmänner steigen aus ihren Teslas aus. Auf den Märkten zappelt Meeresgetier in flachen Becken seinem kulinarischen Ende entgegen, und in den Boutiquen boomt das Luxus-Shopping. Am Wochenende treffen sich in den Parks die immer noch in prekärer rechtlicher und finanzieller Lage darbenden »domestic helpers« von den Philippinen, aus Malaysia, Indonesien, während ihre Arbeitgeber im Happy Valley Pferderennen verfolgen. In den Häuserschluchten, zwischen den Leuchtreklamen und den Imbissbuden, begegnet man weiterhin jenen älteren Frauen, die mit Handkarren im Gewimmel umhermanövrieren; die Blicke starr, die Rücken krumm, der Gang eine unverwechselbare Mischung aus Tippeln und Schlurfen. Und doch ist etwas anders im Hongkong des Jahres 2018. Ein Narrativ kursiert in der Sonderverwaltungszone, wird unablässig wiederholt und weitergegeben. Bei Tischgesprächen in den Cafés. In den Medien. Unter Studierenden an Hochschulen. Auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken. Es lautet: It’s over.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    »Mainlandization«

    In einem Restaurant bei North Point entspinnt sich im Januar 2018 ein spontanes Gespräch mit einem Geschäftsmann aus der Finanzbranche. Er ist Anfang vierzig, wacher Blick, ausgezeichnetes Englisch, Familienvater, seit dreizehn Jahren im Business und dies augenscheinlich sehr erfolgreich. Hongkong sei jahrzehntelang ein Leuchtturm in der Region gewesen, erzählt er, während er sich seine Steamed Pork Dumplings munden lässt. Nicht nur als Labor der Finanzindustrie. Sondern auch als Hort einer eigenständigen, hybriden Gesellschaft, die weder chinesisch noch westlich im engeren Sinne sei. Seit ein paar Jahren sehe er jedoch schwarz für sie: »Hongkong ist im Niedergang.« Der ehemaligen britischen Kronkolonie war 1997 bei der Rückgabe an die Volksrepublik China bis zum Jahr 2047 weitreichende Autonomie zugestanden worden. Das Motto lautete: »Ein Land, zwei Systeme«. Dessen ungeachtet greift die Kommunistische Partei der Volksrepublik unter Staatspräsident Xi Jinping immer stärker, immer unverhohlener in Politik, Wirtschaft, Bildung und Justiz Hongkongs ein. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Die düstere Schilderung des Geschäftsmanns steht in merkwürdigem Kontrast zu seiner guten Laune. Hongkong, fährt er kauend und lächelnd fort, zehre von den Errungenschaften der Vergangenheit. Ihm selbst gehe es zwar gut, er verdiene prächtig, besitze ein paar Immobilien, die Kinder gingen auf Privatschulen. Doch die allgemeinen Aussichten seien düster. Die nach Hongkong strömenden Chinesen vom Festland seien aggressiver, die kommunistischen Kader trickreicher, strategischer, skrupelloser, härter, besser geschult für brutalen Wettbewerb. Hongkongs Bevölkerung sei zu soft. Nicht zuletzt gebreche es ihr am militärischen Training – für Bürger Hongkongs besteht keine Wehrpflicht. Und während in der Volksrepublik laufend existentielle Konflikte bewältigt werden müssten, habe Hongkong als prosperierende Sonderverwaltungszone das Privileg gehabt, sich einigermaßen ungestört aufs Ökonomische konzentrieren zu können. »Bei uns ging es viel zu lange nur ums Geldmachen; sich politisch oder kulturell zu engagieren, liegt den meisten Bewohnern fern.« Diese Konzentration wiege doppelt schwer, weil Hongkong innerhalb des ökonomischen Sektors einseitig auf Finanzen und Immobilien fokussiere. Man müsse sich wirtschaftlich diversifizieren – etwa im Hightech-Bereich. »Doch mit was zahlen wir hier? Mit der alten Octopus Card. In China zahlt man bereits überall mit dem Smartphone.« Im selben Atemzug beklagt er die lückenlose Überwachung in China, ob im Internet oder mit Gesichts-Scannern im öffentlichen Raum: »Die Partei sitzt fest im Sattel, und die neuen Technologien verstärken ihre Macht. Früher hätte jemand heimlich eine Untergrundarmee aufbauen können. Aber heute? Unmöglich. Die sehen alles.« Signifikante Teile der Hongkonger Industrie sind längst in die Volksrepublik abgewandert. Das kommunistische Regime setzt vor allem auf das angrenzende Shenzhen, um Hongkong zu schwächen. In der komplett videoüberwachten Megastadt (lesen ...)
  • Aussichten für Ambazonien

    Am 5. Januar 2018 entführten nigerianische Sicherheitskräfte zwölf Männer aus einem Hotel in Abuja, der Hauptstadt von Nigeria. Alle gehörten der selbsternannten Regierung der Republik Ambazonien an, Afrikas jüngster Sezessionsbewegung im Nachbarland Kamerun, und alle waren als Flüchtlinge nach Nigeria gekommen. Einige von ihnen lebten schon eine ganze Weile im Land, darunter Sisiku Julius Ayuk Tabe, der »Präsident in spe« des aufstrebenden Ambazonien und, sollte es je dazu kommen, eines Volks von ungefähr fünf Millionen Menschen. Zunächst machte die nigerianische Presse viel Wirbel um die Entführung, seither aber hat man kaum mehr etwas von der Sache gehört. Der leitende Redakteur einer führenden nigerianischen Tageszeitung erklärte mir gegenüber, er scheue sich keineswegs, die Story anzugehen: Es sei ihm einfach nicht in den Sinn gekommen, dass man darüber berichten müsse.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Die Frage, die die Abspaltung Ambazoniens unvermeidlich aufwirft, lautet: Sind afrikanische Staaten, die ihre Grenzen der Kolonialzeit verdanken, in der Form, wie sie vom europäischen Imperialismus geschaffen wurden, überhaupt noch lebensfähig? Die afrikanischen Staatschefs, die Afrikanische Union und ihr Vorgänger, die Organisation für Afrikanische Einheit, haben sich stets gegen die Idee ausgesprochen, Staatsgrenzen neu zu ziehen. Die alten Kolonialgrenzen, so unbefriedigend sie auch sein mochten, sollten bleiben, wie sie sind. Eine Neuordnung moderner Staaten nach dem Modell der vorkolonialen Vereinbarungen zwischen religiösen Gruppen und Völkern (oder »Stämmen«, wie man uns nannte) würde noch mehr Chaos verursachen. Dass sich die Gründung des Südsudan im Jahr 2011 zur Katastrophe auswuchs, schien den Beweis dafür zu liefern. Doch auch Rohstoffvorkommen spielen bei diesen Überlegungen eine Rolle: Der neue Staat Ambazonien würde über fast alle Öl- und Gasreserven vor der kamerunischen Küste verfügen sowie über wertvolle Hochwälder im Landesinneren. Mich, einen Nigerianer, erinnert die aufkeimende separatistische Bewegung im benachbarten Kamerun daran, dass die Grenzprobleme des Kontinents mehr mit der Unfähigkeit seiner Regierungen zu tun haben, riesige Territorien zu verwalten, als damit, dass Grenzen tatsächlich unklar oder Landstriche umkämpft wären. Kamerun und Nigeria haben zwar langwierige und kostspielige Grenzstreitigkeiten miteinander geführt, aber viel bedeutsamer ist jetzt, dass beide Länder sich inzwischen in die lange Liste der afrikanischen Staaten – darunter die Zentralafrikanische Republik, Tschad, Niger, Sudan und Somalia – eingereiht haben, in denen die Macht des Regimes nicht bis in die Randgebiete reicht. Boko Haram machte sich diese Situation in Nigeria zunutze und verschärfte sie noch. In Kamerun entstand der Wunsch nach einem unabhängigen englischsprachigen Ambazonien, weitab von der französischsprachigen Hauptstadt Yaoundé, nachdem die Region von der Zentralregierung jahrelang durch Repressalien drangsaliert, ansonsten aber vollkommen vernachlässigt worden war. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Die Konfliktlinien verlaufen zwischen den marginalisierten englischsprachigen Kamerunern, deren Vorfahren unter britischer Herrschaft lebten, und der französischsprachigen Regierung, die über eine Bevölkerung von rund 20 Millionen Menschen herrscht, deren Amtssprache Französisch ist, auch wenn viele es gar nicht sprechen. Der Konflikt eskaliert nun mit rasender Geschwindigkeit, es gab mehrere »ambazonische« sezessionistische Aufstände mit Zehntausenden Vertriebenen, von denen viele in Nigeria Zuflucht suchen. Wenn es nach Afrikas Regierungschefs ginge, wird Ambazonien – der Name verdankt sich der Kolonie für befreite Sklaven, die die englische Baptist Missionary Society in Ambas Bay gegründet hatte – niemals das Tageslicht erblicken. Für sie wäre es das unheilvolle Signal, dass die Staatsgrenzen in West- und Zentralafrika ab jetzt offen auf dem Verhandlungstisch liegen. Die Führungselite Nigerias, deren Vorgänger in den 1960er Jahren den gescheiterten Abspaltungsversuch der Igbo erlebten, der einen schrecklichen Bürgerkrieg nach sich zog, kann einer Unabhängigkeitsbewegung direkt vor der eigenen Haustür nichts abgewinnen. Die Entführungen im Januar hätten das nicht deutlicher machen können. Doch ebenso klar ist, dass die bloße Ausschaltung der »Ambazonischen Exilregierung« die Unruhen in Kamerun nicht beenden wird. Besorgt verfolgte ich die Geschehnisse von Lagos aus. Die Behörden in (lesen ...)
  • Héberts Tod

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    .Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit. Robespierre

    Der Kopf von Jacques-René Hébert (1757–1794) kann nicht mehr besichtigt werden. Im April 2016 schloss die Chamber of Horrors von Madame Tussauds in London; die Beschwerden besorgter Eltern waren zu zahlreich und zu vehement geworden. Damit verbannte das Unternehmen seine Gründungsgeschichte in den Keller. Die Wachsköpfe der guillotinierten Revolutionäre waren das Startkapital, das die Straßburgerin Marie Grosholtz 1802 nach England mitbrachte und dem sie den Erfolg ihrer Ausstellung verdankte. Noch immer kommt das Publikum in Scharen zu Madame Tussauds, doch die Faszination für den Gesichtsausdruck im Augenblick des Todes hat sich offenbar nicht gehalten.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Bis dahin war der aufgespießte Kopf Héberts zwischen den Häuptern Jean-Baptiste Carriers und Maximilien Robespierres aufgereiht. Die schlechte Gesellschaft spricht für Héberts üblen Ruf. Und man kann in der Platzierung eine Art Hierarchie der Erinnerung erkennen: Wenn Carrier nur mehr als barbarischer »Schlächter von Nantes« bekannt ist und Robespierre die schillernde Inkarnation der terreur, rangiert Hébert dazwischen, als »monstre subalterne« (Louis-Sébastien Mercier). Der Journalist und Politiker ist eine prominente Nebenfigur der Revolution. Er trug den fiesen Teil zum Martyrium Marie-Antoinettes bei und begründete mit seiner vulgären Zeitung, dem Père Duchesne, den populistischen, ultraradikalen Hébertismus. In Frankreich taugen die großen Revolutionäre immer noch zur politischen Identifikation: Hält man zu Robespierre oder Danton, zu den Jakobinern oder den Girondisten, den Radikalen, den Gemäßigten oder gar den Monarchisten? Hébert spielt bei diesen historischen Selbstverortungen keine Rolle, weder als Held noch als finsterer Gegenspieler. Denn Hébert gilt als »charakterlos« (Albert Soboul), und das liegt an seinem Tod. Die Anekdote seines jämmerlichen Sterbens ist immer wieder erzählt worden: Am 24. März 1794 wurden die Hébertisten verurteilt und noch am gleichen Tag guillotiniert. Auf dem Weg zur Place de la Révolution kamen Hébert die Tränen. Die Sansculotten verspotteten ihn, und er hatte schreckliche Angst, weinte, zitterte, taumelte, fiel in Ohnmacht und schrie vergeblich um sein Leben. Dazu passen die letzten Worte, die ihm der Henker Sanson in seinen (apokryphen) Memoiren in den Mund gelegt hat: »Pas encore«. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Die Geschichte ist grauenhaft und taucht in fast allen großen Revolutionsdarstellungen des 19. Jahrhunderts auf. In den letzten Jahrzehnten ist sie merklich seltener erzählt worden, doch bis heute führt sie mit ihrem geschmähten Protagonisten eine Schattenexistenz in den Nebensätzen und Fußnoten. Sie verschwindet nicht, weil sie das feige Wesen Héberts auf den Punkt bringt – der Gedanke, dass der Tod die Wahrheit über einen Menschen verrät, leuchtet offenbar weiterhin ein. Die Historiker folgen damit einer Argumentationslogik, die auf den öffentlichen Ankläger Fouquier-Tinville zurückgeht, der in Ermangelung von Beweisen statt einer Verschwörung Verschwörer bewies. Und sie schreiben eine Geschichte fort, die vielleicht überhaupt nicht stimmt, die man in jedem Fall auch anders erzählen könnte.

    Die Verhaftung

    In der Nacht vom 13. auf den 14. März 1794 wurde Jacques-René Hébert zusammen mit François-Nicolas Vincent, bis kurz zuvor erster Sekretär des Kriegsministeriums, Charles-Philippe Ronsin, General der Pariser Armée Révolutionnaire , und Antoine-François Momoro, Präsident des Club des Cordeliers, auf Anordnung des Wohlfahrtsausschusses festgenommen. Hintergrund der Verhaftung war ein politischer Machtkampf, den die Gruppe um Robespierre erst gegen die »Ultraradikalen«, wenige Wochen später gegen die »Nachsichtigen« um Danton und Desmoulins führte. Die vier Verhafteten waren namhafte und einflussreiche Wortführer der Sansculotten und verfochten das vage Programm einer direkten Demokratie, eine radikale Politik für die sozioökonomische Gleichheit aller (nichtaristokratischen) Bürger, eine expansive Kriegspolitik, den »Kult der Vernunft« und die unnachgiebige Verfolgung aller Wucherer und Konterrevolutionäre. Sie waren die selbsternannten Advokaten des Volks, und insbesondere Hébert verfügte mit dem populären und auflagenstarken Père (lesen ...)
  • Ostküste. Popkolumne

    Und jetzt sind sie wirklich überall und nicht mehr zu übersehen. Feine Sahne Fischfilet finden sich nicht mehr nur auf den Partys und Sweatshirts von Antifa, vorpommerscher Jugend und linken Studierenden. Als im September 2018 in Chemnitz innerhalb kürzester Zeit auf Initiative der Band Kraftklub ein Musikfestival unter dem Hashtag #WirSindMehr die Straßen und Plätze der Stadt vom rassistischen Mob zurückerobert, ist das Provokationspotential von Feine Sahne Fischfilet so hoch, dass der Bundespräsident für seinen via Facebook geteilten Hinweis auf das Konzert massiv kritisiert wird. (mehr …)
  • Das Autonomieproblem digitaler Gesellschaften. Digitalkolumne

    Die Frage nach der Autonomie ist brisant. Wer kann aus dem Einsatz von Rechnern, Software und Netzwerken Autonomiegewinne ziehen, wo werden Autonomieansprüche algorithmisch beschnitten? Datenschutz und Überwachung, die Diskussionen um Big Data und Algorithmen sowie die Auseinandersetzungen um soziale Medien, filter bubbles und politische Manipulation kehren immer wieder an den Punkt zurück, wo es um bedrohte Selbstbestimmung oder um erhoffte Autonomie geht. Autonomie ist ein Hochwertwort der Gegenwart. Neu ist nur, dass es in letzter Zeit gerne in den Zusammenhang mit Algorithmen gebracht wird. Tag für Tag scheiden sich die Geister an der im Google Car erfahrbar gewordenen algorithmischen Autonomie von Automobilen. Letztlich geht es dabei um die Frage nach dem Verhältnis von Freiheitsermöglichung und Freiheitsbeschränkung in der Konsumwelt, im Gesundheitswesen, ja selbst in der Demokratie und der Spielwelt.

    Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.

    Soll man angesichts dieser Veränderungen zum Apologeten des Technischen werden und verharmlosen, wo Skepsis angebracht ist? Oder muss man zum Apokalyptiker werden und übertreiben, wo die Technik das Malaise schon antrifft? Ein technikhistorisch informierter Blick auf die Erscheinungsformen der Autonomie in der Epoche der digitalen Wirklichkeit löst das Dilemma, wenn Autonomie nicht normativ oder begriffsgeschichtlich umzingelt, sondern als Aushandlungszone für verständigungsorientiertes Handeln verstanden wird. Das Beispiel der rechnergestützten Verwaltung ist schon lange ein gutes Beispiel, um das Verhältnis von Computer und Gesellschaft besser beobachten und verstehen zu können und über Prozesse soziotechnischer Selbstvergewisserung und Verständigung nachzudenken.

    Autonomie in der digitalen Wirklichkeit

    Kommerziell einsetzbare elektronische Rechner, wie sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum ersten Mal entstanden sind, zeichneten sich in den Augen ihrer Anwender durch eine hohe Sortierleistung bei maximaler Sturheit aus. Das eine war ein attraktives Versprechen, das andere eine Tatsache, mit der man gleich nach der Auslieferung einer Anlage auf unliebsame Weise konfrontiert wurde. Rechner taten einfach gar nichts, wenn man es ihnen nicht mühsam, Schritt für Schritt und immer schriftlich beibrachte. Danach wurden Rechner wie vor ihnen bereits Automaten vollkommen fremdgesteuert – von Programmen, die Programmierer aufgrund der Anweisungen der Maschinenbauer in Maschinensprache geschrieben hatten. Man musste sie bedienen und in den Gehorsam zwingen, und das ging nur, wenn der Disziplinierung des Rechners eine Disziplinierung seiner Mannschaft vorausging. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Wie wir aus zahlreichen Beispielen der frühen Computergeschichte wissen, begann fast jedes Computerprojekt mit der Rekrutierung von zusätzlichem Personal. Wir wissen auch, dass dieses Personal meistens von Grund auf zu lernen hatte, wie es »seinen« Computer lernfähig und gehorsam machen konnte. Von Autonomie war dabei natürlich nicht die Rede, weder beim Rechner noch beim Personal, das Befehle schrieb. Um ihre professionelle Selbständigkeit sorgten sich jedoch die Manager und Mathematiker. Damit sie sich vor Autonomieeinbußen schützen konnten, delegierten sie die Produktion von Code an »Programmierer« genanntes Hilfspersonal und schränkten dessen Autonomie so stark wie möglich ein. Die Geschichte der Autonomie in der digitalen Gesellschaft beginnt also mit einer Rollendifferenzierung zwischen autonomen Managern und Mathematikern einerseits und hochdisziplinierten Programmierern und Locherinnen andererseits. Die Autonomie der Maschine aber wurde auf die kalkulierbare Zeit eines automatischen Stapellaufs oder batch run eingeschränkt. Das änderte sich erst zu Beginn der 1960er Jahre, als Computerspezialisten das Problem der wechselseitig verursachten Wartezeiten von Maschinen und Anwendern behandeln wollten. Die Lösung für die beabsichtigte Autonomiesteigerung für Nutzer war eine Autonomiesteigerung für Computer. Mit unvorstellbar großem Aufwand wurde daran an ganz verschiedenen Orten gearbeitet. Die Losung lautete Time-Sharing und Betriebssystem: Nutzer sollten immer dann Zugriff auf die Maschine haben, wenn sie den Rechner brauchten. Gleichzeitig sollten die Rechner so lückenlos wie möglich mit den verschiedenen Aufträgen ihrer Nutzer beschäftigt sein. Weil sie so teuer waren, durften sie nie müßig, nie »idle« werden. Nutzer hingegen sollten das (lesen ...)
  • Clan gegen Staat

    Die politischen Gegner Donald Trumps konnten dem langen Sündenregister, das sie seit seinem Amtsantritt über seine Verfehlungen führen, unlängst einen weiteren Punkt hinzufügen. Einem Bericht der New York Times zufolge sollen der Präsident und seine Geschwister vor mehr als zwanzig Jahren ihren Eltern durch Überschreibungen und Schenkungen dabei geholfen haben, mehrere hundert Millionen Dollar an Steuern zu hinterziehen. Bekanntlich werden in den USA solche Vergehen mit drakonischen Strafen belegt. Steuerbetrug gilt als ein Verbrechen gegen den Staat. Der Vorwurf müsste unter diesem Gesichtspunkt eigentlich schwerer wiegen als vieles, was gegen Donald Trump bisher vorgebracht worden ist. Wie aber ist es dann zu erklären, dass sich die öffentliche Entrüstung darüber bislang eher in Grenzen hielt?

    Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.

    Patriarchale Politik

    In einer berühmten Szene in Der Pate wird dem alten Don Corleone von den Heldentaten und den vielen Tapferkeitsauszeichnungen erzählt, die sich sein jüngster Sohn in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs erworben hat. Geduldig hört er zunächst zu, schüttelt aber nach einigem Nachdenken den Kopf und fragt schließlich verwundert: »Und das alles tut er für Fremde?« In einem Aufsatz über Sophokles’ Antigone hat der britische Verwandtschaftsethnologe Robin Fox diese Filmsequenz als einen Beleg dafür genommen, dass der Grundwiderspruch zwischen den Ansprüchen des Staates und den Verpflichtungen gegenüber den nächsten Verwandten, der im Zentrum des Stückes steht, auch heute noch nicht erledigt ist. Damit bezieht er eine Gegenposition zu der seit Hobbes, Rousseau und den schottischen Moralphilosophen immer wieder vertretenen Auffassung, derzufolge Staat und Individuum die eigentlichen Antagonisten seien. Er weist sie zwar nicht zurück, misst diesem Konflikt aber heute nur noch geringe Bedeutung zu. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Historisch gesehen sei die These einer grundsätzlichen Gegnerschaft von Staat und Individuum nur das Resümee der bitteren Erfahrungen gewesen, die der Einzelne unter der Herrschaft des Absolutismus hatte machen müssen. Gegen die Unterdrückung seiner Freiheitsrechte richtete sich daher der Kampf der Aufklärer. Der revolutionäre Staat, der in Nordamerika wie auch in Frankreich bald an die Stelle des Ancien régime trat, versprach die Garantie dieser Rechte. Seine Gründung ging in beiden Fällen mit der Verkündung der allgemeinen Bürger- und Menschenrechte einher. Sie sollten den Einzelnen vor der Willkür des Staates schützen. Faktisch aber machten sie den Staat nur noch übermächtiger. Denn um die Freiheit des Einzelnen zu gewährleisten, musste er immer mehr Kompetenzen an sich ziehen und damit die Entscheidungsspielräume der Einzelnen einschränken. Das begann bereits wenige Jahre nach der Französischen Revolution mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, um die mühsam errungenen freiheitlichen Bürgerrechte nach außen zu verteidigen. Von hierher lässt sich eine kontinuierliche Linie bis in die Gegenwart ziehen. Auf die Freisetzung der Zünfte folgt das Oktroi der staatlichen Gewerbeaufsicht. Seitdem sich in Europa überall die Schulpflicht durchsetzte, unterliegt die Erziehung der Kinder immer mehr der Kontrolle des Staates. Mit bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe muss heute in Deutschland rechnen, wer seine Kinder nicht zur Schule schickt. Inzwischen wird sogar überlegt, auch den Kindergartenbesuch obligatorisch zu machen. Den im Namen der Rechte des Einzelnen auf körperliche Unversehrtheit erlassenen Einschränkungen wie der Anschnallpflicht oder dem Rauchverbot wurden anfangs noch Widerstände entgegengesetzt. Die Diskussion um Dieselfahrverbote, deren Legitimität selbst kaum mehr bestritten wird, zeigt, wie sehr die Akzeptanz dieser Einschränkungen fortgeschritten ist. Allein die Wirtschaft und der Handel, schon seit Zeiten eines Adam Smith Vorreiter des Liberalismus, konnten sich bisher den wohlgemeinten staatlichen Maßnahmen entziehen. Dies war ihnen aber nur möglich, indem sie die globalen Verflechtungen dazu nutzten, sich eigene Handlungsspielräume jenseits staatlicher Grenzen zu schaffen. Insgesamt besehen aber sind Staat und Individuum zumindest in den westlichen Demokratien schon lange keine Gegner mehr. Ihr Zusammenspiel funktioniert umso reibungsloser, je mehr der Einzelne von allen anderen Bindungen freigesetzt wird. Die bestehen aber, und so lautete die von Robin Fox vorgebrachte These, in der Familie und in den über sie hinausgehenden verwandtschaftlichen (lesen ...)
  • Die Vernunft ist stärker als der Tod – Leben und Sterben des Anacharsis Cloots

    Er wurde am 24. Juni 1755 als Johann Baptist Cloots auf Schloss Gnadenthal bei Kleve geboren und starb am 4. Germinal des Jahres II der Republik im Alter von achtunddreißig Jahren als Anacharsis Cloots in Paris unter der Guillotine. Der Vater, Thomas Fransiskus Cloots, reicher katholischer Reeder aus Amsterdam und Bankier diverser europäischer Adelshäuser, verließ 1748 nach der Heirat mit Adelaida de Pauw die calvinistischen Niederlande, um sich kurz hinter der preußischen Grenze in Schloss Gnadenthal niederzulassen. Noch im selben Jahr wurde er von Friedrich dem Großen zum preußischen Geheimrat ernannt, 1756 von Maria Theresia in den Baronsstand erhoben. Aktien und Fonds in England, Frankreich, Spanien und Österreich, Ländereien in Preußen und Häuser in Holland sicherten den herrschaftlichen Lebensstil der Familie. Die Mutter kam aus einem der führenden Patriziergeschlechter Hollands, das im Goldenen Zeitalter der Niederlande höchste politische Ämter innehatte. Ihr Bruder Cornelis de Pauw war Chorherr in der Xantener Stiftskirche Sankt Viktor und leitete die dortige Bibliothek. Friedrich der Große versuchte vergebens, den hochgebildeten und geistreichen Gelehrten mit Geld und Ämtern an sich zu binden. Der zog es vor, philosophische Schriften über die Indianer, die Ägypter und Chinesen sowie die Griechen zu verfassen, und wurde von Diderot und d’Alembert zur Mitarbeit an den Supplementbänden der Encyclopédie eingeladen.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    An der preußischen Zivil- und Militärakademie, wo junge Adlige auf eine Offiziers- oder Diplomatenlaufbahn vorbereitet wurden, war deutsch zu sprechen bei Strafe verboten. Jean Baptiste de Cloots – Baron du Val-de-Grâce, wie er sich nun nannte – lief keine Gefahr, das Reglement zu übertreten. Die Sprache seiner Landsleute war ihm so verhasst, wie er ihre Kultur als minderwertig und ihr Benehmen als barbarisch empfand. Bei der Entscheidung, ihn nach Abschluss des Jesuitenkollegs zum weiteren Studium nach Berlin zu schicken, wird die Mutter ihren Bruder zu Rate gezogen haben, denn ihr Mann war vier Jahre zuvor verstorben und hatte dem ältesten Sohn das Gut und Jean Baptiste Vermögenswerte hinterlassen. Cornelis de Pauw kannte die Akademie und ihre Unterrichtsziele, die vom König selbst stammten: Vernunft entwickeln, Urteile kräftigen, klare Begriffe bilden. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Er kannte auch einige Lehrer, darunter Dieudonné Thiébault, der das reinste Französisch in ganz Preußen sprach und die Briefe des Königs korrigierte, und dann Johann Georg Sulzer, den Schweizer Aufklärer, dessen mehrbändige Ästhetik gerade erschienen war. Wenn dieser Sulzer seine Schüler beschwor, sich niemals auf die Autorität anderer zu stützen, ohne deren Worte zuvor mit den Regeln der Vernunft verglichen zu haben, dann war das für Jean Baptiste die reine Lehre: Der Weg der Autorität als Weg in den Untergang. Einen Professor so reden zu hören, spornte seinen wachen Geist an, die Maxime auf sich selbst zu beziehen und auf die Verhältnisse an der Militärakademie. Stand doch auch das Exerzieren auf dem Lehrplan. Wer von einer Kadettenanstalt kam, wie die meisten seiner Kameraden, dem mochten die abgezirkelten Bewegungen nach dem Exerzierreglement in Fleisch und Blut übergegangen sein. Nicht so Cloots, dem jeder Befehl, ob nun auf Französisch oder Deutsch, zu denken gab: »Rechts umkehret euch!« – »Links her stellet euch!« Waren die geometrischen Schritte, Philosophenkönig hin oder her, nicht Ausdruck eines militärischen Despotismus? »Links umkehret euch! – Rechts her stellet euch!« Sah er nicht morgens vom Fenster seines Zimmers aus Leichen in der Spree treiben? Soldaten, die den Drill nicht mehr hatten ertragen können: »Ergreifet die Patron!« – »Öffnet die Patron!« – »Pulver auf die Pfanne!« – »Schließet die Pfanne!« – »Links schwenket das Gewehr zur Ladung!« – »Die Patron in den Lauf!« – »Ziehet aus den Ladestock!« – »Den Ladestock in den Lauf!« Nach drei Jahren Militärakademie war in Cloots der Entschluss gereift, keine Staatskarriere anzustreben, sondern nur die eine Magistratur, wie er später in einem Brief an Camille Desmoulins schrieb – die der Feder und der Stimme. Mit einem ererbten Vermögen, das jährlich 100 000 Livres abwarf, stand dem Achtzehnjährigen die Welt offen. Und das war Paris. Cloots war in seinem Innersten getroffen, als sich Stefano Zannowich, alias Prinz Castriotto von Albanien, in auswegloser Lage am 25. Mai 1786 im Kerker zu Amsterdam das Leben nahm. Er hatte den vornehmen Fremden erst (lesen ...)
  • Das Wunder des Daseins

    »Wir werden sterben, deshalb können wir uns glücklich schätzen.« Das ist der verblüffende erste Satz in Richard Dawkins’ philosophischstem Buch Der entzauberte Regenbogen. Er fügt hinzu: »Die meisten Menschen sterben nie, weil sie nie geboren werden«, und zeigt, wie unwahrscheinlich unsere Existenz ist. Die potentiziellen Menschen, die an unserer Stelle hätten geboren werden können, sind größer an Zahl als die Atome des Universums. »Und unter diesen ungeborenen Geistwesen sind größere Dichter als Keats, größere Wissenschaftler als Newton. Das wissen wir, weil die Menge an Menschen, die aus unserer DNA entstehen könnten, bei weitem größer ist als die Menge der tatsächlichen Menschen. Und entgegen dieser gewaltigen Wahrscheinlichkeit gibt es gerade Sie und mich in all unserer Gewöhnlichkeit.«

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Schriebe ich je eine Autobiografie, ich würde mit der Beschreibung eines Zufalls beginnen, der ebenso gut nicht hätte stattfinden können: meiner Zeugung. Ein unerwartetes Klopfen an der Tür, eine abweichende Bewegung meiner künftigen Mutter, ein etwas anders laufender Gedanke im Kopf meines künftigen Vaters: Alles hätte mein Leben zerstören können, bevor es hätte beginnen können. Und keiner der Ungeborenen bekommt auch nur die Chance, sich zu beschweren; schließlich kann sich niemand über seine eigene Nichtexistenz beklagen. Behalten wir das also im Kopf, die Lotterie begann vor unserer Zeugung. »Unsere Eltern mussten sich kennenlernen, und ihre Empfängnis war ebenso unwahrscheinlich wie unsere eigene. Und so weiter rückwärts in die Vergangenheit über unsere vier Großeltern …« Bis ganz zurück an den Anfang des Lebens, zu den ersten sich selbst reproduzierenden Molekülen, die vor rund vier Millionen Jahren auf diesem Planeten erschienen sind. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Allerdings ist dies nur die erste Dimension des Wunders des Daseins – es gibt noch eine zweite. Ich frage mich, über welches Wunder ich mich mehr wundern soll (und welches mich nachdenklicher stimmt, welches mich mehr irritiert): das Paradox unserer Existenz oder das harte – und möglicherweise unlösbare – Problem des Bewusstseins. Beide sind mit dem Wunder des Lebendigseins verbunden. Lassen Sie mich eine Testfrage stellen, um herauszufinden, wer Sie sind: Sind Sie eher ein Dichter, oder haben Sie die Seele eines Wissenschaftlers? Welches der beiden Wunder raubt Ihnen den Atem? Im ersten Fall bedeutet das Wort »Wunder«, dass wir unendlich unwahrscheinlich sind. Das hat eine charmante Pointe: Wenn es keine Vorherbestimmung gibt und Zufall real existiert – sagen wir auf der Quantenebene –, dann muss alles, was tatsächlich existiert, unendlich unwahrscheinlich sein. Das ist jedenfalls dann wahr, wenn Zeit ein Kontinuum ist, was heißt, dass es zahllose Zeitpunkte gibt, an denen die Dinge anders hätten verlaufen können. Aber ist unendlich unwahrscheinlich nicht dasselbe wie nicht möglich? Zugleich muss aber alles, was existiert, möglich sein (p ⊃ ◇p). Wir wollen das das Paradox unserer Existenz nennen: Wir sind etwas, das unglaublich unwahrscheinlich ist. Das Paradox unserer Existenz ist schwer zu begreifen. Ganz unmöglich ist es aber nicht, wenn wir uns in eine (anti-Einstein’sche) Analogie retten: Stellen wir uns Billiarden von Würfelwürfen vor. Jedes einzelne Ergebnis ist dabei sehr unwahrscheinlich, aber wenn die Würfel erst einmal geworfen sind, dann ist das Wirkliche (also alles) das Wirkliche – wie unwahrscheinlich auch immer sein Zustandekommen im Vorhinein gewesen sein mag. Manche würden trotz allem sagen, dass wir mit diesem Gedankengang die Landschaft der Wunder unserer Existenz noch nicht durchquert haben. Warum sind wir hier? Warum haben wir Bewusstsein? Warum können Sie diesen Satz lesen und zugleich wissen, dass Sie eine Person sind? Das bringt uns zur zweiten Bedeutung von Wunder: zum Wunder, dass wir Bewusstsein besitzen. Sind Sie bereit, durch das Tor des Unbekannten zu treten, über dem »das harte Problem des Bewusstseins« eingraviert steht? Damit überschreiten wir noch einmal das, was ich vorhin das Paradox unserer Existenz genannt haben. Warum und wie?

    (…)

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  • Die Moschino-Merkel-Abaya von Britz

    Ich bin jetzt öfter in Berlin-Britz. Meine Wanderung ist immer zwei Kilometer lang, vom Bahnhof Hermannstraße nach Süden, jedes Mal an die Straßenecke, wo sich unlängst die berühmte Schießerei zwischen zwei arabischen Clans ereignet hat, aus der abgeleitet wurde, eine bestimmte deutsche Fernsehserie, die gerade beworben werden musste, sei sehr realistisch. Britz ist eine No-go-Zone, in der mir noch nie etwas Böses passiert ist, und nichts erinnert mich hier an eine Fernsehserie.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Das Grundgefühl im Viertel ist Erschöpfung, Erschöpfung durch Armut. Die ständige Anstrengung, es irgendwie schaffen zu müssen, ohne es jemals schaffen zu können, macht die Menschen müde und aggressiv zugleich. Außerdem ist Armut schlecht für die Haut. Manchmal nehme ich auch den Bus. Die Fahrt führt erst an einem Geschäft für »Wurst-Sonderposten« vorbei, dann am »Billig-Bestatter«, das hat eine gewisse Logik. Es gibt kaum eine Busfahrt ohne Zwischenfälle, Auseinandersetzungen am Rande der Schlägerei. Auch die Busfahrer sind erschöpft. Aber wir kommen jedes Mal an den Betriebshof Britz der Berliner Verkehrsbetriebe, und oft dürfen sie dort Feierabend machen. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Einmal begegnet mir auf der Straße eine Frau mit drei kleinen Kindern. Sie trägt ein Kopftuch und eine Abaya, das fußlange Kleid, das züchtig wirken soll. Die Abaya ist schwarz, aber anders als alle anderen, die ich bisher gesehen habe, ist sie beschriftet, mit großen weißen Lettern, von Kopf bis Fuß. Auf der Abaya steht YOU CAN DRESS ME UP, BUT YOU CAN’T TAKE ME OUT. Du kannst mich schön machen, aber du darfst nicht mit mir ausgehen. Das Statement, in diesem Zusammenhang, in all diesen einander überlagernden Zusammenhängen, kommt mir auf Anhieb unzüchtig vor, ohne dass ich genau sagen könnte, was diese Unzüchtigkeit ausmacht. Ich verpasse den Augenblick, die Frau zu fragen, was sie damit sagen will (und ob sie damit überhaupt etwas sagen will). Wir sind Großstadtbewohner, das heißt: Wir gehen aneinander vorbei. Die Online-Recherche ergibt, dass der Spruch selbstironisch von Frauen verwendet wird, die sich zu tollpatschig finden, als dass man sich mit ihnen sehen lassen könnte. Im Kontext mit der Debatte über die Behandlung von Frauen im Islam, in den diese Muslima auf der Straße ihn versetzt, wie schräg, verkantet oder unbewusst auch immer, taucht er sonst nicht auf. In Britz brechen Bedeutungsebenen über mir zusammen. Nicht jedes Rätsel ergibt einen Sinn.

    (…)

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