Heimat als sozial-räumliche Praxis – Replik auf Fritz-Gerd Mittelstädt [Die Grenzen der Heimat. Merkur 834]

Fritz-Gerd Mittelstädts Essay „Die Grenzen der Heimat“ ist in Merkur #834 erschienen. Wir schalten ihn aus Anlass dieser Kritik für begrenzte Zeit frei.

Mancherlei Einwände sind möglich, aber in einem Punkt ist Fritz-Gerd Mittelstädt unbedingt zuzustimmen: Heimat ist immer ein Konstrukt, und jeder konstruiert Heimat auf seine, oft recht abenteuerliche Weise. Geradezu atemberaubend indessen mutet Mittelstädts mehrfach variierte These an, Heimat sei – bis heute – ein rückwärtsgewandtes Konzept. Die Nachvollziehbarkeit dieser These will sich während der Lektüre allerdings nicht so recht einstellen. Ein Schulbuch, einige bloß erwähnte, nicht näher vorgestellte Schülerarbeitshefte, drei Bildbände, eine ominöse „Deutsche Kultur-Geographie“, in die allesamt kursorische Blicke hineingeworfen werden, müssen als Kronzeugen für die „Bewahrung eines gesamtdeutschen Bewusstseins“ und obendrein für das „Wachhalten des [!] auf Gesamtdeutschland bezogenen Heimatbewusstseins“ herhalten. Wer nun meint, solch revanchistischer Spuk der Nachkriegszeit dürfte doch spätestens mit der Wiedervereinigung ein Ende gefunden haben, bekommt ein 1993 erschienenes Kunsthandbuch über West- und Ostpreußen als angebliches Indiz dafür präsentiert, dass „die Problematik um den Umgang mit Heimat fortlebt“ – und das nur, weil sich die alphabetische Anordnung der Orte im Buch nicht nach den gegenwärtigen polnischen, sondern nach ihren ehemals deutschen Bezeichnungen richtet. Man reibt sich die Augen.

Zweifellos kann „Heimat als rückwärtsgewandtes Konzept“ für eine deutlich restaurative Epoche der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit nachgewiesen werden, und zwar sogar eindrucksvoller als Mittelstädt dies tut. Erwähnt sei beispielsweise nur das ungebrochene Fortleben einer vaterländischen Heimatkunde in den Schulen, wesentlich durchtränkt von der Blut-und-Boden-Ideologie eines Eduard Spranger. Fairerweise erwähnt werden muss dann aber auch die Ablösung dieser fatal im Räumlichen verankerten Heimatkunde durch einen moderneren, aufgeklärten Sachunterricht, immerhin in den 1960er Jahren, der Heimat fortan als sozial-räumliche Praxis in den Blick genommen hat. Eine solche Praxis kennt auch Mittelstädt ganz offensichtlich, er nimmt diese aber lediglich als Defizit wahr – sozusagen als utopische Insel in einem Ozean von Rückwärtsgewandtheit. Dies deuten zarte Formulierungen an, und zwar über ein „Heimatbewusstsein, das sich […] eher über menschliche Beziehungen konstituiert“ sowie über eine „Heimat, die im Zwischenmenschlich-Sozialen […] lebendig würde [!].“ Ideengeschichtlich ließe sich nun ein solcher, gar nicht mehr rückwärts-, sondern grundsätzlich vorwärtsgewandter Heimatbegriff durch Argumente aus einschlägigen Werken von Hermann Bausinger, Ina-Maria Greverus, Konrad Köstlin, Beate Binder oder Beate Mitzscherlich wunderbar weiter ausdifferenzieren und als entsprechende sozial-räumliche Praxis darstellen. Statt diese Autorinnen und Autoren wenigstens zu erwähnen, trägt Mittelstädt eher dazu bei, Heimat als eine kontinuierliche, angeblich bis heute anhaltende völkisch braune Soße zu beschwören, die unsere Gesellschaft überzieht.

Das mit „Beharrungskräfte“ überschriebene betrübliche Fazit des Autors, das er am Schluss in eine kaum verhohlen rhetorische Frage verkleidet, möchte ich – am Vokabular des Autos entlang – folgendermaßen thesenartig umkehren: Ohne Zweifel ist Heimat heute kein rückwärtsgewandtes Konzept mehr. Heimat stellt sich der Zeitgenossenschaft, der Zukunft und nicht zuletzt den Menschen, die Heimat ausmachen, und zwar in ihrer gelebten Gegenwart. Eine solche Praxis nenne ich in meinen Arbeiten übrigens „Heimatmachen“.

Als i-Tüpfelchen seiner Indizienkette dient Mittelstädt die aktuelle „Eingliederung der Heimat“ in den Zuständigkeitsbereich des Bundesministers des Inneren. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass dies „Fakt“ ist, wie der Autor meint. Vielmehr handelt es sich um eine dilettantisch vorgetragene, von vornherein zum Scheitern verurteilte ministerielle Anmaßung. Denn in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen lässt sich Heimat weder künstlich herstellen noch administrativ regeln. Ein Ministerium, das den „Konnex von Heimat und Nation“ festschreibt, wie der Autor unterstellt, kann sich nur lächerlich machen.

Überdies hat der Aktionismus der ins Kraut schießenden Heimatministerien kein Programm, er resultiert einzig aus einem bösen politischen Erwachen, und zwar aus Versäumnissen, nachdem sich wieder einmal der extreme politische rechte Rand der Heimat bemächtigt hat, währenddessen andere über Heimat nur die Nase rümpfen mochten und von einem reaktionärem, angeblich veralteten Konzept sprachen. Noch dämmert es nicht überall: Heimat ist – als sozial-räumliche Praxis – lebendig mitten unter uns und muss erarbeitet und gelebt werden.

 

Egbert Daum ist Geograph und war bis 2007 Professor an der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Geographien des eigenen Lebens, Raumaneignung, Heimat zwischen Mythos und Machbarkeit sowie Kartographien des Subjektiven.

 


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