• Umformungen, unvollständige Liste

    0 – Feedbackschleifen Erika Fischer-Lichte schreibt: »Jeder Übergang, jeder Weg über eine ›Schwelle‹ schafft einen Zustand der Instabilität, aus dem Unvorhergesehenes entstehen kann, der das Risiko des Scheiterns birgt, aber ebenso die Chance einer geglückten Transformation.« (mehr …)
  • Provenienzen. Über authentische und verdächtige Kunst. Und über Wissenschaft

    Lange Zeit hatte die Rückverfolgbarkeit eines Kunstwerks vor allem mit der Suche nach dessen Echtheit zu tun. Die alte Idee des Originalen – spielt man einen Augenblick mit dem Gedanken einer Analogie von Provenienz und Geblüt – erinnerte auch ans Aristokratische, das ja behauptet, es gebe eine Einzigartigkeit, die sich in der Zeit erhält und sichtbar bleibt unter dem historischen Verderb. Einen geradezu idealen Fall beschreibt Marcel Proust im zweiten Band der Suche nach der verlorenen Zeit: In Balbec treffen der Erzähler und seine Großmutter die Marquise de Villeparisis. (mehr …)
  • Video: Michael Rutschky im Gespräch | Zweite Lesung

    Der Autor Michael Rutschky empfiehlt zur zweiten Lesung einen Text, mit dem der junge Hans Magnus Enzensberger 1958 im Merkur für Furore sorgte: "Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus" Ein Gespräch mit den Herausgebern Christian Demand und Ekkehard Knörer. (mehr …)
  • Die Wurzeln der Welt

    Fest, reglos, dem Wetter ausgesetzt, bis es darin aufgeht. In der Luft hängend, völlig mühelos, ohne einen einzigen Muskel anspannen zu müssen. Als wäre es ein Vogel, ohne fliegen zu können. Das Blatt ist die erste große Reaktion auf die Eroberung des Festlands. Es ist die Hauptfolge des Landgangs der Pflanzen, Ausdruck ihrer Leidenschaft für das Leben in der Luft. Alles an der Pflanze trägt zur Existenz des Blatts bei, von der anatomischen Struktur des Stamms bis zu ihrer allgemeinen Physiologie, ihre ganze Geschichte, die Reihung aller evolutionären Entscheidungen im Lauf der Jahrtausende. (mehr …)
  • Ein Nachzügler imaginiert die Stadt

    Jede Großstadt hat ihren dreckigen Fluss am Stadtrand und ihren ungeliebten Verkehrsknotenpunkt nahe dem Zentrum: In London sind das der River Lea und Elephant and Castle. Der River Lea, sieben Kilometer östlich des Finanzdistrikts gelegen, ist Londons zweiter Fluss und einer der wenigen Zuflüsse der Themse, die noch nicht unter die Erde verlegt wurden. Wie die Bièvre in Paris oder der Llobregat in Barcelona bildet seine Aue ein Gewirr aus schlammigen Wasserläufen und Verkehrswegen, das mit Industrie und Überbleibseln der ruralen Landschaft verwoben ist. Es ist eine ungeplante Landschaft, eine Sammlung von Unfällen. Das Leben verläuft hier zugleich langsamer und vergänglicher als in den angrenzenden Quartieren, fast so, als zöge sich eine geologische Bruchlinie durch die Stadt. Elephant and Castle ist eine Kreuzung südlich der Themse, wo die von den Brücken kommenden Straßen zusammengeführt werden, bevor sie auf die verschiedenen Hafenstädte an der Küste zusteuern. Sie liegt in der Nähe einer scharfen Flussbiegung, weniger als zwei Kilometer entfernt von der City und von Westminster. Wie die Place de la République in Paris oder der Alexanderplatz in Berlin liegt sie im Herzen eines Arbeiterviertels. Elephant and Castle ist eine zu Tode geplante Stadtlandschaft, ein Mehrebenen-Verkehrsknotenpunkt, umstellt von Beton- und Glasplatten, geordnet und doch beliebig. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde in beiden Gegenden in großem Stil enteignet, abgerissen und rekonstruiert. Getragen war diese Welle urbaner Umgestaltung von der Aussicht auf die makellosen, verführerischen Lösungen, die die Abrisse ermöglichen würden. Doch bei der Übersetzung der Projekte in die Wirklichkeit haben sich die bestehenden Mängel hartnäckig gehalten, während die erhofften Fortschritte bislang auf sich warten lassen. In der kollektiven Psychologie des Londoner Städtebaus im frühen 21. Jahrhundert verdrängen Wunschbilder die komplexen Zusammenhänge städtischen Lebens – das Vorstellungsvermögen des Architekten wird dabei zur treibenden Kraft der Zerstörung.

    Zukunftsvisionen

    Als die geballte professionelle und institutionelle Vorstellungskraft im Zuge der Vorlage für das Internationale Olympische Komitee auf den River Lea losgelassen wurde, verwandelte sich der schmutzige Fluss kurzerhand in eine pastorale Landschaft. Das spannungsvolle Durcheinander der Realität  wurde größtenteils wegfantasiert, der Rest verschwand hinter suggestiven Bildern von vielschichtiger Harmonie und fließender Mobilität. Die Wege würden eine ausgedehnte und komplexe neue Infrastruktur bilden, die sich auf das Netzwerk der Wasserläufe legt – wie ein sich verästelnder, davonziehender und sich wieder vereinigender versteinerter Fluss. Das neue Sportstadion war als festliches Theater gedacht, an dem alle Wege zusammenlaufen. Obwohl viele der Gebäude gigantische Dimensionen aufwiesen, würden sie sich doch dem Landschaftsdesign unterordnen lassen, in das sie sich allein schon durch ihre begrünten Dächer einfügen würden. Wege, Sportstätten und Wirtschaftsgebäude würden sich allesamt derselben laubförmigen Gestaltungssprache unterordnen: (…)

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  • Maikäfer, flieg! Das Sterben der Arten und das Schweigen der Literaten

    Anfang der 1960er Jahre häufen sich auf dem Schreibtisch von Rachel Carson, einer Chemikerin im US-amerikanischen Fish and Wildlife Service in Washington, die Zuschriften aus allen Winkeln Nordamerikas. Mal beredt, mal unbeholfen dokumentieren sie, dass Tierarten, die früher waren, heute nicht mehr sind. Es sind Reaktionen auf das Buch The Silent Spring, in dem Carson 1962 gegen massive Widerstände aus der Industrie den wissenschaftlichen Nachweis führen konnte, dass die flächendeckende Ausbringung von DDT und anderen Insektiziden die Hauptursache für dieses Artensterben war. Historiker lassen die moderne globale Umweltbewegung oft mit diesem einprägsamen Schlagwort vom »stummen Frühling« beginnen. (mehr …)
  • Fata, Libelli. Literaturkolumne

    Ein Buch ist idealtypisch das, was eine Autorin verfasst, ein Agent in ihrem Namen verkauft, eine Lektorin lektoriert, ein Verlag setzen lässt, publiziert und bewirbt, was ein Händler online oder im Laden verkauft, eine Rezensentin rezensiert, eine Käuferin kauft. Ein Buch ist also ein ziemlich komplexes, aus geistigen, materiellen, ökonomischen Aspekten zusammengesetztes Objekt. Als Gegenstand gewinnt das Buch erst nach und nach seine Form, es wechselt von einer Hand in die andere, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. (mehr …)
  • Buchpremiere im Merkur: Nina Verheyens „Die Erfindung der Leistung“, Moderation: Philipp Felsch

    Am 19. Februar ist Nina Verheyens Buch Die Erfindung der Leistung erschienen. Wir freuen uns sehr, dass die Buchpremiere als gemeinsame Veranstaltung mit Hanser Berlin in unseren Redaktionsräumen stattfinden wird.  Es moderiert Philipp Felsch. Hier die Daten: 6. März 2018 19:00 Uhr Mommsenstraße 27 10629 Berlin Eintritt frei. Anmeldung erforderlich unter redaktion@merkur-zeitschrift.de

    Zum Buch:

    Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Aber was meinen wir, wenn wir von „Leistung“ sprechen? Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Größe? Nina Verheyen legt mit diesem Buch die notwendige Grundlage für die konstruktive Auseinandersetzung mit einer Idee, die unser Leben prägt. Und plädiert für ein anderes, sozialeres Verständnis von Leistung. (mehr …)