• Andere Leben als meines

    Neulich hat sich Franziska von Hardenberg einen Thermomix gekauft. Der Thermomix ist eine Küchenmaschine mit den Funktionen Reiskochen, Andicken, Dampfgaren, Emulgieren, Kneten, Kochen, Mahlen, kontrolliertes Erhitzen, Mixen, Rühren, Schlagen, Vermischen, Wiegen und Zerkleinern zum Startpreis von 1359 Euro. Franziska von Hardenberg ist eine Unternehmerin, die zunächst einen Blumenversand gründete, diesen jedoch 2017 an Fleurop verkaufte. Seit einiger Zeit betreibt sie einen Schmuckversand, der ihren Aussagen nach Frauen dazu ermutigen soll, den daheim ja doch nur herumliegenden Goldschmuck aus der Familienerbmasse nach Entwürfen der Unternehmerin zu neuen Schmuckstücken umarbeiten zu lassen. Für den Preis des günstigsten Rings im Angebot der Seite »The Siss Bliss« erhält man etwas mehr als einen halben Thermomix. (mehr …)

  • Pink

    Die Idee, die Farbe Pink zu kreieren, muss während des Betrachtens von Sonnenaufgängen an Föhntagen entstanden sein. Der Rauch drückt sich dann quer aus den Kaminen. An solchen Tagen ist wenigstens der Morgen eindrücklich. Es dauert wenige Minuten, und das Farbspektakel ist vorbei. Eine dünne Mondsichel bleibt auf das Firmament gehaucht. Diejenigen, die einen Schirm besitzen, lassen ihn wegen des blauen Himmels zu Hause. Eine Stunde später: Wolkenbrüche. (mehr …)

  • Wie Fotos Politik machen (sollen)

    Fotografien können wichtige Quellen für die Vergegenwärtigung von Geschichte darstellen. Ihr dokumentarischer Wert beruht auf der Unterstellung, auf ihnen sei ein ganz bestimmter Ausschnitt der sichtbaren Wirklichkeit in einem ganz bestimmten Augenblick durch ein Objektiv »festgehalten«, der nun für alle Zukunft jedermann jederzeit noch einmal vor Augen geführt werden kann. Der Evidenzeffekt, der mit dieser vermeintlich geteilten, tatsächlich aber medial vermittelten Augenzeugenschaft einhergeht, ist allerdings in der Regel so stark, dass man eine wichtige Erkenntnis nicht oft genug wiederholen kann: Für fotografische Quellen gilt das Gleiche wie für schriftliche – man muss sie zum Sprechen bringen, um sie richtig lesen zu können. Dazu sollte man zunächst einmal ihren historischen Ort, insbesondere den jeweiligen Entstehungs- und Wirkungszusammenhang kennen. Der aber kann häufig nur durch forschungsintensive, analytische Arbeit rekonstruiert werden. (mehr …)

  • Erziehung in der Demokratie

    Demokratische Staaten sind in vieler Hinsicht auf entgegenkommende Handlungsbereitschaften seitens der Bevölkerung angewiesen, ohne diese vollständig per Gesetz erzwingen zu können. In der Bundesrepublik wird dies nicht nur in der Corona-Pandemie deutlich. Auch dort, wo es um die Herstellung eines breiten Konsensus in zentralen politischen Entscheidungen oder, noch fundamentaler, um Identifikation mit der Demokratie geht, vertraut man weder nur auf (gesetzlichen) Zwang noch ausschließlich auf die freie Meinungsbildung. Vielmehr kommt es hier zur nachhaltigen, sanktionsbewehrten Orientierungszumutung, gerade auch für Erwachsene, und damit zur »Massenerziehung« durch politische Akteure.1

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  • Nachhaltigkeit und Freiheit

    Die historischen Darstellungen des Begriffs der Nachhaltigkeit beginnen in Deutschland stets mit dem sächsischen Bergrat Hans Carl von Carlowitz (1645–1714),1 in dessen Werk Sylvicultura oeconomica über die Prinzipien der Forstwirtschaft (1713) das adjektivisch gebrauchte Partizip »nachhaltend« an einer einzigen Stelle, noch dazu in einem recht verschachtelten Satz, auftaucht.2 Der Journalist und Autor Ulrich Grober erklärte ihn in seinem Buch Die Entdeckung der Nachhaltigkeit gar zu deren Erfinder. Das fand Anklang, nicht zuletzt beim damaligen Bundesminister Ronald Pofalla, der 2013 unter dem Titel 300 Jahre Nachhaltigkeit »made in Germany« entsprechende Jubiläumsfeierlichkeiten ausrichten ließ.3 Inzwischen gibt es eine Sächsische Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft zur Förderung der Nachhaltigkeit, einen Hans-Carl-von-Carlowitz-Nachhaltigkeitspreis, Carl-von-Carlowitz-Vorlesungen und in Leipzig einen Hans-Carl-von-Carlowitz-Kindergarten. (mehr …)

  • Überdreht: Die Integration durch Recht. Europa-Kolumne

    Nie zuvor stieß man bei der Durchsicht von Tageszeitungen so häufig auf Konflikte um das Europarecht. Wir lesen von Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs (EUGH), die statt Einzelheiten zum Binnenmarkt Kerne mitgliedstaatlicher Souveränität betreffen. Von widerspenstigen mitgliedstaatlichen Regierungen und Höchstgerichten, die sich mit den Urteilen aus Luxemburg nicht abfinden wollen. Von neuen Vertragsverletzungsverfahren und von angedrohten oder tatsächlich verhängten Zwangsgeldern. Spannungen gab es im europäischen Rechtsverbund immer, aber seit einigen Jahren befindet er sich offenbar in Dauerstress. (mehr …)

  • Die Erfindung der wissenschaftlichen Rassetheorien

    Im Jahr 1712 unterzeichnete der französische König Ludwig XIV. die lettres patentes, mit denen die Königliche Akademie der Wissenschaften, der Schönen Künste und der Literatur von Bordeaux offiziell gegründet wurde, eine Gelehrtengesellschaft zur Förderung der Forschung und öffentlichen Erbauung. Im Gegensatz zur eher konservativen Universität von Bordeaux, deren Hauptaufgabe es war, die künftigen Priester, Ärzte und Juristen des Landes im Einklang mit den Lehren der Heiligen Schrift auszubilden, war die Akademie ihrem Selbstverständnis nach »aufgeklärt«: Ihr Ziel war es, wissenschaftliche Wahrheit als Teil eines umfassenderen Programms voranzubringen, das darauf abzielte, »das Glück der Menschheit« zu befördern. (mehr …)

  • Mommy Media. Filmkolumne

    Vor kurzem bin ich beim Anblick eines Säuglings in Tränen ausgebrochen. Ich war im Netz auf Fotos der neuseeländischen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern gestoßen, die 2018 zu einer Rede vor der UN-Vollversammlung in New York ihre damals drei Monate alte Tochter mitgebracht hatte. Während Ardern ihren Job machte und ihre Rede hielt, saß ihr Partner auf dem Zuschauerrang und kümmerte sich um das Baby. Jacinda Ardern makes history titelte der Guardian, auch andere Zeitungen berichteten wohlwollend.   (mehr …)

  • Ohne sie. Zu Joan Didion

    Gibt es Schriftstellerinnen von ihrem intellektuellen Format, die häufiger fotografiert wurden als Joan Didion? Selbst Susan Sontag kommt da nicht mit. LitHub verschickt seit Jahren an Spender sogar eine Baumwolltasche mit dem Aufdruck eines alten, längst ikonischen Fotos von ihr. Wie Joan Didion aussah und sich kleidete, ist Teil nicht nur ihrer öffentlichen Persona, sondern auch des schreibenden Ich in ihren Reportagen, Essays und Romanen. Zuerst mit langem Haar, gescheitelt, manchmal lächelnd, in langem Rock. Später mit halblangem Haar und Ponyfransen über der hohen Stirn, ohne Lächeln, in schmaler Hose und Tunika. (mehr …)

  • Die Zeitlichkeit der Freiheit. Rechtsphilosophische Anmerkungen zum Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts

    An zentraler Stelle der Begründung seines Klimabeschlusses führt das Bundesverfassungsgericht das Konzept der »intertemporalen Freiheitssicherung« ein.1 Das Grundgesetz verpflichte, so heißt es erläuternd, auch zur »Sicherung grundrechtsgeschützter Freiheit über die Zeit« und »zur verhältnismäßigen Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen«. Geltende gesetzliche Regelungen könnten eine »eingriffsähnliche Vorwirkung« auf die in der Zukunft noch verbleibenden Möglichkeiten haben, von den Freiheitsgrundrechten einen tatsächlichen CO2-relevanten Gebrauch zu machen. Sie könnten sogar zu einer legislativen »Vollbremsung« nötigen. Jenseits der unmittelbar verfassungsrechtlich relevanten Fragen2 und über die konkrete Fallkonstellation hinaus eröffnet der neue Schlüsselbegriff der intertemporalen Freiheitssicherung eine Bedeutungsdimension der Freiheit, die bisher nur unzureichend beachtet worden ist, aber künftig eine immer größere Rolle spielen wird: Die Zeitlichkeit der Freiheit. (mehr …)