• Holocaust und Tiersmondisme

    Wenn man aus der sog. „Mbembe-Debatte“, die sachlich noch weniger mit Geschichtswissenschaft zu tun hatte als der „Historikerstreit“ der 1980er Jahre, etwas lernen kann, dann zum Verhältnis der großen historischen Katastrophen Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus, genauer: zu deren methodisch sauberer Komparatistik, und zur Entstehung des Postkolonialismus. Mein Bezug dazu ist fast lebensgeschichtlich, nämlich die Parallelität der „Entdeckungen“ des Mordes an den europäischen Juden und der „Dritten Welt“ in den 1960er Jahren, als die beiden „Fälle“ – Entkolonialisierung und Holocaust – schon häufig überquer verliefen. (mehr …)
  • Nostress. Kapverdische Notizen

    Die Kapverden, das Archipel im Atlantik, liegt drei Flugstunden von Lissabon und anderthalb von Dakar entfernt. Unter den afrikanischen Nationen ist der seit 1975 unabhängige Staat einer der stabilsten, auch relativ wohlhabend mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3000 Euro pro Kopf. Dazu tragen die rund 700 000 Touristen jährlich bei und die Überweisungen der Kapverdianer, die in alle Himmelsrichtungen ausgewandert sind. Lange Warteschlangen gibt es nicht nur an den Wasserstellen, zu denen Frauen und Kinder schwere Plastikkanister schleppen, sondern auch vor den Bankfilialen, wo man die Escudos aus dem Ausland abhebt. (mehr …)

  • Mao in Frankreich

    Wer Jean-Luc Godards Film La Chinoise (1967) heute anschaut, mag zwischen Irritation, Belustigung und Langeweile schwanken. Trotz der ironischen Brechung ist das Werk streckenweise maoistischer Agitprop und führt halbdokumentarisch vor, wie nicht eben wenige im studentischen und künstlerischen Milieu seinerzeit gedacht und diskutiert haben. Ungläubig verfolgt man die Rituale der Fünfer-Kommune, ihr krauses Vokabular und ungelenke Übungen in Kritik und Selbstkritik. Godard inszenierte das wie ein Lehrstück für die Bühne und nimmt dabei das Scheitern vorweg. Die Vision des Schauspielers Guillaume vom »sozialistischen Theater« nach Art der chinesischen Kulturrevolution erweist sich als Hirngespinst, es misslingt ein Anschlag auf den sowjetischen Kultusminister, den die Philosophiestudentin Véronique ausführen will (nebst Gelegenheitshure Yvonne und dem Physikstudenten Henri als weitere dramatis personae ), weil sie die falsche Tür öffnet und jemand anderen erschießt.

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