• Quivive: Der Kuss des Bären und die Lehren der Ungewissheit

    In Zeiten der Ungewissheit wie diesen wird oft darüber spekuliert, welche Partien des gewohnten Lebens einem neuen Normal weichen und welche Schlüsse aus der Pandemiekrise Mensch und Natur guttun könnten – damit, pardon, die »ganze alte Scheiße« (Karl Marx 1857) nicht von vorne losgeht. Die Dringlichkeit von mehr, sogar viel mehr Arten- und Klimaschutz ist ein Gemeinplatz, während die Kurven der Emissionen und die Bilanzen des Artensterbens ungerührt nach oben zeigen. Die Sars-CoV-2-Pandemie hat einem überdies die Augen geöffnet: Da ist nicht etwa der Mensch von bösen Wildtieren infiziert worden, vielmehr löste deren Vertreibung aus ihrer natürlichen Umgebung und eine respektlose Nähe verhängnisvolle Zoonosen aus, Übertragungen in beide Richtungen.

    Es geht also um mehr als den nun allerorts ausgerufenen Green New Deal, nämlich um eine radikale Korrektur der Denkweise, die Menschen, Tiere und die »unbelebte« Natur als hierarchisierte Gegensätze begreift. »Man müsste, nein: man muss um jeden Preis aus dieser reversiblen tödlichen Dualität herauskommen«, resümiert die französische Anthropologin Nastassja Martin ihre Begegnung mit einem Bären in dem Buch An das Wilde glauben, das gerade Furore macht und in der Tat niemanden kalt lassen kann. Die gern kolportierte Kurzfassung »Frau wird von einem Bären gebissen, entdeckt diesen in sich und wird ein anderer Mensch« verfehlt den Bericht einer beinahe tödlich verlaufenen Feldforschung der Autorin bei den Ewenen auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka bei weitem. Das wäre nur die altbekannt-kitschige Vermenschlichung eines Tiers und die Verharmlosung der stattgefundenen Begegnung. »Das Ereignis an diesem 25. August 2014 ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich, und die Grenzen zwischen den Welten implodieren.«

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  • Papa, was hast du im Krieg gemacht? Der Algerienkrieg in der europäischen Erinnerungskultur

    Ob sich Väter und Großväter im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht und welche traumatischen Erlebnisse sie mit nach Hause gebracht hatten, blieb eine meist unvollständig beantwortete Frage deutscher Kinder und Enkel. Gestellt wurde sie auch in Frankreich, nicht an die Kombattanten der drôle de guerre 1939ff., sondern an die appelés, an Berufssoldaten und Wehrpflichtige, die zwischen 1954 und 1962 im Algerienkrieg gedient hatten. Ehefrauen und Kinder erfuhren wenig von ihren Erlebnissen, oft kam das Gespräch erst mit dem Ableben eines Einberufenen in Gang.

    Generell deckte eine kollektive Amnesie »die Ereignisse« zu, die offiziell nie als ein Krieg deklariert worden waren, vom Gros der Franzosen wenig beachtet und von den meisten als zulässige Bekämpfung eines bewaffneten Aufstands bewertet wurden. Anders als retrospektiv bei der deutschen Wehrmacht waren da nach allgemeiner Überzeugung keine unzulässigen Eroberer weitab von der Heimat unterwegs gewesen, sondern Ordnungskräfte auf dem Gebiet der französischen Republik, »une et indivisible«, die nach den Worten von François Mitterrand und Charles de Gaulle »von Dünkirchen bis Tamanrasset«, vom Ärmelkanal bis in die südliche Sahara reichte.

    Krieg ohne Namen

    Die an der Universität Paris-Nanterre lehrende Zeithistorikerin Raphaëlle Branche hat vor zwanzig Jahren die maßgebliche Bilanz von Folter- und Kriegsverbrechen im Algerienkrieg vorgelegt und sich nun der mündlichen Geschichtsschreibung des »familiären Schweigens« gewidmet.  Von 1954 an wurden wehrfähige Franzosen der Jahrgänge 1938ff. für achtzehn Monate einberufen, in der Summe rund 1,5 Millionen conscrits, viele nicht einmal volljährig, bei damals 45 Millionen Einwohnern. Eingezogen zu werden war seinerzeit nichts, wogegen man sich wehren konnte oder sollte, man »machte« Algerien so selbstverständlich wie die Großväter »14/18« und die Väter »39/45«.

    Alles andere als normal war hingegen, dass jenseits des Mittelmeers ein Krieg ohne formellen Gegner, ohne Schlachten, ohne Regeln geführt wurde, kaschiert als Polizeiaktion zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Völlig unvorbereitet waren die jungen Männer mit schrecklichen Gewaltakten konfrontiert respektive daran beteiligt; dem Front National de Libération (FLN), einer aus dem Hinterhalt operierenden Guerilla, wollte die Armee mit Folter und Razzien beikommen.

    Der Wehrdienst war ein rite de passage für junge, meist unverheiratete Arbeiter oder Studenten, die in der Regel noch bei ihren Eltern wohnten; nach der Demobilisierung würden sie »ins Leben treten«, eine Arbeit oder ein Studium antreten und Familien gründen. So auch hier, doch diese von Scham und Ekel besetzte Passage verschlug den Heimgekehrten die Sprache – es wollte auch kaum jemand davon hören, und da am Ende jeder einzeln entlassen wurde, konnte sich auch keine »Algerien-Generation« bilden und Gehör verschaffen.

    Vor allem die letzten Jahrgänge hatten in einem »Nichtkrieg« gedient, den de Gaulle 1960 zu beenden begonnen hatte, womit der Kampf fürs Vaterland vollends sinnlos wurde. Die Appelés verkörperten die Niederlage, nach dem Fiasko von Ðiện Biên Phủ 1954 war in Nordafrika der Rest des Kolonialimperiums verlorengegangen. Die französische Gesellschaft kümmerte sich weder um Schuld noch Trauma und ging 1962 rasch zur Tagesordnung über. Sie wollte absolut modern werden, und das algerische Drama sank in ein kollektives Vergessen, was die von de Gaulle verfügte Generalamnestie noch verstärkte.

    Die Jungen waren nicht durchweg traumatisiert, auch sie genossen die trente glorieuses, das französische Wirtschaftswunder. Doch nicht wenige waren arbeitsunfähig, wurden gewalttätig gegen Frauen und Kinder oder versanken in Depression und Trunksucht. Die »Bewältigungsarbeit« hatten die Familien zu leisten. Zaghafte Rückfragen der Kinder und Enkel erhoben Einspruch gegen das Schweigen, Anlässe waren Souvenirstücke, Fotoalben, kulinarische Extravaganzen, auch die exotischen Namen für manche Kinder.

    Einberufene hatten aber auch rebelliert, bis hin zur Fahnenflucht. Den einen widerstrebte es, die Ernte nicht einfahren zu können, den gerade begonnenen Job aufgeben zu müssen, Freunde und Freudinnen verlassen zu sollen; andere standen der Kommunistischen Partei (PCF) und der Friedensbewegung (lesen ...)

  • Holocaust und Tiersmondisme

    Wenn man aus der sog. „Mbembe-Debatte“, die sachlich noch weniger mit Geschichtswissenschaft zu tun hatte als der „Historikerstreit“ der 1980er Jahre, etwas lernen kann, dann zum Verhältnis der großen historischen Katastrophen Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus, genauer: zu deren methodisch sauberer Komparatistik, und zur Entstehung des Postkolonialismus. Mein Bezug dazu ist fast lebensgeschichtlich, nämlich die Parallelität der „Entdeckungen“ des Mordes an den europäischen Juden und der „Dritten Welt“ in den 1960er Jahren, als die beiden „Fälle“ – Entkolonialisierung und Holocaust – schon häufig überquer verliefen. (mehr …)
  • Nostress. Kapverdische Notizen

    Die Kapverden, das Archipel im Atlantik, liegt drei Flugstunden von Lissabon und anderthalb von Dakar entfernt. Unter den afrikanischen Nationen ist der seit 1975 unabhängige Staat einer der stabilsten, auch relativ wohlhabend mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3000 Euro pro Kopf. Dazu tragen die rund 700 000 Touristen jährlich bei und die Überweisungen der Kapverdianer, die in alle Himmelsrichtungen ausgewandert sind. Lange Warteschlangen gibt es nicht nur an den Wasserstellen, zu denen Frauen und Kinder schwere Plastikkanister schleppen, sondern auch vor den Bankfilialen, wo man die Escudos aus dem Ausland abhebt. (mehr …)

  • Mao in Frankreich

    Wer Jean-Luc Godards Film La Chinoise (1967) heute anschaut, mag zwischen Irritation, Belustigung und Langeweile schwanken. Trotz der ironischen Brechung ist das Werk streckenweise maoistischer Agitprop und führt halbdokumentarisch vor, wie nicht eben wenige im studentischen und künstlerischen Milieu seinerzeit gedacht und diskutiert haben. Ungläubig verfolgt man die Rituale der Fünfer-Kommune, ihr krauses Vokabular und ungelenke Übungen in Kritik und Selbstkritik. Godard inszenierte das wie ein Lehrstück für die Bühne und nimmt dabei das Scheitern vorweg. Die Vision des Schauspielers Guillaume vom »sozialistischen Theater« nach Art der chinesischen Kulturrevolution erweist sich als Hirngespinst, es misslingt ein Anschlag auf den sowjetischen Kultusminister, den die Philosophiestudentin Véronique ausführen will (nebst Gelegenheitshure Yvonne und dem Physikstudenten Henri als weitere dramatis personae ), weil sie die falsche Tür öffnet und jemand anderen erschießt.

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