• Merkur-Preis 2022 für Samira Akbarian und Benedikt Sepp

    Der Merkur-Preis für herausragende Dissertationen, gestiftet 2019 von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur, wird für das Jahr 2022 erstmals und ausnahmsweise doppelt vergeben. Die Preissumme von 3.000 Euro wird dementsprechend ebenfalls verdoppelt. Ausgezeichnet wird zum einen die Rechtswissenschaftlerin Samira Akbarian (Goethe-Universität Frankfurt) für ihre Studie zum Thema Ziviler Ungehorsam als Verfassungsinterpretation. Ausgezeichnet wird zum anderen der Zeithistoriker Benedikt Sepp (LMU München) für die Arbeit Das Prinzip Bewegung. Theorie, Praxis und Radikalisierung in der West-Berliner Linken (1961−1972). (mehr …)
  • Abfall am Himmel

    Eine Saturn-V-Rakete, mit der amerikanische Astronauten Ende der 1960er Jahre zum Mond fliegen konnten, wog beim Start 2900 Tonnen. Was die Hubschrauber und Rettungstaucher der Navy wenige Tage danach aus dem Meer fischten, brachte keine zwei Promille davon auf die Waage. Einzig das malträtierte Command Module kehrte zur Erde zurück, mit drei übermüdeten Astronauten, ein paar Kisten Mondgestein und einem großen Haufen belichteter Filme. Alles andere war verbrannt, im Meer versunken, in der Atmosphäre verglüht, auf dem Mond zurückgelassen oder mit unbekanntem Ziel im All unterwegs. (mehr …)

  • Fußball Spiele

    Jedenfalls sagte die oberbayerische Hebamme, während sie auf meinen kleinen Hintern haute: »Scho wieder so a damisches Weibsbild!« Es war eine Frage der Höhe des Trinkgelds. So waren die Spielregeln 1937.

    Das erste Fußballspiel in einem richtigen Stadion, in einer richtigen Stadt erlebte ich im Alter von zwölf Jahren, kurz nach dem Krieg. Die Pubertät begann mich in Atem zu halten. Doch war ich noch nicht groß genug, von meinem Stehplatz aus über eine Wand von Männerrücken zu sehen.

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  • „Der Kapitalismus in der Gelehrtenwelt“

    "Der Kapitalismus und sein gleichzeitig mit ihm gegebener Gegensatz, das Proletarierthum, mit welchem er zusammen nur eine einzige Erscheinung bildet, ist die Macht, auf dem Wege vollkommener wirthschaftlicher Freiheit und des positiven Rechts über den Arbeitsertrag Anderer zu verfügen.«1 Diese Definition setzt der Chemiker Adolf Mayer an den Anfang seiner Schrift Der Kapitalismus in der Gelehrtenwelt aus dem Jahr 1881. Die Bezüge zu der Wissenschaftskritik, die in der Bewegung #IchBinHanna geäußert wurde, sind auffallend, sie sind weitgehend und erstrecken sich vielfach bis in einzelne Formulierungen. Trotz zeitbedingter Unterschiede ist die Diagnose der Missstände im Wesentlichen dieselbe. Wie kann das sein? (mehr …)

  • Ausweitung der Komfortzone

    "Licht, das mit einem Fingerdruck an- oder ausgeht; eine Lufttemperatur, die unabhängig von den Jahreszeiten ist; Wasser, das auf Befehl, ganz nach Wunsch, jederzeit und überall heiß oder kalt fließt; all das und der Körper, der dadurch geformt wird …«. So beschreibt Lucien Febvre den »modernen, selbstzufriedenen Komfort« als Kernelement der westlich-urbanen Lebensweise.1 Künstliche Beleuchtung, Zentralheizungen und Klimaanlagen zählen neben elektrischen Haushaltsgeräten oder gepolsterten Möbeln zu den Requisiten des komfortablen Lebens, die in ihrer selbstverständlichen und allgegenwärtigen Verfügbarkeit den Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften markieren. Die Ausrichtung auf Komfortbedürfnisse wirkt sich auf subtile, aber doch einflussreiche Weise auf die Gestaltung des Alltagslebens aus. (mehr …)

  • Ein Platz für Tiere. Ein Zoodirektor als Gesamtkunstwerk

    In der Bundesrepublik der 1960er und 70er Jahre war das vom Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens Bernhard Grzimek (1909–1987) moderierte und zumeist mit dessen eigenen Filmen bestückte Ein Platz für Tiere häufig die erste Sendung, die Kinder im Abendprogramm anschauen durften. Regelmäßig lauschten sie dienstags nach der Tagesschau der ziemlich einschläfernden Stimme Grzimeks, die am Ende verlässlich unter genauer Angabe der Kontonummer um eine Spende zur »Hilfe der bedrohten Tierwelt« bat. Besonders große Resonanz erfuhren die »tierischen Gäste« – etwa Geparden, Schimpansen oder Giftschlangen –, die er in jeder Sendung empfing; ein Ritual, das Loriot in seinem Sketch Die Steinlaus (1976) gekonnt auf die Schippe nahm.

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  • Philosophiekolumne. Sozialneid und Melancholie

    Nach der Tugend leben wir schon lange nicht mehr. So lautete ja einmal die Diagnose, die Alasdair MacIntyre der liberalen Gesellschaft stellte: Sie sei eine Gesellschaft after virtue.1 Sachlich betrachtet reflektierte diese Einschätzung darauf, dass die liberale Gesellschaft Normen folgt, die vom Sein der Menschen absehen. In der liberalen Gesellschaft wird Gerechtigkeit zur Fairness, bei der alle die Plätze der anderen einnehmen können müssen: ungebunden durch ihr Sein; wird Volkssouveränität zum Verfahren, bei dem alle sich über ihre aufrichtigen Ansprüche verständigen können müssen: ungebunden durch ihr Sein; wird Wirtschaften zur Wertschöpfung, bei der alle im Äquivalententausch fungieren können müssen: ungebunden durch ihr Sein. Entsprechend befinden sich Recht, Politik, Wirtschaft dann in guter Verfassung, wenn sie fair, kommunikativ und akkumulierend vorgehen: ungebunden durch das menschliche Sein. (mehr …)

  • Testfall Thüringen. Mittagessen bei der Konkubine

    Im 4. Februar 2020, dem Tag vor der Ministerpräsidentenwahl, fuhr Thomas Kemmerich nach Berlin. Sein Pressesprecher Thomas Philipp Reiter dokumentierte einen Höhepunkt des Besuchs: Zum Mittagessen war man im China Club Berlin verabredet. Das Etablissement in einem Anbau des Hotels Adlon macht Werbung damit, dass es der exklusivste Privatclub Deutschlands sei. »Der China Club Berlin ist ein diskreter Rückzugsort, weg von der Hektik der Stadt und gleichzeitig ein Ort der Begegnung und des Austausches. Er ist ein Arkadien für seine Mitglieder geworden, das sie in eine Welt des Genusses entführt.« (mehr …)

  • Homestorys (IV): Behaglichkeit

    Noch bis vor kurzem galt das Thema Wohnen als intellektuell eher randständig. Mittlerweile hat der Wind sich gedreht. Nach über zwei Jahren kollektiv aufgezwungener Auseinandersetzung mit Homeschooling, Homeoffice, fluiden Quarantäneregelungen und Lockdown-Logistik werden Heim und Haus nun auf einmal als ungeheuer spannende und reflexionsbedürftige Erfahrungsräume ausgerufen. »Die Pandemie hat unser aller Beziehung zu unserem Zuhause tiefgreifend verändert«, heißt es in einer der zahllosen öffentlichen Wortmeldungen, die die Brisanz dieses Bedeutungswandels beschwören, »schließlich hat sie in unseren eigenen vier Wänden nicht weniger Chaos angerichtet als in unserer Psyche und unserem Immunsystem. (mehr …)

  • Die Gedächtnislücke von Suwałki

    Polnische Urlauber kochen in einem VW-Bus auf dem Parkplatz an der Grenze zu Russland einen Kaffee. Am Beginn der Lücke von Suwałki gibt es weit und breit kein Ausflugslokal. Radfahrer unterbrechen verschwitzt ihre Tour entlang der Green-Velo-Route, die durch den Osten und Norden Polens auf wenig befahrenen Straßen über Wiesen und durch Wälder führt. Eine Tafel gibt Auskunft, dass hier bis zu ihrer Unterwerfung durch den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert baltische Stämme siedelten. (mehr …)