• Das Autonomieproblem digitaler Gesellschaften. Digitalkolumne

    Die Frage nach der Autonomie ist brisant. Wer kann aus dem Einsatz von Rechnern, Software und Netzwerken Autonomiegewinne ziehen, wo werden Autonomieansprüche algorithmisch beschnitten? Datenschutz und Überwachung, die Diskussionen um Big Data und Algorithmen sowie die Auseinandersetzungen um soziale Medien, filter bubbles und politische Manipulation kehren immer wieder an den Punkt zurück, wo es um bedrohte Selbstbestimmung oder um erhoffte Autonomie geht. Autonomie ist ein Hochwertwort der Gegenwart. Neu ist nur, dass es in letzter Zeit gerne in den Zusammenhang mit Algorithmen gebracht wird. Tag für Tag scheiden sich die Geister an der im Google Car erfahrbar gewordenen algorithmischen Autonomie von Automobilen. Letztlich geht es dabei um die Frage nach dem Verhältnis von Freiheitsermöglichung und Freiheitsbeschränkung in der Konsumwelt, im Gesundheitswesen, ja selbst in der Demokratie und der Spielwelt.

    Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.

    Soll man angesichts dieser Veränderungen zum Apologeten des Technischen werden und verharmlosen, wo Skepsis angebracht ist? Oder muss man zum Apokalyptiker werden und übertreiben, wo die Technik das Malaise schon antrifft? Ein technikhistorisch informierter Blick auf die Erscheinungsformen der Autonomie in der Epoche der digitalen Wirklichkeit löst das Dilemma, wenn Autonomie nicht normativ oder begriffsgeschichtlich umzingelt, sondern als Aushandlungszone für verständigungsorientiertes Handeln verstanden wird. Das Beispiel der rechnergestützten Verwaltung ist schon lange ein gutes Beispiel, um das Verhältnis von Computer und Gesellschaft besser beobachten und verstehen zu können und über Prozesse soziotechnischer Selbstvergewisserung und Verständigung nachzudenken.

    Autonomie in der digitalen Wirklichkeit

    Kommerziell einsetzbare elektronische Rechner, wie sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum ersten Mal entstanden sind, zeichneten sich in den Augen ihrer Anwender durch eine hohe Sortierleistung bei maximaler Sturheit aus. Das eine war ein attraktives Versprechen, das andere eine Tatsache, mit der man gleich nach der Auslieferung einer Anlage auf unliebsame Weise konfrontiert wurde. Rechner taten einfach gar nichts, wenn man es ihnen nicht mühsam, Schritt für Schritt und immer schriftlich beibrachte. Danach wurden Rechner wie vor ihnen bereits Automaten vollkommen fremdgesteuert – von Programmen, die Programmierer aufgrund der Anweisungen der Maschinenbauer in Maschinensprache geschrieben hatten. Man musste sie bedienen und in den Gehorsam zwingen, und das ging nur, wenn der Disziplinierung des Rechners eine Disziplinierung seiner Mannschaft vorausging. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Wie wir aus zahlreichen Beispielen der frühen Computergeschichte wissen, begann fast jedes Computerprojekt mit der Rekrutierung von zusätzlichem Personal. Wir wissen auch, dass dieses Personal meistens von Grund auf zu lernen hatte, wie es »seinen« Computer lernfähig und gehorsam machen konnte. Von Autonomie war dabei natürlich nicht die Rede, weder beim Rechner noch beim Personal, das Befehle schrieb. Um ihre professionelle Selbständigkeit sorgten sich jedoch die Manager und Mathematiker. Damit sie sich vor Autonomieeinbußen schützen konnten, delegierten sie die Produktion von Code an »Programmierer« genanntes Hilfspersonal und schränkten dessen Autonomie so stark wie möglich ein. Die Geschichte der Autonomie in der digitalen Gesellschaft beginnt also mit einer Rollendifferenzierung zwischen autonomen Managern und Mathematikern einerseits und hochdisziplinierten Programmierern und Locherinnen andererseits. Die Autonomie der Maschine aber wurde auf die kalkulierbare Zeit eines automatischen Stapellaufs oder batch run eingeschränkt. Das änderte sich erst zu Beginn der 1960er Jahre, als Computerspezialisten das Problem der wechselseitig verursachten Wartezeiten von Maschinen und Anwendern behandeln wollten. Die Lösung für die beabsichtigte Autonomiesteigerung für Nutzer war eine Autonomiesteigerung für Computer. Mit unvorstellbar großem Aufwand wurde daran an ganz verschiedenen Orten gearbeitet. Die Losung lautete Time-Sharing und Betriebssystem: Nutzer sollten immer dann Zugriff auf die Maschine haben, wenn sie den Rechner brauchten. Gleichzeitig sollten die Rechner so lückenlos wie möglich mit den verschiedenen Aufträgen ihrer Nutzer beschäftigt sein. Weil sie so teuer waren, durften sie nie müßig, nie »idle« werden. Nutzer hingegen sollten das (lesen ...)