Abfall am Himmel

Eine Saturn-V-Rakete, mit der amerikanische Astronauten Ende der 1960er Jahre zum Mond fliegen konnten, wog beim Start 2900 Tonnen. Was die Hubschrauber und Rettungstaucher der Navy wenige Tage danach aus dem Meer fischten, brachte keine zwei Promille davon auf die Waage. Einzig das malträtierte Command Module kehrte zur Erde zurück, mit drei übermüdeten Astronauten, ein paar Kisten Mondgestein und einem großen Haufen belichteter Filme. Alles andere war verbrannt, im Meer versunken, in der Atmosphäre verglüht, auf dem Mond zurückgelassen oder mit unbekanntem Ziel im All unterwegs.

(Dieser Text ist im Januarheft 2023, Merkur # 884, erschienen.)

Die Rakete war zum Verschwinden bestimmt. Ihre kurze Lebensdauer bei maximalem Materialverbrauch kümmerte niemanden. Schmerzhaft für die NASA war hingegen ein viel gründlicheres Verschwinden der Saturn V, nämlich die Entscheidung der Regierung Nixon von 1970, den Bau dieses Raketentyps einzustellen. Das Apollo-Programm wurde vorzeitig beendet. Die Argumente der Regierung lagen auf der Hand. Das Risiko war enorm, der Grenznutzen weiterer Mondflüge stark gesunken. Die Bilder der Erde vom Mond aus betrachtet waren um die Welt gegangen, Armstrongs historischer »small step for a man« ließ sich nicht wiederholen, der Präsident hatte mit den Vertretern der Menschheit auf dem Mond telefoniert. Zudem waren die Bildarchive der NASA gut gefüllt, die physikalisch-chemischen Laboratorien der Welt mit lunaren Gesteinsproben versorgt.

Die berühmteste Trägerrakete aller Zeiten war schon 1970 angezählt und verschwand 1973 auch aus allen Missionen und Programmen. Das Leben der Saturn V liest sich wie die Chronik ihrer angekündigten Nutzlosigkeit. Die bereits fabrizierten Teile wurden pietätlos in andere Raketen verbaut, also schon in den Fabriken rezykliert. Was dann noch übrigblieb, fügte man so zusammen, dass es im Space Center in Houston als Museumsstück die Besucher anlockte. Wie ein erlegtes Monster, der Länge nach ausgestreckt – absolut beschleunigungsfrei und ohne jede Thermodynamik.

Interessant am Verschwinden der Saturn V war nicht das ungünstige Verhältnis zwischen langer Entwicklungszeit und kurzer Einsatzphase. Nicht einmal die kulturelle Umdeutung von der absoluten Spitzentechnik zum musealen Dinosaurier. Denn das war nur mehr ein kollektiver Reflex und Trauerarbeit am einstigen Objekt der Bewunderung. Wichtiger war, dass sich von da an die gesamte »National Aeronautics and Space Administration« in Richtung Erde bewegte.

 

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