• Blümchenkleid und Prügelhose

    Wenn man einem Schlag nicht ausweichen kann oder ihn sogar zu Trainingszwecken auffangen will, ist es gut, die Bauchmuskeln anzuspannen. Ein fester Stand kommt aus der Mitte des Körpers, und je nachdem, wie viel Angst man vor dem Auftreffen der behandschuhten Faust auf den eigenen, zum Schutz erhobenen Armen und Fäusten hat, spürt man auch ein Ziehen genau in der Mitte des Bauches, von da aus, wo das Zwerchfell ist. (mehr …)

  • Der Globus. Bericht aus der Kunstförderung

    Der Künstler war am Ende seines Lebens zu alt und zu schwach gewesen, um sein Atelier aufzulösen. Die Erben, nach seinem Tod mühsam ermittelt, waren am Nachlass nicht interessiert. Dieser bestand vor allem aus dem Inhalt des Ateliers. Da der Künstler zwar lokalen Respekt genoss, doch keine größere Berühmtheit erlangt hatte, war der Anreiz gering, ein unübersichtliches Gebirge aus Bildhauerwerkzeugen, Steinblöcken, Kunstwerken in verschiedenen Produktions- und Erhaltungszuständen, sehr vielen verstaubten Büchern, Kisten voller Dokumente und Krimskrams aller Art abzutragen. Nach einer Inspektion des Ateliers beschloss daher die zuständige Kulturbehörde als Vermieterin des Ateliers, die Räumung zu übernehmen. Die Aufgabe war mir zugefallen, da ich für die Kunstförderung verantwortlich war. Normalerweise sollte ich die künstlerische Kreativität und Produktion befeuern. Nun erfuhr ich, dass auch die Auseinandersetzung mit ihren Folgen dazugehören konnte. (mehr …)

  • Reproduktionsarbeit

    Ich werde dauernd gefragt, ob ich Kinder will, und ich weiß nicht, was ich auf diese Frage antworten soll. Ich vermute, dass ich vielleicht Kinder will, aber ich weiß nicht, ob ich Kinder will, weil ich nicht weiß, wie sich das anfühlen soll, Kinder zu wollen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich Kinder gehabt haben will – so aus der Rückschau –, aber auch nur, weil ich nicht das Gefühl haben möchte, etwas verpasst zu haben. Aber meint man dieses Gefühl, wenn man sagt, dass man Kinder will? Fühlt es sich so an wie der Wunsch, seine Schulden abbezahlt zu haben oder bei der Veranstaltung gewesen zu sein, an der teilzunehmen du dich irgendwie verpflichtet fühlst, nur dass dir die Energie fehlt, auch wirklich hinzugehen? Wie fühlt es sich an zu wissen, dass du Kinder willst? (mehr …)

  • Formen des Sichtbaren. Philippe Descola und die Vielfalt der Kulturen

    Jan Vermeers Gemälde Der Astronom aus dem Jahr 1668 darf wohl in vielerlei Hinsicht – formal als auch inhaltlich – als emblematisch für die europäische Neuzeit gelten. Aber was zeigt dieses Bild eigentlich? Diese Frage kann man auf ganz unterschiedlichen Ebenen beantworten. Gegenstand der Darstellung ist ein Wissenschaftler der Zeit in seinem Studierzimmer. Auf dem Tisch vor ihm befinden sich ein zeitgenössischer Himmelsglobus, ein Astrolabium und ein aufgeschlagenes Buch, das als die zweite Auflage von Adriaan Metius’ Lehrbuch Institutiones Astronomicae & Geographicae von 1621 identifiziert wurde.1  (mehr …)

  • Twitter, die Nähe-Maschine

    Twitter macht uns ein verführerisches Versprechen: die Möglichkeit der Verbindung mit vollkommen Fremden. Auf Twitter können wir Leute entdecken, die unsere moralischen Ansichten teilen – oder immerhin unseren schrägen Geschmack in Sachen Memes. Manchmal werden wir bei Twitter Teil einer warmen und intimen Gemeinschaft. Aber Twitter drückt uns zugleich die perfekte Waffe zur Ausbeutung dieser Intimität in die Hand: den Retweet. (mehr …)

  • Transformationen der Empfindsamkeit

    Politische Farbkontraste von kulturellem Symbolwert sind in der Bundesrepublik Deutschland gut eingeführt. In ihren ersten Jahrzehnten standen Schwarz und Rot für politisch-kulturelle Alternativen, in den 1990ern (Kapitalismus oder Barbarei!) waren es wahrscheinlich Liberalgelb und Linkspurpur, inzwischen sind es Blau und Grün. Bemerkenswert an letzterer Konstellation ist, dass sich diese Alternativen nicht entlang von statistiktauglichen Kriterien ausbildeten, etwa von Einkommenslage oder Bildungsgrad. Stärker und verlässlicher symbolisieren sie sich in einem Gefühlshabitus sozialen Handelns – in bewusst erzeugten, verstetigten und präsentierten Affekten. (mehr …)

  • „Yoga“ lügt nicht. Über das Romanhafte des Faktischen

    Wenn ein Autor von seinen Büchern sagt: »Alles darin ist wahr«, kann man ihm den Stuhl wohl nicht glatter wegziehen als mit der Behauptung, er lüge, und das, was er schreibe, sei ein »Ehrlichkeitstheater«.

    Als Emmanuel Carrère im Herbst 2020 in Frankreich sein Buch Yoga herausbrachte, lief kurz alles gut: Das Buch wurde innerhalb weniger Wochen an die 200 000 Mal verkauft und landete auf der Longlist des so hochgehandelten wie oft literaturblinden Prix Goncourt. Doch bald darauf kam die Klatschsucht und dann die Klatsche. Der Schriftsteller Frédéric Beigbeder munkelte in einer Fernsehsendung, die »erzählerische Ellipse«, die schon andere in diesem Buch ausgemacht hatten, habe mit einem drohenden Prozess zu tun, aber darüber dürfe er an dieser Stelle wohl nichts sagen, und Carrères seit einem halben Jahr von ihm geschiedene Exfrau Hélène Devynck sah sich zu einer Richtigstellung in Vanity Fair gezwungen, mit der die Wahrheit über die Lügen im Buch in die Welt kommen sollte. (mehr …)

  • Kamel oder Dromedar? Zur Diagnose der gesellschaftlichen Polarisierung

    Die Diagnose der gesellschaftlichen Polarisierung ist zu so etwas wie dem Masternarrativ sozialer Wandlungsprozesse geworden, mit dem Subtext, dass das, was einstmals als integriert und harmonisch erschien, nun auseinanderzureißen drohe. Ohne die Diagnose der Polarisierung geht nichts mehr – keine Auseinandersetzung um das Klima, keine um Corona-Maßnahmen, keine um das Gender-Sternchen. In dem Bild der Polarisierung ist die Gesellschaft in zwei Lager aufgeteilt, die nun mit widerstreitenden Interessen und Orientierungen als Gegensatzpaar aufeinandertreffen. Man könnte eine solche Gesellschaft auch als Kamelrücken beschreiben – zwischen den aufragenden Höckern ein trennendes Tal unüberbrückbarer Unterschiede. (mehr …)

  • Die politische Geografie der Bundestagswahl

    Wenn an einem deutschen Wahlsonntag um 18 Uhr die Prognose veröffentlicht wird, wachsen auf den Studiobildschirmen der Fernsehsender Balken in die Höhe oder stürzen in die Tiefe. Ob es um das Wahlergebnis, die Gewinne und Verluste der Parteien oder die Präferenzen der Wählerinnen und Wähler in der Kanzler- und der Koalitionsfrage geht – auf fast alle Fragen hat Jörg Schönenborn die Antwort in Form eines Balkendiagramms. Nur die Sitzverteilung wird üblicherweise in der Form einer Bundestagstorte präsentiert. (mehr …)

  • „Das Buch heißt Männerphantasien und es ruft ja geradezu danach, dass eine Frau darüber schreibt.“

    .Gespräch mit Gisela Stelly Augstein über Klaus Theweleits Männerphantasien .

    Philipp Goll: Sie haben 1977 die erste Rezension über Männerphantasien von Klaus Theweleit in der Wochenzeitung Die Zeit geschrieben. Bis heute wird aber immer nur die Rezension Ihres Mannes Rudolf Augstein aus dem Spiegel zitiert. Ich habe in meinen Nachforschungen zur Rezeptionsgeschichte von Männerphantasien gehört, Sie hätten Ihren Mann überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht. Es heißt, Sie hätten das Buch von dem ehemaligen Zeit- und konkret-Journalisten, Musikproduzenten und damaligen Herausgeber der Zeitschrift Die Republik Uwe Nettelbeck bekommen und dann auf den Nachttisch Ihres Mannes gelegt. Und nur so sei es zu der achtseitigen Besprechung des Buchs im Spiegel gekommen, in der das Buch als „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“ bezeichnet wird, und die zum Kultstatus von Männerphantasien sicherlich beitrug. Ist da was dran? Gisela Stelly Augstein: Diese Geschichte würde ich differenzierter erzählen. G: Wie denn? S: Also, wir waren wieder einmal bei einem unserer Freundschaftsabende bei den Nettelbecks, bei Petra und Uwe Nettelbeck in Luhmühlen. Und da hat Uwe dem Rudolf Männerphantasien sozusagen in die Hand gedrückt. Sicherlich gab Uwe Rudolf das Buch mit der Idee, dass es im Spiegel besprochen wird. Und sicher auch mit der Idee, dass Rudolf es bespricht. G: Dann geht diese seitenlange Rezension Rudolf Augsteins im Spiegel also auf Uwe Nettelbeck zurück? S: Es war so, dass Rudolf sich das Buch gar nicht angeschaut hat, das lag einfach so rum. Ich habe es immer aus dem Augenwinkel auf seinem Nachttisch liegen sehen. Er wollte sich das wohl irgendwann mal angucken. Aber es passierte nichts. Und dann habe ich es mir genommen. G: Und dann? S: Ich habe darin rumgeblättert und gedacht, oh Gott!, das ist ja genau das, was mich seit Jahren bewegt, nämlich die Frage, wie ist die Gewalt des Faschismus zu erklären, die für mich so undurchschaubar schien, weil das Thema immer auf einer Politikerebene behandelt wurde, so wie das eben Joachim Fest oder so Leute gemacht haben. Theweleit analysiert ja die Literatur der Freikorpssoldaten der 1920er Jahre sowie Texte und Bilder auch aus dem Nationalsozialismus und entwirft eine Art Kulturgeschichte männlicher Gewalt. Überhaupt die Bilder in Männerphantasien. Das war herausragend! Mir fiel sofort ins Auge, dass das etwas ganz anderes war, als man so kannte als Buch damals. Theweleit hat mit dem Buch tatsächlich etwas Verborgenes sichtbar gemacht. G: Wie meinen Sie das? S: Mir ist es beim Lesen so gegangen, dass ich einerseits viel über Männer, vor allem eben über die Gewaltphantasien der Männer gelernt habe. Es leuchteten bei der Lektüre dann hinter diesen Männern aber plötzlich Frauen auf. Das war ungewöhnlich für mich. Diese Präsenz der Frau war mir zu dem Zeitpunkt damals überhaupt nicht bewusst. Ich habe das beim Lesen als eine Art Überblendung erfahren. Ich habe Theweleits Schreiben zwar nicht unbedingt als filmisch empfunden, aber bei mir als Leserin ergab sich dieser Effekt, dass hinter der männlichen Schöpfung das verdrängte ausgeschlossene Weibliche zum Vorschein kam. G: Ah ja. Und dann haben Sie der Zeit vor lauter Begeisterung eine Rezension angeboten? S: Ich habe das Buch gar nicht erst ganz durchgelesen, sondern bin sofort zum Telefon und habe Rolf Michaelis von der Zeit angerufen. Ich habe ihm gesagt, da gibt es ein Buch, Männerphantasien, das würde ich sehr gern besprechen. Michaelis sagte daraufhin, dass er das ja auch eine ganz gute Idee findet, wenn ich es besprechen würde, es tut ihm aber wahnsinnig leid, denn es ist schon an den Bazon Brock vergeben. Dann habe ich gesagt, ja, gut, aber das Buch heißt doch Männerphantasien und es ruft ja geradezu danach, dass eine Frau darüber schreibt. Und dann hat er gesagt, hm, ja, da hätte ich eigentlich nicht ganz Unrecht. Dann könnten wir es doch so machen, dass in derselben Ausgabe Bazon Brock als Mann und ich als Frau schreiben. G: Und darauf sind die dann eingegangen? S: Ja, obwohl ich ganz, ganz wenig Zeit hatte. Der Text von Brock war schon im Umbruch, und ich musste mich unheimlich beeilen. Ich habe das Buch dann in Windeseile durchgelesen und in einer einzigen Nacht den Text geschrieben, und als ich dann morgens ins Bett wollte, stand mein Mann Rudolf gerade auf, und ich habe ihn gefragt, ob er sich den Text mal anschauen kann. Wenn man die Nacht durchschreibt, kann man das ja nicht mehr so richtig beurteilen. Er las dann den Text und ich habe mich nochmal hingelegt. G: Und, was hat er gesagt? S: Er weckte mich dann nach zwei, drei (lesen ...)