• Etwas ist geschlachtet worden. Michaela Eichwald: FRANK

      Michaela Eichwalds Ausstellung begrüßt den Besucher mit einem großformatigen Gemälde, auf dem Wappentiere auf blau-weiß gestreiftem Grund zu sehen sind. Eine Schmierspur aus Gelb und Rostbraun verrät, dass man Bilder erwarten darf, die nur auf den ersten Blick wie Stillleben erscheinen, die zwar Gegenstände zeigen, aber immer auch Bewegungen und Ereignisse, die über diese Gegenstände hinweggegangen oder ihnen zugestoßen sind. Sind diese Wappentiere auch bloße Konturen, steif also fast ungelenk auf die Streifen gezeichnet, werden sie doch von etwas, das nicht weiter bestimmt wird, umgetrieben und berührt. So heißt die Arbeit denn auch Frank und Pflaumi haben einen Traum. (mehr …)
  • Semesterende

    Nach der ganzen Politaufregung vom Wochenende fiel mir beim Lesen des FAZ-Artikels von Magnus Klaue, dem Kaiser der Antideutschen, dem in Sachen Popkulturdurchdringung und -liebe nur Diedrich Diederichsen das Wasser reichen kann, wieder mal auf (auch wenn’s im Text um Tumult ging und warum die den Islam und Konsum anders doof finden als Klaue): Über Techno kann man eigentlich nur auf Deutsch schreiben und zwar am besten im Ton meiner alten Grundschullehrerin, vor der ich mal antanzen musste, weil ich beim Bäcker im Dorf so salziges Lutschegummi habe mitgehen lasse, jaja kein Wunder, dass man dann zwischenzeitlich in gefährliche Nähe zur Linkspartei, damals noch PDS, Naumburg geriet, diese Diebstähle sind ja die Einstiegsdroge in den Sozialstaatsbetrug, kurzum: das macht der Tim Sweeney mal wieder richtig PRIMA mit seinem Zwei-Stunden-Mix in seiner Sendung Beats in Space: ganz schwül ist die Musik, aber immer schön druckvoll, nicht so plattmachend wie ein Sommerabend, sondern nach vorne drückend, weißte wie, so dass man immer ein bisschen kichern muss, und irgendwann, bei 1h04min spielt er dann ein Lied, das erinnert mich an das Frankreich der achtziger Jahre, das ich gar nicht kenne, aber das dennoch ein Ort der Sehnsucht ist, vergangene Zukunft, die ersten TGVs, in denen man auf dem Walkman so entrückte Edel-Disco-Mucke hört und ganz fest überzeugt ist davon, dass Arbeit des Menschen unwürdig ist und Eleganz seine, ihre, eure Berufung; Nostalgie, sagt ihr? Ja, wer macht denn die neuen ICEs jetzt wieder langsamer im Merkelland, bei uns fahren die TGVs noch locker mit 300 Kilometer pro Stunde, ich werde jetzt auch immer wir sagen, wenn ich über Frankreich und die Franzosen spreche, das habe ich von Sepp „The Depp“ Gumbrecht gelernt, der macht das auch immer so, wenn er die USA dafür lobt, dass sie militärisch und kulturell so viel leisten; und war sonst noch irgendwas? Naja, die letzte Sitzung meiner Vorlesung heute an der Sciences Po über die Ideengeschichte der Grenze, super Truppe mal wieder, angenehmst international, letzte Prüfungstexte zurückgegeben, ein paar bemerkenswerte Rechtschreiboriginalitäten – Fehler gibt’s bei mir in der Montessori-Waldorf-Strukturreform-Schule nicht – kamen zum Vorschein, sind das schon Zeichen für „Asia Rising“, wenn die Studis mir was über den „espace Shenghen“ erzählen wollen? Ich weiß es nicht, was ich aber weiß, ist dass es ein bisschen gehässiger wird im europäischen Abstiegskampf und das manchmal ermüdet, unendlich ermüdet, deswegen gehe ich auch gleichs ins Bett, aber irgendwann gehen Birthe und ich dann nach Asien, am besten nach Japan, Kyushu, um genau zu sein, von dort lässt sich das Ende der Gedichte am besten verfolgen, könnt ihr ja mal drüber nachdenken, wenn ihr den Tim Sweeney-Mix hört, aber ein Haiku war das jetzt nicht, oder?   roter punkt_20px Hat Ihnen der Artikel gefallen? Bleiben Sie auf dem Laufenden. Abonnieren Sie unseren Newsletter.
  • Priceless. Die hohe Kultur und das Geld (Hohe Kultur 5)

    Teil 5 der Serie von Merkur-Blog und pop-zeitschrift.de (eins / zwei / drei / vier) Die hohe Kultur war und ist immer auch ein Geschäft. Sie ist in mehrfacher Hinsicht wertvoll. Doch die ökonomischen Operationen der Wertschöpfung von hoher Kultur bleiben im Hintergrund. Hohe Kultur ist wertvoll, hat aber am besten keinen Preis und auf jeden Fall kein Preisschild. Sie ist, und das erinnert nicht zufällig an die schöne Werbung von MasterCard, unbezahlbar. Momente, in denen ausbuchstabiert wird, was die Hohe Kultur wert sei, sind deshalb besonders aufschlussreich. Ein solcher Moment ereignete sich 1816, als das britische Unterhaus über den Ankauf des von Lord Elgin geraubten Skulpturenfries aus dem Parthenon Tempel in Athen diskutierte. (mehr …)
  • Stellungswechsel: Eine Art persischer Brief an unbestimmte Adressen

    Zu den üblichen Ausdrucksformen eines Rektors oder, wie es jetzt oft heißt, eines Hochschulpräsidenten gehört der Essay wohl am wenigsten. Der Essay fordert alle stilistischen Eigenschaften, deren sich eine Hochschulleitung besser enthalten sollte: anspielungsreiche Verkürzung, also ein Schrei ben vorzugsweise für die unterrichteten Mitdenker; einen lockeren, manchmal zur Digression neigenden, gern die Metapher als Erkenntnisbild gebrauchenden Stil; eine wirkliche, nuancierte These. Der Essay verlangt mithin eine aus Tradition gespeiste Fähigkeit zur Deliberation sowohl des Verfassers als auch des Lesers; er ist daher selten topisch – oder er ist eben kein Essay.
  • Tortenspitzen

  • Der Brexit, Irland und Deutschland

    Im Frühjahr 1986 fragte mich eine Kommilitonin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel: »Bist du Ire oder Nordire?« »Ja«, antwortete ich, was sie aber nur verwirrte. Ich erklärte ihr, dass ich als gebürtiger Belfaster mit zwar doppelter Staatsbürgerschaft, aber nur einem einzigen (irischen) Pass sowohl Nordire als auch Ire sein könne – genau wie sie als Kielerin sowohl Norddeutsche als auch Deutsche sei. Mit Politik habe das nichts zu tun, meinte ich. Im Herbst 1987 in Rostock, DDR, fragte ich, frisch angekommener Englischlektor an der Wilhelm-Pieck-Universität, einen Studenten aus Schwerin: »Sag mal, hältst du dich für einen Deutschen?« »Natürlich bin ich Deutscher«, erwiderte er vehement, »was denn sonst?« Die Frage hatte ihn beleidigt. (mehr …)
  • Historischer Ortstermin: Gipfelglühen

  • Das Gedächtnis der Welt. Zu John Berger

  • Biografische Notizen zu Karl Löwith

  • Freihandel. Ökonomiekolumne