Elphi – oder Hochkultur als Subventionsbetrug (Hohe Kultur 3)

Teil 3 der Serie von Merkur-Blog und pop-zeitschrift.de (eins / zwei)

Von Hochkulturen bleibt oft nichts anderes zurück als die beeindruckenden Ruinen ihrer Prestigebauten: die Zikkurate von Ur, die Cheops-Pyramide, Angkor Wat, Machu Picchu, der Pergamon-Altar. Oder die Hamburger Elbphilharmonie.

Die Besucherinnen strömen, um das „Juwel der Kulturnation“ (Bundespräsident Gauck in seiner Eröffnungsrede) zu bestaunen. Für 2017 sind alle Veranstaltungen ausgebucht. Menschen sind sogar bereit, sich zeitgenössische Musik anzuhören, nur um einen Blick in das Sanctum Sanctorum werfen zu können: der große Saal mit seiner „Weltklasse-Akustik“.

Wobei die Gefahr, in ein Konzert mit zeitgenössischer Musik zu geraten, klein ist. Die Programmierung der Konzerte orientiert sich brav an den Standards des Klassik-Betriebs: viel Wiener Klassik, viel 19. Jahrhundert, ein bisschen Alte Musik, ein bisschen Neue, ein bisschen Jazz und dazwischen mal was „Gewagtes“ wie ein Konzert der Einstürzenden Neubauten oder ähnlicher Avantgarde- bzw. Subkultur-Darsteller.

Wie gut die Akustik tatsächlich ist und was das überhaupt heißt – eine gute Akustik –, werden die meisten Besucherinnen vermutlich nicht beurteilen können. Wer hat schon die ausgebildeten Ohren, die Erfahrung und das Erinnerungsvermögen, um sich sinnvoll über die Unterschiede der Akustik in den Konzertsälen und Opernhäusern dieser Welt zu äußern? Und wer kann gegen den Sound anhören und ansprechen, den die 900 Millionen Euro machen, die Stadt und Bund sich die ganze Kiste haben kosten lassen? Ein paar Musikkritiker haben sich dann zwar tatsächlich nicht so euphorisch zur Eröffnungsfeier und zur Akustik geäußert, aber die durften das. Schließlich wurde das riesige Immobilien- und Tourismus-Wirtschafts-Förderung-Projekt ja als Kulturpolitik verkauft. Da passt eine Musikkritik ins gewünschte Bild.

Spannend wird es, wenn man sich anschaut, auf wessen und auf welche Kritik an der Elbphilharmonie nicht so freundlich reagiert wird. Was gar nicht geht: in Frage stellen, dass die Gesellschaft überhaupt so viel Geld für eine Konzerthalle ausgeben sollte. Wer die Kosten für die Elbphilharmonie mit den seit Jahren nicht erhöhten Förderungen für traditionelle Hamburger Kulturinstitutionen oder gar denen für freie Träger in Verbindung bringt, sieht sich sofort dem Vorwurf des Hochkultur-Bashings ausgesetzt. (Der Kulturetat betrug 2015/2016 262 Millionen Euro.) Und so jemand ist ja nur noch zwei Schritte vom Wählen der AfD entfernt. Das war schon immer der Vorteil derer, die sich als Hochkultur inszenieren konnten: Wer das Konzept in Frage stellt, ist ein Banause – jemand, der die Hierarchien von symbolischen und materiellen Werten, die unsere Gesellschaft strukturieren, grundsätzlich in Frage stellt. Ob aus schlichtem Unwissen oder aus revolutionärer Absicht, ist dabei im Prinzip egal (oder vom Hochkultur-Standpunkt aus schlicht dasselbe).

Dass einem bei der Elbphilharmonie auch Diskutanten diesen Vorwurf machen, die sich selbst eher im links-alternativen Spektrum verorten, macht die Diskussion wiederum interessant. Und der defensive Ton, mit dem man sich hinter Beethoven und dem Prestige der Klassischen Musik gegen KritikerInnen verschanzt. Fast 20 Jahre unter der Herrschaft der schwarzen Null und der damit verbundenen Prekarisierung auch etablierter Kulturinstitutionen bis hin zur Schließung oder Auflösung von Museen, Theatern und Orchestern, vom Ruhrgebiet bis nach Anklam, haben die ProtagonistInnen vieler Kunst- und Kulturszenen wohl so demoralisiert, dass sie – ausgerechnet – die Elbphilharmonie als Bekenntnis des Staates und der Gesellschaft zur Kulturförderung als Staats- und Gemeinschaftsaufgabe zu werten scheinen.

Was für eine Kultur da gefördert wird, scheint dann fast schon egal – und hier hat der Weltgeist dann eine seiner schönen Ironien parat: Ausgerechnet Klassische Musik, die am weitesten von den kulturellen Praxen der meisten Menschen, auch in Hamburg, entfernte Form der Kultur überhaupt, wird von einer großen Koalition der Wohlmeinenden als die Wiederkunft des großen sozialdemokratischen Aufbruchs einer „Kultur für Alle“ gefeiert.

Das ist nicht nur so bizarr, weil Klassische Musik quasi 1 : 1 der Standarddefinition von Hochkultur entspricht, wie diese sich gerne selbst definiert: als eine Kunst, die sowohl bei den Ausübenden als auch bei den Rezipienten extrem viel kontextuelles Wissen und Habitualisierung voraussetzt. Klassische Musik ist nämlich auch eine der wenigen Kunstformen, die sich noch sozio-ökonomisch und habituell einer recht genau definierbaren, sehr homogenen Gruppe zuordnen lässt: Über 60 Prozent der BesucherInnen klassischer Konzerte sind PensionärInnen oder RentnerInnen, die einen akademischen Abschluss haben und über mehr als 2000 Euro monatliches Einkommen verfügen.

Und es kommt fast kein Nachwuchs hinterher, selbst aus den Reihen der Kinder und Enkel dieser privilegierten Schicht nicht. Auch wenn die alle Klavier oder Geige lernen mussten. Veranstalter von Klassischen Konzerten und die Musikindustrie bekommen das immer deutlicher zu spüren. (Wie der Klassik-Betrieb bei stagnierenden bis zurückgehenden Besucherzahlen eine Verdopplung der in Hamburg kommerziell zu bespielenden Fläche stemmen will, ist auch so eine Frage, die niemand so gerne hört.)

Die Hamburger SteuerzahlerInnen (ein paar Millionen vom Bund stecken auch noch drin) finanzieren also mit knapp 900 Millionen Euro das kostspielige Hobby einer sowieso schon extrem privilegierten gesellschaftlichen Schicht, von der auch noch ein erklecklicher Teil gar nicht aus Hamburg kommen wird. Und wenn alles so läuft wie üblich bei solchen Projekten, wird es nicht bei dieser Summe bleiben, sondern auf ständige Subventionen durch den Stadthaushalt hinauslaufen.

Selbst Musikkritiker, die das Konzept „Hochkultur“ mit all seinen Implikationen des Ausschlusses und der Abwertung anderer künstlerischer und kultureller Praxen bejahen, plagt das dumpfe Gefühl, dass man mit dem Etikett allein keine Fantastillarden-Ausgaben mehr rechtfertigen kann. Das ist der Moment, in dem die Kultur- bzw. Kunstvermittlung – und das verbilligte Eintrittsticket – ihren großen Auftritt haben: Den Kritikern dieser Subventionierungsorgie für eine aussterbende Kulturform wird das umfangreiche Programm der Elbphilharmonie entgegengehalten, das Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen den Zugang zur Welt der Klassik eröffnen will – und das für kleines Geld. Und selbst für die regulären Konzerte gäbe es schon Tickets für unter 10 Euro. O-Ton Olaf Scholz: Jedes Kind aus Hamburg soll einmal während seiner Schulzeit in der Elbphilharmonie ein Konzert gehört haben. Das klingt erst mal schön und gut – und bindet über ein paar Stellen und Projekte auch sicher einige der Protagonisten der prekärer finanzierten Hamburger Kulturszene an die Elbphilhamonie (und neutralisiert sie damit auch als mögliche KritikerInnen).

Kaum einem der wohlmeinenden Musikpädagogen aus gutem Hause scheint aufzufallen, dass sich diese Programme auch leicht als Versuch lesen lassen, zwar neue Besuchergruppen erschließen zu wollen, diese aber tunlichst vom eigentlichen Publikum fernzuhalten, – bis sie dann mal soweit sind, unter zivilisierten Menschen klassische Musik hören zu können. Dass Menschen mit weniger privilegiertem, nicht-bürgerlichem Hintergrund solche subtilen Zurückweisungen ihrer eigenen kulturellen Kompetenzen und Präferenzen sehr sensibel wahrnehmen (und leider oft auch internalisieren), ist zwar mittlerweile Thema innerhalb der Kultur- und Museumspädagogik, aber in der Praxis kaum angekommen, – auch nicht in der Elbphilharmonie. Entsprechend bescheiden sind bisher die Erfolge in der Erschließung neuer Besucherschichten für Klassische Musik und Oper. Und selbst Museen, die hier viel weiter sind, haben es schwer, über die üblichen bürgerlichen Kreise hinauszukommen.

Auch bei der Elbphilharmonie – und hier aufgrund der wichtigen Funktion, die Kulturvermittlung bei der Legitimation dieser Titanic der Hochkultur überhaupt einnimmt, vielleicht ganz besonders, – bleibt völlig unbefragt, ob und warum das, was da vermittelt werden soll, überhaupt von Interesse für die Zielgruppen ist. Und ob es sie überhaupt erreicht. Was soll zum Beispiel für Mädchen und junge Frauen, die das Werk von Beyoncé, Nicki Minaj oder Sertab Erener nachsingen und -tanzen können, an der Elbphilharmonie und der Heranführung an Beethoven und Mahler attraktiv sein?

Schon die hübschen Bilder, mit denen die Website der Elbphilharmonie ihre Vermittlungsangebote dekoriert, sprechen eine deutliche Sprache: Da amüsieren sich lauter niedlich-adrette, meist blonde Kinder prächtig beim Ausprobieren von Musikinstrumenten oder während der Kinderkonzerte, begleitet von ihren Müttern und Großmüttern im praktischen Hamburger Schick. Serdar, Aise oder Kevin heißt da niemand.

Und was sollten die da auch? Ein Angebot, sich auch auf die kulturellen Praxen einzulassen, die jemandem aus Wilhelmsburg vielleicht geläufiger sind als jemandem aus Eppendorf, findet sich nicht – noch nicht mal in der gewählten Sprach- und Bildästhetik. Dass hier die besseren Hamburger Kreise die Maßstäbe setzen – und sonst niemand –, deutlicher kann man es nicht machen. Man klopft sich bereits dafür auf die Schulter, dass man nun auch ein bisschen Kohle für das Heranführen der niederen Stände an die Hochkultur investiert. Vielleicht eröffnet sich für den einen oder die andere ja dadurch die Chance, selbst mal dazu zu gehören! Oder vielleicht entdeckt man den neuen Gustavo Dudamel? Und wahrscheinlich meinen das alle auch ganz ernst.

Was die Wohlmeinenden tatsächlich tun, fällt ihnen wahrscheinlich gar nicht auf – nur deswegen funktioniert das ja auch noch so reibungslos: Sie missbrauchen das (sozialdemokratische) Versprechen, sich auch durch ästhetische Bildung aus dem Käfig der begrenzenden sozialen Umstände emanzipieren zu können, um das eigene Bildungserlebnis und das des eigenen Nachwuchses zu finanzieren. Hochkultur in ihrer exklusiveren Form scheint immer noch oder gerade wieder alive and kicking people out: Aise putzt weiter die Klos, Serdar macht den Schließdienst und Kevin passt auf, dass sich keine Penner irgendwo im Gebäude festsetzen.

Kulturvermittlung als Programm, die ästhetischen, kulturellen und sozialen Hierarchien zu stabilisieren, – so hatte sich Hilmar Hoffmann „Kultur für Alle“ eigentlich nicht vorgestellt. Aber seien wir ehrlich: Für ein emanzipatorisches Kunst- und Kulturprogramm gibt „unsere“ Gesellschaft einfach nicht 900 Millionen Euro aus.

Christina Dongowski hat zuletzt im Merkur November 2016 über Jenny Diski geschrieben.

 

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