• Anne Carsons hybrides Schreiben

    Perugino freskiert die Wände von Perugias innerer Stadt. In denselben Räumen tagt eine Fachgesellschaft für Phänomenologie. Der Maler und die Phänomenologen sind fasziniert von derselben Frau, Anna. Vor den Toren heulen die Straßenköter. In einer kanadischen Großstadt verliebt sich ein pubertierender Junge in den Falschen. Der unglücklich Liebende trägt den Namen eines Monsters aus der griechischen Mythologie und manchmal dessen Gestalt: glühende, rote, riesige Flügel. Simone Weil und der Chor der Leere singen den Schokoladen-Chorus. Eine Altphilologin (I) interviewt einen einsilbigen antiken Dichter (M). Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung über Prousts Albertine ist ein Gedicht und ein Kommentar zu Wittgensteins Tractatus. Die Songzeilen schwarzer Blues- und Soulsängerinnen und -sänger kommentieren die Campingtour eines Spezialisten für chinesische Literatur der Kaiserzeit und der Erzählerin durch die Ruinen und Friedhöfe der ausgerotteten Ureinwohner des Südwestens der USA. Das Ende einer Ehe als fortlaufender Kommentar zum Werk von John Keats. Hektor, Artaud, Sokrates und Sappho als TV-Berühmtheiten. 15 Sonette als Untersuchung über die logische und grammatische Struktur von Pronomen. Wer Anne Carson liest, findet sich in einer Welt wieder, in der mythologische Gestalten, apokryphe antike Dichter, Heroen der modernen Kunst und Literatur, Literaturtheorien und philosophische Konzepte, fast vergessene Populärkultur und Altphilologie, Entertainmentindustrie, literarische Avantgarde und die Realität aufeinandertreffen, ineinander übergehen, sich spiegeln oder neue Formen und Mythen ergeben. Dabei sind die klassischen Hierarchien und Wertungen, die das westliche kulturelle Gedächtnis und den Bildungskanon immer noch bestimmen – vielleicht sogar das Einzige, das wir davon wirklich noch erinnern –, aufgehoben oder Teil des Materials. Für die Leserin stellen sich so bald Schwindelgefühle und Orientierungsschwierigkeiten in Zeit und Raum ein. Und die Formen, die Carson für ihr Schreiben nutzt, überschreibt, zweckentfremdet oder gleich neu erfindet, sind keine Hilfe: Gedichte als Stapel. Loseblattsammlung. Fiktionaler Essay. Gedankenlyrik. Rollengedicht. Gedichtbände, die zum Großteil aus kommentierenden Texten bestehen. Opernlibretti, unvertont. Regieanweisungen, aber ohne Dialoge. Choreografische Notizen. Performance-Beschreibungen. Listen. Float, das neueste Werk von Anne Carson, verkörpert dieses Schreib- und Textprinzip ideal. Es handelt sich um einen transparenten Plexiglas-Schuber, der 22 unterschiedlich dünne Heftchen enthält, in einem Farbspektrum von dunkelblau bis wassergrau gestaltet, alphabetisch nach Titeln geordnet. Eine minimale Ordnung, die schnell dahin ist, wenn man das erste Heftchen herauszieht und später versucht, es wieder an die »richtige« Stelle zu schieben. Einmal in den Händen der Leserinnen, gleicht wahrscheinlich kein Float-Exemplar mehr dem anderen. Und jedes einzelne Exemplar wechselt bei jeder Lektüre erneut seine Gestalt. Das Textkorpus als Wechselbalg, als Vexierbild, »unfixed and whose topics are various. Reading can be freefall«. Wenn es für ein Schreiben wie das Anne Carsons eine definitive Form geben kann, scheint es diese Art der »Gesammelten Werke« zu sein. Jedes Heft enthält einen »abgeschlossenen« Text: von einer gerade eineinhalb Seiten umfassenden To-doListe für die Installation von Kunstwerken (»Maintenance«), die auch die Anweisungen zu einer Institutional Critique Performance im Geiste von Andrea Fraser sein könnte (»21. Who does all this thinking are there rules for it this boundary between the work and its maintenance who draws it.«) bis zu zwanzig Seiten umfassenden Heften. Das eine ein Essay über eine besondere Klasse unübersetzbarer Wörter, »a word that does not intend to be translated« (»Variations on the Right to Remain Silent«); das andere die schon genannte Sonettsammlung »Possesive Used as Drink (Me). A Lecture on Pronouns in the Form of 15 Sonetts«. 1 Klappentext zu Anne Carson, Float. New York: Knopf 2016. In anderen Heften erzeugt Carson via Zufallsgenerator aus Sätzen, Absätzen und Wortgruppen, die sie anderen, thematisch unverbundenen Texten entnimmt, neue Texte (»By Chance the Cycladic People«); sie lässt unterschiedliche stilistische Register wie ein Computerprogramm über semantisch heterogenes Wortmaterial laufen und erzeugt so Texte, in denen Dada-Sätze, Beckett’sche Stummelsprache und elaborierte philosophische Aussagen unvermittelt aufeinandertreffen (»Stacks«; »Cassandra Float Can«). (...)

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  • Wir sind nicht Leitkultur

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  • Elphi – oder Hochkultur als Subventionsbetrug (Hohe Kultur 3)

    Teil 3 der Serie von Merkur-Blog und pop-zeitschrift.de (eins / zwei) Von Hochkulturen bleibt oft nichts anderes zurück als die beeindruckenden Ruinen ihrer Prestigebauten: die Zikkurate von Ur, die Cheops-Pyramide, Angkor Wat, Machu Picchu, der Pergamon-Altar. Oder die Hamburger Elbphilharmonie. Die Besucherinnen strömen, um das „Juwel der Kulturnation“ (Bundespräsident Gauck in seiner Eröffnungsrede) zu bestaunen. Für 2017 sind alle Veranstaltungen ausgebucht. Menschen sind sogar bereit, sich zeitgenössische Musik anzuhören, nur um einen Blick in das Sanctum Sanctorum werfen zu können: der große Saal mit seiner „Weltklasse-Akustik“. (mehr …)
  • Das letzte Buch. Über Jenny Diski