Wir sind nicht Leitkultur

Birte Förster (@BirteFoerster):

Ich wache am Sonntagmorgen auf und lese wieder einmal, das Land brauche eine „Leitkultur“. Der Text des Innenministers zielt auf Ähnlichkeit, er entwirft einen homogenen kulturellen Handlungs- und Haltungskatalog, in dem ich – das protestantische Kind zweier deutscher Bildungsaufsteiger – mich kaum wiederfinde, nicht als Demokratin, nicht als Frau, und als Historikerin erst recht nicht.

Wir haben doch längst eine Grundlegung unseres Zusammenlebens – dass wir uns alle ähnlich sein müssten, steht ausdrücklich nicht im Grundgesetz. Es schützt vielmehr kulturelle, politische und religiöse Vielfalt, es schützt vor dem Zwang zur Ähnlichkeit, zur Homogenität, wie ihn der NS-Staat vorschrieb. Ein Mensch, so formulierte es Carolin Emcke in einer ihrer SZ-Kolumnen, muss mir eben nicht ähnlich sein, um die gleichen Rechte wie ich zu haben. Der eigene Lebensentwurf ist immer nur einer von vielen, zugleich besteht kein Recht darauf, in den eigenen Haltungen nicht auch einmal irritiert und herausgefordert zu werden, nur weil man sich als Teil eines kollektiven „Wir“ wähnt.

Doch Identität ist ein Hybrid, das sich aus ganz vielen Komponenten zusammensetzt: Sprache, Interessen, Familie, dem Wohnort und ja, auch die größere Gesellschaftsordnung, das Land, in dem ich lebe, gehört dazu. Wo ich in meinem Kopf wohne, muss jedoch nicht mit dem geographischen Wohnort zusammenhängen und beides kann sich ändern. Das gleiche gilt für kollektive Identitäten: Von ihnen gibt es nicht nur eine, sie sind in Bewegung, müssen mit Bedeutung gefüllt werden, sie sind umkämpft und machen Aushandlungsprozesse sichtbar.

Der neueste Beitrag zur „Leitkultur“ will eine hegemoniale Kultur fixieren und zugleich herstellen, dazu greift er in nahezu obszöner Weise zu Kulturheroen, angeblich gemeinschaftlichen Regeln und einem Leistungsbegriff, dem Jürgen Kaube elegant jeden Boden entzog, indem er die Abhängigkeit dieser Leistung von ihrem Konsum offenlegte.

Dies alles gründet de Maizière auf einer Light-Version der deutschen Geschichte, die vollkommen unkonkret bleibt und wohl gerade deshalb das Zeug zur „Leitkultur“ hat. Unsere gemeinsame Verantwortung, an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern, wird so nur zum „Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Vergangenheit“. In diesen Marianengraben der Geschichtsklitterung fällt auch das Brandenburger Tor als gemeinsamer Erinnerungsort. Kein 27. Januar darf die Volksfestidylle stören, in der sich die „aufgeklärten Patrioten“, zu denen uns der Innenminister alle ernennt, nun endlich trauen, sich zu Deutschland zu bekennen und es zu lieben.

„Leitkultur“ kommt als ein Projekt daher, auf das sich angeblich alle einigen können, tatsächlich aber definiert sie, wer dazu gehört und wer nicht. Das geht aber nicht mit der Unantastbarkeit der Würde des Menschen zusammen, es darf keinen Zwang geben, dazugehören zu müssen. Es gilt für alle, Verfassung und Gesetze zu achten. Wenn wir eine Debatte darüber wollen, wie wir in diesem Land gemeinsam leben möchten, dann sollten wir über Art. 1-19 des Grundgesetzes diskutieren. Darüber, wie sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau endlich vollständig umsetzen lässt, was Religionsfreiheit im Alltag bedeutet, was „Eigentum verpflichtet“ heißt und wie wir die Rechte von Transpersonen besser schützen können. Diese Diskussion geht uns alle an, sie erfordert weder Patriotismus noch kollektive Begrüßungsrituale.
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Christina Dongowski (tini/@tinido):

Das Gefühl, ohne innere kulturelle Führung leitungslos durch die Gegenwart zu taumeln, scheint ja vor allem ein Problem gewisser konservativer deutscher Männer zu sein. Nur die brechen ja regelmäßig zu einer Bundestagswahl die „Leitkultur“-Debatte vom Zaun. Ungefähr seitdem eine ostdeutsche Frau Bundeskanzlerin ist und Menschen im Bundestag, die Özdemir, Giousouf oder Mutlu heißen, nicht die Putzfrau oder der Hausmeister sind, sondern Bundestagsabgeordnete. Da kann Mann als jemand, der bisher über die obligate West-Weiße-Männer-Junge-Union-Quote relativ leistungslos Karriere machen konnte, schon mal in Panik verfallen.

In gewisser Weise sehe ich die Debatte deswegen als ein gutes Zeichen. Die Zeiten der unbefragten Hegemonie dieser Typen über das, was gesellschaftlich akzeptiert oder gar möglich ist, meinethalben auch als deutsch, sind offensichtlich vorbei. Das merkt man sogar dem neuesten Entwurf an: Der ist ja eine sehr weitgehende Kapitulation vor jeder inhaltlich starken, konturierten Definition, was deutsche Kultur eigentlich sei. Noch nicht mal die deutsche Sprache kommt als Conditio sine qua non mehr vor. Stattdessen legt der Innenminister so etwas wie die Corporate Identity der Deutschland AG vor – schon rein sprachlich. Das „Wir“, mit dem jede These eingeleitet wird, kann man als „Othering“-Strategie lesen – Wir vs. die Anderen –, ich nehme auch einen sehr appellativen Charakter wahr: Dieses Wir kenne ich aus den zahlreichen Unternehmenskultur-Leitfäden und Corporate Identity Manuals, an denen ich als Ghostwriter mitgearbeitet habe. Da geht es schon darum, so wischiwaschi zu formulieren, dass sich so viele wie möglich „mitgenommen fühlen können“, und das in einem Ton, der zwischen pastoral und hochphilosophisch schwebt. So wie sich halt Unternehmensberater philosophisch vorstellen. Heraus kommt dann so ein Schwamm-Text wie die 10 Thesen: So unklar formuliert und gedacht, dass er sich jedem konkreten Vorwurf, eigentlich nationalistischen Müll zu formulieren, entziehen kann; gleichzeitig muss er dafür deutsche Leitkultur zu einem leicht konsumierbaren Produkt transformieren. Das ideale Event dieser Leitkultur ist deswegen die Fußball-WM im eigenen Land: der Schlaaaand-Patriotismus. Fähnchen kaufen, schwenken, grölen, Karneval. Dass „wir“ dagegen ein Problem mit offen ausgetragenem politischem Konflikt oder dem konfliktuösen gemeinsamen Aushandeln von gesellschaftlich Akzeptablem haben, – also dem Staatsbürgerlichen und Politischem am Nation-Begriff –, formuliert de Maizière sogar explizit als eine seiner Thesen.

Weniger anspruchslos kann man Kultur, aber auch sich als Nation zu verstehen, überhaupt nicht definieren: An die Leute, die durch die historischen Zufälle ihrer Familiengeschichte schon länger deutsch „sind“, stellt dieses Konzept nämlich gar keine Forderungen – schon gar nicht die, ein auch nur halbwegs realistisches Bild von der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre zu haben. Wer aber das Pech hatte, sich Deutschland selbst als neues Zuhause ausgesucht zu haben oder die erste ihrer Familie zu sein, die in Deutschland geboren wurde – denen wird nun zugemutet, sich möglichst konfliktfrei dieser Kartoffel-Kultur anzupassen. Wer ein bisschen mehr Ansprüche an sein Land hat – wie zum Beispiel die Umsetzung der recht anspruchsvolle Konzeption von Staatsbürgerschaft, die im Grundgesetz steckt –, der ist in Schlaaandland anscheinend falsch.

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Asal Dardan (@asallime):

Ein Pech, Deutschland als Zuhause zu haben, ist es nicht. Meine Eltern sind kurz nach meinem ersten Geburtstag aus dem Iran geflohen und auf dem Weg nach Schottland, wo Teile meiner Familie leben, in Deutschland hängengeblieben. Also habe ich heute einen deutschen Pass, schreibe und denke auf Deutsch, liebe die deutschsprachige Literatur und esse gern Knödel. Es hätte anders kommen können. Ich glaube, es war gut, dass es so kam.

Ich habe einen großen Teil meiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit der Shoah gewidmet, von meinem Wahlrecht immer Gebrauch gemacht und auf die Frage nach meiner Herkunft meist „deutsch“ geantwortet.

In der Kölner Wohnung meiner Eltern gab es keine Familienfotos und keine Erbstücke. An den Wänden hingen Drucke von Carl Spitzweg: Der Kaktusfreund, Der ewige Hochzeiter, Der Bücherwurm. Wie sie dorthin kamen, weiß ich nicht. Meine Eltern hatten so gut wie nichts mitnehmen können – keine Bilder, keine Bücher, keine Erinnerungsstücke. Meine Vorstellung von mir selbst als Erwachsene lag immer irgendwo zwischen diesen Bildern. Ich wollte der Kaktusfreund sein. Erst viel später während des Studiums wurde mir bewusst, dass ich nie ein weißer, alter, Pfeife rauchender Mann sein würde. Aber Bildung, das konnte ich haben. Und eine Stimme. Diese Stimme gehört einer Kulturwissenschaftlerin und Mutter, die im Iran zur Welt kam und in unterschiedlichen Sprachen spricht, aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich wollte nie fremd sein und habe viele Jahre so getan, als sei ich es schlichtweg nicht. Aber dieses konservative, angeblich kollektive Wir, das als Leitkultur regelmäßig beschworen wird, hat es mich nicht vergessen lassen.

Ich gehöre keiner einzelnen Kultur an, habe keine statische Identität, die entweder assimiliert oder ewig fremd ist. Im Laufe eines Lebens, eines transnationalen Lebens, gibt es unterschiedliche Arten des Seins und der Zugehörigkeit. Wie Ebbe und Flut dringen Nachrichten und Erinnerungen aus dem Herkunftsland ins Leben. Mal greifen sie mich an, mal sind sie mir egal. Sie spülen aber doch nicht den Boden, auf dem ich stehe, fort!

Es ist möglich und für Millionen Menschen real, in mehr als einer Kultur, mehr als einer Nation zu leben. Sie essen, sie sprechen, sie lesen und sie denken. Und sie haben ein Selbstbild, das sowohl individuelle wie auch kollektive Seiten integriert, multi-dimensional, simultan, selektiv. Leben laufen nicht parallel zu Staatsgrenzen – das ist ein absurder, national-verkitschter Wunschtraum.

Vor zwei Jahren bin ich nach Schweden gezogen, unter anderem auch, weil ich eine Weile in der echten Fremde leben wollte. Besser, ich bin auch auf den zweiten Blick eine Ausländerin. Ich bin es nämlich leid, dass Kaktusfreunde mir erklären, was deutsch ist, wie Respekt vor Frauen aussieht, wie man sich benimmt, worauf man stolz zu sein hat. Viele dieser Männer und Frauen haben im Laufe meines Lebens nämlich bewiesen, dass sie ihr Benehmen und ihre Kultur sehr schnell vergessen können. Als sie mich fragten, warum eine Iranerin sich für die Shoah interessiert, als sie mir die Wohnung wegen meines Namens nicht anbieten wollten, als sie mir erklärten, dass Dora-Anton-Richard-Dora-Anton-Nordpol zu exotisch sei. Deutschland ist reif für ein wenig mehr Diversität, für ein wenig mehr Solidarität, mehr Unordnung, mehr Kultur.

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Charlotte Jahnz (@CJahnz):

Immer, wenn irgendwo das Wort Leitkultur auftaucht, ploppt in meinem Kopf das Wort „Leidkultur“ auf. Leidkultur, eine Kultur des sich unverstanden Fühlens bei gleichzeitigem Beharren darauf, man habe immer Recht. Die armen Deutschen. Heute ploppt das Wort auf, als ich den Innenminister in schwarz-rot-gold gehüllt in der Zeitungsauslage des Bäckers entdecke. Die Sonntagsausgabe der Zeitung, die 2005 „Wir sind Papst“ titelte, jetzt aber den Innenminister mit den Worten „Wir sind nicht Burka“ zitiert. Ich hatte eigentlich gedacht, recht wach zu sein, fühle mich aber plötzlich sehr müde.

Meine ersten Erinnerungen an deutsche Politik beginnen mit den Kampagnen zur Leitkultur Anfang der 2000er, damals angeführt von Friedrich Merz, MdB des Wahlkreises in dem ich groß geworden bin. Kurz zuvor hatte Jürgen Rüttgers mit dem Slogan „Kinder statt Inder“ versucht die Landtagswahl in meinem Bundesland zu gewinnen. Seitdem scheinen sich einige CDU-Politiker keinen Zentimeter weiter bewegt zu haben. Heute sehe ich die schwarz-rot-goldenen Farben, in die der Bundesinnenminister auf dem Cover gehüllt ist, auf Demonstrationen von Menschen, die zwar – wie vom Innenminister in seiner ersten These gefordert – meist ihr Gesicht zeigen, die von ihm geforderte offene Gesellschaft eines „demokratischen Miteinanders“ vermisse ich aber dort, wo die Menschen angeblich ganz genau wissen, was zu Deutschland passt und was nicht. Die von einem „christlich-jüdischen Abendland“ sprechen, während der Innenminister feststellt: „Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden.“ Moscheen und Synagogen finden in seinen Ausführungen zwar auch einen Platz, zur Leitkultur scheint aber vor allem die „christliche Prägung“ zu gehören.

Etwas anderes stört mich, die man wohl der Generation Schengen zurechnen darf: Ich kann kein Verständnis dafür aufbringen, sich als Kulturnation irgendwie abgrenzen zu müssen. Auch dann nicht, wenn einer der Nachwuchshoffnungen der CDU im Deutschlandfunk der Moderatorin antwortet: „Natürlich sind Sie mir doch näher als Mitdeutsche, als gemeinsam in diesem Land mit mir lebend, als jemand in Italien oder in den USA.“ (http://www.deutschlandfunk.de/leitkultur-debatte-jetzt-ist-die-zeit-darueber-zu-reden.694.de.html?dram:article_id=385209) Warum denn eigentlich? Es gibt in diesem Land viele Menschen, die mir nicht näher sind als Menschen anderswo auf der Welt. Und was ändert das an unserem Zusammenleben, solange wir einander respektieren? Wie wird man überhaupt „Mitdeutscher“ und wer definiert, was das ist?

Asal Dardan (@asallime):

Etwas, das noch fehlt, gerade weil wir alle Frauen sind, ist die Übergriffigkeit und Degradierung, die in einem Satz wie „Wir sind nicht Burka“ steckt. Burkas gibt es vermutlich nicht in Deutschland, das ist Populismus, darum habe ich das Gefühl, mit Burka ist eine generelle Aggression gegenüber muslimischen Frauen und auch Männern ausgedrückt: Wir entscheiden, was eure Frauen tragen, sie sollen so aussehen wie unsere. Wer nur eine Burka sieht, der interessiert sich weder für die Frau noch für ihre Rechte.

Charlotte Jahnz (@CJahnz):

Bemerkenswert finde ich, dass Burkas nicht zum „religiösen Frieden“ des Innenministers gehören, denn sie passen nicht zum offenen Visier mit dem sich die deutschen Leitkulturellen durch ihr Land bewegen. Obwohl das postulierte „Wir“ Minderheiten schützen, Respekt und Toleranz wichtig für „uns“ ist, wenn es sich bei den Minderheiten um muslimische Frauen handelt, passen diese dann doch nicht zu unserer Leitkultur.

Birte Förster (@BirteFoerster):

Es ist zudem der einzige Moment, bei dem es überhaupt um Frauen geht. Gleichberechtigung ist für die „Leitkultur“ kein Thema. Ich fürchte, es ist zieht eine Bestätigung und Verstärkung jener Herablassung nach sich, die schon jetzt ständiger Alltag von Hijab-Trägerinnen ist. Offensichtlich gehört es ja nicht zur Leitkultur de Maizièrscher Couleur, Menschen und ihre politisch, religiös, geschlechtlich, ethnisch geprägte Individualität zu respektieren, wie es das Grundgesetz aber verlangt. „Wir sind nicht Burka“ tastet die Menschenwürde an, es offenbart die Leitkultur als Herrschaftsinstrument genauso wie als wahlkämpferisches Buhlen um nationalkonservative Wähler*innen.


2 Kommentare

  1. Mario H. sagt:

    Danke für diesen sehr tollen Kommentar.
    Was mir bei den Leidkultur-Thesen außerdem auffiel, war deren Muffigkeit: „wir geben uns die Hand“. Das ist doch reine 50er-Jahre-Denke.
    Und dann das Vermummungsverbot. Das natürlich nur darin steht, um wieder die Burka zu verhindern. Das aber andererseits eine klassische Einschränkung eines Grundrechts ist – und damit eigentlich eher Themen der Leidkultur aus der deutschen Geschichte, die eher Geschichte bleiben sollten, bedeutet.

  2. Leitkultur ist zum frame geworden. Dagegen ist kaum anzukommen. Der Versuch, diesen frame durch den Austausch eines einzigen Buchstabens zu einem neuen machen, ist schön aber gescheitert. Leiten und Leiden liegen so weit von einander entfernt wie Handel und Hantel, wie kommen und kämmen, Bank und Band, wie Weihwasser und Teufel.
    Leider ist es nicht der einzige Begriff, der auf der Leiter nach oben zum markanten Rahmen gewor-den, nicht verbrennt. Er hätte es verdient. Er hätte es verdient, wie der gebetsmühlenartig wiederholte Begriff „Werte“.
    „Unsere Werte“, ein frame, denn man überall benutzen kann. Mein Albtraum: Ich als Weißhaariger besteige die U-Bahn und brülle in den Wagon: „Werte!“, schon springen 50% der Passagiere auf und bieten mir den Platz an. Ich als wertvoller Mensch lehne natürlich ab und steuere auf einen Sitzengebliebenen zu: „Werte!“ Er reagiert nicht, gut, genau das war mein Ziel: einen frame durch symbolisch exemplarische Handlung sichtbar machen. Mehr brauche ich nicht, ein sitzendes Häufchen Elend vor mir und respektvoll Zustimmung hinter meinem Rücken. Ich kann mich jetzt großzügig auf einen schon freien Platz setzen.
    „Werte“ brüllen die politischen Programme und Talkshows. Anpassung an fünf undefinierte Buchstaben wird gefordert und mit dem Plural vorgegaukelt, es handele sich um viele, viele, viele. Man müsse darüber auch nicht weiter reden, welche es seien, weil wir, … WIR sie ja alle kennten! (Man soll darüber auch nicht reden, weil sich die vielen bei genauerer Betrachtung in Luft auflösen könnten).
    Und der Weißhaarige, der nicht träumt, weiß nicht was das ist. Er weiß damit nichts anzufangen. Er erinnert sich nur, dass es Zeiten gegeben hat, in denen man von „Wertvorstellungen“ geredet und über sie diskutiert hat. Das impliziert zwei grundlegende Unterschiede zu dem strammen, starren Wort „Werte“. Vorstellung schließt auf ein diskursives Verhältnis von Zustand (Realität) und Wunsch (Utopie) und der Plural bezieht die konkurrierende Verschiedenartigkeit mit ein. Im Wort ist schon die Aufforderung enthalten, sich permanent mit seinen und den Wertvorstellungen der anderen auseinanderzusetzen. Jede Uneinigkeit endet in solchen Diskussionen irgendwann im kategorischen Imperativ: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, oder im Luxemburgischen: Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.
    Dort angekommen, läuft vielleicht alles auf einen Wert (im Singular) zu: Toleranz. Damit ist aber auch eine Grenze erreicht, die zu überschreiten das Schwierigste ist: Mit welchen Mitteln verteidige ich die Toleranz, ohne intolerant zu werden. Wie bleibe ich tolerant ohne auszugrenzen. Eigentlich kaum zu glauben, dass wir heute wieder vor diese Frage gestellt werden können. Schließlich glaubten wir alle die Antwort schon gefunden zu haben. Am 10. Dezember 1948 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Paris die UN-Menschenrechtscharta genehmigt und verkündet. Mit 48 Ja-Stimmen, 0 Gegenstimmen und 8 Enthaltungen wurde sie verabschiedet. Die Enthaltungen kamen von der Sowjetunion, der Ukraine, Weißrussland, Polen, der ČSSR, Jugoslawien, Saudi-Arabien und Südafrika: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Klingt banal, hat aber Folgen gehabt. Sicher ist auch die Einrichtung der Nürnberger Prozesse 1946 als Meilenstein zu sehen, sie schränkt die grenzenlose Freiheit des Siegers im Sinne dieser Toleranz ein.
    Sollte irgendjemand dem Weißhaarigen das Wort „Werte“ entgegen brüllen, so wird er jetzt solange er noch Zeit hat mit: „Einwand, Euer Ehren, ein einziger Wert!“ antworten.
    Um auf Leitkultur zurückzukommen, Leiten und Kultur haben etwas herrlich Herrisches an sich. Würde man das englische Wort lead rückübersetzen, wäre schnell Führerkultur daraus. Ach, und das käme dann der Auffassung Carl Andres sehr nahe: „Art is what I do and culture is what has been done to me.“

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