Mehr Desorientierung: Wozu und worin die Geisteswissenschaften gut sind

In den letzten Monaten stieß ich immer wieder auf Textpublikationen, in denen die Wichtigkeit der Geisteswissenschaften (humanities) angesichts von Trump, Populismus, Autoritarismus, fake news und alternative facts (vulgo: Lügen) betont wurde – nicht zuletzt, weil Trump die Geisteswissenschaften, da sie nicht in sein als Politik getarntes Geschäftsmodell passen, gerne auf den Müllhaufen der Geschichte befördern würde (und entsprechende Anstrengungen unternimmt). Vermutlich ist er an einem entsprechenden Entsorgungsunternehmen beteiligt.

Manche Fürsprecher der humanities argumentieren, dass nicht zuletzt deshalb jene Tugenden umso wichtiger seien, welche die Geisteswissenschaften auszeichneten: scharfe Analyse, kritisches Bewusstsein, historische Kontextualisierung, kreative Widerborstigkeit. Die Geisteswissenschaften wie auch die Künste seien eine zivilisatorisch-zivilisierende Kraft: „Which is where the humanities are so important – synthesizing history, critical thinking, philosophy, literature, finding patterns, sub texts, precedents and relationships – so we can see, feel and make sense of what is before us. It is interesting to see this realization dawning – that the humanities and creative arts have something unique and distinctive to public sense-making, to turning up the level of civilisation.“

Dazu ist zu sagen: Kunst und Geisteswissenschaften eignet keine spezifische moralische, ethische, emanzipatorische, kritische Wertigkeit. Wer sie als Hort der Kritischen und der Aufgeklärten ausweist, sie als Bollwerk gegen Hetzer, Ignoranten und Vereinfacher darstellt, fällt hinter Immanuel Kant zurück: Das Postulat der Aufgeklärtheit ist müdes Wunschdenken und Ausdruck von Selbstgerechtigkeit. Prozessuale Aufklärung hingegen ist Motor eines Fortschritts, der immer auch sein eigener Kritiker ist und gerade daraus seine Kraft schöpft.

De facto haben GeisteswissenschaftlerInnen häufig zur Etablierung von Idiotien, Esoterik und Halbwahrheiten beigetragen, etwa indem sie fragwürdige Prämissen durch eine Rhetorik der Komplexität verbrämt, Korrelationen als Kausalitäten getarnt oder Bekenntnis mit Erkenntnis verwechselt haben. Ob Hegels mystisches Konstrukt des Weltgeistes, Arthur de Gobineaus biblisch-aristokratische Begründung der Rassenlehre, Carl Schmitts vom Deskriptiven ins Präskriptiven gewendete Analyse des Ausnahmezustands oder Alain Badious eschatologischer Kommunismus – allzu oft war Theorie das Feigenblatt verschämter Theologie und Geisteswissenschaft das Sonntagsgesicht von Ideologie. So mangelt es auch heute nicht an GeisteswissenschaftlerInnen, bei denen aufgrund spezifischer Sozialisierungen und politischer Haltungen von vornherein mehr oder minder feststeht, wie das Ergebnis ihrer Forschungen und Recherchen ausfallen wird: Wer etwas belegen möchte, wird dafür Argumente finden; wer das Gegenteil belegen möchte, ebenso. Methoden können so gewählt werden, dass sie zum gewünschten Ergebnis führen. Wer Forschung in den Dienst spezifischer Lebensstile stellen möchte, wird keine Schwierigkeiten haben, entsprechende Begründungszusammenhänge zu schaffen. Um zu wissen, was grosso modo in Thomas Sowells Texten steht, muss ich sie nicht mehr lesen. Es genügt, Sowells politische Haltung zu kennen. Um zu wissen, was grosso modo in Alain Badious Texten stehe, muss ich sie nicht mehr lesen. Es genügt, Badious politische Haltung zu kennen. In beiden Fällen schließen beachtliche Bildung und Komplexität nicht aus, dass der jeweilige Diskurs einem von vornherein gesetzten Fluchtpunkt zustrebt und stets nur einen verabsolutierten Teilbereich der Realität erfasst, mithin die von Michel Foucault beschriebenen diskursiven Ein- und Ausschlussverfahren mustergültig exerziert.

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Sofern GeisteswissenschaftlerInnen wie auch NaturwissenschaftlerInnen nicht zulassen, dass ihre Fragen, ihre Recherchen, Forschungen und deren Ergebnisse auch ihr persönliches Weltbild, ihre eigenen Gewissheiten erschüttern, so verfehlen sie das eigentlich kritische Moment der Wissenschaften: In ihnen und mit ihnen und durch sie ist man nicht man selbst, nicht nur man selbst, nur auch man selbst, zugleich mehr und weniger als man selbst. Wissenschaft ist implizite Dividuation.

Wer die Geisteswissenschaft etwa von links politisiert, sollte sich über eine (Gegen)Politisierung von rechts nicht wundern (und vice versa). Liest man einen Artikel über den „linken Politikforscher Gilles Finchelstein„, so erschließt sich nicht, warum es nicht auch eine rechte Politikwissenschaft, eine christliche Soziologie, eine buddhistische Hermeneutik, usw. geben sollte. Damit ist Instrumentalisierung Tür und Tor geöffnet. Die Geisteswissenschaften sollen keine politische-ideologische Orientierung bieten. Sie sollen belastbare Grundlagen für Orientierung schaffen und zur Be- und Hinterfragung der Wirklichkeit anregen. Dafür ist gerade Desorientierung eine zwar nicht hinreichende, aber doch notwendige Bedingung: „Die Wissenschaft war es gerade, die durch ihre Kritik an traditionellen Lebensformen ein Vakuum erzeugt hat, das sie selbst nicht wieder füllen kann. Aufklärung erzeugt Zustände, in denen paradoxerweise häufig neue Mythen gedeihen … und in die externe Partikularitäten rücken.“ 1

Figuren wie Donald Trump oder Marine Le Pen profitieren zwar – unter anderem – von der Kritik der Moderne und Postmoderne an traditionellen Lebensformen und füllen das – als solches empfundene – Vakuum mit Partikularitäten, die wiederum einen perversen Anspruch auf Universalität erheben. Die Konsequenz darf jedoch nicht sein, wissenschaftlicher Desorientierung eine Absage zu erteilen. Vielmehr sollten (Geistes)WissenschaftlerInnen ergebnisoffen im Elfenbeinturm forschen, dabei jedoch immer im Dialog mit einem möglichst breiten Spektrum gesellschaftlicher Milieus stehen, um mit diesen die lebensweltlichen Implikationen ihrer Forschungen zu diskutieren und ihnen eine tragfähige Grundlage zu bereiten. Andernfalls können ihre potentiell disruptiven Ergebnisse zu unkontrollierbaren Schockreaktionen führen.

Wenn es heißt, die Geisteswissenschaften könnten „die einfachen Parolen der Populisten entlarven„, so klingt das zunächst vielleicht einleuchtend. Doch wie ich skizziert habe, gibt es keine Garantie dafür. Und warum sollte dies nicht auch beispielsweise IngenieurInnen oder Finanzwirten gelingen? Könnten diese nicht nüchtern durchrechnen, ob bestimmte (Wahl)Versprechen realistisch sind? Und wenn es anderswo heißt, die Germanistik könne „den Blick für Fiktionalisierungen und ihre strategischen Einsätze öffnen, auf die wir nicht nur in der Kunst, sondern vielleicht verstärkt auch in der politischen Wirklichkeit treffen. All das tut sie, mit großem Erfolg„, so ist das unbestreitbar richtig. Besser gesagt: auch richtig. Ebenso richtig ist, dass die Literaturwissenschaften diesseits und jenseits von Germanien dazu beitragen können, Fiktionalisierungen zu generieren, zu transportieren oder zu verstärken – sei es, dass radikalkonstruktivistische Ansätze die modernen Machbarkeitsmythen flankieren oder dass ein vulgarisiertes Verständnis der Postmoderne soziale Atomisierung und ethischen Relativismus fördert.

Nicht die Geisteswissenschaften, sondern Wissenschaftlichkeit und ihr historisch gewachsener, stets prekärer Selbstanspruch der „transdisziplinären Vernunft“ (Jürgen Mittelstraß), idealerweise im streitbaren Verbund mit den eigensinnigen und widerborstigen Strömungen der (bildenden) Künste, ist der Treibstoff, der die Kritik am Leben und im Spiel hält. Aus guten Gründen warnt Michael Hagner davor, Geistes- und Naturwissenschaften gegeneinander auszuspielen: „Es geht … nicht um irgendeine Auseinandersetzung zwischen erster und zweiter Kultur, zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, oder zwischen dritter Kultur und ‚humanists‘, wie es in den USA oftmals heisst. Es geht vielmehr um Wissenschaft und Demokratie gegen Fundamentalismus und Barbarei. Je schneller alle wissenschaftlich bzw. intellektuell Verantwortlichen das begreifen, desto besser.“

Kurz: Wenn die Geisteswissenschaften ihre Glaubwürdigkeit und Relevanz steigern möchten, wenn sie einen Gegenpol zum Populismus bilden wollen, wenn eine tatsächlich kritische Wirkung von ihnen erwartet wird, sollten sie nicht ihre kritisch-emanzipatorisch-zivilisatorische Kraft als gegeben preisen. Sie sollten statt dessen so nüchtern, unparteiisch und ergebnisoffen wie irgend möglich sein – was paradoxerweise Schärfe und Polemik nicht ausschließt, solange diese zum Ziel haben, Stereotypen, blinde Flecke oder Projektionen aufzuzeigen. Dies nicht im Sinne eines Rückfalls in das Phantasma einer „neutralen“ oder „interesselosen“ Wissenschaft, welche Machtverhältnisse vertuscht. Natürlich gilt auch weiterhin: „Auf Suche der Wissenschaft nach Argumenten für ihre Selbstgenügsamkeit ist Wissenschaft nicht mehr selbstgenügsam.“ 2 Es geht vielmehr darum, nicht die je eigenen Haltungen und Annahmen erhärten oder verhärten zu wollen, sondern im Gegenteil zu versuchen, diese selbst zu widerlegen, bevor andere es tun; sie mannigfaltigen Belastbarkeitstests zu unterziehen. So besteht die Aufgabe der Geisteswissenschaften nicht darin, sich selbst als „kritisch“, „progressiv“ oder „zivilisiert“ zu bezeichnen, sondern ganz einfach darin, überzeugend zu reflektieren, zu argumentieren und zu kritisieren.

All das bedeutet nicht, dass keine Begeisterung für Inhalte möglich wäre. Die meisten FledermausforscherInnen begeistern sich für Fledermäuse. Doch im Idealfall verfassen sie keine Fanpost an die Fledermaus oder versuchen zu zeigen, dass diese dem Faultier überlegen sei. Statt dessen wollen sie verstehen und darlegen, wie Fledermäuse leben. Mehr kann man nicht erwarten.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Jürgen Mittelstraß, Wissenschaft als Lebensform. Reden über philosophische Orientierungen in Wissenschaft und Universität, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1982, S. 28.
  2. Leszek Kołakowski, Die Gegenwärtigkeit des Mythos, München: R. Piper & Co., 1973, S. 59.

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