• Dünger werden

    Wir sind vorübergehend am Ende.

    Weltuntergang? Wahrscheinlich ja. Zu meinen Lebzeiten? Wahrscheinlich ja.

    Tröstlich: Es ist nur der Untergang unserer Welt.

    Ich gehe nur noch auf die Straße, wenn es wirklich sein muss. Ich möchte lieber nicht. Das Freizeitverhalten der anderen macht mich zu traurig. »Abstandsregeln einzuhalten ist sehr wichtig, aber wenn wir gerade gemütlich zu zweit nebeneinander gehen und man nicht mehr an uns vorbeikommt, ist das doch sicher nicht so schlimm, was regen die anderen sich so auf!«

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  • Lwiw

    Dass die Ukraine im Krieg gegen Russland steht, kann man auch in der ostgalizischen Metropole Lwiw, weit ab von der Front, nicht vergessen. Im Taxi vom Flughafen in die Stadt zeigt mir der Fahrer, eigentlich ein ausgebildeter Jurist, der einen zusätzlichen Job braucht, um seine Familie zu ernähren, Fotos von seinem Kriegseinsatz. 2015 hat er mit Panzerfaust und Kalaschnikow gegen die Separatisten gekämpft. Eine kläglich bewaffnete Freiwilligenarmee verteidigte das Land, die inzwischen durch eine Berufsarmee ersetzt und mit jenen amerikanischen Waffen ausgerüstet ist, deren Lieferung Donald Trump als Druckmittel gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj benutzte. Nicht selten sieht man in Lwiws Straßen Soldaten in Uniform, auch Kriegsversehrte. Beinamputierte in Rollstühlen betteln um Almosen, meinem Zimmerwirt wurde ein Ohr abgerissen, als rechte Hand trägt er eine Prothese. (mehr …)

  • Die Sprache unserer Verfassungen

    Verfassungen sind meist feierlich beschlossene und verkündete Texte.1 Sie werden an historischen Wendepunkten von Gemeinwesen verfasst, um die wichtigsten institutionellen Entscheidungen zu treffen sowie Rechte und Pflichten der Bürger festzulegen. In der Pyramide der Rechtsnormen stehen sie »zuhöchst«, also über Gesetzen, Verordnungen und sonstigen Normen. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert umschließen sie die europäischen Nationalstaaten als normative Hülle. Vorreiter waren die USA (1776) und Frankreich (1789), aber dann erfasste die »konstitutionelle« Bewegung die ganze Welt. Heute gibt es kaum noch Staaten ohne Verfassung. Auch autoritäre, nichtdemokratische Regime verzichten kaum jemals auf den Mehrwert, den eine Verfassung zu vermitteln scheint: Wenn sie schon kein Glücksversprechen enthält und Freiheiten nur verklausuliert gewährt, dann bietet sie wenigstens »Ordnung« und einen institutionellen Grundriss. Auch die unterdrückte Opposition muss sich dort anhören, sie lebe in einem »Verfassungsstaat«. (mehr …)

  • Seuchen am See. I Promessi Sposi

    Wir waren in einem kleinen Bergdorf, das wie ein Adlernest hoch über dem Comer See liegt, als Corona bei uns zu Hause ankam. Ein Freund aus Mailand, der als Architekt auch unser Haus gebaut hatte, erzählte beim Abendessen erschrocken von den ersten zwei Todesfällen in seiner Stadt. Mailand liegt im Süden, nicht weit in der Ebene, aber auch nicht zu nah; selbst bei gutem Wetter sieht man nicht so weit. Es war ein verschleiert sonniger Vorfrühlingstag, der 22. Februar. (mehr …)

  • Die Seuche, der Staat und die lieben Nachbarn. Florenz 1631

    Die Bestimmungen klingen vertraut. Die Grenzen werden geschlossen: Wer sie passieren will, muss eine offizielle Bescheinigung vorweisen, dass er oder sie frei ist von der tödlichen ansteckenden Krankheit. Alle Ausländer müssen gehen, sofort. Alle Versammlungen werden verboten, alle Ballspiele; alle Frisöre, Gastwirtschaften und Schulen werden geschlossen, nur Verkaufsstände für Lebensmittel bleiben geöffnet. Die Wohlhabenden fahren in ihre Sommerhäuser. Alle anderen müssen in ihren Wohnungen bleiben, egal wie klein, eng und unkomfortabel sie sind; es sei denn, sie arbeiten in Betrieben, die überlebenswichtig sind für die Stadt, den Staat. Notkrankenhäuser werden eröffnet, die bald überfüllt sind; die Zahl der täglich offiziell registrierten Neuinfizierten steigt unaufhaltsam weiter, bis sie dann kommt, die große Ausgangssperre, vierzig Tage lang: Niemand darf auf die Straße, außer mit offizieller Genehmigung. (mehr …)

  • Architekturkolumne. Raumpraktiken in der Zeit der Pandemie

    Am Ende seines Lebens imaginierte der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy einen Thinktank der besten Künstler und Wissenschaftler ihrer Zeit: Dieser sollte ihr Wissen zu einer »kohärente[n], zweckmäßige[n], an soziobiologischen Zielen ausgerichtete[n] Synthese« vereinen und damit den Weg zu »neuen, kollektiven Formen des kulturellen und sozialen Lebens« bereiten, welche wiederum die »Keimzelle einer Weltregierung« bilden sollten.1 In der aktuellen Krise sind die Virologen und Statistiker zu den Künstleringenieuren von heute geworden, die die gesellschaftlichen Praktiken anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse neu gestalten. Binnen weniger Wochen stellen auf dem ganzen Globus Milliarden von Menschen nahezu synchron ihre Alltagspraktiken um, ein in der Menschheitsgeschichte einmaliger Vorgang. (mehr …)

  • Learning by Crashing. Unfälle autonomer Autos

    Jede Technologie bringt, so eine berühmte These Paul Virilios, ihren eigenen Unfall hervor – eine spezifische Art des unintendierten Zwischenfalls mit katastrophalen Folgen, dessen Möglichkeitsbedingungen mit jeder neuen Technologie neu abgesteckt werden. »Das private Automobil zu erfinden, bedeutet die Produktion der Massenkarambolage auf der Autobahn.«1 Virilio zufolge ist die westliche Welt seit der Industriellen Revolution von der Heimsuchung durch das systemische Risiko der Anwendung ihrer Technologien und die apokalyptische Vision des finalen Unfalls geprägt. Der »integrale Unfall« unterscheidet sich von dem, was Virilio als »originalen Unfall« bezeichnet, dadurch, dass er bereits erwartet wird, weil das Risiko der Verwendung der betreffenden Technologie gesellschaftlich akzeptiert ist. (mehr …)

  • Homo Europus

    Als die Stadt Trier sich vor die Frage gestellt sah, wer bei dem Festakt für den berühmtesten Sohn der Stadt als Redner auftreten sollte, traf sie eine unerwartete Wahl. Anlässlich des zweihundertsten Geburtstags von Karl Marx im Mai 2018 hielt Jean-Claude Juncker, der damalige Präsident der Europäischen Kommission, den Eröffnungsvortrag. Worüber Marx nachdachte, was ihm vorschwebte, was er uns hinterlassen hat, Schriften wie Das Kapital oder Das kommunistische Manifest, haben die Welt verändert, sagte Juncker. Sein Denken habe zahllose Menschen unterschiedlichster Herkunft und Haltung inspiriert. Juncker ließ keinen Zweifel daran, wie das Verhältnis von Marx, dem Theoretiker des 19. Jahrhunderts, zur politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu deuten sei: »Man muss Marx aus seiner Zeit heraus verstehen«, anstatt vorschnell aufgrund heutiger Gewissheiten über ihn zu urteilen, gab er seinen Zuhörern mit auf den Weg. »Dass einige seiner späteren Jünger die Werte, die er formuliert hat und die Worte, die er zur Beschreibung dieser Werte gefunden hat, als Waffe gegen andere einsetzten, dafür kann man Karl Marx nicht zur Verantwortung ziehen.« (mehr …)

  • Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung (1831)

    Hegel starb am Montag, dem 14. November 1831, in seiner Wohnung am Berliner Kupfergraben. Der Tod kam überraschend. Am Freitag zuvor hatte er mit den Vorlesungen des Wintersemesters über Rechtsphilosophie und Geschichte der Philosophie begonnen, am Samstag Prüfungen abgehalten. Am Sonntag zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit, der er nach einer unruhigen Nacht am nächsten Tag gegen 17 Uhr erliegen sollte. Am 16. November wurde er seinem Wunsch entsprechend auf dem evangelischen Dorotheenstädtisch-Friedrichswerderschen Friedhof neben seinen Vorgängern Solger und Fichte begraben. Zahlreiche Equipagen und ein unabsehbar langer Zug der Studenten gaben ihm das letzte Geleit. (mehr …)

  • Kunst und Kunstkritik in Zeiten politischer Polarisierung. Ein Kippmodell des politischen Raums

    In wenigen Jahren hat sich die Situation in den Künsten sehr verändert: Bilder werden aus Museen entfernt, Gedichte werden übermalt, politische Kriterien überschreiben ästhetische, und Künstler werden aufgrund ihrer politischen Äußerungen von Ausstellungen ausgeladen.  Wie konnte es zu einer solchen Politisierung der Künste kommen? Man wird diese Frage nicht unabhängig von politischen Theorien beantworten können, die beschreiben, wie und warum die Gesellschaft sich heute polarisiert. Entsprechend handelt dieser Text zur politischen Kunst zunächst einmal von politischer Theorie.

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