• Wacholderdrosseln aus der Zukunft

      An einem Wintermorgen ziehe ich den Vorhang des Fensters zum Hof beiseite, und zwanzig Vogelaugenpaare starren mich an, wir alle sind voneinander durchaus überrascht. Die Neuankömmlinge, im kahlen Geäst des Hofbaums hockend, die aufgeplusterten Körper sämtlich nach Osten gewandt, beunruhigt das nicht. Sie putzen ihr blaugraues Gefieder und schnattern sich Botschaften zu. In den Weinranken an der Wand sehe ich den lokalen Amselhahn, bis gerade eben noch unumschränkter Herrscher im Luftraum des Hofs. Er mustert die fremden Vögel, hält sich aber versteckt, es sind zu viele, und jeder von ihnen ist etwas größer als er selbst. Der Amselhahn ist nicht alt und weise geworden, indem er überlegene Gegner angegriffen hat. Leise zirpend verständigt er sich mit seiner Henne, die sich erst gar nicht aus dem Dickicht über dem Fahrradständer hervorwagt. Die Vögel im Baum sind Wacholderdrosseln. Anthrazitfarben-schwarz gesprenkelter Bauch, braunes Deckgefieder, gelber Schnabel mit schwarzer Spitze. Sie fliehen jedes Jahr in die Stadt, gegen Ende des Winters. Der Hunger treibt sie unter die Menschen, in die Bäume ihrer Parks, auf die wenigen Wiesen zwischen den Steinwüsten der Stadt. Wenn die Wacholderdrosseln kommen, so habe ich gelernt, wird es kalt werden, sehr kalt. Und die Hausamseln müssen eine Zeitlang in Deckung bleiben. Ich hole mir einen Kaffee, gehe wieder ans Fenster, zu den Drosseln, selten habe ich Gelegenheit, sie so nah zu beobachten. Wer die Wacholderdrosseln kennt, dem sagen sie einen Aspekt der Zukunft voraus. Sie sind nicht genauer als der Wetterbericht, aber ich muss kein technisches Gerät betätigen, um zu wissen, wie nun das Wetter werden wird, außerdem sind sie hübscher als ein Smartphone oder ein Radio, sehr lebendig gekleidet in ihre unbunten Farben. In ihrem Auftreten erinnern sie mich an ihre Cousins aus Übersee, die rotbäuchigen American Robins, jede ihrer Gesten eine Erinnerung an diesen bestimmten Spaziergang im Central Park. Beinahe hätte ich gedacht: in ihrem selbstbewussten Auftreten. Aber ich ahne ja nicht, was die Wacholderdrossel von sich weiß. Sicher würden die leise schnatternden Vögel bei den einschlägigen wissenschaftlichen Prüfungen, mit denen der Grad des Selbsterkennens bei verschiedenen Tierarten gemessen werden soll, durchfallen – ebenso wie die heimischen Amseln, die genau wissen, dass sie sich mit den Wacholderdrosseln besser nicht anlegen sollten, aber trotzdem genau das tun, zumindest ab und zu. Kennen sie alle ihre Kräfte? Kennen sie sich selbst? (…)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Einsamkeit ist ein Zustand ohne Meise

    Fast hätte ich das Geräusch nicht gehört, diesen Aufprall, als ob jemand einen winzigen Tennisball gegen die Fensterscheibe geworfen hätte. Aber es war leise und mein Gehirn in einer dieser Pausen vor dem Text, in denen man sonst den Browser geöffnet hätte, nun aber halt das andere Fenster, nichts zu sehen, aber da muss etwas gewesen sein, also hinunter in den Hof, in die Recycling-Ecke. Zwischen den Rädern der Restmülltonne finde ich, was vom Geräusch geblieben ist: eine Kohlmeise. Sie muss vier, fünf Meter gefallen sein, liegt jetzt da. Tot? Es ist eine junge Meise, zwar schon so groß wie ihre Eltern, aber das Kopfgefieder noch eher grau als tiefschwarz glänzend, der Bauch noch hellgelb, mit undeutlichem Streifen, nicht zu sagen, ob da ein Weibchen liegt oder ein Männchen. Es ist kalt. Ein Windstoß fährt in den Hof, die Meise zuckt kurz, richtet sich auf und fächert sofort ihre Schwanzfedern aus, damit sie nicht wieder umfällt. Bei dieser Kälte, denke ich, kühlt so ein kleiner Vogel schnell aus und erfriert. Also nehme ich die Meise in meine linke Hand, vorsichtig. Sie wiegt nichts. Als ob der Raum selbst sich in die Form dieses kleinen Vogels gefaltet hätte, als ob das Licht komplizenhaft die Farben seines Gefieders vortäuschte und nichts übrig bliebe als die Idee eines Vogels, als das reine Leben selbst Die Kohlmeise sitzt, die Schwanzfedern immer noch stützend gespreizt, in meiner Hand, ich spüre ihre Krallen. Selten sehe ich einen lebenden Vogel so nah und so ruhig. Die Meise, denke ich, ist perfekt, jede    einzelne Feder so fein geformt, so exakt, wie die Natur sie gerade machen konnte. Die Augen der Meise bewegen sich hinter den geschlossenen Lidern. Träumt sie? Wovon? Lebt sie ihre Kollision mit der Fensterscheibe nach? (…)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Der Star von Manhattan

    Erst schien der Gesang mitten aus dem röhrenden Klimakasten an mein Ohr zu dringen, ein feines Schwurbeln, wie ein unrund laufender Ventilator, vielleicht, oder ein winselndes Rad an einem Servicewägelchen im Gang. Dann eine Modulation, ein eindeutig nichtmechanisches Trillern, Maschinen singen nicht, jedenfalls nicht für mich und nicht auf diese Weise. Es ist das Lied eines Vogels, einer Grasmückenart, eines »Warbler«, wie man hier sagt, in den Vereinigten Staaten, in New York, in Manhattan, in meinem Hotel und auf meiner Großhirnrinde. Noch tiefer in mir reagiert mein Nervensystem auf den Gesang, weckt mich auf, zieht meinen Körper hoch, ans Fenster zum Hof. »Warbler«, so denkt es in mir, »ist ein schönes Wort.« Für jemanden wie mich, dessen Instinkte wissen möchten, wo genau der Warbler singt und wie er heißt und was er so macht, ist das eine Einladung, das auf der Stelle herauszufinden, auch wenn die Zeiten dem Reisenden nicht gewogen sein mögen. Meine Sinne kämpfen sich durch die dunkle Watte des Jetlags, meine Hände tasten nach den Plastikperlen des Schnürwerks, mit dem sich die Jalousien bewegen lassen, greifen zu, erwischen irgendwann die richtige, ziehen hoch. Hinter dem Turm des Hotels gibt es vier, fünf schmale Häuser mit Gärten, übriggeblieben aus einer anderen Zeit, aus der auch der einzige Baum stammen muss, der sie überschattet, fünf Stockwerke ist er hoch, in jeder anderen Umgebung imposant. In ihm sitzt die Grasmücke und warblet an den Stadtgeräuschen vorbei. Viele New Yorker Autofahrer glauben an die Kraft des Hupens, Einsatzfahrzeuge der Blaulichtfraktion müssen die Zivilisten mit den Organen von Ozeanriesen übertrumpfen. Ansonsten ist es ruhig. (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Heimat der Tauben

  • Melancholie der Bilddatenbank

    An einem Novemberabend ordne ich Fotos. Die Arbeit an der Bilddatenbank macht melancholisch, daher meide ich sie, wenn ich kann. In dunklen Zeiten bleibt aber oft nichts anderes zu tun. Wie bei den meisten Menschen meines Alters – ich bin Anfang der 1970er geboren – gab es in meiner fotografischen Praxis einen Bruch, der sich im Archiv reproduziert.
  • Krähen, Koren, Karyatiden

  • Zeit und Zaunkönig

  • Das Versteck des Papageis