• Literaturkolumne. Feuerzeug, du

    Auf Twitter las ich »docbuelle ist tot«. Den Namen hatte ich lange nicht gehört, die Erinnerungen, die der Tweet weckt, sind vage, ich weiß aber noch, dass docbuelle zu den Bloggern bei Antville gehörte. Antville, das waren, vor zehn und mehr Jahren, bov und sofa und kutter (später Dichtheit und Wahrung) und etc. pp und don und micro robert und supatyp und the frank und einige mehr.
  • Widerworte. Zu Irene Bazingers FAZ-Artikel

    Ist Kunst nur dann, wenn man "Kunst" sagt, möglichst laut noch dazu? Das scheint Irene Bazinger zu glauben, wenn sie sich in ihrem polemischen Artikel in der FAZ vom Samstag (bislang ist er nicht online) beschwert, es sei von "Kunst" nicht die Rede gewesen in unserem Merkur-Gespräch "Was wird Theater?" Ein bisschen misslich vielleicht, dass sie dann selbst Christoph Gurk zitiert, der die Feindseligkeit, die Chris Dercon seit seiner Berufung zum neuen Volksbühnen-Intendanten entgegenschlägt, als restaurativ und "kunstfeindlich" kritisierte. Kunstfeindlich, von theoriefeindlich mal zu schweigen, ist doch eigentlich, wenn eine schon weiß, was Kunst ist oder sein soll - und ein Raum für "Experimente", ein "Labor" für noch nicht tausendundeinmal Probiertes ist Kunst dann offenbar nicht. Experiment und Labor, das waren Worte, die fielen, wobei Stefanie Wenners Ausführungen zur kapitalen Differenz zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem künstlerischen Labor-Begriff zu den interessantesten Gedanken des Abends gehörten. (mehr …)
  • Notizen zu Thomas Melles „Die Welt im Rücken“

    Die Welt im Rücken ist ein Buch über das Verhältnis eines Menschen zu sich selbst. Ein Buch, in dem einer Ich sagt und Ich meint, also sich meint, aber dieses Ich ist und ist nicht es selbst. Wenn Thomas Melle, geistig gesund, auf sich blickt als den, der er in seinen manischen Phasen ist, und auch in den depressiven, blickt ein anderer zurück. Und die Blicke treffen sich nicht. Der, der zurückblickt, blickt an dem, der schreibt, vorbei; und im Gegenzug und Gegenblick scheint es, als wäre auch der, der hier beschrieben, der hier aus einem anderen Zustand, halb ein Vergessen, halb ein Lieber-Nicht-Wissen-Wollen, zurückgeholt wird, nicht wirklich zu fassen. Oder nicht als wirklich zu fassen. (mehr …)
  • „Was mache ich jetzt?“ César Aira im Gespräch

    Der argentinische Autor César Aira - der bekanntlich im Jahr 2020 den Literaturnobelpreis erhält - veröffentlicht viel, keiner dürfte den Überblick haben, 80, 90 Titel, vielleicht mehr. Aira ist also produktiv, ohne im landläufigen Sinn ein Vielschreiber zu sein. Drei Seiten am Tag, höchstens, da gibt es in der Weltliteratur ganz andere Kaliber. Aira allerdings schreibt nicht um. Er plottet nicht. Er fängt einfach an und schaut, wohin die Sprache, die Invention, die Fantasie tragen. Seine Bücher sind kurz, jedes für sich ist ein Experiment. Alles ist in ihnen möglich. Sie beugen sich keinen Regeln des Genres, von einem friedlichen Abendessen geht es vielleicht direkt in einen sehr splattrigen Zombie-Roman. Oder das freundliche ältere Paar, das Pizza austrägt, entpuppt sich als kriminell und/oder transgender. Aira liest alles, kreuz und quer, verehrt Kafka, Lautréamont, Borges sowieso, aber auch die Großen der Detektivliteratur. Experimente sind die Bücher nicht zuletzt für ihn selbst. Er lässt die Welt in sie ein und ist als Autor ein durchlässiger Filter. Ein über die Maßen belesener Filter, der aus der Welt in seinen Büchern eine andere macht. Nur von den (auf die eine oder andere Art) gelingenden Experimenten erhält die Leserin durch Veröffentlichung wirklich Kunde. In Deutschland war Aira lange fast unsichtbar. Jetzt hat sich der Verlag Matthes und Seitz an eine Ausgabe wichtiger Werke in deutschen Erstübersetzungen gemacht - die Bibliothek César Aira. In dieser Woche erscheinen der Roman Eine kurze Episode aus dem Leben eines Landschaftsmalers und der Essayband Duchamp in Mexiko. César Aira hat letzte Woche die Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin gehalten. Tags darauf haben wir im Garten des Hauses der Berliner Festspiele mit Aira gesprochen. Es ist nicht möglich, die Freundlichkeit und leise Selbstironie des Autors in der schriftlichen Version zu vermitteln. Auf YouTube finden sich ein paar Videogespräche, hier etwa, die den Mann zeigen, mit dem wir sprachen. Wir danken seinem deutschen Verleger Andreas Rötzer dafür, dass er dieses Gespräch möglich gemacht hat. (ek) (mehr …)
  • Euro Trash

    Euro Trash

    Allerhöchste Zeit ist es, auf ein Buch hinzuweisen: Euro Trash. Es ist bei Merve erschienen, herausgegeben von Svenja Bromberg, Birthe Mühlhoff (auch: Cover-Illustration) und Danilo Scholz. Gewisse Merkur-Affinitäten von Teilen des Herausgeberteams sind nicht zu leugnen. Es ist ganz unabhängig davon ein großartiges Buch, das Texte zu Europa versammelt: teils erstmals in deutscher Sprache zugängliche, teils ganz neue Essays, Aufsätze, Interventionen, Gespräche. Aus dem Klappentext: "Die hier versammelten Beiträge bilden keine thematische Einheitsfront für oder gegen die EU. Wenn man über Europa spricht, geht es um Lampedusa, Migration und die europäischen Grenzen genauso wie um die Frage, wer den Haushalt macht. Roboter noch nicht. Es geht um Steuerpolitik, Schulden, die Korruption in Bosnien und Herzegowina, die Revolution in der Ukraine und den Schrott im Weltall. Es geht um eine andere Geschichte der Gemeinschaftswährung und Ideen für ein Leben jenseits des Nationalstaats." Das stimmt. Schon der erste Text, eie frühes Europa-Memorandum von Alexandre Kojève, ist eine veritable Entdeckung. Michel Houellebecq erklärt sich politisch. Vertreten sind neben vielen anderen Alain Badiou, Etienne Balibar, Slavoj Zizek, Paul B. Preciado. Mein Lieblingstext im Buch ist das lange und sehr offene Gespräch mit Toni Negri. Schon schwerer erträglich (wie immer, für mich): Bernard Stiegler. Trotzdem: Die Lektüre von Euro Trash lohnt sich von vorne bis hinten. Zum Buch gehört auch ein exklusiver DJ-Mix von Carlos Souffront. Den gibt es hier.
  • Fiktion nach Quellen: neue (alte) Kriminalliteratur

  • Zusammenfassung „Merkur-Gespräche 4: Europas Flüchtlinge“, HKW, 18. April

    Zur Übersicht über die Merkur-Gespräche Am 18. April fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt das vierte Merkur-Gespräch statt, diesmal zum Thema "Europas Flüchtlinge". Es sprachen erst die Politologen Helmut König und Herfried Münkler, dann die Juristen Christoph Schönberger und Christoph Möllers miteinander. Alexandra Kemmerer respondierte und moderierte dann die Runde mit allen Beteiligten. Hier eine kurze Zusammenfassung des Gesprächs. Eine Videoaufzeichnung des Abends wird demnächst auf dem L.I.S.A.-Portal der Gerda Henkel Stiftung zu sehen sein, die gemeinsam mit der Alfred Toepfer Stiftung die Veranstaltungsreihe möglich macht. (mehr …)
  • Liberté, Egalité, Fraternité – Laicité

    Unterwegs in Sarcelles
    Ich war recht oft in Paris in den letzten Jahren. In die Banlieue habe ich mich bislang nicht getraut. Heute fahre ich mit dem RER D nach Sarcelles. Am Bahnsteig am Gare du Nord die halbe Welt, aber weiß ist sie nicht. Hindi höre ich, afrikanische Sprachen, Arabisch, auch Russisch. Der Zug ist sehr voll, er leert sich deutlich, bis ich in Garges-Sarcelles aussteige. Nun bin ich aber wirklich der einzige Weiße. Das ist, zwanzig Minuten vom Gare du Nord, nicht mehr Paris, sondern das Département Val d'Oise. Zone vier im Verkehrsnetz, mein Paris-Visite-Ticket gilt hier nicht mehr. Ich dachte, ich probier's trotzdem, prompt scheitere ich am Ausgang, das Drehkreuz bleibt starr. (mehr …)
  • Fundsache: Universitäre Streitkultur 1969 (Habermas)

    Bei den Recherchen zu ihrer Dissertation ist Nina Verheyen auf ein Dokument aus dem Herbst 1969 gestoßen, ein Heftchen mit dem Titel "Aktiver Streik. Dokumentation zu einem Jahr Hochschulpolitik am Beispiel der Universität Frankfurt". Darin enthalten ist die Dokumentation einer Auseinandersetzung am philosophischen Seminar. Der Habermas-Doktorand Gerhard Stamer hatte in einer Seminarsitzung im Wintersemester 1968/9 seinen Doktorvater in der Sache scharf kritisiert. Hier ein paar exemplarische Sätze:

    Sowohl die Interpretation Hegels als auch Marxens betreibt Habermas äußerlich... Habermas sieht nicht, daß der die Erkenntniskritik sprengende Ansatz von Hegel, die Reflexion auf die Voraussetzungen derselben, der Gang des Beweises des Absoluten selbst ist...  Habermas spart die Diskussion der konkreten Allgemeinheit aus, d.h. überhaupt die Diskussion des Verhältnisses zwischen Einzelnem und Allgemeinem. Folge dessen ist, daß er selbst im Idealismus befangen bleibt... Für die Subjekte springt bei Habermas nichts raus. Ihm geht es allein darum, den allgemeinen Zusammenhang der Wissenschaft mit der diesem vorgelagerten allgemeinen Gattungsgeschichte zu vermitteln.

    Man sieht: eine Auseinandersetzung auf ziemlich hohem Niveau, argumentativ wie begrifflich; kein persönlicher Angriff, sondern nur kritisch scharf in der Sache. Als Reaktion darauf hat Habermas seinen Doktoranden vor dem versammelten Seminar zur Schnecke gemacht. Wie das genau vor sich ging, ist nicht dokumentiert, allerdings dem folgenden Brief, den Gerhard Stamer darauf verfasste, der vernichtenden Tendenz nach gut zu entnehmen: (mehr …)
  • Julia Encke, FAS, 11.Juni 2015

    Julia Encke, die neue Literaturchefin der FAS, schreibt in der aktuellen Ausgabe eben dieser Zeitung (derzeit nicht online), unter dem beziehungsreichen Titel "Los, Labern!":

    In der neuen Ausgabe des „Merkurs“, der „Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken“, gibt es eine Kolumne, die diesmal vom Literaturbetrieb handelt. Sie ist nicht besonders polemisch, obwohl man das ja eigentlich immer erwartet, wenn vom Betrieb die Rede ist. Sie nimmt ihren Gegenstand aber auch nicht besonders ernst: Im Januar dieses Jahres habe es „ein wenig Aufregung“ im Betrieb gegeben, stellt der Autor fest, einen „Sturm im Wasserglas“, andere Stürme gebe es da selten, der Betrieb sei nicht groß: „Die meisten Betriebsteilnehmer sind den meisten anderen bekannt, und was im Betrieb passiert, interessiert in erster Linie den Betrieb, den aber sehr.“ Steht da. Stimmt aber so nicht. Mich nämlich leider nicht so.

    Gut, dass wir das geklärt haben. Aber dann geht es doch die ganze Zeit um den Betrieb, und zwar am Beispiel des neuen Lottmann-Romans. Könnte es sein, dass Encke mit dem eigenen Text absichtsvoll eine Laber-Performance hingelegt hat, die über den Betrieb schreibt, aber sich nicht nur von ihm, sondern vom eigenen Darüberschreiben listenreich distanziert, dass sie also Hubert Winkels, der den Betrieb in sich aufhebt, qua performativem Selbstwiderspruch noch überwinkelt? Dann natürlich Chapeau! (Die erwähnte Kolumne ist im übrigen nach wie vor frei lesbar.)