Es dreht sich halt mit. Zu Susanne Kennedys „Women in Trouble“

Wo immer es herkommt. Wo immer es hinwill. Es dreht sich im Kreis. Links herum, bis kurz vor Schluss. Langsam, so langsam, dass man dem Vergehen der Zeit und dem Vorüberdrehen der Räume, Figuren und Dinge nicht einfach nur zusieht, man sieht auch dem eigenen Zusehen beim Vergehen unweigerlich zu, man spürt sich selbst nach beim Empfinden, das sich nicht einstellt, und dieses fortgesetzte Sich-Nicht-Einstellen einer Empfindung führt so flott, wie an diesem Abend sonst nichts ist, zur tiefen Betäubung.

Es wäre schön, ließe sich beim Drehen was denken. Aber auf Reflexion will, was man sieht, nicht hinaus. An den allzu glatten und sauberen Oberflächen der Wände und Texte und Bilder und auch der Musik will nichts haften. Man gleitet ab und ab und ab, mit Gedanken, Blicken, Gefühlen. Schon klar, in diesen Sätzen, wo immer sie herkommen, wo immer sie hingehen, steckt ab und an etwas wie Sinn. Eine Ahnung von Zusammenhang, ja. Eine Soap, die gedreht wird, eine krebskranke Frau namens Angelina Dreem, die stirbt oder auch nicht, die nur Fiktion ist oder real, die von eins, zwei, drei, vier fünf Darstellerinnen gespielt wird, womöglich. Aber ein Gesicht bekommt der Zusammenhang nicht. Das gilt, kennedytypisch, buchstäblich. Alle tragen Masken. Starr ist die Miene, kein Lachen, kein Weinen, Mangel an Ausdruck ist gar kein Ausdruck. Text, Sprache, Körper, Figur und Sein auf der Bühne: alles voneinander weitestgehend entkoppelt. Die sitzen und stehen herum, als hätte jemand ein Machinima mit einem Arsenal von gar nicht ansteuerbaren Game-Nebenfiguren gedreht. Unverändert bleibt das Tempo. Kaum moduliert wird die Intonation. Die Musik ist Ambiente. Die Figuren sind Ambiente. Die Einrichtung ist Ambiente. Die Räume sind einander Ambiente. Und das Ambiente ist sich selbst genug und vollends Ambiente.

Wo alles so gleichtönig und gleichförmig ist, sucht man nach, sagen wir ganz neutral: Spannung. Friktion. Kollision. Auslassung. Sucht man nach Elementen, die sich auf andere Art zueinander verhalten, als nur Ambiente für Ambiente zu sein. Man sucht nach Kausalitäten, Mustern, Entwicklungen, nach Abschüssigem und Konflikt, nach Ausbruch oder Implosion. All das bleibt aus. Dies irae aus heiterem Himmel zum Trotz. Und Lacrimosa von Zbigniew Preisner am Ende zum Trotz. Und Joseph Beuys zum Trotz: „Zeige deine Wunde“ lauten, da ist die Übertiteltafel schon in den Theaterhimmel entschwunden, die letzten Worte des Werks, auf Deutsch, sonst alles Englisch. Aber eine Wunde gibt es hier nicht. Blut blutet nicht, was immer die Stimme des Mannes auch sagt, der hier die Regieanweisungen gibt. Von Schlägen, die ausgeteilt werden, spricht er, nur sieht man sie nicht. Man hat also: Schläge, die nicht schlagen, Blutende, die nicht bluten, Sterbende, die nicht sterben, in Summe: Leben, die keiner mehr lebt.

Krebs ist hier Krankheit zum Untod. Kein Drama. Rin in die Röhre, raus aus der Tür. Alles kein Drama. Nirgends Peripetie. Katharsis: wäre gelacht. Zitiert wird aus John Cassavetes‘ „Opening Night“, einem Film mit Gena Rowlands ständig am Abgrund, woman in trouble, ein Meisterwerk von Hysterie und Verzweiflung, das aber wird hier in eine Gefühls- und Gedankenlandschaft zitiert, in der alles glatt ist und rund läuft, wenngleich die menschlichen Avatare im Ambiente ein wenig ruckeln und wackeln, als würde noch ein bisschen Rechenkraft fehlen. Das Spiegelspiel der Marx-Brothers wird zitiert, aber auch für Komik fehlt dem Ganzen die Kraft. So ist die minutenlange Krebsmedikamentlitanei kein bisschen komisch, nur Keytruda-Hekuba, will nur einfach nicht enden, bis die Tür schlägt im Saal.

Ein Theater der Affektvernichtung. Wobei man zweieinhalb Stunden lang fast vergisst, dass es so etwas wie Affekt, sagen wir hier im Theater, sagen wir überhaupt jemals gab. Postaffektives Theater vielleicht. Zum dem, was man sieht, hat das Stück, das keins ist, keine erkennbare Haltung. Es dreht sich halt mit. Es ist nicht einmal klar, ob einem der Nullpunkt des Affekts im Hyperambiente eine Diagnose sein soll oder die Krankheit selbst ist, an der dieser Abend hoch ansteckend leidet. Enjoy your life, heißt es gegen Schluss, nach dieser so ausgefeilten wie nicht enden wollenden Ode an die Freudlosigkeit. Zynismus? Ironie? Sarkasmus? Oder einfach egal.


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