Uns ist doch Beckett versprochen. Zur Eröffnung der Dercon-Volksbühne

Vor dem Beginn hat es begonnen. Man kommt da rein, draußen alles wie immer, oder fast: kein Räuberrad mehr, OST ist zum Gorki gezogen, etwas macht Krach. Gitarre, Verstärker, die Volksbühne bebt, ein wenig, dazu flackert das Licht, geht an, aus, kennt Zwischenzustände. Die Toilettentüren stehen offen, nur von da, ausgerechnet vom Abort, kommt das einzige beständige Licht. Ungemütlich ist das, unheimlich fast, man kann sich nicht richtig unterhalten, man kann die Leute um einen nicht richtig erkennen, man weiß nicht genau, ob das dazugehört oder nicht. Und was ist das „dazu“, zu dem was auch immer gehört? Das Programm, das man bekommt, ein Faltblatt, ist gar kein Programm. Nennt nur Punkte, keine Abfolge, keinen Zeitplan. Wie das zusammengehört, wird einem nicht zusammengereimt. Wann es losgeht, wann es weitergeht, wann was genau losgeht, wann was genau weitergeht, wird einem nicht vorher gesagt. Also wartet man. Die Unsicherheit ist konstitutiv.

Der Beginn ist gleich wieder vorbei. Die Türen öffnen sich. Schlangen vor den Türen, das kennt man. Die Bühne ist leer, der große Saal ist leer, nicht bestuhlt, aber auch nicht mehr zubetoniert. Man setzt sich auf die niedrigen Stufen. Eher Amphitheater. Am Rand sitzt ein Mann mit E-Gitarre. Von ihm kommt der Live-Teil der harten Musik. Sie wird etwas leiser, damit die Leute das Theaterklingeln nicht überhören. Vertrautes Geräusch. Dann wird die Musik wieder lauter. Nichts weiter passiert. Oder doch. Aber niemand tritt auf. Eine Licht-Show. Die Musik. Vor mir der Mann hält sich die Ohren zu. So laut ist sie auch wieder nicht. Fünf Minuten geht das so. Vielleicht zehn. Lichtspritzer, Lichtkratzer an der weißen Bühnenhinterwand. Helldunkel. Halbhell. Halbdunkel. Nicht figurativ. Sehr ausgefeilt ist das nicht. Aber schon so, dass man sagen kann: Show. Außerdem fährt auf der Bühne etwas nach oben. Kaum mehr, angesichts dessen, was so eine Volksbühnenbühne kann, als ein Mucks. Und der riesige Lüster fährt nach halbunten. Dann wird es hell. Die Musik ist aus. Auf die Bühne kommen Bühnenarbeiter, karren Stühle heran. Manche Zuschauer gehen raus. Andere folgen. Man kapiert nach und nach: Das war es fürs erste

Draußen, im Foyer, in den Nischen rechts und links, ist etwas anderes in Gang. Ein kurzer Film mit einer Manga-Figur. Der erlischt, eine junge Frau tritt als Verkörperung dieser Mangafigur auf, von der Seite, zwischen den auf dem Boden sitzenden Besuchern, und stellt (auf Englisch) Fragen zum Verhältnis von Zeichen und Verkörperung, zum Verhältnis von Theater und Museum. Sie möchte außerdem gern Teil einer Wirklichkeit sein. Sie bewegt sich jedoch ruckelig. Das Publikum wird direkt adressiert, es gibt Fragen, auf die Antworten eher nicht erwartet werden. Das ist ein Stück/eine Performance von Tino Sehal. Nicht die erste, nicht die letzte an diesem Abend. Nicht neu. Oben wird man, wenn man will, von Sehgal-gecasteten Laien in stammtischhafte Diskussionen über Marktwirtschaft verwickelt. Auch nicht neu. Später, am Ende, das auf das Ende folgt und nicht enden will, noch viel mehr Sehgal. Dazu dann später.

Wenig ist neu an diesem ersten Abend in der neuen Volksbühne. Aber das ist Teil der Pointe. Es geht um das Theater als Museum, Darstellung als Performance, Beginnen als Schon-begonnen-Haben, Interaktion als Aneinander-Vorbei. Also Zwischenzustände. Diese Zwischenzustände macht der Abend begehbar. In diesem Sinn ist er primär eine Installation. Also etwas, das vom Museum her kommt als Frage an Dinge im Raum. Und mit Tino Sehgal, der primäre Räume bespielt, die weithin als Räume der Kunst begriffen werden, holt sich Chris Dercon diese Frage als genuine Frage des Theaters ins Haus. Kein Wunder, dass einem dieses Haus gleich unheimlich wird. (Später noch: Geister.) Bei Tino Sehgal sind die Dinge Performer, sind die Räume Situationen mit Menschen, die so etwas Ähnliches wie Zuschauer sind. So denkt sich das Theater nicht von der Bühne her, nicht von der Darstellung von Menschen, nicht von der Sprache, sondern von Verhältnissen, die das alles noch klären müssen für diesen Raum: Was eine Bühne ist, was Menschen sind, was Darstellung ist und wie sich die, die nicht als Darsteller gekommen sind, dazu am besten verhalten.

In dieses Zwischen wird man gestellt. Man kann sich auch setzen. Aber nicht nur das Zwischen gibt es, sondern auch die beiden Pole, zwischen denen sich dieses Zwischen bewegt: einerseits die vernissagenhafte Dissipation. Fast keine Form. Film als Theater-Stehrümchen. Das nämlich oben: Zwei Filme von Beckett, jeweils am Ende der Sackgasse. Keine Black Box, kein Kino, kein Theater. Was dann? Konzentration auf das, was man sieht, ist kaum möglich. Das ist doch scheiße: Theater-Raum als Fege-Foyer für ziemlich untote Kunst.

Der andere Pol folgt, als man schon vom Warten genervt ist, das Bier in der Hand. Wann geht es weiter? Uns ist doch Beckett versprochen. Dann: Türen wieder auf. Zurück in den Saal. Was man draußen erlebt hat, wird, wie man jetzt sieht, auch eine durch Entr’acte bespielte Umbaupause gewesen sein, also traditioneller Teil des Theaters. Der Saal jetzt (plastik)bestuhlt. Vorne Vorhang. Ansage: Jetzt wird es dunkel. Ganz dunkel. Selbst die Sicherheitssaallichter gehen aus. Sagt die Stimme. Stimmt aber nicht. Oder stimmt und stimmt nicht. Die unten sind dunkel (nicht ganz: es bleiben kleine grüne Punkte). Die oben sind an. Vorne, irgendwo in der Mitte, fällt ein Lichtstrahl auf einen sehr rotlippigen Mund. Der Mund spricht, schnell, spricht Beckett-Text. Das geht recht lang. Der Mund, der Text, das Licht, das Dunkel fordern: Konzentration.

Man denkt schon: Das kann nicht sein. Nur Dunkel und Mund. Wo sind Bühne (und Tiefe) und Körper (und Bewegung), wo ist mehr als dieses Minimum von Show. Es wird anders, aber nicht gravierend anders. Ein schmaler Streifen Raum tut sich auf, dank milchigem Licht. In diesem Streifen geht nun Anne Tismer, in einer Art Zwangsjackenkleid, auf und ab. Spricht Beckett-Text. Steht, geht, spricht. Es wird dunkler, dann wieder heller. Tiefendimensionen tun sich nicht auf. Sehr anstrengend, das. Dritter Teil: Ein alter Mann sitzt, schweig, wird von Anne Tismer aus dem Off ange-„He Joe“t. Eine Kamera überträgt das live auf eine Leinwand, die man als solche nicht erkennen kann. Annäherung an dieses Gesicht, close-up, closer-up. Beckett-Text ist Beckett-Text ist Beckett-Text. Wo ist Adorno, wenn man ihn braucht. Anne Tismer kehrt dafür auf die Bühne zurück. Ein Coup, aber das ist doch alles auch seltsam. Kurze Zwischenmusik, neutönerisch. Verdammt ungefällig das alles. Hereingeweht aus anderer Zeit. In seiner Unerklärtheit, Milchigkeit auch eine Geistererscheinung. Ausgerechnet das jetzt hier, zur Eröffnung der Volksbühne?

Diese Beckett-Re-Vue ist eines vor allem: befremdlich. Ein fremder Körper. An diesem Ort. In der Gegenwart. This is so contemporary. Not. Aber natürlich extra nicht. Was stellt Dercon hier hin, das ist die Frage? Den anderen Pol. Volle Konzentration, abgelebte Avantgarde, er sucht und findet im Museum des Theaters einen sehr spezifischen Punkt: Das ist nicht museal à la Peter Stein. Es ist sehr präzise prä-postdramatisch, eine Auflösung, Zersetzung des Dramatischen von einem anderen Punkt her. Sprache, die sich zersetzt, Form, die dieser Zersetzung nichts als Kontur gibt. An diesen Punkt, das muss die These dieses Abends sein, lässt sich anschließen. Nicht eins zu eins. Aber das hier ist nicht Historismus. Die Geste ist nicht ein: Seht her, das unter tausend anderen Dingen hat es gegeben. Es ist auch nicht die Behauptung, genau so könne man heute noch, wieder oder überhaupt Theater machen. Was hier vorgeführt und für den Moment wiederbelebt, als Unheimliches auf die Bühne gebracht wird, ist aber doch ernst gemeint. Wie genau; was genau daraus folgt: Das zu beantworten, ist eine Aufgabe, die sich die Dercon-Volksbühne hiermit gestellt hat.

Eins kann man allemal sagen: Diese Wiederbelebung, dieses Heraufrufen aus der Gruft, der Umgang damit, als könnte es etwas Lebendiges sein, ist alles andere als eine frivole Geste. Gerade die Ernsthaftigkeit daran ist entscheidend. Wie einem überhaupt dieser Abend auf eine Weise den Spaß an der Volksbühne verdirbt, die so respektgebietend wie dann doch auch etwas beunruhigend ist. Auch Sehgals Performance-Installationen geht ja das Spielerische weitgehend ab. Die bedeutenden Fragen werden, auch im Gesang, als sehr bedeutende vorgestellt. An der Intelligenz und Stringenz dieses Abends ändert seine Humorlosigkeit wenig, im Gegenteil.

Was noch folgt, und dass etwas folgt, ist wichtig, was also noch folgt, als Ende, das sein eigenes Enden immer wieder verstellt, ist der Abbau. Licht geht an, Applaus gibt es, dann kommen die Bühnenarbeiter. Sie bauen ratzfatz den fast puppenspielhaften Beckett-Aufbau in Kisten und rollen ihn weg von der Bühne. Aus dem Publikum, von ihm auf den ersten Blick nicht unterscheidbar, formiert sich eine Sehgalsche Geh-, Sing- und Tanzschar. Sie räumt die Plastikstühle zusammen, auch sie werden entfernt. Die Sehgalschar wogt, rennt, setzt sich, singt. Das Licht macht wieder mit. Und als die Bühne leergeräumt ist, strömen die Zuschauer in Richtung des freigewordenen Raums. Einige bleiben auch sitzen. Das geht noch eine Weile so, Welle auf Welle, process, electricity, die gesprochenen, gesungenen Texte wollen bedeuten, aber sie wollen nicht eindeutig sein. Zwischenzustände. Rumsitzen. Es endet nicht, wie es begann. Aber dieses auslaufende Ende und der Beginn vor dem Beginn: Sie ähneln einander hinreichend, um eine schlüssige Klammer um diesen so faszinierenden wie beunruhigenden Anfang zu sein.


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