Sechs Tage, die den Nahen Osten veränderten. Vor 50 Jahren siegte Israel im Junikrieg

Vor 50 Jahren, vom 5. bis zum 10. Juni 1967, fand der Sechstagekrieg statt. So nennen die Israelis ihn nicht nur deshalb, weil sie in kürzester Zeit drei arabische Staaten besiegten – Ägypten, Syrien und Jordanien –, der Name hat auch eine tiefere Bedeutung. Er spielt auf die sechs Tage des biblischen Schöpfungsberichts an und bringt ein Gefühl zum Ausdruck, dass mit diesem Krieg etwas völlig Neues begann.

Das Gefühl war zunächst subjektiv. Im Frühsommer 1967 hatte Israel die Vernichtung gedroht, und für viele Bürger des jungen Staates war der Sieg wie eine Neugeburt. Über seinen euphorischen, für gewisse Israelis gar messianischen Effekt wird noch einiges zu sagen sein, das Gefühl des Neuen aber hat sich bestätigt: Im Abstand eines halben Jahrhunderts wird deutlich, dass der Sechstagekrieg nicht nur Israel, sondern auch den gesamten Nahen Osten entscheidend verändert hat.

Jetzt legt der Berliner De Gruyter Verlag ein englisches Handbuch vor, das diesen Fragen einen vielschichtigen Kontext gibt. In zwei Bänden und auf über 1300 Seiten erhält der Leser Einblick in die großen Debatten, die in Israel geführt werden. Drei Hauptteile – „Spaltungen“, „Postzionismus“, „Israel in der Außenperspektive“ – versammeln 68 profunde, thematisch geordnete Beiträge. Sie bieten klar formulierte Thesen, lassen sich als Narrative lesen und bilden mit ausführlichen Personen- und Sachregistern auch ein hilfreiches Nachschlagewerk.

Die Autoren und Autorinnen – Historiker und Politikwissenschaftler, Juristen und Soziolo­gen, Psychologen und Kulturwissenschaftler – sind mit wenigen Ausnahmen israelische Experten an führenden Universitäten und Akademien des Landes. Sie repräsentieren ein breites Spektrum: Juden und israelische Palästinenser, Religiöse und Säkulare, rechte und linke Ideologen. Ihre Argumente sind ausgewogen und nachvollziehbar, und ein Lob gebührt nicht nur den Herausgebern für ihre gute Auswahl, sondern auch der israelischen Gesellschaft selbst. Die Debatten sind ein Zeichen dafür, dass ihre internen und externen Spannungen immer rational und verhandelbar bleiben.

In einem von blutigen Revolutionen und Bürgerkriegen zerrissenen Gebiet, dessen Flücht­linge heute auch Europa gefährden, ist das keineswegs selbstverständlich. Israels Bevölkerung ist äußerst heterogen, und was in Deutschland „Migrationshintergrund“ heißt, ist hier die Regel. Aus aller Welt bringen die eingewanderten Juden ihre verschiedenen Traditionen mit, zugleich aber ist ihr Staat die einzige Demokratie im Nahen Osten: Das ermöglicht den vielseitigen Diskurs, den die Debatten des Handbuches dokumentieren.

Exemplarisch sind die Diskussionen um das „Jüdische“, das für Israel bestimmend sein soll. Ist damit eine Ethnie gemeint, und ist Israel also keine Demokratie, sondern eine Ethnokratie, in der die Juden Vorrang vor anderen Bevölkerungsteilen haben? Oder eine Religion, und ist Israel eine Theokratie?

Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Der ultraorthodoxe Publizist und Rechts­anwalt Dov Halbertal kann sich ein jüdisches Leben außerhalb des Religionsgesetzes nicht vorstellen und will daher auch den Staat an dieses Gesetz koppeln. Der Philosophie­professor Avi Sagi gehört zum nationalreligiösen Lager, gibt aber zu bedenken, dass das jüdische Religionsgesetz in den Zeiten des Exils entstanden ist, einer staatenlosen Gemeinde diente und daher kaum staatstragend sein kann. Mordechai Kremnitzer, Juraprofessor und kompromissloser Demokrat, macht darauf aufmerksam, dass das autonome Schulsystem der Orthodoxie, das sich neben den staatlichen Schulen in Israel etabliert hat, ein chauvinistisches Denken propagiert, von dem nichts Gutes zu erwarten ist.

Die Frage nach dem jüdischen Kern der israelischen Staatsdoktrin durchzieht das Handbuch wie ein roter Faden. Neben den genannten Autoren bietet es noch viele weitere Antworten, und zentral ist diese Frage nicht nur für Israel, sondern auch für das westliche Demokratieverständnis. Es ist aus der Aufklärung erwachsen, für die eine Trennung von Kirche und Staat unumgänglich war, im Nahen Osten aber beobachten wir heute das Gegenteil. Seine Revolutionen sind auch gegen den Westen gerichtet, und es verwundert daher nicht, dass sie zumeist von einem religiösen Fundamentalismus angetrieben werden.

In Israel vermischen sich die westlichen und orientalischen Einflüsse und machen das Land zu einem politischen Experimentierfeld, das für den europäischen Beobachter höchst aktuell ist. Es hat eine starke arabische Minderheit, und 1948 schuf der Unabhängigkeitskrieg das Problem der palästinensischen Flüchtlinge. Weniger bekannt ist dagegen, dass er auch eine jüdische Fluchtbewegung aus arabischen Ländern ausgelöst hat. Der junge Staat nahm eine große Anzahl orientalischer Juden auf, die noch keine demokratische Erfahrung hatten und in der ersten Generation nach ihrer Einwanderung politisch kaum Einfluss gewannen.

Das änderte sich, als Menachem Begins Likud-Block die seit der Staatsgründung regierende Arbeiterpartei ablöste. Auch das Wahljahr 1977 ist ein zentrales Thema des Handbuches, und für die Politikwissenschaftlerin Sigal Ben-Rafael Galanti ist es ein Paradigmenwechsel. Begins Wähler waren zum großen Teil orientalische Juden, die im Gegensatz zur sozialistischen Gründergeneration noch religiös waren. „Israels Nationa­lismus“, so schreibt sie, „war bisher säkular gewesen, doch jetzt verwandelte er sich in einen jüdischen, der Tradition verpflichteten Zionismus.“

Der Politikwissenschaftler Mohanad Mustafa und der Linguist Muhammad Amara, zwei israelische Palästinenser, arbeiten das dialektische Verhältnis von jüdischer Mehrheit und palästinensischer Minderheit heraus. Während die Wende von 1977 das jüdische Selbstver­ständnis in Israel verstärkte, „wurden sich auch die arabischen Israelis ihrer nationalen Identität bewusst; empfanden sich als Teil des palästinensischen Volkes; begannen für ihr nationales Recht zu kämpfen“.

Wie bei den Juden war das nationale Selbstbewusstsein auch bei den Palästinensern zunächst säkular. Aber schon zwei Jahre nach der Wende in Israel, 1979, stürzte der persische Schah, Khomeinis militanter Islam diktierte von nun ab den Lauf der Ereignisse, und wieder ist eine Dialektik zu beobachten. Während der radikale Islam auch Teile der Palästinenser ergriff, setzte eine israelische Siedlerbewegung ein, deren Ideologie nicht weniger fundamen­talistisch war. 1977 wohnten 5000 Israelis in den besetzten Gebieten, heute sind es über eine halbe Million.

Im Jerusalemer Tempelberg und anderen heiligen Stätten, die Israel erobert hatte, war das  Potential der religiösen Überhöhung bereits angelegt, und viele Siedler glauben mit der Besatzung ein göttliches Gebot zu erfüllen. Der letzte Abschnitt des Handbuches ist dieser Schattenseite der israelischen Demokratie gewidmet und wird den deutschen Leser besonders interessieren.

Yoel Bin-Nun, Rabbiner und Pädagoge, beschreibt zunächst den unbeugsamen  Widerstand der Palästinenser gegen den zionistischen Anspruch. Er stellt die historischen Abläufe dar, aber er ist einer der Gründer der religiösen Siedlerbewegung und glaubt an keine historische Lösung des Konfliktes. „Frieden wird nicht durch Abkommen herbeigeführt“, schreibt er im Rückblick auf die israelischen Evakuierungen im Sinai und im Gazastreifen. „Abkommen zerstören den Frieden, sie schaffen Entfremdung, Angst und Hass.“  Für Bin-Nun herrscht Frieden, wo zwei Völker ihren Alltag miteinander teilen, und als Beispiel führt er seine eigene Siedlung an. „Bei uns machen viele Palästinenser ihre Einkäufe gemeinsam mit Siedlern, Soldaten und Polizisten. Wer diese Koexistenz bezweifelt, ist eingeladen, uns zu besuchen und es mit eigenen Augen zu sehen.“

Der Politikwissenschaftler Meron Benvenisti wirft einen harten Blick auf solche Idylle. Unter Teddy Kollek war er lange ein Vizebürgermeister Jerusalems, und mitten durch die Stadt verläuft die Grenze zwischen dem einstigen Kernland Israels und den besetzten Gebieten. Er kennt die Entwicklungen aus nächster Nähe. „Gegen Ende der 1980er“, so schreibt er, „hatten die Siedler eine kritische Masse erreicht, und es gab kein Zurück mehr. Ihren Anführern war es gelungen, eine mächtige Lobby aufzubauen, die auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze tätig war.“

Was Yoel Bin-Nun als eine friedliche Koexistenz beschreibt, ist in Benvenistis Augen ein koloniales Unterdrückungssystem, das die Palästinenser in kleine, politisch ohnmächtige Splittergruppen aufgebrochen hat. Für ihn ist die sogenannte Zweistaatenlösung, das alte Wunschbild der israelischen Friedensbewegung, zum Scheitern verurteilt, und Benvenisti schlägt ein binationales Modell vor, in dem Juden und Palästinenser gleichberechtigt nebeneinander leben könnten.

Dafür plädiert auch Mustafa Kabha, ein israelisch-palästinensischer Historiker, der die Geschichte des Konflikts erforscht. Er stellt sie aus der Sicht der Palästinenser dar; entdeckt ihre Anfänge schon im Ersten Weltkrieg, im Zusammenbruch des Osmanenreiches; und sieht das binationale Modell als Notlösung in einer verfahrenen Situation. Seine heute noch utopische Hoffnung aber ist es, dass beide Nationen einmal einen einzigen Staat bilden werden, der allen seinen Bürgern gehört.

Diese und weitere Beiträge zeigen den Konflikt in verschiedensten Perspektiven und machen deutlich, warum ein kleines Land wie Israel seit langem schon im Mittelpunkt des Weltinteresses steht. Zu wünschen wäre daher auch eine deutsche Ausgabe dieses vorzüglich edierten Handbuches.

Handbook of Israel: Major Debates. Ed. by Ben-Rafael, Eliezer / Schoeps, Julius H. / Sternberg, Yitzhak / Glöckner, Olaf. Walter de Gruyter, Berlin und Boston  2016, 1304 Seiten, 159,95  €.

(Erstveröffentlichung dieses Textes im Tagesspiegel vom 31. Mai 2017)


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