Auch Israel hatte eine Neue Linke. Lutz Fiedlers Buch über Matzpen

In Israel ist „links“ zu einem Schimpfwort geworden. Die Diffamierung breitet sich nicht nur in den Internetforen aus, wirksam und gefährlich ist sie vor allem, weil sie zur offiziellen Rhetorik gehört und von entsprechenden Regierungsmaßnahmen begleitet wird. Kritische Medien werden von höchster Stelle beanstandet, Kulturinstitutionen fügen sich einer mehr oder minder spürbaren Zensur oder werden fiskalisch abgestraft, das Parlament legt Gesetze vor, die unliebsame Urteile des Obersten Gerichtshofes umgehen sollen.

Der derart markierte Feind steht angeblich links, nur kann er das gar nicht, weil es eine israelische Linke längst nicht mehr gibt. Spätestens seit 1977, als Menachem Begins Likud-Block erstmals die Wahlen gewann, kann sie dem nationalistischen Sog, der sich des Landes bemächtigt hat, kaum widerstehen und verliert dabei ihr Gesicht.

Hat sie dieses Gesicht aber jemals besessen? Lutz Fiedler legt jetzt eine Studie über die linksradikale Bewegung Matzpen vor, die einen Einblick in die Frage gewährt. „Eine andere israelische Geschichte“ heißt sein Buch im Untertitel – eine Geschichte der Verlierer, die oft ehrlicher ist als das Narrativ der Sieger.

Matzpen, hebräisch für Kompass, war zwischen 1962 und 1983 aktiv. Die Gruppe war sehr klein, und einen praktischen Einfluss auf Israels Realpolitik hat sie nie gehabt, aber aus ihrer Randposition zeigt sich das zionistische Unterfangen in einer bedenkenswerten Perspektive. Ihre fast zeitgleiche Parallele hatte sie in den 68ern, und wie die Studentenbewegungen in Europa war auch Matzpen eine Neue Linke in Israel: Entstanden ist sie aus der Enttäuschung über den Judenstaat, der 1948 ins Leben gerufen wurde.

Als links verstanden sich auch die Gründer dieses Staates. Ben Gurions Hausmacht war die Arbeiterpartei Israels, und die Kibbuzim sowie die landesweite Gewerkschaft, die Histadrut, waren sozialistisch orientiert. Bei Matzpen aber kamen Dissidenten zusammen, die diesem Sozialismus nicht trauten. Ihre Zahl war überschaubar, und Fiedler erzählt uns zunächst die Biographien ihrer Anführer. Er zeichnet nach, wie sie die Kibbuzim verließen und die Histadrut und selbst die kommunistische Partei, die es in Israels Gründerjahren noch gegeben hat.

Diese Neue Linke besann sich auf ein Prinzip des Sozialismus, das im ethnisch begrün­deten Judenstaat verloren gegangen war: auf die Internationale. „Völkerverbindend“ nannte man das damals in der DDR, doch bei Matzpen war das keine Rhetorik, man nahm es ernst. Denn schon früh hatte man das Problem der Palästinenser erkannt. In den Jahren nach dem Unabhängigkeitskrieg kam das kaum zur Sprache, doch Matzpen holte es aus der Verdrän­gung und stieß damit auf massiven Widerstand.

Den Zionismus lehnte die Gruppe als eine kolonialistische Bewegung ab. „Das Ziel gewöhnlicher Kolonialbewegungen war die Ausbeutung der Schätze des Landes“, zitiert Fiedler einen Grundsatztext von Matzpen. „Ziel der zionistischen Kolonisationsbewegung war hingegen das Land selbst.“ Solche Ablehnung der staatstragenden Ideologie brachte Matzpen freilich in ein Dilemma der Legitimation: Wie ließ sich rechtfertigen, dass so viele Juden im Land lebten?

Diese Frage erörtert Fiedler im interessantesten Kapitel seines Buches. Er nennt es „Die Erfindung einer hebräischen Gegenwart“ und geht in ihm weit über die Grenzen seiner Studie hinaus, macht Matzpen als Teil eines sehr viel breiteren Kulturspektrums sichtbar, das in den Jahren vor und nach der Gründung Israels entstanden war.

Gemeinsam ist diesem Spektrum der Versuch, die jüdische Ansiedlung in Palästina aus der langen Geschichte der Diaspora herauszulösen und zu einer „Stunde Null“ zu stilisieren, in der die Juden Palästinas sich neu erfinden. Das Medium ihrer Metamorphose ist die Sprache: Ihr Hebräisch ist nicht mehr „jüdisch“, es wird nicht mehr in der Synagoge, sondern auf der Straße gesprochen, und damit werden auch die Israelis, wie die Palästinenser, zu „Einhei­mischen“ des Nahen Ostens.

Matzpen hat dieses im jungen Israel weit verbreitete Konzept keineswegs erfunden, übernahm es aber bereitwillig, um die jüdische Bevölkerung vom Makel des Kolonialismus zu befreien und die Koexistenz zweier Menschengruppen zu ermöglichen, die den gleichen Boden teilten. Dafür musste das Hebräische sich säkularisieren, es durfte keine Ansprüche mehr auf ein Gelobtes Land anmelden, wie sie in der Bibel und im Begriff des Zionismus festgeschrieben waren – und hier erreicht Lutz Fiedlers andere israelische Geschichte ihren Wendepunkt.

Seit der Gründung von Matzpen waren noch keine fünf Jahre vergangen, als 1967 der Sechstagekrieg ausbrach. Die jüdische Landnahme, die Matzpen als die Ursünde des Zionis­mus ansah, wiederholte sich nun zum zweiten Mal, Israel besetzte den Tempelberg und andere „heilige“ Orte der jüdischen Erinnerung, und die erhoffte Säkularisierung verwandelte sich in ihr Gegenteil: in eine Sakralisierung des Zionismus, die bis heute anhält und alle Hoffnung auf einen Frieden unterminiert.

Die anderthalb Jahrzehnte zwischen dem Sechstagekrieg und dem Ende der Bewegung werden zu einem langen Abgesang. Fiedler beschreibt, wie schwer Matzpen es hatte, auf palästinensischer Seite Gesprächspartner zu finden; dass diese Gespräche nur im Ausland stattfinden konnten; dass die Zeitschrift Khamsin, die in Paris und London mit arabischen Partnern gemacht wurde, weitgehend die Kooperation von Exilanten war. In den Jahren ihres Erscheinens (1975-87) hatten viele Mitglieder von Matzpen Israel bereits verlassen, und auch die arabischen Beiträger der Zeitschrift lebten nicht mehr in ihrer Heimat; unter ihnen der syrische Kritiker des islamischen Fundamentalismus Sadik J. Al-Azm, der im Dezember 2016 im Berliner Exil gestorben ist.

Die Geschichte von Matzpen, schreibt Lutz Fiedler, wird „als Medium entschlüsselt, in dem sich Grundfragen der israelisch-jüdischen Existenz wie in einem Brennspiegel bündeln“. In der Miniatur dieser Bewegung wirft die Tragödie der israelischen Linken schon ihre Schatten voraus.

 

Lutz Fiedler, Matzpen. Eine andere israelische Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, 408 Seiten, 70,00  €.

(Erstveröffentlichung dieses Textes im Tagesspiegel vom 16. August 2017)


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