• Brief an einen Leser

    Ein Abonnent hat uns einen Brief geschickt. Er beschwert sich darin - exemplarisch für seine gelegentlichen Schwierigkeiten mit dem Merkur - über Martin Burckhardts Beitrag aus dem Augustheft "Der Kapitalismus ist tot (er weiß es nur noch nicht)". Er vermisst, hier wie öfter, eine "einfache klare Sprache" und beklagt die Verwendung von Metaphern. Wir dokumentieren Christian Demands Antwort, da sie ihrerseits recht grundsätzliche Dinge diskutiert. (mehr …)
  • Kunst und Krempel

    »it is easy for a museum to get objects – it is hard for a museum to get brains« John Cotton Dana, 1920

    Arsprototo ist der Titel einer Zeitschrift, mit der die Kulturstiftung der Länder vierteljährlich ein Publikum abseits der Fachöffentlichkeit über ihre Aktivitäten informiert. Es ist ein professionell gemachtes Hochglanzmagazin, das sich in seiner aufwändigen und zugleich betont gediegenen Aufmachung an die Sorte üppig illustrierter Kunstzeitschriften im Tablebook-Format anlehnt, in denen Auktionshäuser mit Schwerpunkt auf Antiquitäten und Alte Meister ihre Anzeigen schalten. Die Kulturstiftung der Länder ist auf ihrem Wirkungsfeld einer der angesehensten und zugleich wichtigsten Akteure in Deutschland. Seit 1988 unterstützt und berät sie Museen, Archive und Bibliotheken beim Erwerb und Erhalt von Kunstwerken und Kulturgütern von »nationaler Bedeutung« und fördert überdies Ausstellungsprojekte – im Lauf der vergangenen dreißig Jahre hat sie nach eigenen Angaben für Ankäufe Finanzbeihilfen von 170 Millionen Euro bereitgestellt. Allein in den vergangenen zwei Jahren unterrichtete Arsprototo unter anderem über den Kauf umfangreicher fürstlicher Sammlungen, aber auch einzelner grafischer Blätter, von Autografen und Planwerken, Notizbüchern, Gemälden, Fotokonvoluten, biografischen Nachlässen, mittelalterlichen Altären und Münzhorten, frühbarocken Prachtgefäßen, klassizistischen Möbeln, kleinen und großen Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart, Kleidung, Fayencen, Tapisserien, Manuskripten, Briefwechseln, einem literarischen Vorlass, einem chinesischen Stellschirm und einer japanischen Samurai-Rüstung.

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  • Augmented Reality

    Kurz nachdem die Firma Apple im September 2017 unter gewohnt großspurigem Willkommen-in-der-Zukunft-Getöse die neueste Generation des iPhone vorgestellt hatte, präsentierte der Einrichtungskonzern Ikea eine dafür maßgeschneiderte App, die es aus dem Stand auf die Liste der beliebtesten Anwendungen schaffte. Ikea Place nutzt die von Apple neuerdings in das hauseigene Betriebssystem implementierten Augmented-Reality-Funktionen. (mehr …)
  • Nothing to write home about

    Kürzlich ließ mir ein befreundeter Museologe, ein außergewöhnlich theoriebeschlagener wie praxiserfahrener Mann, einen Text mit kritischen Anmerkungen zu Gegenwart und Zukunft des öffentlichen Museumsbetriebs zukommen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Frage, ob die deutschen Völkerkundemuseen die Kolonialgeschichte, der sie ihre Existenz sowie den Großteil ihrer Bestände verdanken, in ihren Schausammlungen hinreichend reflektierten. Die Antwort war ein klares: Nein. In ihrer Grundsätzlichkeit sprengte die Argumentation diesen spezifischen Problemhorizont allerdings schon nach wenigen Absätzen. Mit ihrer zentralen These lief sie vielmehr auf ein radikales Misstrauensvotum gegen die gängige Ausstellungspraxis als solche hinaus: In seiner heutigen – die grundlegenden, wissenschaftlich begründeten Präsentationsweisen des 19. Jahrhunderts weitgehend perpetuierenden Form – sei das Museum nach wie vor wesentlich eine »Disziplinierungsanstalt«, ein Ort, »der unwillkürlich immer und zu allererst von der Beherrschung und Beherrschbarkeit der Welt spricht, indem diese daselbst anhand des Verfügens über die Dinge demonstriert wird«. Das Gegenkonzept: »Anstelle des Präsentierens sollte eine offene Form des Vorzeigens treten, bei der erkennbar wird, wie Dingen eine Bedeutung zugewiesen wird, und dass dies ein im Prinzip offener Prozess bleibt, je nachdem, wer sich mit welche (...)

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  • Theoriemüdigkeit. Designkolumne

    Wenn in dreißig oder vielleicht auch fünfunddreißig Jahren die ersten Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker darangehen werden, das plötzliche Verschwinden der kleinen deutschen geisteswissenschaftlichen Buchverlage im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts aufzuarbeiten, dann wird, da bin ich mir ziemlich sicher, die Diagnose in vielen Fällen »fahrlässige Selbstabschaffung« lauten. Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten. (mehr …)
  • Widerworte. Zu Irene Bazingers FAZ-Artikel

    Ist Kunst nur dann, wenn man "Kunst" sagt, möglichst laut noch dazu? Das scheint Irene Bazinger zu glauben, wenn sie sich in ihrem polemischen Artikel in der FAZ vom Samstag (bislang ist er nicht online) beschwert, es sei von "Kunst" nicht die Rede gewesen in unserem Merkur-Gespräch "Was wird Theater?" Ein bisschen misslich vielleicht, dass sie dann selbst Christoph Gurk zitiert, der die Feindseligkeit, die Chris Dercon seit seiner Berufung zum neuen Volksbühnen-Intendanten entgegenschlägt, als restaurativ und "kunstfeindlich" kritisierte. Kunstfeindlich, von theoriefeindlich mal zu schweigen, ist doch eigentlich, wenn eine schon weiß, was Kunst ist oder sein soll - und ein Raum für "Experimente", ein "Labor" für noch nicht tausendundeinmal Probiertes ist Kunst dann offenbar nicht. Experiment und Labor, das waren Worte, die fielen, wobei Stefanie Wenners Ausführungen zur kapitalen Differenz zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem künstlerischen Labor-Begriff zu den interessantesten Gedanken des Abends gehörten. (mehr …)
  • Memorialkolumne. Denkmäler

  • Moralische Anstalten

    Designkolumne

    Beim nächtlichen Journalistenfernsehtalk des RBB ging es kürzlich wieder einmal um AfD, Pegida und die Folgen. Die Kollegen und Kolleginnen trugen einander mit nachdenklich gefurchten Brauen routiniert den sattsam bekannten Katalog einschlägiger Mutmaßungen vor, mit wem man es da im Einzelnen zu tun habe und wie groß das Attraktionspotential rechtspopulistischer Positionen hinsichtlich der Gesamtbevölkerung wohl einzuschätzen sei. Zur dramaturgischen Auflockerung wurden zwischendurch diverse Doku-Schnipsel aus aktuellen Sendungen zugespielt. Unter anderem war eine Menge so gleichförmig wie ungeschickt gekleideter, kampfbereiter Das-Boot-ist-voll-Senioren zu sehen, die auf den Anblick der Fernsehkamera mit lautstarken polemischen Ausfällen reagierten. »500 Euro Rente«, stieß eine ungelenk gestikulierende, rhetorisch ganz offensichtlich ungeschulte Frau von wenig einnehmendem Äußerem hervor, während ihr die Gesichtszüge außer Kontrolle gerieten: »und so ä Moslem kriegt 670, ham wer denn nicht genuch Probleme in Deutschland? Isch bin voller Hass, voller Hass, wenn isch – [Bildschnitt] – Die müssen wech!«, woraufhin die umstehenden Kundgebungsteilnehmer triumphierend »Höcke, Höcke, Höcke!« skandierten. (mehr …)
  • Hitlers Pferde

    Memorialkolumne
    Im Mai 2015 beschlagnahmten Beamte der für Kunstdelikte zuständigen Abteilung 444 des Berliner Landeskriminalamts in einer bundesweiten Razzia mehrere mutmaßlich gestohlene Monumentalkunstwerke aus der NS-Zeit. Die prominentesten Stücke, zwei dreieinhalb Meter hohe, tonnenschwere, dunkel patinierte Bronzeskulpturen des Bildhauers Josef Thorak mit einigen, teils zentimetergroßen Einschusslöchern, wurden in einer Lagerhalle in Bad Dürkheim sichergestellt, zusammen mit riesigen Granitreliefs von Arno Breker, Thoraks größtem Rivalen um die Gunst Adolf Hitlers. Thorak hatte die Zwillingsfiguren der Schreitenden Pferde als Auftragsarbeit für die von Albert Speer entworfene, Anfang 1939 fertiggestellte Neue Reichskanzlei in Berlin angefertigt, wo sie am Rand einer Freitreppe vor der mit Kolossalsäulen geschmückten Gartenfront aufgestellt wurden. Schon 1943 mussten sie zum Schutz vor Bombenschäden wieder demontiert werden und entgingen dadurch der Zerstörung. Sie kamen zunächst in Wriezen unter, am östlichen Rand des heutigen Brandenburg, wo auf einem Gelände mit Gleisanschluss und Kanalhafen die Arno-Breker-Bildhauerwerkstätten GmbH sowie der »Arbeitsstab Wiederaufbauplanung zerstörter Städte« residierten. Um 1950 gelangten sie dann offenbar in das gut 20 Kilometer entfernte Eberswalde, wo Nazikunst auf einem Kasernengelände der Sowjetarmee zusammengezogen wurde. Dort befanden sie sich noch 1988, als die Kunsthistorikerin Magdalena Bushart auf einen mündlichen Hinweis hin eine Recherchereise unternahm, die Figuren fotografierte und anschließend auf einem Kongress über ihren Fund berichtete. Wenig später verschwand das Pferdepaar dann allerdings unter abenteuerlichen Umständen – in Einzelteile zersägt, unter Metallschrott gemischt und später wieder zusammengesetzt, wie man mittlerweile weiß – und galt seither als verschollen. (mehr …)
  • Fundsache zur aktuellen Nord-Süd-Rhetorik

    Am Rande der Arbeit an meiner Designkolumne für das Aprilheft, die dem amerikanischen Designer Norman Bel Geddes gewidmet ist (hier das Link zum gebührenpflichtigen Pdf), habe ich diesmal allerlei Literatur zur und um die Great Exhibition in London 1851 durchstöbert. Dabei bin ich unter anderem ein weiteres Mal auf den prächtigen Band mit den Originallithographien gestoßen, der im Jahr nach der Weltausstellung unter dem Titel "Dickinsons' comprehensive Pictures of the Great Exhibition of 1851" erschien und den man, der New Yorker Metropolitan Library sei Dank, gebührenfrei online einsehen kann. Ich hatte ihn vor Jahren schon einmal in der Bibliothek in Händen gehalten, mich aber seinerzeit ausschließlich mit den Illustrationen beschäftigt, die Aufbau und Atmosphäre der Schau in sehenswerten puppenhausartigen Tableaus festgehalten haben. Diesmal hatte ich die Zeit, mich ein wenig in die beigefügten Kommentare und Erklärungen zu vertiefen, die in vielerlei Hinsicht ebenso bemerkenswert sind wie die Abbildungen. Aus tagesaktueller Perspektive sticht dabei besonders der Eingangstext hervor, der über den Beitrag Griechenlands in einer Mischung aus Resignation und Fassungslosigkeit berichtet, bei der bereits alle Topoi heutiger Nord-Süd-Gefälle-Schelten aufgerufen werden. (Mehr zum rhetorischen Arsenal dieses Kampfdiskurses auch in Philip Manows Politikkolumne in der Februarausgabe "Rentabilität im Süden".) Die von allerlei mythologischen Anspielungen gerahmte Erzählung von der Ablösung der griechischen durch die nordeuropäische, sprich: britische Zivilisation gipfelt in Sätzen wie: "It is Commerce which has put into the hands of Northern Europe, whose inhabitants clothed themselves in skins and painted their naked bodies with woad, all the arts, the inventions and the comforts which then exclusively flourished in the south, and were enjoyed by it’s people alone." Der gesamte chauvinistische Hymnus findet sich hier.