• Homestorys (I). Betreutes Wohnen

    Netflix, mit 140 Millionen Abonnenten und einem Bilanzgewinn in Milliardenhöhe der größte und einträglichste Online-Streamingdienst der Welt, eine Firma also mit sicherem Gespür für die Unterhaltungsbedürfnisse eines gigantischen Konsumentenpools, hat seit dem Frühjahr die erste Staffel einer Serie im Programm, bei der man anderen Menschen beim Hausputz zusehen kann. Tidying up with Marie Kondo basiert auf einer japanischen Ratgeberreihe zur optimalen Haushaltsorganisation, die innerhalb weniger Jahre, begleitet von einem bemerkenswerten Medienecho, millionenfach verkauft und in mehr als drei Dutzend Sprachen übersetzt worden ist (die deutsche Ausgabe trägt den Titel Magic Cleaning).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Brief an einen Leser

    Ein Abonnent hat uns einen Brief geschickt. Er beschwert sich darin - exemplarisch für seine gelegentlichen Schwierigkeiten mit dem Merkur - über Martin Burckhardts Beitrag aus dem Augustheft "Der Kapitalismus ist tot (er weiß es nur noch nicht)". Er vermisst, hier wie öfter, eine "einfache klare Sprache" und beklagt die Verwendung von Metaphern. Wir dokumentieren Christian Demands Antwort, da sie ihrerseits recht grundsätzliche Dinge diskutiert. (mehr …)
  • Kunst und Krempel

    »it is easy for a museum to get objects – it is hard for a museum to get brains« John Cotton Dana, 1920

    Arsprototo ist der Titel einer Zeitschrift, mit der die Kulturstiftung der Länder vierteljährlich ein Publikum abseits der Fachöffentlichkeit über ihre Aktivitäten informiert. Es ist ein professionell gemachtes Hochglanzmagazin, das sich in seiner aufwändigen und zugleich betont gediegenen Aufmachung an die Sorte üppig illustrierter Kunstzeitschriften im Tablebook-Format anlehnt, in denen Auktionshäuser mit Schwerpunkt auf Antiquitäten und Alte Meister ihre Anzeigen schalten. Die Kulturstiftung der Länder ist auf ihrem Wirkungsfeld einer der angesehensten und zugleich wichtigsten Akteure in Deutschland. Seit 1988 unterstützt und berät sie Museen, Archive und Bibliotheken beim Erwerb und Erhalt von Kunstwerken und Kulturgütern von »nationaler Bedeutung« und fördert überdies Ausstellungsprojekte – im Lauf der vergangenen dreißig Jahre hat sie nach eigenen Angaben für Ankäufe Finanzbeihilfen von 170 Millionen Euro bereitgestellt. Allein in den vergangenen zwei Jahren unterrichtete Arsprototo unter anderem über den Kauf umfangreicher fürstlicher Sammlungen, aber auch einzelner grafischer Blätter, von Autografen und Planwerken, Notizbüchern, Gemälden, Fotokonvoluten, biografischen Nachlässen, mittelalterlichen Altären und Münzhorten, frühbarocken Prachtgefäßen, klassizistischen Möbeln, kleinen und großen Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart, Kleidung, Fayencen, Tapisserien, Manuskripten, Briefwechseln, einem literarischen Vorlass, einem chinesischen Stellschirm und einer japanischen Samurai-Rüstung.

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  • Augmented Reality

    Kurz nachdem die Firma Apple im September 2017 unter gewohnt großspurigem Willkommen-in-der-Zukunft-Getöse die neueste Generation des iPhone vorgestellt hatte, präsentierte der Einrichtungskonzern Ikea eine dafür maßgeschneiderte App, die es aus dem Stand auf die Liste der beliebtesten Anwendungen schaffte. Ikea Place nutzt die von Apple neuerdings in das hauseigene Betriebssystem implementierten Augmented-Reality-Funktionen. (mehr …)
  • Nothing to write home about

    Kürzlich ließ mir ein befreundeter Museologe, ein außergewöhnlich theoriebeschlagener wie praxiserfahrener Mann, einen Text mit kritischen Anmerkungen zu Gegenwart und Zukunft des öffentlichen Museumsbetriebs zukommen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Frage, ob die deutschen Völkerkundemuseen die Kolonialgeschichte, der sie ihre Existenz sowie den Großteil ihrer Bestände verdanken, in ihren Schausammlungen hinreichend reflektierten. Die Antwort war ein klares: Nein. In ihrer Grundsätzlichkeit sprengte die Argumentation diesen spezifischen Problemhorizont allerdings schon nach wenigen Absätzen. Mit ihrer zentralen These lief sie vielmehr auf ein radikales Misstrauensvotum gegen die gängige Ausstellungspraxis als solche hinaus: In seiner heutigen – die grundlegenden, wissenschaftlich begründeten Präsentationsweisen des 19. Jahrhunderts weitgehend perpetuierenden Form – sei das Museum nach wie vor wesentlich eine »Disziplinierungsanstalt«, ein Ort, »der unwillkürlich immer und zu allererst von der Beherrschung und Beherrschbarkeit der Welt spricht, indem diese daselbst anhand des Verfügens über die Dinge demonstriert wird«. Das Gegenkonzept: »Anstelle des Präsentierens sollte eine offene Form des Vorzeigens treten, bei der erkennbar wird, wie Dingen eine Bedeutung zugewiesen wird, und dass dies ein im Prinzip offener Prozess bleibt, je nachdem, wer sich mit welche (...)

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  • Theoriemüdigkeit. Designkolumne

    Wenn in dreißig oder vielleicht auch fünfunddreißig Jahren die ersten Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker darangehen werden, das plötzliche Verschwinden der kleinen deutschen geisteswissenschaftlichen Buchverlage im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts aufzuarbeiten, dann wird, da bin ich mir ziemlich sicher, die Diagnose in vielen Fällen »fahrlässige Selbstabschaffung« lauten. Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten. (mehr …)
  • Widerworte. Zu Irene Bazingers FAZ-Artikel

    Ist Kunst nur dann, wenn man "Kunst" sagt, möglichst laut noch dazu? Das scheint Irene Bazinger zu glauben, wenn sie sich in ihrem polemischen Artikel in der FAZ vom Samstag (bislang ist er nicht online) beschwert, es sei von "Kunst" nicht die Rede gewesen in unserem Merkur-Gespräch "Was wird Theater?" Ein bisschen misslich vielleicht, dass sie dann selbst Christoph Gurk zitiert, der die Feindseligkeit, die Chris Dercon seit seiner Berufung zum neuen Volksbühnen-Intendanten entgegenschlägt, als restaurativ und "kunstfeindlich" kritisierte. Kunstfeindlich, von theoriefeindlich mal zu schweigen, ist doch eigentlich, wenn eine schon weiß, was Kunst ist oder sein soll - und ein Raum für "Experimente", ein "Labor" für noch nicht tausendundeinmal Probiertes ist Kunst dann offenbar nicht. Experiment und Labor, das waren Worte, die fielen, wobei Stefanie Wenners Ausführungen zur kapitalen Differenz zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem künstlerischen Labor-Begriff zu den interessantesten Gedanken des Abends gehörten. (mehr …)
  • Memorialkolumne. Denkmäler

  • Moralische Anstalten

    Designkolumne

    Beim nächtlichen Journalistenfernsehtalk des RBB ging es kürzlich wieder einmal um AfD, Pegida und die Folgen. Die Kollegen und Kolleginnen trugen einander mit nachdenklich gefurchten Brauen routiniert den sattsam bekannten Katalog einschlägiger Mutmaßungen vor, mit wem man es da im Einzelnen zu tun habe und wie groß das Attraktionspotential rechtspopulistischer Positionen hinsichtlich der Gesamtbevölkerung wohl einzuschätzen sei. Zur dramaturgischen Auflockerung wurden zwischendurch diverse Doku-Schnipsel aus aktuellen Sendungen zugespielt. Unter anderem war eine Menge so gleichförmig wie ungeschickt gekleideter, kampfbereiter Das-Boot-ist-voll-Senioren zu sehen, die auf den Anblick der Fernsehkamera mit lautstarken polemischen Ausfällen reagierten. »500 Euro Rente«, stieß eine ungelenk gestikulierende, rhetorisch ganz offensichtlich ungeschulte Frau von wenig einnehmendem Äußerem hervor, während ihr die Gesichtszüge außer Kontrolle gerieten: »und so ä Moslem kriegt 670, ham wer denn nicht genuch Probleme in Deutschland? Isch bin voller Hass, voller Hass, wenn isch – [Bildschnitt] – Die müssen wech!«, woraufhin die umstehenden Kundgebungsteilnehmer triumphierend »Höcke, Höcke, Höcke!« skandierten. (mehr …)
  • Hitlers Pferde

    Memorialkolumne
    Im Mai 2015 beschlagnahmten Beamte der für Kunstdelikte zuständigen Abteilung 444 des Berliner Landeskriminalamts in einer bundesweiten Razzia mehrere mutmaßlich gestohlene Monumentalkunstwerke aus der NS-Zeit. Die prominentesten Stücke, zwei dreieinhalb Meter hohe, tonnenschwere, dunkel patinierte Bronzeskulpturen des Bildhauers Josef Thorak mit einigen, teils zentimetergroßen Einschusslöchern, wurden in einer Lagerhalle in Bad Dürkheim sichergestellt, zusammen mit riesigen Granitreliefs von Arno Breker, Thoraks größtem Rivalen um die Gunst Adolf Hitlers. Thorak hatte die Zwillingsfiguren der Schreitenden Pferde als Auftragsarbeit für die von Albert Speer entworfene, Anfang 1939 fertiggestellte Neue Reichskanzlei in Berlin angefertigt, wo sie am Rand einer Freitreppe vor der mit Kolossalsäulen geschmückten Gartenfront aufgestellt wurden. Schon 1943 mussten sie zum Schutz vor Bombenschäden wieder demontiert werden und entgingen dadurch der Zerstörung. Sie kamen zunächst in Wriezen unter, am östlichen Rand des heutigen Brandenburg, wo auf einem Gelände mit Gleisanschluss und Kanalhafen die Arno-Breker-Bildhauerwerkstätten GmbH sowie der »Arbeitsstab Wiederaufbauplanung zerstörter Städte« residierten. Um 1950 gelangten sie dann offenbar in das gut 20 Kilometer entfernte Eberswalde, wo Nazikunst auf einem Kasernengelände der Sowjetarmee zusammengezogen wurde. Dort befanden sie sich noch 1988, als die Kunsthistorikerin Magdalena Bushart auf einen mündlichen Hinweis hin eine Recherchereise unternahm, die Figuren fotografierte und anschließend auf einem Kongress über ihren Fund berichtete. Wenig später verschwand das Pferdepaar dann allerdings unter abenteuerlichen Umständen – in Einzelteile zersägt, unter Metallschrott gemischt und später wieder zusammengesetzt, wie man mittlerweile weiß – und galt seither als verschollen. (mehr …)