Kurzer Nachtrag zu Hans Platschek

Das Folgende ist eine eigenständige Ergänzung zu Christian Demands Essay Heiliger Narr. Über den Maler und Essayisten Hans Platschek im aktuellen Heft des Merkur.

Ich habe Hans Platschek leider erst sehr spät, nämlich Anfang der 1990er Jahre, für mich entdeckt. Damals stieß der Suhrkamp Verlag gerade die Restbestände seiner hinreißend galligen Essaysammlungen aus den Achtzigern als Mängelexemplare über die Hintertüre des Buchhandels ab, was Platschek, wie mir Freunde von ihm später erzählten, derart kränkte, dass er zur wesentlich kleineren Deutschen Verlags-Anstalt wechselte. Mir selbst war er, wie ich gestehen muss, bis dahin weder als Maler noch als Autor aufgefallen. Aber als mir beim Stöbern in den Bücherkisten vor den Schaufenstern der modernen Antiquariate um die Münchner Universität das Bändchen mit dem Titel Die Dummheit in der Malerei in die Hände fiel, musste ich einfach zugreifen. Selten habe ich einen Impulskauf weniger bereut.

congo

Congo malt

Dass mir der Name nicht schon früher begegnet war, wirft nachträglich ein wenig vorteilhaftes Bild auf die reichlich einseitige Lektürediät meiner Studienzeit. Während der 1980er Jahre war Platschek als Kunstschriftsteller nämlich durchaus öffentlich präsent gewesen, unter anderem lieferte er regelmäßig Stücke für die Zeit. Auch Merkur-Lesern dürfte der Name zumindest einigermaßen vertraut gewesen sein. 1964 hatte Platschek dort erstmals veröffentlicht, zwischen 1977 und 1982 erschienen insgesamt vier große Essays von ihm, darunter auch das wilde Stück über den wilden Congo (Merkur Nr. 409/1982).

Noch heute mindestens ebenso lesenswert ist die so hellsichtige wie spitzzüngige Kunstmarktanalyse Sammeln mit Gewinn (Merkur Nr. 366/1978), die nahelegt, den gängigen Marktbegriff auf diesem besonderen Feld besser zu suspendieren. Der Kunstmarkt, so Platschek, bestehe nun einmal „nicht aus einem Tauschverkehr, sondern aus einem Mosaik vereinzelter Tauschvorgänge. Von einem kontinuierlichen Wechsel zwischen Angebot und Nachfrage kann keine Rede sein. Vielmehr sind die Geschäfte, die getätigt werden, Heuristik. … Sämtliche Angebote auf dem Kunstmarkt bleiben solange fiktiv, bis ein Umschlag sie bestätigt. Das kann einen Liebhaberwert zur Folge haben, einen Marktwert jedoch kaum. Richtiger müsste man in diesem Zusammenhang von einem Nominalwert sprechen, der von Geschäft zu Geschäft, von Auktion zu Auktion, frei umherschwebt wie eben ein Gerücht, bis endlich einer daherkommt und … das Gerücht in bare Münze verwandelt. Damit ist aber noch immer kein Marktwert geschaffen, sondern ein Liebhaberwert in zweiter Auflage.“ Beziehungen zwischen derart singulären Wertsetzungen entziehen sich den auf anderen Märkten bewährten ökonomischen Kalkülen. Dementsprechend mager bleibt die Erkenntnislage: „Nachtstücke zum Beispiel, alte Frauen oder Grablegungen sind, auf Bildern dargestellt, nicht sehr gefragt.“

Wie das Congo-Essay war auch Sammeln mit Gewinn kein Originalbeitrag – Platschek war ein Meister der Mehrfachverwertung nicht nur ganzer Texte, bisweilen tauchen einzelne Formulierungen Jahrzehnte später in anderen Zusammenhängen wörtlich wieder auf. Bei den Essays, die bis 1982 im Merkur erschienen, handelt es sich die Umarbeitung von Manuskripten, die fast alle ursprünglich für den Hörfunk entstanden waren, der damals noch lange Wortstrecken brachte und dafür recht üppige Honorare zahlte. Die Adaptionen für den Merkur stellten ein wirtschaftlich nicht allzu einträgliches Zugeschäft dar, zugleich aber auch ein für das Renommee des Autors äußerst hilfreiches Zwischenglied in einer zu diesem Zeitpunkt so effizienten wie vielgliedrigen Wertschöpfungskette, an deren Ende Platscheks Essaybände standen (einer der ersten, Engel bringt das Gewünschte erschien 1978 bei Klett-Cotta).

Dass dem Merkur Hörfunkmanuskripte angeboten wurden, war nebenbei nicht nur in diesem Fall so, sondern kam bis in die achtziger Jahre regelmäßig vor. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass die Beiträge in aller Regel nur im Sendebereich einer einzigen Landesrundfunkanstalt und auch dort nur einmal, in seltenen Fällen zweimal, zu hören waren. Manuskripte wurden von den Redaktionen zwar ohne weiteres versandt, sie mussten aber von den Hörern eigens schriftlich angefordert werden (meist war dabei ein frankierter Rückumschlag gefordert). Für den Merkur lag das Hauptaugenmerk bei der Übernahme von Hörfunkessays deshalb nicht so sehr auf der Frage nach der Exklusivität. Weit wichtiger war, ob Sprachduktus und Dramaturgie auch in gedruckter Form überzeugen konnten. Der Schriftwechsel zwischen Hans Schwab-Felisch, dem Herausgeber des Merkur von 1979 bis 1984, und Hans Platschek, der im Redaktionsarchiv erhalten ist, weist darauf hin, dass sich beide in der Einschätzung darüber nicht immer einig waren. Eine Manuskriptabsage begründet Schwab-Felisch in einem Brief vom Januar 1983 wie folgt: „Es kommt hinzu, lassen Sie mich offen sein, dass man Ihrem Beitrag dann doch das Muster des Funk-Features anmerkt, das Thema ist schön, die Beispiele, die Sie heranziehen, sind, interessant, aber sie jagen sich ein wenig.“ Für die umfangreichen Umarbeitungen, die Schwab-Felisch sich für den Merkur wünschte, war Platschek nicht zu begeistern. Die Miszellen, Feuilletons und Ausstellungsbesprechungen, die er seinerseits gerne im Merkur untergebracht hätte, passten wiederum nicht ins Format einer Monatszeitschrift.

Nicht zuletzt deshalb kam es erst 1992, also nach einer Pause von zehn Jahren, mittlerweile unter der Herausgeberschaft Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel, noch einmal zu einer Zusammenarbeit, diesmal jedoch unter etwas anderen Vorzeichen. Platschek sagte zu, zwei Jahre lang alle halbe Jahr ein Stück für die Ästhetikkolumne zu liefern, was sich mit seiner Vorliebe für Textrecycling nur schwer vertragen hätte. Allerdings hatte die Nachfrage nach seinen Kunstweltgeißelungen mittlerweile auch erheblich nachgelassen. Mit den vier Stücken, die zwischen Mai 1992 und Dezember 1993 im Merkur erschienen, präsentierte Platschek sich als Polemiker und als Aphoristiker in gewohnter Form. Hinreißend auch einige Anekdoten, etwa zur populären Marotte, Kunst autobiographisch zu deuten: „Der Unsinn bedarf keines Kommentars, wohl aber einer seiner Ausläufer. 1988 plante man in Cinecittà einen Film über Picasso, darin Anthony Quinn die Hauptrolle spielen sollte. Nun war Picasso kleinwüchsig, während Quinn über den Durchschnitt groß ist. Zwischen Mythologie und Naturalismus hin- und hergezerrt, kamen die Filmemacher darauf, sämtliche Möbel und Räume zu vergrößern und den Protagonisten mit zwei Meter hohen Frauen zu umgeben. Der Film ist offensichtlich nie gedreht worden; seine Geschichte aber ist eine Parabel.“ (Elegie auf junge Künstler, Merkur Nr. 525/1992)

Solche Perlen finden sich in allen vier Kolumnenbeiträgen. Weniger überzeugend ist, dass nicht nur der beherzte Zugriff auf die Themen, sondern die Themen als solche über die Jahre dieselben geblieben waren. Noch immer kreiste Platscheks kunsttheoretisches Denken beharrlich um das „Stoffliche der Malerei“, das er allem Konzeptuellen in der Hoffnung entgegensetzte, sein eigenes Metier als Königsdisziplin der Bildenden Kunst erweisen zu können: „Im Gegensatz zur Literatur, aber auch zu anderen Medien modernster Ausprägung, gehört das Material konstitutiv zum gemalten Bild: es ist nicht nur Instrument, es ist auch im Wortsinn Körper.“ (Warum Malerei?, Merkur Nr. 518/1992) 1977, als er unter dem Titel Bastelstunde in Kassel (Merkur Nr. 351) gegen die documenta 6 polemisierte, mag dieses Argument noch eine gewisse Plausibilität besessen haben. 1992 dagegen war nicht mehr zu übersehen, dass in der Kunst ein Paradigmenwechsel stattgefunden hatte, gegen den im Namen von Matisse und Picasso empört anzuschreiben vergeblich bleiben musste, zumal man es Platschek auch auf seinem eigenen Terrain offenbar immer seltener Recht machen konnte. Auf die Hausse des malerisch Stofflichen im Zeichen der Postmoderne, die er, wie man meinen sollte, eigentlich hätte begrüßen müssen, reagierte er jedenfalls mit blankem Zynismus: „Nieren sind, im Unterschied zu Bildern, Mangelware. Warum also nicht Kunstmarkt und Organmarkt miteinander verknüpfen? Junge Künstler, die bekanntlich zu allem bereit sind, könnten ihrem Galeristen, der’s ja schwer hat, für eine Einzelausstellung eine Niere zur Verfügung stellen. Und wenn beim Kauf eines Julian Schnabels zwei Nieren, bei einem Anselm Kiefer drei Nieren plus eine Milz mitgeliefert würden, als Zuwaage: dann könnten sogar Sotheby’s und Christie’s die Kunstpreise stabil halten.“ (Gemälde oder Nieren, Merkur Nr. 537, Nr. 1993)

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Platscheks letzter Auftritt im Merkur war keineswegs sein letztes Wort als Autor. Einige der dünnen Bändchen, die bei der DVA erschienen – vor allem In Lebensgröße (1995) und Die Zeit ist ein gieriger Spieler (1999) – versprühten bei allem Sisyphoshaften noch dermaßen viele Ideenfunken, dass ich Kontakt zu ihm aufnahm, und ihn um ein Interview bat. Schon die Terminvereinbarung zog sich hin. Er sei in schlechter Verfassung, erklärte er, gab aber schließlich meinem Drängen nach. Als er mir die Tür zu der bescheidenen Atelierwohnung öffnete, die ihm, wie er mir erzählte, von der Stadt Hamburg mietfrei zur Verfügung gestellt worden war, war ich zunächst überrascht von der Mischung aus körperlicher Hinfälligkeit und intellektueller Präsenz. Nach wenigen Minuten aber wurde deutlich, dass mein Besuch kein verwertbares Ergebnis zeitigen würde. Platschek hatte Mühe, sich zu artikulieren und verlor immer wieder den Faden. Zwar blitzten immer wieder seine Formulierungsgabe und seine unbändige Angriffslust auf.  Doch sein gesundheitlicher Zustand war zu schlecht, als dass er das Gespräch noch auf dem Niveau hätte führen können, das er von sich selbst verlangte. Je länger das Zusammensein dauerte, desto unwohler fühlten wir uns beide. Als schließlich ein Pfleger kam, um ihm das Abendessen zu bringen, empfahl ich mich. Das war im Spätsommer 1999. Zu dem Wiederholungstermin, den wir zuvor noch vereinbarten, sollte es nicht mehr kommen.


1 Kommentare

  1. Dirk Baecker sagt:

    Es galt auch einmal die Regel, dass der Wechsel eines Buches von Suhrkamps Verlagsauslieferung in das moderne Antiquariat (vor allem jenes von Walther König) den eigentlichen Ritterschlag für ein Buch bedeutete, eben weil man ihm zutraute, Impulskäufe auszulösen, auch wenn es den gängigen intellektuellen und akademischen Aufmerksamkeiten entgangen war.

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