Aalglatt. Designkolumne (Forts.)

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Aus aktuellem Anlass ein kurzer Nachtrag zu meiner Designkolumne aus dem Septemberheft, in der es um das Phänomen der ostentativen, ins Unwirkliche gesteigerten Glattheit ging, das sich von den Stahlrohrmöbeln der 1920er Jahre über den International Style der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart verfolgen läßt: Am 23. November wurde im Rahmen einer Charity-Aktion in der New Yorke Niederlassung des Auktionshauses Sotheby‘s ein einzigartiger Fotoapparat der Firma Leica versteigert. (Weitere Bilder.)

Der Entwurf stammt von zweien der renommiertesten industriellen Produktgestalter der Gegenwart, die beide ein besonderes Faible für extrem glatte Oberflächen haben. Der eine, Jonathan Ive, englischer Chefdesigner des kalifornischen Computerriesen Apple, hat sich mit der charakteristisch minimalistischen Gestaltung hochpreisiger Consumer-Elektronik wie dem iPhone, iMac, iPod, iPad und Macbook weltweit auch unter Designlaien einen Namen gemacht. Sein enger Freund Marc Newson, der von London aus arbeitet, ist der breiten Öffentlichkeit hingegen bislang, wenn überhaupt, dann nur durch einen spektakulären Auktions-Coup bekannt geworden. 1999 wurde ein von ihm entworfener Eyecatcher, eine recamièreartige Liege aus Fiberglas und Aluminiumblech mit dem Titel „Lockheed Lounge“ bei Phillips de Pury versteigert. Sie brachte einen selbst für den überhitzten zeitgenössischen Designmarkt sagenhaften, bis heute für ein einzelnes Objekt nicht mehr überbotenen Preis, nämlich 1,1 Millionen Pfund. Mit den meisten anderen seiner Entwürfe, die von hochpreisigen Flugzeug- und Loungeinterieurs über Boote, Concept Cars bis hin zu exklusiven Küchengeräten reichen und eine ähnlich dominante Vorliebe für hochwertige Materialien und technoide Unterkühltheit verraten, ist der gebürtige Australier hingegen bis heute ein Insidertip geblieben.

Anders als bei den Projekten, um die sich Industriedesigner normalerweise kümmern, war die Leica von vornherein als Unikat konzipiert. Weder soll sie jemals in Serienfertigung gehen, noch ist sie als Image-Testballon oder auch Machbarkeitsstudie für im Anspruchsniveau abgespeckte Nachfolgeprodukte gedacht, wie das etwa bei den Concept Cars üblich ist, die als spektakuläre Einzelstücke auf Automobilmessen vorgestellt werden. Glaubt man Ives und Newson, die sich öffentlich ausführlich zu ihrer Zusammenarbeit geäußert haben, so war der Entwurf, der nach mehr als neun Monaten ständiger Optimierung endlich zur Ausführung kam, das Ergebnis von 561 jeweils durch eigene Modelle dokumentierten Zwischenschritten. Dafür wurden – wie man hier nachlesen kann – von der Designabteilung bei Apple fast 1000 Prototypenteile entwickelt, 55 Apple-Ingenieure investierten 2149 Arbeitsstunden, allein mit der Endfertigung war einer davon mehr als eine Woche lang beschäftigt. (Schon an diesen Rahmeninformationen ist nebenbei deutlich abzulesen, bei welchem der beiden Designer die Federführung des Projekts gelegen haben dürfte.)

In einem Interview mit Vanity Fair, einer der smarten PR-Aktionen im Umfeld der Auktion, formulierte Ive kürzlich wieder einmal gewohnt prägnant sein gestalterisches Credo: „Products are a form of communication—they demonstrate your value system, what you care about.“ Es sagt einiges über den Stellenwert von Design im allgemeinen und über den der Stars des Metiers im besonderen aus, dass Leica bei einem solchen Prestigeprojekt darauf verzichtet hat, eine bahnbrechende fototechnische Ingenieurleistung zu integrieren. Ives Leica-Variation basiert, was ihr Innenleben angeht, im wesentlichen auf der bewährten, gut 6000 Euro teuren, zweifellos hochwertigen, aber unter Innovationsgesichtspunkten nicht gerade aufsehenerregenden Profikamera Leica M. Die aufwendige Optimierung betrifft ausschließlich das Gehäuse, sprich: die schiere Box und die darin integrierten Bedienungselemente, die von Leica nach modernsten industriellen Fertigungsverfahren aus Aluminium lasergefräst und eloxiert wurden.

Vergleicht man das handelsübliche Modell mit der Neuinterpretation, so ist das value system, also das gestalterische Ethos, das dem Entwurfsprozess seine charakteristische Richtung gab, deutlich zu erkennen. Wie fast immer, wenn Ive an einem Projekt maßgeblich beteiligt ist, ging es bei der Formfindung auch hier darum, die Oberfläche des Geräts so geschlossen wie möglich zu halten. Während das Serienmodell durch den Einsatz rustikal geprägten Leders, die in die mattierte Oberfläche scharf eingeprägten Einstellskalen sowie durch die markante Betonung der Bedienungselemente den Werkzeugcharakter der Kamera inszeniert und damit außerordentliche Verlässlichkeit und Widerstandsfähigkeit signalisiert, sind bei der Design-Leica optisch und haptisch diskontinuierliche Elemente – also Nuten, Nieten, Nähte, Sättel, Sicken oder Stege – weitestgehend vermieden. Wo Störungen der Glattheit nicht zu umgehen waren, wurden sie mit bewundernswerter Exaktheit in ihren Abmessungen minimal gehalten und in den weich konturierten Fluss einer kompakten, farblich einheitlichen, organisch wirkenden Grundform integriert.

Es spricht für die Raffinesse der Designer, dass allein die technoide Oberflächengestaltung ausreicht, ein gesteigertes Anspruchsniveau zu signalisieren und der Kamera im Vergleich zum technisch identischen Serienmodell die Anmutung technischer Überlegenheit zu verleihen. Das funktioniert in erster Linie über eine Verschiebung des gestalterischen Referenzregisters. Die Serienleica zitiert primär die Formenwelt robuster mechanischer Präzisionsapparate, etwa von Mikroskopen oder Schublehren. Das Design des Unikats hingegen betont darüberhinaus die Verwandschaft zu elektronischen High-Tech-Geräten wie Computern, Tablets und Smartphones, also zu Geräten, deren Wert weniger von der äußerlich sichtbaren Mechanik abhängt, dafür um so mehr von einem elektronischen Innenleben, dessen Komponenten in der Regel optisch so wenig hermachen, dass der Grad ihrer Sophistication auch dann über äußere Zeichen anschaulich gemacht werden müsste, wenn sie nicht in einem Gehäuse versteckt wären.

Die Gestaltsignale, die in diesem Fall gesetzt wurden, sollen ganz offensichtlich ein Perfektionsversprechen vermitteln, das die mechanische Verletzlichkeit, die der Werkzeugwelt bei aller Solidität eigen ist, noch einmal hinter sich läßt. Die extreme Glattheit dient aber zugleich als starkes Signal für gestalterische Notwendigkeit. Die Botschaft, die sie aussenden soll – und die die beiden Designer in ihren öffentlichen Äußerungen stets unterstreichen –, lautet: Diese Form ist das Resultat eines vielstufigen, peniblen Optimierungsprozesses und deshalb alternativlos. Genau an dieser Stelle wird allerdings auch deutlich, wie nah im Design smooth und slick, glatt und aalglatt zusammenliegen.

Denkt man einmal genauer über die Handhabung der Kamera nach, stellen sich nämlich sehr schnell Zweifel ein, ob die Notwendigkeit wirklich so groß ist, wie die optische Anmutung des Gehäuses suggeriert. Folgt man beispielsweise dem kundigen Leicabesitzer, der im Leserforum eines Nachrichtendiensts für Appleinsider seinem Mißtrauen gegenüber Ives und Newsons Neuinterpretation sehr überzeugend Luft gemacht hat, dann hat die radikale Oberflächenglättung eine ganze Reihe dysfunktionaler Nebenwirkungen. Er nennt unter anderem den Verzicht auf einen externen Blitz, fehlende haptische Rückmeldung bei diversen Einstellknöpfen oder auch deren kontraintuitive Plazierung. Der Beitrag endet mit der lakonischen Feststellung: „So what we have here is the iMac of photograpy: It‘s less usable, but slick.“

 


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