Ironische Melancholie

Im aktuellen Heft stellt Jakob Hessing die neue Mascha-Kaléko-Werkausgabe vor. Aus diesem Anlass hier sein ursprünglich im Rahmen der Frankfurter Anthologie erschienener Text zu einem Gedicht/einer Widmung von Mascha Kaléko.

DEM „HEILIGEN FRANZISKUS“

VOM ROWOHLT VERLAG ANNO DAZUMAL

Dies Versbuch, lang vergriffen und verboten,
Widme ich dem Gedächtnis eines Toten –
FRANZ HESSEL, Dichter, Heiliger und Lektor,
Mein Schutzpatron und lyrischer Protektor,
Der milde tadelnd, und mit strengem Lob
Das „STENOGRAMMHEFT“ aus der Taufe hob.

Er ruht voll Sanftmut und Melancholie
In Frankreichs Erde, nah bei Sanary,
Und redigiert im Schatten edler Palmen
Fürs Paradies die allerneusten Psalmen.
– Und wenn sein ferner Blick sich erdwärts neigt,
Dann lächelt er geheimnisvoll, und schweigt…

Im Februar 1956

(handschriftlich) Mascha Kaléko

 ***

Im Jahr 1956, in dem sie diese Verse schreibt, betritt Mascha Kaléko nach langen Jahren im amerikanischen Exil erstmals wieder deutschen Boden. Anlaß ist die Neuausgabe ihres ersten Gedichtbandes, „Das lyrische Stenogrammheft“, mit dem sie einst, 1933, hätte berühmt werden können, wenn Hitler nicht gekommen wäre.

Es ist ein Comeback, aber es ist keine Heimkehr. Die gab es für die Dichterin nicht mehr, seit man sie als Jüdin ihrer Wahlheimat Berlin beraubt hatte, weder im New York der Kriegs- und Nachkriegsjahre, noch in Israel, wo sie später erfolglos Fuß zu fassen versuchte. Das Exil war ihr zum Schicksal geworden, und sie wird es gewußt haben, als sie der Neuausgabe ihres Buches dieses Widmungsgedicht voran­stellte.

Seine Zeilen sind anders als die Verse, die man gemeinhin mit ihrem Namen verbindet. „Interview mit mir selbst“ nennt sie zum Beispiel das Gedicht, das das „Stenogrammheft“ einleitet. „Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt / Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht“, heißt es dort über ihre Arbeit im Büro, und in der letzten Strophe: „Bei schö­nem Wetter reise ich ein Stück / Per Bleistift auf der bunten Länderkarte. / – An stillen Regentagen aber warte / Ich manchmal auf das sogenannte Glück…“

Im Berlin der Weimarer Republik, in dem sie fast zur deutschen Dichterin geworden wäre, fängt Mascha Kaléko die graue Existenz der Büroangestellten ein und taucht sie zugleich ins Licht eines Lächelns. Schon im Oxymoron des Buchtitels wird die sprachliche Meisterschaft sichtbar, mit der sie das macht. Unter der Hand wird ihr das Stenogramm­heft zur Lyrik: Die Tippse entpuppt sich als Künstlerin.

Doch es ist ein Lächeln der Hoffnungslosigkeit, das sie dem Leser entlockt. Das Glück, auf das sie wartet, ist gar kein Glück, und sie macht ihm da nichts vor. Es sind Momentaufnahmen der Einsamkeit, die Kaléko gestaltet, und sie erzielen auch heute noch ihre Wirkung, weil sie jeden dieser Augenblicke scharf aus der Zeit heraushebt, aus aller Vergangenheit und aus aller Zukunft.

Das Widmungsgedicht aus dem Jahr 1956 aber ist anders. Hier geht sie in ihre Erinnerung zurück, in der sie nach allem, was geschehen ist, einen Hauch von Schön­heit zu finden scheint. Sie knüpft ihn an den Namen des längst verstorbenen Lektors, dem sie ihr literarisches Debüt verdankt: Gemeinsam mit dem Buch, das er damals „aus der Taufe hob“, erfährt auch er hier seine Wiederauferstehung.

Franz Hessel hätte ihr Vater sein können. 1880 geboren, war er nicht nur Lektor bei Rowohlt, sondern auch ein Liebhaber der Stadt Berlin, die er als literari­scher Spaziergänger einfühlsam zu schildern wußte. Seine zweite Liebe aber gehörte Paris, und mit Walter Benjamin übersetzte er Teile aus Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“.

Ist es also poetische Gerechtigkeit, daß er seine letzte Ruhe in „Frankreichs Erde“ fand? Nicht, wenn man sein Todesjahr daneben setzt, 1941, und die Umstände dieses Todes. Aufgezogen im lutherischen Glauben, war Hessel für die Nazis doch nur ein Erbe seiner Ahnen und nicht weniger jüdisch als Mascha Kaléko selbst. 1938 suchte er in Frankreich Zuflucht und wurde nach dem deutschen Überfall zeitweise in einem Lager interniert. In Sanary-sur-Mer starb er wenig später an den Folgen der Qualen, die er dort erlitten hatte.

Gibt es eine ironische Melancholie? Das wäre ein Oxymoron – Melancholie ist die Trauer, die ihren Gegenstand nicht lassen kann, Ironie dagegen ist Abstand und Distanz –, doch schon der Titel des Gedichtbandes ist ja ein Oxymoron, und so dichtet Mascha Kaléko. Die jüdische Emigrantin dankt ihrem jüdischen Protektor, ihren Nachruf indessen hüllt sie in die Sprache des Christentums. Taufe, Schutzpatron, Heiliger: Zeichen einer besseren Welt, die diese Religion verspricht.

Aber nicht ganz. Was Franz Hessel im Paradies redigiert, das sind die Psal­men. Sein Lektorat betreut das Alte, nicht das Neue Testament – denn dort, wenn es eine poetische Gerechtigkeit gibt, gehört er hin.

Auch Mascha Kaléko ist nun lange tot. 1975 ist sie gestorben, und wenn ihr ferner Blick sich erdwärts neigt, dann sehen wir das Lächeln ihrer Augen.

Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft, Rowohlt Verlag, Reinbek 1988

Der Text ist am 14. März 2009 in der FAZ erstmals erschienen.


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