Installation einer Freisprechanlage. Ein vorläufiger Bericht in elf Briefen

011.10.2018

Offener Brief:

Lieber Dieter Schönecker, geschätzter Kollege, alter Kommilitone,

am Philosophischen Seminar der Universität Siegen wird im laufenden Wintersemester folgendes Seminar angeboten:

„Denken und Denken lassen. Zur Philosophie und Praxis der Meinungsfreiheit.
Organisationseinheit:   Philosophisches Seminar (Verantwortlicher)
Kommentar:                 In diesem Seminar geht es um die Philosophie und Praxis der Redefreiheit. Genauer gesagt geht es um die Frage, wie groß die Redefreiheit bei Veranstaltungen sein sollte, die an Universitäten stattfinden. (Es geht nicht um Islamismus, die Flüchtlingskrise usw.) Sollte es Grenzen geben, und wenn, wo liegen diese? Darf man Personen wie Thilo Sarrazin einladen oder wie Marc Jongen (MdB, AfD)? Nach einem Vorgespräch treffen wir uns zu einem ganztägigen Blockseminar, bei dem wir uns mit Auszügen aus Mills „Über die Freiheit“ beschäftigen werden. Ein wesentlicher Teil des Seminars ist eine Vorlesungsreihe, in der auch dezidiert konservative oder rechte Denker teilnehmen werden (u.a. Sarrazin und Jongen).“

Ich bin über diese Ankündigung bestürzt, und zwar nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch aus formalen. Ich habe noch nie einen derartig zirkulären Ankündigungstext gelesen, und ich finde diesen Text eines Philosophen unwürdig.

Es werden ausdrücklich politische Kategorien bemüht, um die Einladungen eines philosophischen Seminars zu rechtfertigen: „dezidiert konservative oder rechte Denker“. Dezidiert liberale oder linke Denker sind allem Anschein nach nicht vorgesehen oder werden zumindest nicht genannt. Das Thema des Seminars, so wird ausgeführt, besteht in der Frage, „wie groß die Redefreiheit bei Veranstaltungen sein sollte, die an Universitäten stattfinden“; diese „Redefreiheit“ wird dann wiederum durch die Frage spezifiziert: „Darf man Personen wie Thilo Sarrazin einladen“? Aus der „Meinungsfreiheit“ des Titels wird eine „Redefreiheit“, und aus der „Redefreiheit“ wird eine Einladung von „Thilo Sarrazin“. Soweit die Erläuterungen, die auf eine Gedankenflucht hinauslaufen, die ohne festen Boden zu sein scheint. Dann stellt sich heraus: Das Philosophische Seminar hat die entsprechenden Personen bereits eingeladen, und damit ist die Fragestellung bereits beantwortet. Das Ziel des Seminars ist laut Ankündigung ein selbstreferentieller Akt: die bereits geschehene Einladung als Antwort auf die eigene Frage. Diese Form der Seminarankündigung, wenn sie keine Provokation durch eine Unterbietung bisheriger Begründungsformen darstellen soll, stürzt jede Interpretation in Ratlosigkeit: Was ist eigentlich der Diskussionsgegenstand des Seminars, inbesondere der Diskussionen mit den eingeladenen Gästen? John Stuart Mill ist Thema des Blockseminars, aber nicht der Vorlesungsreihe. Wird im Rahmen des Seminars mit den Eingeladenen vor allem darüber diskutiert, dass man sie eingeladen hat? Philosophische oder andere Fachliteratur zur Redefreiheit an Universitäten ist bei diesem Seminar allem Anschein nach nicht vorgesehen. Absicht und Thema des Seminars erschöpfen sich laut Ankündigung in einem einzigen performativen Akt: der politisch begründeten und allem Anschein nach politisch motivierten Einladung von dezidiert konservativen oder rechten Denkern, Publizisten und Politikern. Die Ankündigung verschleiert diesen Tatbestand nicht, sondern stellt ihn aus. Und wenn die Einladung bereits geschehen ist, was ist damit bewiesen?

Egal, wie lange man diese Ankündigung liest, egal wie man sie hin und her wendet: In der Form, in der das Seminar angekündigt ist, erschöpfen sich das Seminar und seine Ankündigung in einem politischen „acte gratuit“. Ich denke, die Reaktionen beweisen, dass Dein „acte gratuit“ von der Öffentlichkeit als solcher verstanden wurde, ohne dass eine philosophische Relevanz zu erkennen ist. Wenn dies das Ziel des Seminars war, dann hast Du es bereits erreicht, aber der Effekt ist weder erhellend noch ruhmreich, weder für Dich noch für die Instanzen und Gremien, die sich mit der Angelegenheit beschäftigen. Daher möchte ich Dich bitten, das Seminar abzusagen.

Mit verbindlichen Grüßen,

Erhard Schüttpelz


8.11.2018

Sehr geehrter Herr X,

Sie beantworten alle möglichen Fragen, die ich nicht gestellt habe, und zwar mithilfe von öffentlichen Rechtfertigungen Schöneckers, die seiner Tat nicht zugrunde lagen, und die von ihm erst im nachhinein zur Geltung gebracht wurden. Dabei sind Sie allerdings auf meine Kritik an Ihrer Darstellung kaum eingegangen, die sich auf drei Punkte bezog:

Ich fasse zusammen:

– In Ihrem Artikel ist von Diskussionsverboten und einer Einschränkung der Redefreiheit die Rede, die mit großer Sorgfalt von der Universität Siegen vermieden werden.

– Es ist von einer mangelnden Trennung von Wissenschaft und Politik die Rede, die ganz im Gegenteil ausdrücklich anerkannt und zur Grundlage der Vorgehensweise gemacht wurden.

– Es ist das Ziel der Maßnahmen, eine wissenschaftliche Befassung mit dem Thema zu ermöglichen, und nicht zu verhindern.

Ad 1.

Ihr erster Satz zum Thema: Das Wort „Diskussionverbote“ habe die Internetredaktion gewählt. Was soll ich dazu sagen? Dass eine Hand nicht weiß, was die andere tut?

Ihr letzter Satz zum Thema: Sie möchten der Verständigung mit den Kollegen an dieser Stelle nicht vorgreifen. Nämlich ob es „Diskussionverbote“ seien oder auch nicht. Greifen Sie vor, denn Sie haben doch bereits vorgegriffen.

Ich habe Sie nach Ihrer Meinung gefragt. Wenn ich Sie richtig verstehe, ist für Sie die Nicht-Finanzierung einer Einladung bereits ein Diskussionsverbot, zumindest die Einschränkung eines Rechts auf Redefreiheit. Aber Sie hüllen diese Aussage in Nebel, damit sie um so wirkungsvoller hervortritt.

Was soll dann der Verweis auf die Internetredaktion? Offensichtlich wollen Sie sich mehrere Türen offenlassen, auch die, Ihr eigener Artikel habe keine Behauptung dieser Art enthalten.

Oder eben doch, nach dem Motto: Wenn man alle diese Indizien zusammenbuchstabiert, kann man dann nicht sagen…?

Ich konstatiere eine retrospektive Inszenierung von Unentschlossenheit.

Aber der Schaden ist ja schon in der Welt, und ich habe Sie gebeten, den von Ihnen mitverursachten Schaden mit aufzuräumen, und wenn Sie schon dass nicht tun können, so doch wenigstens einzuräumen.

Ad 2.

Sie gehen nicht mehr auf Ihre eigene Formulierung ein, die eine mangelnde Trennung von Wissenschaft und Politik von Seiten des Rektors und des Dekanats bemängelt. Stattdessen schieben Sie der Entscheidung des Rektorats eine politische Position unter, statt eine Distanzierung von ihr. Ihre Darstellung erweckt den Eindruck, jetzt stünde wie vor Gericht „Aussage gegen Aussage“, und Herrn Schöneckers Rechtfertigung sei so viel wert wie der Vollzug einer praktischen Trennung von Wissenschaft und Politik. Aber lassen Sie Prof. Schöneckers Taten sprechen, und diese Tat ist keine Trennung von Politik und Wissenschaft. Im Gegenteil: sie wurde ausdrücklich durch den Wunsch legitimiert, konservative und „rechte“ Denker einzuladen. Das ist sein Auswahlkriterium gewesen und geblieben, d.h. die Nicht-Trennung von Wissenschaft und Politik steht am Anfang und am Ende seiner Handlungen, und nicht denen des Rektors und Dekanats.

M.a.W. der Vorwurf geht an die falsche Adresse.

  1. im Anhang die Ankündigung des Seminars durch Prof. Schönecker.

Ad 3.

Sie gehen alle möglichen öffentlichen Szenarien durch, in denen die Veranstaltung abgebrochen wird, also keine wissenschaftliche Befassung mit dem Thema möglich wird. D.h. indirekt erkennen Sie die Berechtigung des Vorgehens von Rektorat und Dekanat an.

Außerdem betonen Sie die Unwürdigkeit der Personen Sarrazin und Jongen, und dass die Studierenden leichtes Spiel mit solchen Charakteren hätten. Diese Unwürdigkeit, ja Erbärmlichkeit scheint für Sie ein Kriterium dafür zu sein, sie einzuladen, nach dem Motto: „Wir sind ja haushoch überlegen.“

Sie schreiben, Sie persönlich hielten es auch nicht für schwer, den Positionen von Sarrazin und Jongen entgegenzutreten. Sarrazin sei ein Amateurwissenschaftler, der allgemeine Thesen über komplexe Wissensgebiete aufstellt, also eine Art Bouvard des 21. Jahrhunderts. Es sollte beispielsweise für einen Islamwissenschaftler nicht schwer sein, die Lücken und Simplifizierungen in Sarrazins Islambild aufzudecken, die sich aus seinem Ansatz fast schon notwendig ergeben.“

Und noch leichter sei es bei Jongen. Die von mir zitierte Bundestagsrede sei ja eine Steilvorlage für Kritik. Wer jahrelang auf eine geisteswissenschaftliche Karrieren mit öffentlicher Unterstützung hingearbeitet habe und die Sozial- und Geisteswissenschaften nun pauschal unter Ideologieverdacht stelle, habe eine ziemliche Begründungslast. Ebenso leicht sei die Pauschalkritik an der Geschlechterforschung und an der These vom menschengemachten Klimawandel zu entkräften.

Ich fürchte, ich kann Ihre Argumentation nicht nachvollziehen. Wo ist das Argument? Ich paraphrasiere Ihre Ausführungen: Sarrazin und Jongen sind solche Pappkameraden, dass es gut ist sie einzuladen, damit die Studierenden lernen, mit Pappkameraden umzugehen. Für ein philosophisches Seminar ist es angebracht, Amateurwissenschaftler und notorische Rüpel einzuladen, um ihre Lücken und Simplifizierungen zu diskutieren, und um zu erfahren, wie schnell alte Unsachlichkeiten durch neue Unsachlichkeiten ergänzt werden, weil die argumentative Substanz in beiden Fällen fehlt. Der Lerneffekt ist nach fünf Minuten aufgebraucht, aber dafür hat sich die Einladung gelohnt.

Am Ende hingegen schreiben Sie, der Universität Siegen stehe es völlig frei, den Rahmen zu wählen, den sie für angemessen hält. … Und um zum Ende zu kommen: Die Frage, wer von wem in welcher Form eingeladen werden darf, scheine Ihnen nicht im Prinzip geklärt werden zu können. Es komme immer auf den Einzelfall und den Kontext an.

Die Universität Siegen hat den Rahmen gewählt, den sie für angemessen hält. Sie hat den Einzelfall und dessen Kontext geprüft. Aber nicht „völlig frei“, sondern nach Güterabwägung.

Diese Güterabwägung haben Sie durch Ihren Artikel (s. oben, Punke 1. 2. und 3.) falsch dargestellt. Sie sind offensichtlich nicht bereit, Ihre Darstellung in diesen drei Hinsichten zu korrigieren, und leisten damit weiteren Unterstellungen Vorschub, die in der Reaktion auf ihren Artikel bereits dutzendweise eingetreten sind, und für die Sie durch ihre Verweigerung einer Selbstkorrektur mitverantwortlich bleiben. Denn Sie könnten jederzeit ein P.S. zu Ihrem Artikel schreiben.

Sie schreiben sogar, Sie hielten die Universität deshalb für einen guten, vielleicht sogar den idealen Debattenort. Sie sähen das anders, wenn an den Hochschulen rechte Politiker ein- und ausgingen und dort ein Klima politischer Agitation herrschte.

Das heißt: wenn der jetzt anberaumte Fall zum Regelfall würde, dann müsste man ihn wieder verbieten. Dass Ihre Empfehlung und die Vorgehensweise von Herr Schönecker genau diesem Regelfall Tor und Tür öffnet, scheint Sie nicht zu stören. Und sobald der Regelfalll eingetreten ist, kündigen Sie bereits jetzt an zu sagen: So habe ich das nicht gemeint!

Ich glaube, auch Ihnen ist klar: Dieser Fall IST der Regelfall, um den es geht. Es geht um den Präzedenzfall, der ab da in Serie gehen kann. Sie haben diesen Präzedenzfall befürwortet und bleiben für seine Folgen mitverantwortlich. „Ich sähe das anders, wenn“ wird weder Ihnen noch uns nützen.

Auf weitere Inkonsistenzen in Ihren Ausführungen gehe ich an dieser Stelle nicht mehr ein. Sie sitzen ja jetzt auf ihrem gerade geschehenen Umzug und haben mir auf die Schnelle geantwortet. Dass dabei kein konsistenter Text herauskommen konnte, nehme ich zur Kenntnis.

Meine Darlegung mag Ihnen pedantisch erscheinen, aber ich bin von Hause aus Philologe. Allerdings soll mich meine philologische Vorgehensweise nicht an einem kurzen Fazit hindern:

Erstens. Ihr persönlicher Standpunkt läuft momentan auf angewandten Zynismus hinaus.

Zweitens. In Ihrer Mail und zumal am Ende der Mail zeigen Sie viel Verständnis für den Standpunkt der Universität, aber das ist offensichtlich nur eine Konzilianz, die Sie zur Befriedung des Meinungsaustauschs aufbieten. Sie haben den Standpunkt der Universität in Ihrer öffentlichen Darstelung weder angemessen dargestellt noch beabsichtigen Sie dies zu tun.

Beste Grüsse,

Erhard Schüttpelz


11.11.2018

Brief an die Kolleginnen und Kollegen.

Kurz:Was in Siegen passiert, ist der Versuch, das amerikanische Format des Freedom-of-Speech-Skandals nach Deutschland zu exportieren.

Die Zeitung und der Dozent haben das als Kampagne mittlerweile abgesprochen, Jongen und Sarrazin kommen noch usw.

Es handelt sich um einen Versuchsballon an einer schwachen Stelle, bevor man das an größeren Unis machen kann.

Das wäre die Story meiner Einschätzung nach.

Vor allem die Kampagne selbst: wie sie von der Zeitung betrieben wird, wer warum einsteigt, die Verschiebung des Diskurses, die Provokation der Empörung in der Region, usw.


15.11.2018

Lieber Herr Y,

vielen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme, und für die Fortsetzung des Gesprächs, die ich begrüße.

Sie verwenden sehr viele hehre Worte, um eine Ausweitung der nicht-akademischen Kampfzone an der Universität zu rechtfertigen. Bei diesen hehren Worten geht es wild hin und her, was für eine hohe emotionale Beteiligung spricht.

So schreiben Sie etwa: „Politische Werturteile … kraft akademischer Autorität“ würden an finstere Zeiten erinnern. Im nächsten Satz werden „ungute Erinnerungen“ hingegen auf einmal durch die Jahre geweckt, in denen „Stadt“ und „Universität“ auseinandergehalten wurden, und die Foren einer reinen wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht die Foren einer politischen Willensbildung waren oder sein sollten.

Waren das jetzt zwei Sorten finstere Zeiten, oder eine? Anscheinend bestand die gesamte Vergangenheit der Universität aus finsteren Zeiten, aber diametral entgegengesetzten Zuschnitts. Dann bleiben ja nur noch die 68’er Zeiten als leuchtendes Vorbild der Universität als improvisierter Ort einer politischen Agora übrig. Oder waren das auch finstere Zeiten, aufgrund der Unausgeglichenheit zwischen Rechten und Linken am Rednerpult?

Was mich betrifft, bin ich froh, wenn die Foren einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht ad hoc zu Foren politischer Willensbildung umfunktioniert werden können. Ich genieße die wissenschaftliche Freiheit, mit Betonung auf „genieße“, und daher wehre ich mich gegen solche plumpen Vertauschungen, wie sie Herr Schönecker in seinem Seminar vormacht. Und nicht nur aufgrund der Betonung auf „plump“.

Mir fehlt leider die Zeit, jedes weitere Ihrer hehren Worte auf den Prüfstand zu stellen. Bleiben wir daher bei einem einzigen Satz pars  pro toto:

Sie schreiben, politische Ausgewogenheit sei kein wissenschaftliches Kriterium. Damit rechtfertigen Sie die Seminarankündigung von Prof. Schönecker.

Von dem Seminar gab es bis zum 17.10. nur die Seminarankündigung. Der Inhalt, ja das selbstreferentielle „Kriterium“ der Seminarankündigung war in der Tat die politische Unausgewogenheit: „Darf man rechte oder konservative….?“.

In der Ankündigung stand sonst gar nichts drin. Sie schreiben, die Selbstreferenz gehöre zum Thema. Nein, sie war das Thema. Wissenschaftliche Kriterien wurden nicht bemüht.

Aber es ist ein Universitätsseminar. Wissenschaftliche Unausgewogenheit oder fehlende wissenschaftliche Substanz ist ein wissenschaftliches Kriterium.

Dafür ein politischer Akt der Unausgewogenheit. Und mit was für Texten (zwei von ihnen liegen jetzt vor, von Bolz und Flaig, und sie entsprechen leider den ordinärsten Befürchtungen).

Warum soll ich das als Hochschullehrer und Wissenschaftler gutheißen? Und offen gestanden, warum sollten Sie das tun?

Sie schreiben, der selbstreferentielle Charakter des Seminardesigns sei zweifellos ungewöhnlich, und die Möglichkeit, dass das Seminar selbst in Wahrheit eine Aktion politischer Provokation sein soll, sei rein vom schriftlichen Befund her nicht auszuschließen. Ob es sich tatsächlich so verhalte, könne nur von Personen beurteilt werden, die Professor Schönecker kennen.

Provokationen macht man an Taten fest, nicht an Personen. Wenn ich Sie provozieren würde, dann würden Sie auch nicht erst einmal Personen aufsuchen, die mich kennen, um zu beurteilen, ob ich das so oder anders gemeint habe. Um so besser, selbstverständlich, wenn man sich dann doch persönlich kennenlernt.

In diesem Sinne freue ich mich auf unsere Begegnung und Ihr Interesse,

mit besten Grüssen,

Ihr Erhard Schüttpelz

P.S. Sie schreiben, es möge gute Gründe dafür geben, den Fragen der Entgrenzung des Sagbaren durch Rechte, um Schlagworte der gegenwärtigen öffentlichen Debatte zu zitieren, eigene universitäre Veranstaltungen zu widmen? Ja.

Es mag Gründe dafür geben, der praktischen Entgrenzung des Sagbaren durch Rechte eigene universitäre Veranstaltungen zu widmen? Nein.


10.12.2018

Ende einer Lehrveranstaltung.

„Gegen Ende der Diskussion beharrte der Dozent auf seiner Unterscheidung von ‚Freunden der Freiheit‘ (wie ihm selbst) und ‚Feinden der Freiheit‘, insbesondere all jenen, die eine Ausladung der von ihm Eingeladenen befürworteten. In einer späteren Mail zur Erläuterung seiner Position beharrte er darauf, dass die ‚Feinde der Freiheit‘ ihre eigene Meinungsfreiheit dazu nutzten, die seine zu beschränken (etwa durch die Ausladungsforderung). Er gestand zu, dass die ‚Feinde der Freiheit‘ das vielleicht tun können müssten, zumal er sich dagegen rechtlich wehren könne. Aber das Gut der Meinungsfreiheit sei hier vergleichsweise zu hoch, m.a.W. es begünstige die ‚Feinde der Freiheit‘ zu sehr. Aus diesem Grund weigerte er sich auch, die Adressierung als ‚Feinde der Freiheit‘ zurückzunehmen, nachdem er sie für die Vertreter einer Resolution gebraucht hatte, die forderte, Sarrazin und Jongen auszuladen, weil ihre Einladung der ‚Charta der Vielfalt‘ widerspreche, die von der Universität unterzeichnet worden war und von ihr fordert, dass alle MitarbeiterInnen Wertschätzung erfahren, ‚unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität‘. Am Ende der Diskussion griff der Dozent zu einem drastischen Vergleich, um seiner Konzeption von Meinungsfreiheit und Redefreiheit Ausdruck zu verleihen. Er sagte, man höre immer wieder die Parole ‚Campus Nazifrei‘, und das sei schon fast wie ‚judenfrei‘. Dieser Vergleich löste unter den Anwesenden große Verwirrung aus, die aber bald vom Ende der Veranstaltung überdeckt wurde. Das systematische Argument bezog sich allem Anschein nach auf seine Theorie der Einschränkung von Meinungsfreiheit. Wenn man einen Campus ’nazifrei‘ haben wolle, schränke man die Meinungsfreiheit durch Verbote derartig ein, dass man zum ‚Feind der Freiheit‘ werde, und damit analog zum rassistischen Ausschluss von Kommilitonen vorgehe. Dieser Vergleich scheint uns nicht ganz stimmig, m.a.W. wir verstehen ihn immer noch nicht, außer dass der Dozent ganz offensichtlich, wie viele andere Deutsche, auf das abschreckende Beispiel des Nationalsozialismus rekurrierte, um seine Abwehr der Einschränkung von Toleranz zu veranschaulichen. Der Sinn dieses drastischen Vergleichs könnte darin bestehen, dass wer sich wünsche, eine Welt ohne mögliche Nazis einzurichten, sich dafür selbst wie ein Nazi verhalten müsste. Der Vergleich klingt dennoch schief, einfach weil die Rede vom ’nazifreien Campus‘ eine ganz andere Lebenswelt voraussetzt als die vom ‚judenfreien‘, und weil die Annäherung der einen Lebenswelt an die andere nur durch eine rigorose Abstraktion gelingt, die mit der bundesrepublikanischen Formel ‚Nie wieder Drittes Reich‘ wenig gemeinsam hat – diese Formel schließt eine Willkommenskultur für Nazis auf dem Campus aus.

Er war uns so weit zu weit gegangen, dass wir ihn nicht einmal genug verstanden, um zu wissen, worüber wir uns empören sollten. Einigen von uns war trotzdem speiübel. Immerhin lernten wir in der Folge der Veranstaltung jede Menge nette Leute kennen.“

 

12.12.2018

Lieber Kollege,

man wird ja auch älter und sieht die Dinge dann erst in ihrer ganzen Komik. Außerdem hilft es alles nichts:

Wenn wir in dieser Welt bestehen wollen, müssen wir die Welt auch so genießen wie sie ist. Denn wenn sie ungenießbar wird, haben wir verloren.

Ich denke, als Intellektuelle sind wir Spezialisten für die Absurditäten des Denkens, zum Teil sogar für die Absurditäten des Lebens. Zumindest sind wir Spezialisten für die Absurditäten, die das Denken in der Welt anrichtet.

Das hilft, denn zumindest diese Absurditäten können wir ganz und gar genießen, auch wenn uns die praktischen Folgen dieser Absurditäten ganz schön weh tun können.

…und obwohl wir die Hoffnung nicht aufgeben dürfen, dass Vernunft eintritt.

 

13.12.2018

Sehr geehrte Frau Prof. Z,

wie Ihnen Herr Beverungen schon schrieb, haben Sie Ihren Artikel in Unkenntnis der Sachlage veröffentlicht.

Ihre Darstellung, so wie sie jetzt geschrieben und veröffentlicht worden ist, trägt auch aufgrund dieser Unkenntnis zur Zerstörung der Universitätskultur bei. Was wir in Siegen erleben, ist nicht der Kampf eines heroischen Einzelkämpfers mit einer Meinungsmehrheit, sondern eine fein abgestimmte Kampagne, die sich ab jetzt überall wiederholen lässt. Und die rechte Politisierung von Universitätsveranstaltungen bringt überhaupt nichts an Erkenntnisgewinnn. Von Gewalt, Lüge, Heuchelei, Sophisterei, Unehrlichkeit kann man nicht viel lernen, außer wie man sie erkennt und vermeidet. Wenn man Positionen aber bereits aufgrund ihrer Unehrlichkeit und Lüge einlädt, dann sind sie bereits als solche erkannt und vemeidbar. D.h. durch eine solche Einladung lernt man nicht einmal das Erkennen und Vermeiden. Was dabei geschieht, ist nur als rhetorische Übung interessant, und als Übung der Bewältigung von Affekten. Aber selbst der therapeutische Nutzen der Affektbewältigung wiegt den Schaden der Schadensbegrenzung nirgendwo auf; und die rhetorische Übung gewinnt leider nirgendwo den festen Boden einer wissenschaftlichen Polemik. Eine solche Vorgehensweise ist, mit anderen Worten, das Gegenteil von Forschung. Und als Anfängerübung, wie sie in Siegen angeboten wird, bewirkt sie eine Desorientierung sondergleichen, die nur deshalb nicht als Desorientierung wahrgenommen wird, weil sie von den meisten Seminarteilnehmern als Indoktrination verstanden wird, der sie sich bereitwillig zu fügen haben.

Wir haben letzten Donnerstag ausführlich mit Herrn Schönecker über sein Seminar und in seinem Seminar diskutiert, und zwar unter der eigenartigen Voraussetzung, dass er uns durchgängig als „Feinde der Freiheit“ klassifizierte und zum Teil ganz offen als solche ansprach, und wir ihn mit allen Mitteln versuchten zu überzeugen, es sei besser für sein Seminar, sein Seelenheil und unsere gemeinsame Universität, wenn wir uns gegenseitig erst einmal als „Freunde der Freiheit“ anerkennen könnten, bevor  wir die Diskussion nur noch im Duell-Modus bestritten. Er ist nicht auf dieses Angebot eingegangen, aber wir haben es auch nicht zurückgezogen, keine Minute.

M.a.W. das Verhältnis von „Theorie“ und „Praxis“ seines Seminars sah so aus, dass er den Seminarteilnehmern (ohne unsere Anwesenheit) im theoretischen Teil des Seminars erläuterte, was „Feinde der Freiheit“ seien, dass er uns dann mit einem Vortrag detailliert nachzuweisen suchte, wir seien „Feinde der Freiheit“, und dass er dann ins Schwimmen geriet, sobald er unsere Fragen beantworten musste, die eben nicht auf seinen Definitionen beruhten, die er aber dennoch ständig wiederholte, um gegenüber den Seminarteilnehmern so zu tun, als könne er an uns evident machen, was er prognostiziert hatte, nämlich, wir seien (die) „Feinde der Freiheit“. Er handelte nach dem ermüdenden amerikanischen Prinzip: „Tell them. Tell them again. Telll them that you have told them.“ Selbstverständlich hat er uns diesen Verlauf der Sitzung weder erläutert noch angekündigt. Wir konnten ihn nur im nachhinein erschließen. M.a.W. es handelte sich um ein „Fait accompli“.

Zweifelsohne kann jeder Humpty Dumpty spielen, und Philosophen tun das besonders gerne. Aber eine philosophische Sitzung war das nicht, und das lag nicht an uns – wir haben alles dafür getan, zur Philosophie zurückzukehren. Es war einzig und allein eine praktische Übung in der Klassifizierung durch einen einzigen asymmetrischen Grundbegriff.

Ich war ein wenig erschrocken, weil ich das nicht von Dieter Schönecker erwartet hätte. Von außen sieht es vielleicht nach einem faszinierenden und aufregenden Streit aus, und viele möchten sich beteiligen. Sitzt man hingegen eine Reihe vor dem Protagonisten und hört sich an, was er zu sagen hat, kommt man nicht umhin, sich einer gewaltigen argumentativen Langeweile ausgesetzt zu finden.

Mit besten Grüßen,

Erhard Schüttpelz


15.12.2018

Liebe Frau Z,

Nur Friseure können, was Friseure können. Nur Philosophen können beurteilen, was Philosophen tun. Nicht-Philosophen können nicht beurteilen, was Philosophen tun, um zu philosophieren. Philosophen tun solche Dinge nur, um zu philosophieren. Selbst wenn Philosophen solche Dinge tun, um auch noch etwas anderes zu tun als zu philosophieren, haben sie darin recht, dass sie im Gegensatz zu Nicht-Philosophen philosophieren können, und dass die Form des Philosophierens sich in ihren Handlungen durchsetzt, und sie daher in allen ihren Handlungen gerechtfertigt bleiben. Ja, Philosophen beherrschen eine argumentative Form, die anderen fehlt: Philosophieren. Zumindest dann, wenn sie philosophieren. Aber dafür sind sie ja da. Und wenn sich Philosophen streiten, streiten Philosophen. Sie philosophieren. Im Gegensatz zu Nicht-Philosophen. Wenn die mit Philosophen streiten, fehlt ihnen die Form eines philosophischen Argumentierens. Warum? (Jetzt wieder von vorne, und ad libitum.)

Mögen Sie nie aus Ihren Träumen erwachen.

Aber auch in Ihren Träumen könnte eines Tages ein Wort auftauchen. Es heißt „naiv“.

Sie gehen wie selbstverständlich davon aus, dass Herr Schönecker das Seminar gibt, das Sie an seiner Stelle gegeben hätten.

Sie denken sich einfach ein Seminar aus, das es nicht gibt, und erklären die Kritiker Schöneckers zu Dummköpfen, die das von Ihnen frei erfundene Seminar nicht verstanden haben.

Als ob Herr Schönecker die schönen Diskussionen führen wollte, deren Eckpunkte Sie in strikt didaktischer Absicht in den Mittelpunkt des Seminars gestellt hätten:

Dann durch Untersuchung von Beispielen zu ermitteln, wie man die Grenzen der Redefreiheit ziehen sollten – das sind die Diskussionen, sie Sie offenbar empören.

Nein, sind es nicht. Denn diese Diskussionen, die sie als selbstverständlich unterstellen, führt Herr Schönecker nicht. Zumindest am 6.12. d.J. erwies er sich als hierfür unfähig. Herr Schönecker führt Diskussionen, in denen er die Hälfte der Anwesenden als „Feinde der Freiheit“ bezeichnet, um ihnen dann durch ermüdende Wiederholungen eines Kategorischen Imperativs nachzuweisen, dass er persönlich in seiner  Handlungsweise einem allgemeinen Gesetz folge, und folglich, selbst wenn er Unrecht hätte, nur ein geringer Schade entstehen könne, und zwar auch wenn er Rassisten einlüde, was er aber nicht täte. Weil bei der Befolgung eines allgemeinen Gesetzes, auch wenn es in seinen Konsequenzen die Herabwürdigung oder Beleidigung Andersdenkender und Anderszugehöriger zur Folge hätte, nur ein geringer Schaden entstehen könne.

Keine „Untersuchung von Beispielen …., wie man die Grenzen der Redefreiheit ziehen sollte“, dafür einige krude Vergleiche: Brauereien seien schließlich auch nicht für den Alkoholismus verantwortlich, so Dieter Schönecker ganz wörtlich. D.h. wenn aufgrund seiner Veranstaltung rechtsradikales Gedankengut gepflegt und vertreten werde, sei er aufgrund seines philosophischen Rigorismus dafür nicht verantwortlich.

Jetzt wissen wir aber, dass Kneipenwirte durchaus eine gewisse Mitverantwortung haben, wenn sie ihre Gäste schwer bezecht nach hause schicken und mitbekommen, dass diese Gäste das Auto nehmen. Diesen Vergleich würde Dieter Schönecker ablehnen. Aber er hat mit seinem Seminar eine solche Kneipe ins Leben gerufen, und ab und an scheint es auch ihn selbst zu benebeln, wie sein Vergleich einer „Universität nazifrei“ mit „nahe an judenfrei“ beweist.

M.a.W. das von Ihnen mit so großer Klarheit postulierte Seminar existiert nicht.

Um so schlimmer für die Wirklichkeit? Um so schlimmer für die Wirklichkeit.

Beste Grüße,

Erhard Schüttpelz


18.12.2018

LESERBRIEF in der Siegener Zeitung

Wenn man über das Seminar „Denken und denken lassen“ diskutiert, hört man immer öfter die Meinung, dieses Seminar sei eigentlich ein ganz normaler Vorgang in einer offenen Gesellschaft. Schließlich muss auch jede Buchmesse und vor allem jede unserer parlamentarischen Öffentlichkeiten die Vertreter der AfD aushalten, warum also nicht auch die Universität? Aber die Universität ist keine Buchmesse, und sie ist kein Parlament. Sie dient der wissenschaftlichen Forschung und der wissenschaftlichen Lehre, und hat alle Hände voll damit zu tun. Und Dieter Schönecker ist kein Freiheitskämpfer, der an diesem Ort das durchsetzt, was schon immer hätte geschehen sollen, nämlich eine Diskussion mit den Andersdenkenden von rechts (oder von links). Im Gegenteil, er ist es, der den Respekt vor Andersdenkenden aufkündigt, indem er ganz offen von den ‚Feinden der Freiheit‘ spricht, die er mit den Kritikern seiner Vorgehensweise gleichsetzt. Politiker und Denker, die der Fremdenfeindlichkeit Vorschub leisten, stehen seiner Auffassung nach hingegen unter dem Schutz der Redefreiheit.

Unsere Hochschulleitung hat in ihrer Erklärung vom 21.11. geschrieben: „Die Universität ist in Forschung und Lehre zu politischer Neutralität verpflichtet.“ Aber auch: „Die Universität distanziert sich klar und eindeutig von den politischen Auffassungen von Dr. Marc Jongen und Dr. Thilo Sarrazin. Die Universität wendet sich ausdrücklich gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Extremismus.“ Darin scheinen viele Leser einen Widerspruch zu erkennen. Aber diese Kombination ist nicht widersprüchlicher als die Forderung, dass es nie wieder eine Demokratie auf deutschem Boden geben solle, die sich selbst abschaffen könnte; und es ist auch nicht widersprüchlicher als die Forderung Karl Poppers: „Im Namen der Toleranz sollten wir das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Fremdenfeindlichkeit und Extremismus haben an einer Universität keine Berechtigung, weil die Universität seit ihrer Gründung ein Ort von Fremden gewesen ist, und weil die Integration von Fremden, von Ausländern, von Flüchtlingen, Migranten und Außenseitern die Gegenwart und Zukunft jeder Universität mitbestimmen wird. Wer den Kosmopolitismus der Universität angreift, legt die Axt an ihre institutionellen Voraussetzungen. Das ist in unserem Land schon einmal geschehen, und von den Folgen hat sich die deutsche Universität bis heute nicht erholt. Soll das ein zweites Mal geschehen?

Wir können uns die Konsequenzen leicht ausmalen, wenn wir uns fragen, was eigentlich dabei herauskommt, wenn man im Namen einer falsch verstandenen Toleranz eines Tages auf das Recht verzichtet, „die Intoleranz nicht zu tolerieren“. Am 6.12. wurde Herr Schönecker in seinem Seminar „Denken und denken lassen“ gefragt, was er von Marc Jongens Aufforderung zur „Entsiffung des Kulturbetriebs“ hielte. Daraufhin sagte er, das sei kein schöner Ausdruck, aber er höre ja auch immer wieder „Universität nazifrei“, und das sei „nahe an judenfrei“. Wenn man dieser Logik folgt und eine Toleranz gegenüber rechten Stimmungsmachern fordert, dann haben wir am Ende keine nazifreie Universität, sondern eine Universität, in der Nazis am hellichten Tage herumlaufen und Handzettel für eine „judenfreie Universität“ verteilen. Warum? Weil dann dem Wunsch nach einer „nazifreien Universität“ die Berechtigung ebenso abgesprochen wird wie dem nach einer „judenfreien“, und folglich wird eine Universität im Namen der Redefreiheit und Meinungsfreiheit ganz selbstverständlich auch ein paar Nazis aushalten können müssen, und zwar in aller Öffentlichkeit. Wollen wir das wirklich?

Prof. Erhard Schüttpelz (Universität Siegen)


18.12.2018

(Vorbereitung auf eine nicht gehaltene Rede)

Mit Erstaunen haben wir Woche für Woche gelesen, was wir vom Rektorat und Dekanat angeblich alles verboten haben, nur um jeweils drei Zeilen tiefer zu lesen, dass genau das gar nicht verboten wurde, sondern ausdrücklich unter Verweis auf die Wissenschaftsfreiheit zugelassen wurde. Die Schlagzeilen hätten daher auch lauten können: „Universität Siegen erlaubt alles, was sich Professoren wünschen“ oder „Wo das Wünschen noch geholfen hat“. Aber Verbote ziehen natürlich als Schlagzeile viel mehr, vor allem wenn gar nichts verboten wird. Daher so eine schöne Schlagzeile wie: „Uni kommt mit Vorgehen nicht durch“ (Focus) statt: „Uni geht nach Plan vor und ist dabei ausgesprochen nett.“

Dann ernst werden. Es gibt nämlich doch Verbote. Die Grundwerte der Universität verbieten die habituelle Bezeugung von Fremdenfeindlichkeit an einer Universität. Eine Universität ist eine Institution von Fremden, die sich an der Universität zuhause fühlen sollen. Das ist die Idee eines „Campus“, es ist aber auch die Idee eines „Seminars“. Ein Seminar ist dort, wo Studierende in die Forschung einsteigen. Das können sie nur, wenn sich Lehrende, Studierende und Forschende „unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität“ respektieren und handeln, behandelt werden und respektiert werden. Man kann die Gegenprobe machen, und dann stellt man schnell fest, dass Forschung und Lehre ohne diese Voraussetzung nicht funktionieren würden.

Mehr ist ja gar nicht verlangt, aber auch nicht weniger. Man nennt es auch gutes Benehmen.

Daher geht es auch nicht an, Diskussionspartner als ‚Feinde der Wahrheit‘ oder als ‚Feinde der Wissenschaft‘ oder gar als ‚Feinde der Freiheit‘ zu titulieren, zumindest nicht in einer Universität. Und auch einen Rektor und einen Dekan so zu titulieren, mag zwar persönlich entschuldbar sein, wenn man das Gefühl hat, dass einem Geld vorenthalten wird, aber gehört sich nicht. Außerdem hätte „Feinde der freien Töpfe“ dann gereicht.

Und man spricht auch nicht einfach eine anwesende Person als „Feind“ an, nicht in einer Universität. Zumal wenn ‚Freiheit‘ hier als wissenschaftlicher Wert gemeint ist, nämlich als Wert der Wissenschaftsfreiheit und als Begriff für die gemeinsame Verständigung darüber, was „Freiheit“ im wissenschaftlichen Sinne der Meinungsfreiheit und Redefreiheit ist. Denn wenn man dem Anderen die Kenntnis und das Vermögen einer solchen „Freiheit“ abspricht, spricht man ihnen auch die Wissenschaftlichkeit ab, und das hieße, dass man nicht mehr gemeinsam wissenschaftlich arbeitet.

Bevor Herr Schönecker und Herr Jongen das Wort ergreifen, möchte ich daher beide erst einmal bitten, uns zuzusichern, dass wir uns alle in diesem Raum nicht als ‚Feinde der Freiheit‘ bezeichnen und betrachten. Es gibt im Amerikanischen dazu eine treffsichere Formel, und die lautet „Present people always excepted.“ Anwesende Personen sind von stigmatisierenden, ehrenrührigen und abwertenden Zuschreibungen in einer wissenschaftlichen Diskussion immer schon ausgenommen. Da Herr Schönecker mehrere Jahre an amerikanischen Universitäten zugebracht hat, und Herr Jongen auch seine Erfahrungen mit amerikanischen Universitäten besitzt,  ist ihnen beiden diese Formel zweifelsohne vertraut. Und sie ist für uns heute und hier vermutlich wichtiger als die Übertragung amerikanischer Free-Speech-Konzepte auf den deutschen Kontext – eine Übertragung, die ohnehin scheitern muss oder zumindest nur zur Hälfte gelingen kann, weil das Grundgesetz andere Anforderungen stellt als das First Amendment.

Um es einmal ganz drastisch zu sagen: Ebensowenig wie wir amerikanische Waffengesetze haben wollen, ebensowenig können wir die amerikanische Fassung der „Free Speech“ in einer deutschen Universität gebrauchen, und auch in Großbritannien und den USA führt sie, nach allem was wir wissen, zu Aporien, die wir in Deutschland vermeiden können. Ein Kennzeichen der amerikanischen Free Speech ist einmal so zusammengefasst worden: „Free Speech does not mean you have a right not to be insulted.“ – „Meinungsfreiheit oder Redefreiheit kann nicht bedeuten, dass irgendjemand das Recht hat, nicht beleidigt zu werden.“

Mit dieser Konzeption können wir in der Universität und in der deutschen Universität wenig anfangen. Im Gegenteil, wir müssen darauf achten, dass die Universitätsangehörigen ohne Diskriminierungen behandelt werden und einander behandeln, ohne Diskriminierungen, die sich auf „Geschlecht, Nationalität, ethnische Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung und Identität“ beziehen.

Und weil das hier niemand tun wird, sage ich nur noch die hierfür übliche Formel: „Present people always excepted“ – alle anwesenden Personen werden einander als ebenbürtige Partner einer wissenschaftlichen Diskussion über Meinungsfreiheit und Redefreiheit betrachten. Das schulden wir der Universität, der wir angehören, und das schulden wir unserer Zukunft.


21.12.2018

Der Klaviervirtuose und der Klimperer.

Der Philosoph Marc Jongen in Siegen

Am 20.12. hielt Marc Jongen seinen Vortrag im Seminar „Denken und denken lassen“ von Prof. Dieter Schönecker. Die Begleitumstände waren aufregend: Polizeischutz, misstrauische Kontrollen, Fernsehkameras. Von draußen in der Kälte hörten wir eine Demonstration, die unter anderem im Sprechchor die Frage skandierte: „Ist das prüfungsrelevant?“ Diese Frage war nur zu berechtigt, denn der Vortrag war eine einzige Qual und die Diskussion um so mehr. Ich schaute auf die Bühne und sah meinen alten Kommilitonen, der große Teile seiner Lehre und Forschung der kleinteiligen Kantinterpretation gewidmet hatte. Jetzt stand er auf der Bühne wie ein Pianist, der sein Leben lang das Wohltemperierte Klavier vorgetragen hat, und neben ihm klimpert ein Anfänger auf dem Klavier rum und tut dabei wie ein Schauspieler in einem Stummfilm, der als Klavierspieler posiert. Leider ist es kein Stummfilm und man kann die Ohren nicht schließen. Der Anfänger haut in die Tasten und tut so, als würde er über eine Melodie und eine Akkordfolge nachdenken. Er hat offensichtlich schon lange nicht mehr geübt. Irgendjemand hat ihm den Tristanakkord beigebracht und er spricht über das transzendentale Subjekt. Er improvisiert über den Tristanakkord und verwandelt das Motiv in Fingerübungen zu Operettenharmonien. Aber auch diese Fingerübungen sind ganz kurz und ohne Zusammenhang. Das transzendentale Subjekt ist ein transzendentes und es transzendiert jeden Anlass und ist der Kern der Menschenwürde nach Artikel 1 im Grundgesetz. Das transzendentalisierte Subjekt verpflichtet uns zum Eigenen unserer Kultur, das kein Nationalismus ist sondern Patriotismus. Der Kantpianist verzieht schmerzlich das Gesicht. Er wagt aber nicht einzugreifen, weil er weiß, dass jede Korrektur zwecklos ist. Schließlich ist das keine musikalische Stümperei, sondern eine Schauspielerübung. Indem der Bachkommentator versucht, gute Miene zum ungehemmten Klimpern zu machen, wird er selbst zum Schauspieler und zu einem ziemlich ungeübten Poseur. Man sieht ihm an, dass er leidet, denn die Schauspielkunst des Kollegen ist nicht besser als dessen Klavierspiel. Er ist im falschen Film und wir sind im falschen Film. Aber selbst der Klimperer ist im falschen Film, denn man spürt seine Nervosität, wenn die Finger von den schwarzen Tasten abrutschen. Einige Leute im Publikum protestieren: Das ist keine Musik! Das ist kein Musikstück! Das ist kein Konzert! Der Philosoph erwidert: Das habe ich auch nicht versprochen. Ich wollte nur zeigen, dass sich Klavierspielen nicht verbieten lässt.


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