• Couch Guy

    Das Jahr 2021 war für die meisten Menschen nicht leicht, aber für den Studenten Robert McCoy, besser bekannt unter dem Spitznamen »Couch Guy«, muss es besonders schwer gewesen sein. Am 21. September 2021 überraschte seine Freundin ihn an der University of Virginia mit einem Besuch. Das hätte ein normaler privater Moment sein können, aber wir leben in einer Zeit, in der jeder private Moment das Potential hat, digital vergesellschaftet, also zu einem Ereignis zu werden, an dem zahlreiche Menschen teilhaben, die ohne soziale Medien damit nicht das Geringste zu tun hätten. (mehr …)

  • Das liebe Geld. Literatur und Autonomie-Ideologie

    Ein altes Sprichwort sagt: »Wes Brot ich ess, des Lied ich sing« – damit ist die brutalste Grunderkenntnis der Kultursoziologie konzise zusammengefasst. Jemand muss für die Kunst bezahlen, und diese Tatsache hat Einfluss darauf, wie die Kunst am Ende aussieht. Das Sprichwort verweist auf die Zeit der Vormoderne, in der die Künstler von reichen, oft adligen Gönnern abhängig waren, die für ihr Geld als Gegenleistung erwarteten, dass die Kunst ihnen wohlgesonnen sein würde. Walther von der Vogelweide, der im Hochmittelalter für Bezahlung und Geschenke (wie einen berühmten Pelzrock) das dichterische Sprachrohr eines Fürsten wurde, gehört zu den bekannten Beispielen, die das historische Klischee von der heteronomen Vormoderne illustrieren sollen. (mehr …)

  • Der Maßstab der Wirklichkeit  – Zur Kontroverse um Takis Würgers Roman Stella

    Der Roman Stella von Takis Würger ist zum Gegenstand eines feuilletonistischen Scherbengerichts geworden. In den extrem feindseligen Besprechungen bemerkt man einen Furor der Kritik, der Rezensent*innen vor allem dann überfällt, wenn man den Eindruck hat, es mit einem Buch zu tun zu haben, das nicht nur misslungen ist, sondern auch auf eine Art misslungen, die auf eine allgemeine literaturhistorische Misere verweist. In der Süddeutschen Zeitung etwa wurde das Buch zum „Symbol einer Branche, die jeden ethischen oder ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint.“ Und inzwischen ist der Streit um den Roman sogar bildzeitungsnotorisch geworden („Riesenstreit um Nazi-Buch!“) und hat so den esoterischen Bereich des ‚Betriebs‘ endgültig, wenn auch auf eine etwas unglückliche Art, transzendiert. Der Großverriss erscheint als diskursive Bühne, auf der wichtige Fragen der Zeit verhandelt werden können. Das ist unschön für den Autor, dessen Werk unversehens zum Schauplatz einer Debatte wird, die über den konkreten Text und dessen Qualität hinausweist; als diskursives Ereignis erscheint der Großverriss – das zeigt die Rezeption von Stella – allerdings unverzichtbar. (mehr …)