• Günther Anders‘ Breslau 1915/1966, Wrocław 2020

    Ich bin dem Schriftsteller, Philosophen und Dichter Günther Anders (1902-1992) in kurzer Zeit dreimal hintereinander begegnet: Anders war in der Umwelt-, und Friedens- und Antiatomkraftbewegung aktiv, und in erster Ehe mit Hannah Arendt verheiratet, deren Werk im Deutschen Historischen Museum gerade eine umfangreiche Schau gewidmet wurde. Während der Vorbereitung eines Aufenthalts in Wrocław stellte ich außerdem fest, dass er ein Tagebuch seiner Rückkehr in die Stadt geführt hatte. Anders hatte Wrocław fünfzig Jahre zuvor verlassen, um mit seinen Eltern, den deutsch-jüdischen Psychologen Clara und William Stern, nach Hamburg zu ziehen und war seitdem nicht zurückgekehrt. (mehr …)
  • Die Lager Schlesiens – Topografien

    Der erste Bahnhof, an dem der Zug hinter der deutsch-polnischen Grenze Station macht, ist Rzepin. Fahrgäste aus Berlin steigen um und warten am Bahnsteig auf den Schnellzug nach Oppeln. Der Bahnhof hat erst seit wenigen Jahren ein Containerterminal, heute gut bestückt und beladen mit Waren aus China, die immer häufiger über die Schiene nach Europa transportiert werden. (mehr …)

  • Durchs Moor, durch Dachau

    Ich komme nach Hause. Neben dem Ofen taut das Brot. Ich nehme den Laib, presse ihn an das Schneidemesser der Brotmaschine. Die Maschine ächzt, dann streikt sie. Es gelingt nicht, vom halbaufgetauten Brotblock eine Scheibe abzuschneiden. Ich lege den Laib zurück neben den Ofen. Bald wird das Haus abgerissen. Ich gehe auf den Speicher. Es riecht nach frischgewaschener Wäsche. Sie hängt an aneinander geknoteten Plastikschnüren und Sisalgarnen, die durch den Raum gespannt sind. Es ist eine Kochwäsche Euterlumpen. Zerschlissene, in Rechtecke zerrissene Handtücher, die sich auf den Wäscheleinen reihen. Morgens und abends werden sie beim Melken zum Saubermachen der Kuheuter gebraucht. Im Dachgiebel haben sich die Wespen Nester gebaut, unheimliche graue Ovale, die sie mit ihrem Sekret auf die Ziegel und die Dachbalken geklebt haben. Aber die Wespen sind verstummt, die Nester verlassen. Ich finde in einer Schublade eine kaputte Taschenuhr, eine Handvoll Faschingsorden, in Manteltaschen vergessene Münzen. Der Speicher war immer schon voll von Dingen, die im Alltag keinen Platz haben. Ich streiche über das dunkle Holz der Vitrine. Ihre Türen sind aus graviertem Glas, die Enden der Seitenteile zu schlanken Säulen gedrechselt. Sie gehörte einem Mann, der vor den Nazis flüchten musste, sagte mir die Großmutter. Wenn ihre Auskunft stimmt, steht sie seit fast achtzig Jahren hier. Im Archiv finde ich eine Liste der jüdischen Bewohner Dachaus. Dreizehn Namen sind auf der Seite notiert. An erster Stelle steht der Viehhändler Samson Gutmann. Er zieht erst nach München, dann nach Dachau. Mietet ein Haus in unserer Nachbarschaft, in der Freisinger Straße. Der Viehhändler aus Dachau und mein Urgroßvater Michael Müller, der Bauer aus dem angrenzenden Dorf – kannten sie sich? (…)

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