Dinosaurier

Kohl war schon immer omnipräsent in diesen Fluren, jedenfalls als Sonnabendduftaroma. Im Herbst 1969 sind sie in diesen Neubaublock gezogen, der 1963 fertiggestellt worden war. Rote Putzfarbe, so eine körnige Mischung, die jedem Block in der Siedlung (jeweils fünf Eingänge, acht Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen zu etwas über sechzig Quadratmetern, Spitzdach) eine andere Farbe gab, braun, gelb, rötlich usw. In meiner Erinnerung war es so, dass merkwürdigerweise nur die rötliche Putzfarbe gegen Ende meiner Jugend den Putz am Westgiebel großflächig mit hässlichen Flecken freigegeben hätte, der schöne Farbauftrag konnte anscheinend dem Wind und Wetter nicht standhalten, auf einem alten Foto sah ich aber kürzlich, dass es schon anfangs der Siebziger Jahre so gewesen war.

Offenbar ein grundsätzlicher Materialfehler, diese Putzfarbe hielt zu keiner Zeit. Die Neubaublöcke standen ganz an der Peripherie des Landstädtchens, mit den Ostgiebeln zu den Äckern, auf denen mal Kartoffeln, mal Weizen, mal Futterrüben wuchsen, die Räubergummistiefel der kleinen Burschen Krume fassen konnten; vom Balkon der Blick frei bei guter Sicht über 20 Kilometer dieser von einer horizontalen Eis- und Gerölllawine plattgewalzten Endlosebene. Sie, die Häuserblöcke, waren noch von Maurerbrigaden Ziegelstein für Ziegelstein hochgezogen worden, mit Zwischenbier, Hallodri und mörtelverschmiert: jede Wohnung mit einem Küchenofenherd, einem Wohnzimmerkachelofen, Badeofen für Warmwasser, einem kleinen Kinderzimmerofen ausgestattet, letzterer rußte etwas, weswegen er selten in Betrieb war, das Badewasser wurde nur einmal in der Woche mit Braunkohlebriketts zum Kochen gebracht. Badetag.

Die Wohnungen waren noch ganz im Bequemlichkeitshorizont der ersten Jahrhunderthälfte konzipiert; auf dem Hausboden, den man in den Deutschschweizer Kantonen Estrich nennt, was ich lange nicht recht akzeptieren mochte, für jede Familie ein Nutzungseckchen zum Lagern des Weihnachts- und Osterschmucks und auch der Kinderkleidung zwischen den Phasen des brüder- und schwesterlichen Zweit- und Dritt- und Viertauftragens. Der Kohlenkeller, an den Wänden die mühsam selbstfabrizierten Obst- und Gemüsekonserven des Sommers bis unter die Decke auf selbstgebauten Regalen aus Irgendwas hochgestapelt, die Kartoffelstiege aus Holzgittern, voller Kalk, ein Meter hoch, mit diesem widersetzlichen Eingriff unten, die Zwiebelzöpfe an jedem Haken. Das Waschhaus, das wochenendlich lust- und planvoll dampfende, mit seinen zwei Riesenkohlenkesseln, sonst war’s auch Schauplatz blutiger Schweineschlachtereien. Zwischen den Blöcken junge Bäume, Teppichstangen und die auslaufenden Stangensysteme mit den Haken für die Leinen zum Trocknen der Wäsche (damals noch nicht aus Gummi, die Leinen). Es waren dies Schauplätze ständiger, zwischen den Blöcken hallender Schimpfkanonaden auf fußbolzgierige Jungenbanden, denen die springgummisüchtigen, reimeträllernden, pferdeschwänzigen Mädchengruppen ebenso beständig wie vollkommen lächerlicherweise zum Vorbild ausgerufen wurden. Wildes Gerenne, Geschreie, Gelache, Gespinne im Dauerrausch, geheult wurde nicht, notfalls geprügelt, von Mädchen wie von Jungen. In ihren von Ozeanen getrennten Welten. Manchmal gab es Überläufer, etwas weniger selten Überläuferinnen mit kurzen Haaren und tiefer modulierter Stimme. Normal.

Die Leute waren alle ähnlichen Alters in diesen Blöcken, denn die begehrte Wohnungszuweisung erhielten dort nur junge Familien. Es müssen mehr als hundert Kinder und Jugendliche in jedem Block gewohnt haben, ein vielstimmiges Quirlen, unüberschaubare Zukünfte, ein Kosmos des Heranwachsens. Alles war nach Möglichkeit immer irgendwie draußen, die notorischen Fenstergucker mit ihren bestickten Fensterkissen, auf den Balkonen stand man, sich überbeugend im Palaver, oft waren sie aber auch mit der kleinen Wäsche zugehängt, wofür es besondere Haken am Geländer gab. Wie bezaubernd, sich als kleiner Junge in der engen Feuchtigkeit dieser Balkonlabyrinthe zu verbergen, die in ihre Höhe nicht zu überblicken waren, niemand fand einen da, schien es. Draußen war man beim Teppichklopfen, beim Hereinschleppen der vor der Haustür aufgeschütteten Kohlelieferungen, beim allgegenwärtigen Tratschen, die Männer beim Rauchen, Autowaschen (sonntagvormittags). Geburtstage der Erwachsenen wurden gemeinsam begangen, es gab entsprechend viele, die Mütter trafen sich bei selbstgemachten Likören, Bowlen, Salzstangen und dem Sorgenteilen, die Väter bei Skat, Bier, Korn und dem dummen Maskulingeschwätz, das alles absolut zuverlässig. Beim Retrodigitalisieren habe ich kürzlich eine der seltenen Fotografien eines solchen Abends gefunden, es war in meiner Vorstellung alles wieder da: Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, eingesogen in eines der Erinnerungswurmlöcher, ich.

Erst das neue bunte Wildfernsehen schon zuvor, dann die Serie persönlicher Niederlagen nach der großen Zäsur, über die niemand gerne sprach, dann auch das Alter mit seinen zunehmenden Gebrechen und Pflegedienstleistungsinanspruchnahmen ließen das Soziotop der Blöcke austrocknen wie den Aralsee, in den nichts mehr nachfloss. Nach und nach ist der eine und die andere gestorben. Die Teppichstangen mit ihren rhythmischen Klängen wurden vom Geheul der Staubsauger ausgestochen, die Wäschestangen und Waschküchen von den Waschmaschinen und Automatiktrocknern ausgemustert, die Kohlenkeller wurden von der Fernwärme, die Konservenregale, Stiegen, Zöpfe vom Supermarkttreiben, die Werktätigen von den Werken, die Werke vom Strukturwandel, der Strukturwandel von seinem Erfolg überflüssig gemacht. Die Kinder sind ausgewandert oder irgendwo und parken feiertags das Viertel zu, die Enkel kennen die Großeltern gleichsam nur im Kerzenschein.

Heute die Nachricht, dass das letzte mitverbliebene Pärchen ins Krankenhaus – man sagt so – eingeliefert worden ist. Er auf seinem Bauch in betäubter und unwürdiger Stellung, Bauchlandung, ohne Aussicht; sie eine Station weiter knapp davor. Sie haben sehr zurückgezogen gelebt, eine asymptomatische Nichte hatte es bei einem ihrer selten Besuche mitgebracht, das Virus, sie hat es von ihrer Chefin, die meinte, ihre festgestellte Infektion ignorieren zu können. Am Ende fällt es zuerst die Dinosaurier. Und dann gibt es plötzlich keine mehr.


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