Sehnsucht nach der Kriegswirtschaft

Impfstoff für alle, und das möglichst bald! Helfen sollen dabei jetzt die Methoden der Kriegswirtschaft. Schon am Tag vor Heilig Abend zog der Bonner Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick diesen phantastischen Vergleich: Den für den Krieg typischen Interessenkonflikt zwischen Staat und Unternehmen müsse man kennen, um das gegenwärtige Dilemma der Impfstoffproduktion zu lösen. Kriegswirtschaft, das bedeutet Privatunternehmen zum Aufbau von Produktionskapazitäten und zur Herstellung von Gütern zu bewegen, an denen sie auf mittlere Sicht gar kein Interesse haben – weil die spätere Verwendung der Anlagen fraglich und die Nachfrage nach Bomben und Munition endlich ist. Die Lösung: Finanzielle Anreize und  staatliche Lenkung. Rund um den „Impfgipfel“ im Kanzleramt war kein Halten mehr: Die Zeit, in der finanzielle Anreize bei den Unternehmen noch etwas bewirken könnten, sei längst verstrichen, so Schularick. Er rief jetzt nach einem „Krisenstab mit Weisungsgewalt“, in dem „die Politik, die Vorstandschefs der Pharmaunternehmen und die Wissenschaft vertreten“ sein müssten.

Nur: Welche Kriegswirtschaft wird hier eigentlich imaginiert? Vielleicht das Deutsche Kaiserreich des Ersten Weltkrieges, das sich in höchster Not nicht anders zu helfen wusste als Männer aus den Unternehmen mit staatlicher Weisungsgewalt auszustatten – was bekanntlich nicht nur zu exorbitanten Gewinnen, sondern auch zu massenhaftem Hunger führte, von den Gewerkschaften nur deshalb zähneknirschend akzeptiert, weil man auf die lang ersehnte Anerkennung als Verhandlungspartner hoffte. Oder ist eher an Amerika gedacht, wo die Kriegswirtschaft noch absurdere Möglichkeiten der privaten Bereicherung schuf? Als herauskam, welche Verträge die „Krisenstäbe mit Weisungsgewalt“ mit den Unternehmen geschlossen hatten, war der politische Schaden so groß, dass die Skandalmeldungen über die „Merchants of death“ noch zwei Jahrzehnte später in Presse und Parlament weithin bekannt waren: Viele Unternehmen lieferten zu garantierten Selbstkostenpreisen mit starren Gewinnmargen. Die Erträge wuchsen also umso schneller, je ineffektiver man arbeitete. Neben Schiffen, Munition und Gewehren produzierte dieses Verfahren verlässlich Skandalmeldungen: Unternehmen hatten sich einen harten Wettbewerb um die Krone der Ineffektivität geliefert, und fast jeder Abgeordnete wusste von Arbeitern, die mit ebenso sinnlosen wie zeitraubenden Tätigkeiten in den Fabriken gehalten wurden, um die Kosten künstlich nach oben zu treiben.

Oder ist an die Kriegswirtschaft des NS-Staates gedacht? Kein Militärschlag war doch rüstungswirtschaftlich derart systematisch vorbereitet worden wie der Überfall auf Polen! Doch während die Memoiren- und Landserliteratur jahrzehntelang den Mythos vom „Blitzkrieg“ feierte, befanden sich die damaligen „Krisenstäbe mit Weisungsgewalt“ in Panik: Im Spätherbst 1939 drohte der Wehrmacht bereits nach wenigen Wochen die Munition auszugehen. Hitler tobte. Danach wechselten zwar die Zuständigkeiten, aber dass die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches effektiv gewesen sei – das haben später vor allem die direkt daran Beteiligten behauptet, allen voran Albert Speer nachdem er seine Haftstrafe verbüßt und sich auf die Produktion von Memoiren und Mythen verlegt hatte. Selbstverständlich hatte man im Laufe des Krieges hinzugelernt, und schon der Ingenieur Fritz Todt verstand, wie man die Rüstungsproduktion optimiert: Indem man Männer aus der Industrie in die Verwaltung holt und mit Weisungsbefugnis ausstattet; indem der Staat den Unternehmen jegliches Investitionsrisiko abnimmt; indem man Verträge schließt, die maximalen Output honorieren – und schließlich, indem man den Unternehmen auf dem Wege der Steuerpolitik diese Gewinne gleich wieder abknöpft. Nur trifft sich die Kasuistik der Heutigen, die Verträge, Institutionen und Anreize untersuchen, mit den Interessen der damals Beteiligten: Hier wie dort gerät mitunter aus dem Blick, dass es sich um eine skrupellose Mord- und Raubökonomie handelte.

Also orientieren wir uns doch lieber an Franklin D. Roosevelt und dem Modell der liberalen Demokratie im Krieg? Einerseits waren die USA der deutschen Kriegswirtschaft materiell haushoch überlegen: Wo deutsche Ingenieure pingelig auf Qualitätsstandards und komplizierte technische Lösungen setzten, war den Amerikanern wichtig, dass produziert wurde – möglichst viel, möglichst schnell, möglichst standardisiert. Aber auch dort gab es vertragliche Gewinnanreize für die privaten Unternehmen und eine systematische Lenkung der Wirtschaft. Andererseits wird gern übersehen, dass es Jahre dauerte, bis sich dieses System einspielte. Zu Beginn richtet das unkoordinierte Neben- und Gegeneinander von immer neuen „Krisenstäben mit Weisungsgewalt“ ein Chaos an, das dem verpatzten Impfstart verblüffend ähnelt. Ähnlich wie heute verhandelte man Organisationsfragen als Moralproblem: Korruption, Inkompetenz und Misswirtschaft in diesem bürokratischen Moloch publik zu machen – genau damit trat ein biederer Provinzpolitiker wie Harry S. Truman erstmals auf die nationale Bühne und wurde schlagartig populär. Mehr Effektivität zog auch in die amerikanische Rüstungswirtschaft erst ein, als sich bürokratische Routinen einzuspielen begannen. Dabei verwischten die Grenzen zwischen Privatwirtschaft und Rüstungsverwaltung zusehends: Unternehmen ordneten kompetente Mitarbeiter in die staatlichen Büros ab, und umgekehrt bauten die Beschaffungs-, Kontroll- und Überwachungsbehörden eigene Abteilungen in den Unternehmen auf. So entstanden kurze Dienstwege, die den Kalten Krieg wesentlich mitprägen sollten. Dwight D. Eisenhower brachte das später auf den Begriff des „militärisch-industriellen Komplexes“.

Dass man heute ernsthaft glaubt, sich bei der Pandemiebekämpfung aus den Erfahrungen der Kriegswirtschaft wie aus dem administrativen Instrumentenkasten bedienen zu können, ist so irritierend wie geschichtsvergessen. Von dem, was Kriegswirtschaft tatsächlich bedeutete, wollen solche Vergleiche jedenfalls nichts wissen. Eher sind sie Symptom einer in Krisenzeiten verbreiteten Sehnsucht nach der zentralen, allmächtigen Steuerungsinstanz, die man sich seit der Hamburger Sturmflut von 1962 gern als übernächtigten, tatkräftigen Mann mit Zigaretten, Gummistiefeln und Wehrmachtsvergangenheit vorstellt. Postheroische Videokonferenzen, in denen Widerworte mit der Androhung einer Protokollnotiz geahndet werden, gehen an diesem Bedürfnis erkennbar vorbei. Und so bleibt dieses Steuerungszentrum selbst in der Imagination eigenartig konturlos, während seine Zusammensetzung unverhohlen an technokratische Sehnsüchte appelliert, die man schon bei der Idee einer über den Parteien stehenden „Expertenregierung“ beobachten konnte, die für kurze Zeit durch Erfurt geisterte. Nein, Hoffnung auf schnelle Impfung ist aus den Erfahrungen der Kriegswirtschaft heute kaum zu ziehen. Richtig ist das genaue Gegenteil: Bisher hat noch der Start jeder modernen Kriegswirtschaft binnen wenigen Wochen in Chaos und existenzielle Krisen geführt, gegen die sich der verpatzte Impfstart nachgerade harmlos ausnimmt.


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