Zum Hauptwerk des Sprachkritikers Werner Böhm

Jetzt nicht nachlassen. Auch die Startnummer sieben muss ordnungsgemäß anmoderiert werden. Dass es korrekt zugehen soll, macht Dieter Thomas Heck in dieser 1981er Folge der ZDF-Hitparade schon dadurch deutlich, dass er den zweiten Vornamen von Gottlieb Wendehals nennt: Viele wissen gar nicht, dass er Herbert lautet. Das kann ja auch leicht untergehen, denn schließlich, so zitiert Heck unmittelbar Wendehals, fliegen hier gleich die Löcher aus dem Käse. In einem Ausschnitt der Sendung, den »mdftrasher« auf YouTube eingestellt hat, kann man verfolgen, wie sich die Dinge weiter entwickeln.

(Dieser Text ist im Dezemberheft 2022, Merkur # 883, erschienen.)

Wendehals’ Auftritt beginnt damit, dass er gekleidet in seine Markenzeichenkluft (schwarz-weiß-gewürfelte Smokingjacke, rosa Hemd und schwarze Schleife, Hochwasserhose, Haare zurückgeschleimt, eine Aktentasche, in der ein Gummihuhn steckt, unter dem Arm) auf die Bühne stolpert. Sekunden später ist er auf dem niedrigen Podest zu Füßen der Showtreppe angekommen, an deren beiden Seiten Studiopublikum sitzt. Von dort aus wendet er sich immer wieder abwechselnd zum Publikum und zur Kamera. Es ist wahrscheinlich, dass er tatsächlich live singt: Seine Stimme klingt rau, und er trifft die Töne der nicht unbedingt anspruchsvollen Melodie seines größten Hits nicht alle gleich gut. Aber wer würde das schon schaffen, am Höhepunkt einer Party?

Unter dem Absingen der Zeilen »Los Vadder, komm in die Socken || Und Mudder schlüpft in ihre roten Pöms« hechtet er von der Plattform in Richtung Reihe eins und nähert sich einer Frau, die eine schön zurechtgemachte Föhnwelle und ein langes, kornblumenblaues Kleid trägt. Er legt ihr die Hand auf die Schulter und singt abwechselnd sie und die Kamera an: »Hier geht was los, da bleibt kein Auge trocken || Klaus-Dieter setzt ’n Halben ab. Jetzt kommt’s.«

Nicht zu Unrecht schaut die Frau immer wieder minimal irritiert, aber dennoch tapfer lächelnd in Richtung Wendehals, der aber schon weiter durch sein Lied und das Publikum stürmt, denn dass nun die Löcher aus dem Käse fliegen werden, mithin der Refrain folgt, ist ja schon durch Hecks Anmoderation so gut etabliert, dass es der Entladung einer allzu großen Spannung gleichkommt, als es endlich, wirklich so weit ist: »Wir ziehen los mit ganz großen Schritten …«

 

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