Die Sache mit der Taube

Vor einer beliebten Bäckerei hatte sich eine Schlange gebildet, und einige von denen, die ihre Bestellung schon erhalten hatten, verzehrten sie direkt vor dem Ladenlokal stehend. Während auch ich anfing, ein noch warmes Gebäckstück direkt vor der Bäckerei zu essen, beobachtete ich eine Gruppe von drei Personen, vielleicht waren es auch vier, die im Kreis standen und auf den Boden schauten, dabei besprachen sie etwas, was ich akustisch nicht verstehen konnte. Ich sah, dass zu ihren Füßen eine Taube saß, die sich nicht mehr recht bewegen konnte, einer ihrer Flügel schien etwas abgeknickt zu sein.

(Dieser Text ist im Novemberheft 2022, Merkur # 882, erschienen.)

In einer blitzschnellen Bewegung holte einer der Bäckereikunden mit seinem Bein aus und trat kraftvoll auf den Hals der Taube. Danach lag sie auf der Seite auf dem Bürgersteig, und die Gruppe, die ich beobachtet hatte, ging sofort weiter. Ich schrie kurz auf. Mein Begleiter, der die Szene selbst nicht gesehen hatte, fragte, was denn passiert sei, und ich versuchte, ihm mein Erschrecken zu erklären. Dabei aß ich weiter. Unter Umständen war mein Affekt von daher nicht besonders glaubwürdig.

Ich denke jeden Tag an diese Taube. Gleichzeitig stellen sich mir selbst Fragen hinsichtlich der Konsistenz meiner Affekte. Nicht allein deshalb, weil ich das gewaltsame Leben und Leiden und Sterben von Tieren durch Ernährung, Mode und Konsum billige – nicht ohne mich zu grämen (wenn auch bislang offenbar nicht genug, um mich grundsätzlich zu ändern). Sondern auch deshalb, weil Gewaltdarstellungen und Nachrichten über Gewalttaten zum Alltag gehören. Ich reagiere darauf nicht mit unwillkürlichem Schreien. Es ist auch nicht nötig, ich muss nur meine Möglichkeiten zur Verdrängung nutzen.

Die Sache mit der Taube riecht parabelhaft, sie scheint sich als Kern einer Sonntagsrede oder für ein Proseminar in praktischer Philosophie aufzudrängen. In beiden Fällen wäre aber wohl das Ziel, aus der Erzählung dieser Szene einen Schluss abzuleiten oder mindestens neue Fragen, die einen Beitrag zu einer systematisierten Diskussion beispielsweise über Mensch-Tier-Verhältnisse und die Frage nach erlaubter Tötung leisten können. Die Sache mit der Taube hätte in Form dieser Art von Nacherzählung einen Nutzen. An meinem täglichen Nachdenken über die Taube fällt mir aber vor allem auf, dass ich nicht weiterkomme. Es ergeben sich kaum Erkenntnisse. Meine Vermutung, dass derjenige, der die Taube tötete, ein Leiden verkürzen wollte, ist eine bloße Unterstellung. Gar nichts weiß ich darüber, genauso wenig darüber, was stattdessen sein Anliegen gewesen sein könnte.

Ich lege meine Widersprüche (beispielsweise: das zärtliche Verhältnis zu niedlichen Tieren auf der einen, das Einwilligen in ihren Tod für meinen Konsum und dessen Folgen auf der anderen Seite) nebeneinander, ich gleiche sie mit meiner Kenntnis der Gewöhnung an kulturelle Konventionen wie beispielsweise Fleischkonsum ab; ich beziehe die Literatur zu Kulturen der Gewalt ein, die ich kenne. Und daraus mache ich: nichts. Ich warte im Stillstand auf meine Fähigkeit zur Selbstsanktionierung.

(…)


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