• Große Fußstapfen

    Machtprobe

    »Still missing: women in academia«. So formulierte jüngst eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlerinnen, die Frauen während der Promotion begleiten will. Natürlich: Die deutschen Statistiken zeigen für den Studienbeginn fächerübergreifend inzwischen ein recht ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Die Zahlen verschieben sich freilich, schaut man auf die Kultur- und Geisteswissenschaften. Hier nämlich sind 74 Prozent aller erfolgreichen Studienabgänger weiblich. 51,9 Prozent der Promovierenden sind Frauen, bei den Habilitationen sind es nur noch 39,4 Prozent, bei den Professuren 36,9 Prozent. Seit 1998 werden solche Daten systematisch erhoben und ausgewertet. Die trockene Tristesse der Zahlen in der Bundesrepublik baut Druck auf. Gremien können sich nicht länger ahnungslos stellen. Ihre Entscheidungen signalisieren: Wir haben verstanden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Entsprechend geht der Trend bei den Berufungen, bei allen Schwankungen, recht steil nach oben. Lag der Frauenanteil unter den Professoren aller Fächer 1997 bei 9 Prozent, liegt er nach der jüngsten Erhebung bei 23,4 Prozent. Wer genauer hinschaut, mag eine beunruhigende Dialektik der Quoten erkennen: Zeigt die Binnendifferenzierung doch auch, dass der Frauenanteil an niedrig dotierten beziehungsweise befristeten Professuren besonders hoch ist. Immerhin 10 von 37 untersuchten Universitäten werden laut einer anderen Erhebung (2018) von Präsidentinnen oder Rektorinnen geleitet. Gleichzeitig werden nur 17 Prozent der Dekanate an eben diesen Universitäten von Frauen gesteuert.[2. Gender-Debatte an Hochschulen: An diesen Unis arbeiten die meisten Professorinnen. In: WBS vom 17. Oktober 2018 (www.wbs-gruppe.de/presse/aktuelle-pressemeldungen/gender-debatte-an-hochschulen-an-diesen-unis-arbeiten-die-meisten-professorinnen).] Leben die Macht- und Repräsentationsangelegenheiten der alten Ordinarienuniversität im Feudalsystem der Exzellenzcluster in neuer Gestalt weiter, so sind die asymmetrischen Strukturen in den großen außeruniversitären Forschungs- und Sammlungseinrichtungen noch stärker: Auch hier zeichnet sich in jüngster Zeit ein Umschwung ab. »Berlin, Essen, Marbach: Erstmals übernehmen Frauen die Spitzenpositionen in den deutschen Geisteswissenschaften«, hatte Johan Schloemann im März 2018 in der Süddeutschen Zeitung getitelt. Die Reihe setzt sich fort: 2019 wird auch die Klassik Stiftung Weimar mit Ulrike Lorenz eine Präsidentin bekommen. Kommt er jetzt endlich, der »Umbruch im akademischen Habitus«, den die SZ freudig angekündigt hat? Müsste es deshalb für den Wissenschafts- und Kulturbetrieb besser heißen: »War Autorität männlich?«

    Habitus

    Rückblende: Eine zerknirschte, zürnende Studentin der Philosophie bekam 1925 von ihrem Professor und Mentor die folgenden Zeilen über die »Möglichkeiten fraulichen Wesens« an Universitäten zugestellt: »Männliches Fragen lerne Ehrfurcht an schlichter Hingabe; einseitige Beschäftigung lerne Weltweite an der ursprünglichen Ganzheit fraulichen Seins.«[3. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925. In: Hannah Arendt/Martin Heidegger, Briefe 1925–1975. Hrsg. v. Ursula Ludz. Frankfurt: Klostermann 1998.] So schlecht sehe es für Frauen gar nicht aus, schrieb der Professor der Studentin frohgemut: Wenn Frauen ihre Zukunft nur nicht in einem »erpreßten wissenschaftlichen Tun« suchen,[4. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 10. Februar 1925.] werden sie »dem freien geistigen Leben« Adel geben können.[5. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925.] Von wem diese Worte stammen, verrät schon die philosophische Sprache: Martin Heidegger schickte sie an eine noch nicht zwanzigjährige Hannah Arendt. Gut vierzig Jahre später, wir schreiben das Jahr 1968: Hannah Arendt lebt und unterrichtet inzwischen in Amerika. Ihrer Freundin Mary McCarthy schickt sie ein bedrückendes Geständnis. Die Stimme einer gemeinsamen Bekannten habe sich plötzlich verändert, schreibt Arendt, sie sei erheblich tiefer geworden, »about a quint I would say«. Die Stimmlage rutschte um dreieinhalb Ganztöne ab, Arendts Haltung machte angesichts dieser Veränderung weit größere Sprünge: Sie begann eine Person ernst zu nehmen, die sie zuvor für dümmlich oder hysterisch gehalten hatte. »And I was really ashamed of myself to see how much difference this made in all my reactions. I still think – about meeting people – trust your senses, but I begin to suspect that I often overdid it.«[6. Hannah Arendt an Mary McCarthy am 9. Februar 1968. In: Between Friends. The Correspondence of Hannah Arendt and Mary McCarthy 1949–1975. Hrsg. v. Carol (lesen ...)