„Den Debilen markieren … und dann vielleicht klammheimlich schreiben“. Ein Porträt des Arbeiters und Schriftstellers Wolfgang Hilbig

..„Kann man Vom Nachteil, geboren zu sein schreiben und nachher einen Literaturpreis dafür annehmen?“ E. Cioran

Nur vierzehn Gedichte und eine nach Zensureingriffen genehmigte Anthologie durfte der 1941 im thüringischen Meuselwitz geborene Schriftsteller Wolfgang Hilbig in seiner Heimat, der DDR, veröffentlichen. Sein erstes Buch, ein Gedichtband, erschien 1979 in Westdeutschland. Die Emigration dorthin gelang ihm 1985. Da hatte er bereits den für ihn verhängnisvollen Ruf, ein DDR-Autor und Arbeiterdichter zu sein, den er sein Leben lang nicht mehr loswerden sollte. Er selbst zog die Bezeichnung „Arbeiter und Schriftsteller“ vor, denn er war der Meinung, dass sie sein „Doppelleben“ angemessener repräsentierte. Aber das interessierte die west-, dann die gesamtdeutschen Literaturkritiker sowie die preise- und stipendienvergebenden Stellen in der BRD und nach der Wiedervereinigung nicht sonderlich. Um ihre Besprechungen und ihre Juryentscheidungen zu legitimieren, brauchten sie einen „Markenartikel“ (Iris Radisch), was eine Ausdifferenzierung erschwerte. Dass der Markenartikel ein „zu lange DDR-Wein“ trinkender Arbeiter im Arbeiterstaat und ein wie ein Schlot rauchender unkorrumpierbarer Schriftsteller im real existierenden Sozialismus in einem war, passte wie die Faust aufs Auge, hätte der Betroffene vermutlich selber gesagt. Er war in seiner Jugend Boxer. Daher seine Boxernase.

Auf den Bildern, die Jürgen Bauer 2002 für ein Interview mit Hilbig in Turin machte, hält dieser die dunkelgelben Raucherfinger seiner rechten Hand, in der eine brennende Zigarette liegt, der Kamera entgegen. Die Tonbandaufnahme einer Lesung, die der Autor im März 2006 noch bestritt, dokumentiert einen trotz Atemnot und starkem Husten lesenden und Fragen beantwortenden Autor. Ein Jahr später, kaum ins Rentenalter eingetreten, musste er schließlich gehen, starb 2007, fünf Jahre nach Erhalt des Büchner-Preises.

In der Zählung des Literaturkritikers Matthias Biskupek ist diese Auszeichnung eine von insgesamt achtzehn gewesen, die Hilbig zeitlebens erhielt. So dass der Schluss naheliegt, dass er mit seinem Ruf gut gefahren ist. „Ich schäme mich ja fast. So viele Preise …“, sagte Hilbig 2002, nachdem er erfuhr, dass er der nächste Träger des Büchner-Preises sein würde. Das war keine falsche Bescheidenheit. Er hat von Anfang an gegen den eigenen Erfolg angekämpft. Wenn auch ohne Erfolg. Ob in seinen Romanen, Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Preisreden oder Interviews – stets ging er den sogenannten Literaturbetrieb hart an. Doch der nicht besonders Theoriebegabte führte nie Metadiskussionen über dieses fiktive Konstrukt, von dem so schwer zu sagen ist, wo es anfängt und wo es endet, und zu dem jeder ernstzunehmende Schriftsteller ein ambivalentes, nie rein affirmatives, nie rein aversives Verhältnis hat. Nein, er schrieb und sprach darüber, wie er es über die Ost-Betriebe tat, in denen er einst als Heizer malochte: mal liebevoll, mal voller Verachtung, immer unverblümt.

Bis zu seinem letzten Roman Das Provisorium (2000), eine endgültige Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, versuchte er, das Gleichgewicht zu halten. Das Verhältnis brach er erst ab, als er verstand, dass er im Literaturbetrieb derart „wohlgelitten“ (Matthias Biskupek) war, dass nicht einmal scharfe Kritik daran den Status des Wohlgelittenen ändern oder zumindest ergänzen würde. In den sieben Jahren nach Erscheinen von Das Provisorium kam seine Textproduktion dann weitgehend zum Erliegen. Bei den Büchern, die danach erschienen, handelte es sich um Sammlungen von größtenteils davor entstandenen Texten.

Dass einigen Interviewpartnern – wie Jürgen Krätzer, dem kürzlich verstorbenen Herausgeber der Literaturzeitschrift die horen – auffiel, dass seine Kritik am Literaturbetrieb im Besonderen und seine Kulturkritik im Allgemeinen in Besprechungen „völlig ausgeblendet“ wurden, änderte nichts an der sonstigen medialen Ignoranz, die ihn mit Preisen und Stipendien großzügig belohnte. Die zwei Ausnahmen waren Richard Herzinger 1995 in der Zeit und Frank Schirrmacher 1997 in der FAZ. Das eine Mal wegen der Ablehnung der „Autogesellschaft“, die begonnen habe, „uns zu verschlucken“ (Abriss der Kritik), das andere Mal wegen des Vergleiches der Wiedervereinigung mit einer kolonialistischen „Unzucht mit Abhängigen“ (Kamenzer Rede zum Lessing-Preis). Beide warfen ihm Naivität vor und suggerierten, er solle sich lieber auf das Verfassen literarischer Texte beschränken.

Hilbig kritisierte indirekt den „Konsens“ unter Preisjuroren, wonach einige wenige Schriftsteller, zu denen er ja selbst gehörte, „einfach wichtig“ seien und überleben müssten, weshalb ihnen eine Art Blankoscheck zustünde, nach erreichtem Status im Grunde völlig unabhängig von der jeweiligen literarischen Entwicklung. Sein Beispiel war der österreichische Schriftsteller Ernst Jandl, der Verfasser von ottos mops. Dieser habe „alle Preise in Österreich und Deutschland erhalten, die jemals existiert haben“, „fast jedes Jahr einen bekommen“.

Als er einen Schweizer Schriftsteller mit den Worten zitierte – „Wir müssen zehnmal besser schreiben als ein DDR-Autor, um einen Verlag in der Bundesrepublik zu finden“ –, hatte er schon die Erfahrungen einiger seiner Ost-Kollegen vor Augen. Deren Ost-Bonus, den ihnen ihre Herkunft einst garantiert hatte, ging spätestens nach dem mehrphasigen Literaturstreit nach Erscheinen von Christa Wolfs Was bleibt endgültig in die „Gegenrichtung“, nach hinten los.

Und nicht einmal seine Anleitung, wie man als DDR-Autor den eigenen Ost-Bonus erzwingen konnte durch die „Vorspiegelung der Tatsache, ein in der DDR von der Zensurbehörde behinderter Autor zu sein“, wurde aufgegriffen. Hilbig selbst habe die Absagen vorprogrammiert, etwa dann, wenn er ostdeutsche Publikationsorgane mit Texten beschickte, die er selbst „als wenig gelungen“ angesehen habe oder „die aufgrund ihrer Aggressivität von vornherein keine Chance in den Augen eines DDR-Lektors haben konnten“.

„Grinst einem da nicht die von Ihnen beschriebene ‚Dekadenz des Literaturbetriebs‘ entgegen, der selbst seinen Abgesang noch feiert?“, wurde Hilbig einmal gefragt. Die Antwort erstreckte sich über mehrere Interviews und Interviewpartner. Irgendwann führte er, als würde er erneut über die Autogesellschaft sprechen, die Metapher des omnivoren Allesfressers ein: „Der Kulturbetrieb frisst alles. Da rennt man mit dem Kopf gegen Wände und wird zurückgefedert.“ Es ist eine Metapher für dieselbe Struktur, die der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace 1993 in seinem bahnbrechenden Aufsatz E Unibus Pluram am amerikanischen Fernsehen ausmachte, als er über die „Ironie“ und die „Selbstverarschung“ des Fernsehens schrieb und dabei dessen Strategie der Immunisierung gegen die Kritik hervorhob: Es verinnerliche in seiner Selbstbezüglichkeit und seiner „zynischen, postmodernen Attitüde gegen sich selbst“ die Kritik und verkaufe sie als Teil des Programms. Es gönne einem die „Entfremdung vom Fernsehen“, in der heimlichen Absicht, ihn „erst recht ans Fernsehen zu binden“.

Die Ignoranz, mit der Hilbigs Kritik am Literaturbetrieb bedacht wurde, aber auch die Vehemenz, mit der er von Herzinger und Schirrmacher auf seinen Literatenplatz verwiesen wurde, legen freilich den Verdacht nahe, dass es dem Literaturbetrieb kaum darum gehen kann, wie ein Schriftsteller präsent bleibt. Ihm geht es darum, dass er es tut. Die relativ lange Lebensdauer von anfänglichen markanten Produktkennzeichnungen – Markenartikel, Made in East Germany – prästabiliert und immunisiert die künftige öffentliche Wahrnehmung weitgehend gegen neue Entwicklungen ein und desselben Schriftstellers. Die Sanktionen des Literaturbetriebs richten sich einzig gegen den absenten Schriftsteller. Wenn er nach erreichtem Status „einfach wichtig“ präsent bleibt, bleibt auch dieser mehr oder weniger stabil. Die Statuten des Sanktionierungsbetriebs sehen für solche Fälle keine gravierenden Eingriffe vor.

Das war Hilbigs Hauptkritik. Er, Relikt aus einer vergangenen Epoche und vielleicht der deutschen Literatur letzter Existentialist von Format, dem nur der absolute Ernst lag und dem beim besten Willen keine postmodernen Zynismen oder irgendwelche Inszenierungsstrategien abzugewinnen waren, sah keinen anderen Ausweg, als sich ganz zurückzuziehen. Nachdem er einsehen musste, dass der Literaturbetrieb ihn der Mitautorschaft an seinen ungeschriebenen Gesetzen beraubt hatte, packte er seine Siebensachen – der größte Luxus sei ihm gewesen, „nicht mit der U- und S-Bahn zum Berliner Ostbahnhof zu fahren, sondern mit dem Taxi“ – und ging von dannen, lange bevor er von dannen ging.

In Provisorium heißt es über den Schriftsteller C., er habe anfänglich für Gott und sich selbst geschrieben, was „auf einer ganz banalen Ebene dasselbe“ gewesen sei. Jetzt sehne er sich zurück zu jenem „fernen kindischen Zustand“, den er jedoch als „Angestellter des Literaturbetriebs“ nicht mehr werde erreichen können. Eine nicht loszuwerdende „Krätze“ sei der Literaturbetrieb: „Die einzige Möglichkeit war, zusammenzubrechen und überhaupt nichts mehr zu schreiben. Den Debilen markieren … und dann vielleicht klammheimlich schreiben, das Sozialamt durfte davon keinen Wind bekommen …“

1968 war Hilbig derart verzweifelt, bis dato nur für Gott und sich selbst geschrieben zu haben, dass er auf der Schwelle zum Literaturbetrieb bereit war, Eintritt zu zahlen. Er beschickte die ostdeutsche Literaturzeitschrift ndl mit der Annonce „Welcher deutschsprachige Verlag veröffentlicht meine Gedichte? Nur ernstgemeinte Zuschriften an: W. Hilbig, 7404 Meuselwitz, Breitscheidstraße 19b“ und bat um die Rechnung im Falle eines Abdrucks, zu dem es dann tatsächlich kam. Dieser Paratext war Hilbigs erste nennenswerte Veröffentlichung. Am Ende hätte sich der Literaturbetriebsangestellte am liebsten freigekauft.

Alexandru Bulucz (*1987) ist Lyriker und arbeitet seit 2016 an einer Dissertation über den Schriftsteller Wolfgang Hilbig.


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