In Erz gegossene Gerundien. Monika Rinck beim Internationalen Literaturfestival Berlin

Ich bewundere die deutsche Lyrikszene aus sicherer Distanz: die Versenkung in jene Sprachverästelungen, an denen sich kaum auf Bäume klettern lässt; das gegenseitige Zuraunen folgenloser Geheimnisse in geschlossenen, schwach beleuchteten Räumen; die Opfergabe höchster Intelligenz an einen Altar ohne Kirche; das Abtasten der Textränder, der Buchstabenbilder, der Tongefälle; die unerschöpfliche Lust am hintersinnigen Zeilen- und Seitensprung. Vor allem bewundere ich die unendliche Natur- und Gerätekenntnis, die aus deutschen Gedichten der Gegenwart spricht. Als ich in meiner Jugend, vergleichsweise spät, begann, mich für Literatur zu interessieren, war mir schnell klar, dass ich niemals ein Dichter werden konnte, da ich die Namen der Blumen nicht kannte. Und später fiel mir auf, dass mir der praktische Sinn für die Hebelwirkungen fehlte, mit denen ein lyrisches Ich Zeile für Zeile eine rätselhafte Kiste ihrer Verschlossenheit beraubte.

Über Lyrik zu lästern oder noch schlimmer, sie zu ignorieren, ist einfach, denn – wie der Simon Brenner sagen würde – gescheitertes Gedicht quasi Normalzustand. Raul Schrott, glaube ich, raunte mal aus den Tiefen seines Tiroler Resonanzkörpers, dass es zwischen dem genialen und dem gescheiterten lyrischen Molekül letztlich keine Zwischenlösung gäbe. Das ist natürlich übertrieben, aber vielleicht gerade deshalb wahr: die Gattung des Page-Turner-Gedichts ist, mir jedenfalls, nur schwer vorstellbar.

Trotz dieser allgegenwärtigen Gefahr des lyrischen Scheiterns ging ich am Dienstag dann doch mal wieder näher ran an die deutsche Dichterszene. Monika Rinck erschien in der Lyrik-Reihe „Here! Here! There!“ des Internationalen Literaturfestivals, und ich hege für sie die beiden einzigen vertretbaren Affekte: Neid und Entzückung. Was anderes kann man bei dieser Frage aus einem ihrer Gedichte empfinden: „Hast du schon die Gerundien gegossen?“ Leider hatte ich alle Aufnahmegeräte zu Hause vergessen, also bleibt mir nichts mehr als ein kurzer Kommentar ihres Textes Die Konsequenzen, nachzulesen in der Edition 23 der Berliner Festspiele im dt. Original und engl. Übersetzung (Shane Anderson).

Seit wir gelernt haben, dass Zeit nicht das Ticken der Uhr, sondern innere, gefühlte Dauer ist, seit Baudrillard und seine Jünger unsere Wirklichkeit zur körper- und fleischlosen Simulation deklarierten, haben wir es uns gemütlich gemacht in jenem Raum der ungefährlichen Resonanzen, die manche fast schon nostalgisch als Postmoderne bezeichnen. Wir haben gelernt, dass Ursache manchmal nur Wirkung ist und dass die jeweils letzte Bedeutung letztlich nur auf eine vorläufig nächste verweist, dass jede Unterscheidung ein Schwinden der Differenz zur Folge hat und dass einmal fixierte Zuschreibungen nicht irreversibel sind. Allerdings haben wir uns zu sehr angestrengt und haben zu viel und zu eifrig gelernt. Vergessen haben wir dabei, dass jede Umkehrung in der Zeit und nicht in ihrem Außen passiert. Verlernt, dass die Zeit einen Vektor hat, der unbeugsam nach vorne schreitet. Wir haben uns zu sehr damit beschäftigt, wie sich die Dinge unserem Zugriff entziehen, anstatt ihnen auch dort aufzulauern, wo sie sich, einmal im Leben, hinter unserem Rücken selbstständig machen.

„So gehört zur Konsequenz der poetischen Sprache, dass Spaltungen ihre Plausibilität verlieren, dass es das eine nicht ohne das andere gibt, dass das Selbst die Gabe des anderen ist, dass es Wirkungen mit unklarer Ursache gibt, dass Abschottung sinnlos erscheint und Mord es nicht vermag, einen einmal gedachten Gedanken aus der Welt zu löschen und dass es kein Zurück gibt.“ (31)

Das ist Dichtung im Ausgang von Orpheus: Aufhebung der Grenze zwischen Leben & Tod mit dem gleichzeitigen Verbot zurückzuschauen. Es geht darum, nicht nur über Öffnung und Vielfalt zu reden, über die feinen Unterschiede und die unhintergehbare Alterität, über Kontingenz und Solidarität – sondern eben auch über jene Konsequenzen, die sich aus dem Teil der Wirklichkeit ergeben, dessen Takt vom irreversiblen Voranschreiten der Zeit geschlagen wird. Es geht darum, nicht nur die Möglichkeit des Schreibens & Denkens zu denken, sondern auch deren Gültigkeit. Daher der Verweis auf Zauberspruch, Gebet und Befehl, drei Sprechakte, die das Gedicht genau nicht ist. Aber vielleicht sagt es doch auch, wie diese, „was anders zu machen wäre“ (31).

Was ist der moralische Nutzen der Literatur? Das Eintauchen in andere Welten, sagen manche. Die Öffnung des Denkens, die Erweiterung des Horizonts; die Einsicht, dass vieles auch anders sein könnte und besser; die Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Fremden, dem Ungewohnten, sagen andere. Ich könnte Romane lesen, um meine theory of mind (ToM) zu steigern, sagte mir einmal ein blitzgescheiterter Kognitionswissenschaftler aus Venezuela. Mag alles sein. Aber bei Monika Rinck scheint es um etwas anderes zu gehen. Ihr zuhörend fassen wir Mut, aus einer überschaubaren Verzweiflung heraus einen eigenen Gedanken zu fassen, kühn, tröstend, nach draußen gerichtet, ohne die Angst vor dem Wind, der immer schon wehte. Einen neuen Gedanken, dem wir uns samt seiner Konsequenzen vollständig ausliefern dürfen.

Jetzt gerade denke ich beispielsweise, dass die wichtigste Funktion der Literatur eben gerade nicht die Ambiguität, das Platzschaffen, das Offenhalten jeglicher Türen und Ausgänge ist. „Das Gedicht ist, was es tut. Und sagt, was es meint.“ (27) Noch bevor es aus abgelagerten Bedeutungen Vieldeutigkeit birgt, nimmt es wörtlich, allzu wörtlich, was sonst konsequenzlos, einfach so daher gesagt wird. Das macht das Gedicht in gewisser, unumstößlicher Weise realistisch. Aber es markiert dabei genau den Unterschied zwischen einem Realismus, dem nachträglich Magisches eingeflößt wird, und der poetischen Navigation durch eine längst magisch gewordene, hyperbolische Wirklichkeit. Mehrdeutigkeit, Offenheit und Kontingenz sind keine Werte an sich, sondern werden es erst da, wo die konsequenzvergessene Wirklichkeit wörtlich genommen wird. Literatur kommt von Literalität und nicht von Literarizität.

Bolaño hätte geschrieben: Erst sagst du, du kannst es nicht fassen, dann glaubst du es wirklich nicht und dann war es schon lange geschehen.


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