Wissenskultur punkt jetzt

„Was heißt und zu welchem Ende schreibt man Populärwissenschaft?“, wird sich Michel Serres Mitte der Neunziger gefragt haben. In gewohnt heiterer und ambitionierter Tonlage versammelt der französische Philosoph 1997 in seinem Thesaurus der exakten Wissenschaften Erkenntnisse und Methoden aus den jungen Spezialdisziplinen der Teilchenphysik, der Gentechnik und den Neurowissenschaften unter dem Vorwand, sie auf verständliche Weise darzustellen, ohne ihre immanenten Komplexitäten zu übergehen. Erfordert die lexikalische Form zunächst vor allem Prägnanz und Knappheit im Ausdruck, lässt er sich in einigen Einträgen dennoch zu ganzen Absätzen mit Anekdoten, Beispielen und scheinbar Randständigem hinreißen: Er ist überzeugt, dass Populärwissenschaft erst gelungen ist, wenn sie es schafft, die Verfahren und Bräuche der Wissenschaften in „umgangssprachliche Erzählungen“ zu verwandeln.

Während es spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts wohl kaum an der Popularisierung naturwissenschaftlicher Evidenzen und Experimente mangelt – was dennoch fehlt, wäre zum Beispiel eine Sozialgeschichte der Programmierung, die eine Beziehung zum alltäglichen Technikgebrauch herstellt –, gestaltet sich die Suche nach entsprechenden Formaten für die Humanwissenschaften problematisch. Ja, es lässt sich fragen, ob es hier der gesonderten Verbreitung überhaupt bedarf, wird das Feld doch bereits von Feuilleton, Filmen, Ausstellungen, Sachbüchern, Streitschriften, Einführungsbändchen, öffentlichen Vorträgen und Gesprächen bestellt.

Cover Avenue

Cover der ersten Ausgabe. (Quelle: www.avenue.jetzt)

Jüngst haben sich in Basel die Germanistin Corinna Virchow und der Wissenschaftsforscher Mario Kaiser mit dem Magazin Avenue auf das Wagnis der Popularisierung von Geistes- und Sozialwissenschaften eingelassen: Ihnen geht es darum, „den Beitrag der interpretierenden Wissenschaften für unsere Wissenskultur sichtbar zu machen.“ Das erste Heft erschien in diesem Jahr und versammelt auf 128 Seiten historische, literaturwissenschaftliche und soziologische Zugänge zum Schwerpunkt ‚Wir Cyborgs. Zwischen Mensch und Maschine‘. Sämtliche Aufsätze, Berichte und Kritiken können vorab auf www.avenue.jetzt gelesen und kommentiert werden und gehen mitsamt der dokumentierten Debatten (oder aber zumindest mit dem Hinweis auf diese) in den Druck.

 

Die Aufmachung der Printausgabe erinnert äußerlich auch der großzügigen Umschlaggestaltung wegen eher an deutsche Kunstmagazine wie die monopol als an eine Zeitschrift, die im Vierteljahrestakt, mal kursorisch mal en détail, Themen und Formen der Gegenwart zwischen Akademie und Alltag verhandeln will: So opulent treten die Humanwissenschaften selten auf – noch dazu in einer Auflage von 12500 Exemplaren. Was ist das für 1 Magazin?

Auf dem Cover hübsch anzuschauen, lenken Vincent Giarranos bisweilen kitschige Bilder, die Menschen mit ihren Smartphones (bzw. Smartphones mit ihren Menschen) zeigen, im Heft vom Wesentlichen – den Texten – eher ab: Zu nah am inhaltlichen Schwerpunkt gelegen, gelingt es ihnen nicht, den Aussagen der Texte ein anschauliches Moment hinzuzufügen, das über ein simples you like it or you don’t hinaus ginge. Das mag noch eine Geschmacksfrage sein: Für die zahlreichen farbigen Initialen, die den Lesefluss an einigen Stellen hemmen, gilt das nicht.

Avenue Doppelseite

Doppelseite mit Initialen. (Quelle: www.avenue.jetzt)

 

Zum Inhalt. Irgendwo zwischen Reportage und Technikgeschichte sind die Rheinfahrten der Historikerin und Ruderin Barbara Orland zu verorten: In acht kurzweiligen Selbstbeobachtungen untersucht sie das komplexe Wechselspiel von „Mensch, Material und Umwelt“ in ihrem Achter Wild Lady. Obschon etwa das Trimmen des Boots den Körpern der Ruderer während der Fahrt mehr oder weniger zusetzen kann, zieht Orland den Schluss,  dass der Sport „viel zu viele Unabwägbarkeiten, die sich nicht manipulieren lassen“ mit sich bringe, als dass hier die Rede von ‚Cyberbodies‘ angemessen wäre. Statt gleich einen kybernetischen Rückkoppelungseffekt konstruieren zu wollen, nur weil hier (mal wieder) Mensch und Technik aufeinandertreffen, vertraut sie auf starke Steuerfrauen: „Keine Bootstechnik kann das gekonnte Manövrieren im Wellengang ablösen.“ Angenehm unprätentiös.

Nicht weniger introspektiv gestaltet sich die verstörend kenntnisreiche Drogenkunde von und mit dem Autor Benjamin von Wyl, die den Gebrauch konzentrationsfördernder Mittel in leistungsorientierten Milieus und seine pathologischen Folgen (sowie dessen inspiratives Gegenteil: Steve Jobs auf LSD) vor Augen führt. Sie weicht den Begriff des Cyborgs auf und nimmt dem Heft etwas von den Zwängen der Monothematik, die nicht zuletzt zu Lückenfüllern wie einer Stilkolumne zu wearables und smart couture führen.

Das einzige größere Ärgernis der ersten Ausgabe Avenue stellt ein Beitrag über ‚Körperutopien‘ des Anglisten Christoph Houswitschka dar. Abstrakt hebt der Text zunächst in aufklärerische Höhen ab: „Vor mehr als 350 Jahren begannen wir das Denken über uns selbst zu verändern“, um abrupt und in dichter Reihe auf zeitgenössischen Gemeinplätzen („Die technischen Apparate … verändern unser Denken, unsere Wahrnehmung und auch unsere Körper selbst“), Behauptungen („Der perfektionierbare Körper lebt expansiver und intensiver als je zuvor“) und Prämissen („Der Körper ist das Medium unserer Sehnsüchte“) bruchzulanden. Daran ändern dann auch die etwas unmotiviert zusammengeklaubten Science-Fiction-Lektüren und Filmbeispiele wenig.

Wie die Analyse komplexer Sachverhalte (in diesem Fall politische Zäsuren) populärwissenschaftlich zu bewerkstelligen ist, zeigt Caroline Arni in ihrem großen Einmaleins der Historiographie. So elegant wie pointiert bewirbt sie die „Handwerkskunst der Geschichtswissenschaft“ und ihre Werkzeuge, deren Gebrauch politische Selbstverständnisse sowohl einhämmern als auch aufbohren kann. Um bloße „Registratur“ des Gewesenen, in denen Geschehen bedenkenlos „zur Chiffre schrumpft“, zu vermeiden, gelte es, durch den neugierigen Umgang mit Archiven und Korpora bislang vernachlässigte Zusammenhänge für die Genese der Gegenwart zu erschließen: Argument statt Orthodoxie. Einem solchen Text wäre die Aufnahme ins Curriculum fachdidaktischer Einführungsseminare für angehende Geschichtslehrer durchaus zu wünschen – auch als Kulturpessimismusprophylaxe und Anreiz zur sachlichen Auseinandersetzung mit den Anonymitäten unserer Zeit: „Und darin läge doch die Gabe der Geschichte: Sie sagt den Heutigen, was diese nicht immer schon über sich gewusst haben, sie reisst sie aus dem Spiegelkabinett der Identitäten und Kontinuitäten und stiftet in ihrem Gewissen Unruhe.“

Die kritischen Heidegger-Lektüren von Klaus Birnstiel führen zweckmäßig in technikphilosophische Positionen des 20. Jahrhunderts ein und fänden durch die lebenspraktischen Einwürfe sicher auch im Philosophie Magazin Platz. (Eher nicht, vermutlich, in der Hohen Luft.) Noch lieber als die Aktualisierung des ‚Gestell‘-Begriffs, hätte man von ihm aber den Text gelesen, den er am Ende selbst fordert – „eine von Scheuklappen befreite Reflexion der Literatur des Digitalen.“

Eine Rubrik mit dem Titel ‚Museum der monumentalen Denkereignisse‘ rundet das Programm der Zeitschrift ab: In Anliegen und Ausführung dem Format ‚KulturKontakte‘ aus der KulturPoetik vergleichbar, vergegenwärtigt sie einst stilbildende Theorien und Denkansätze – den Start macht eine Besprechung des Anti-Ödipus.

Der das Heft beschließende Bericht über einen Besuch am Forschungsprojekt conditio extraterrestris bestätigt den Eindruck, dass sich die Avenue, die das Versprechen der Gemeinverständlichkeit weitgehend einlöst, zumindest noch mit der ersten Ausgabe vorrangig an ein universitäres Publikum richtet: Der organisatorische Alltag eines Deutschen Seminars und seiner Doktoranden stößt außerhalb der Welt des akademischen Mittelbaus meiner Erfahrung nach auf überschaubares Interesse. Das muss gewiss noch kein Argument gegen derlei Einblicke sein, suggeriert aber eine thematische Nähe zu bestehenden Universitätspublika, die das Vorhaben, die geisteswissenschaftlichen Beiträge zum Alltagsleben in einer Wissenskultur für den Laien sichtbar zu machen, zu unterlaufen scheint. Für die zweite Ausgabe würde sich Michel Serres also vermutlich noch ein paar mehr ‚umgangssprachliche Erzählungen‘ à la Orland und von Wyl wünschen. „Ein Anfang“, um den Titel des Editorials aufzugreifen, ist in jedem Fall gemacht.

 

Avenue. Das Magazin für Wissenskultur, Heft 1. Frühjahr 2016, Basel. 128 Seiten. 9,80 Euro. (Webauftritt)


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