Apropos Bewunderung. Zur Debatte um die Verwendung von Eugen Gomringers Konstellation „avenidas“ an der Hausfassade einer Berliner Hochschule

Die jüngste Debatte um Eugen Gomringers Gedicht avenidas begann mit einem offenen Protestbrief der Studierendenvertretung der Alice-Salomon-Hochschule, der die Wahl des 1953 veröffentlichten und 2011 an der Südfassade der Hochschule angebrachten Gedichts kritisiert. Die Studierenden verlangten vom Akademischen Senat (1) eine Begründung der Gedichtauswahl und (2) eine Diskussion über die Entfernung/Ersetzung an der Hausfassade. Zwar würde sich das Sicherheitsgefühl für Frauen, das in der Umgebung der Hochschule nicht gegeben sei, dadurch nicht erhöhen, jedoch wäre es ein „Fortschritt“, wenn die Wahrnehmung der Frau als Objekt der Bewunderung nicht poetisch an der Hausfassade gefeiert würde, wie dies in avenidas ihrer Meinung nach geschehe. In dem bestimmt-höflich klingenden Brief wird auch die Möglichkeit einer Mangelhaftigkeit der eigenen Gedichtdeutung angedeutet („Sollten die [von der damaligen Rektorin bei Gedichtanbringung] gelobten ,neuen Zusammenhänge‘ […] Gomringers nicht nur auf seine Wortkonstellationen, sondern auch auf eine gesellschaftliche Ebene bezogen sein, so sind diese uns nicht ersichtlich“) und explizit festgehalten, dass der Protest nicht das Gesamtwerk Eugen Gomringers infrage stelle.

Die Entgegnungen auf diesen Protestbrief kommen einerseits von Autoritäten des literaturtheoretischen Diskurses – die gehaltvollste formuliert Michael Lentz, nicht nur selber Sprachkünstler und Professor für kreatives Schreiben, sondern auch Verfasser einer zweibändigen Dissertation zur Lautpoesie/-musik nach 1945 – und andererseits von Usern sozialer Medien und Zeitungsforen. Frappierend an den Entgegnungen ist der Ton, mit dem auf den nüchtern-sachlichen Protest der Studierenden reagiert wird, und zwar nicht nur in den Foren, in denen man gewohnt ist, wüsteste Beschimpfungen und Verunglimpfungen zu lesen, sondern auch, allerdings aus anderem Grund, im Feuilleton. Während Lentz in der FAZ den Studierenden mit einer äußerst beeindruckenden Gedichtanalyse demonstriert, was man als versierter Profi-Leser aus dem Gedicht herausholen kann, und ihnen indirekt nahelegt, sich für ihre „allzu schlichte“ Lesart zu schämen, fordert Nora Gomringer , Tochter des Autors und selbst Autorin, in der Welt öffentlich gar eine Entschuldigung der Studierenden, weil der „Sexismusvorwurf“ gegen ihren Vater „lächerlich“ sei, so die Headline des Artikels, in dem sie den Studierenden, die schlichtweg „falsch“ interpretieren würden, erklärt, wie man das Gedicht, das „einfach ein gutes Gedicht“ sei, das „schon länger auf der Welt ist als viele seiner Leser“ und aus der Feder „einer der wenigen lebenden Menschen [stammt], nach denen ein Platz benannt ist in diesem Land“ (!), denn richtig lesen müsse. Die Preisjury des Alice Salomon Poetikpreises, den Gomringer 2011 erhalten hat (woran die Anbringung der Konstellation an der Hochschulfassade erinnert), gibt an, im Falle einer Entfernung des Gedichts zurückzutreten, und der Autor selbst, Eugen Gomringer, will einer Entfernung des Gedichts auch nicht zustimmen, weil das Gedicht, wie er selber (!) sagt, „eines der bedeutenden Werke der modernen Lyrik geworden“ sei, was man „nicht einfach auf die Seite schieben oder kaputtreden“ könne. Am schärfsten und zugleich am wenigsten argumentativ unterfüttert klingt die Stellungnahme des PEN-Clubs, der die „Freiheit des dichterischen Wortes“ gefährdet sieht und gar von „Zensur“ spricht. Es ist von „barbarischem Schwachsinn“ zu lesen, und der Rektor, der als Rektor einer Hochschule für Erziehung und Bildung einen „gesellschaftlichen Auftrag“ zu erfüllen hätte, erhält die Anweisung: „Er hat den Studierenden etwas von Erziehung und Bildung zu vermitteln und nicht deren unerzogene Unbildung zu respektieren. Er hat die Erzieher von morgen auszubilden und nicht deren Kultur- und Bildungsferne ernst zu nehmen und gar ihr zu folgen.“

Gemein ist den Stellungnahmen neben ihrem entrüsteten, autoritären Ton, dass sie ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das Gedicht als Sprachkunstwerk keiner wie auch immer motivierten „politischen“ Kritik ausgesetzt werden dürfe. Dass nicht das Gedicht an sich kritisiert wird, sondern seine Verwendung für einen bestimmten Zweck, seine Publikation in einem bestimmten Kontext – ein nicht unerheblicher Unterschied –, wird erst im Beitrag der Alice Salomon Poetik-Preisträgerin 2017 Barbara Köhler thematisiert, der mit einigem zeitlichen Abstand erscheint, die Rolle des Publikationsortes thematisiert und festhält, dass der Text ein Geschenk an die Hochschule darstellt und „die Beschenkten […] damit tun [dürfen], was sie wollen“.

Sowohl der autoritäre Ton als auch die Selbstverständlichkeit, mit der die „Freiheit der Kunst“ als absoluter Wert und damit zugleich ihre Erhabenheit über jede gesellschaftliche Kritik behauptet wird, erstaunen. Hier sprechen (wieder) Autoritäten im Duktus von oben herab, die ganz selbstverständlich Deutungshoheit für sich beanspruchen und auf Argumente, die ihre Autorität legitimieren, teils vollständig verzichten.

Die Frage nach der Gleichbehandlung der Frau wird durch die Entgegnungen indirekt als irrelevant erklärt. Der konkrete Vorwurf, Frauen würden in avenidas als durch den männlichen Blick fremdbestimmte Bewunderungsobjekte gefeiert, erscheint manchem lächerlich. Michael Lentz betrachtet das Gedicht als reines Sprachkunstwerk, was jeden gesellschaftspolitischen Aspekt im Grunde obsolet macht, Nora Gomringer hebt die Nebenreihung durch „und“ im Gedicht hervor, die „den Bewunderer“ zu einem gleichwertigen Bestandteil macht, womit das Gedicht „feministisch gelesen harmlos“ sei. Zugleich weist sie darauf hin, dass auch heute noch das Maskulinum immer wieder als „Inklusivum“ (generisches Maskulinum) fungiert, was einigen „sicher nicht gefällt“, ihr selber, „Feministin und Tochter zweier Feministen“ aber keine Probleme zu bereiten scheint. Den Protestierenden gibt sie den Rat, „una admiradora“ „augenzwinkernd“ in den Unieingang zu schreiben und damit zu „beweisen, dass Sie lesen können, dass Sie Humor haben und größer sind, als diese Auseinandersetzung“ – ein Ratschlag, der implizit zu verstehen hilft, warum die de facto-Gleichstellung der Frau noch immer nicht längst kein Thema mehr ist. Eugen Gomringer, in der Zuschreibung der Tochter Feminist, gibt explizit an, wenig von einer „genderistischen“ Sichtweise der Kunst zu halten und auch nichts von der „genderistischen Verdoppelung bei Nomen, die dieser Zeitgeist fordert: Professor/in und dergleichen“, denn „so was tut kein poetischer Mensch“.

Man weiß inzwischen allerdings, dass Sprache ab dem Zeitpunkt, ab dem wir mit ihr in Berührung kommen, unser Denken formt, ihm Muster und Struktur gibt. Aus diesem Grund – und nicht, weil es vielleicht logisch richtig oder charmant ist, die Frauen auch zu nennen anstatt sie unter der männlichen Form weiterhin unsichtbar zu subsummieren – haben Ministerien in den letzten Jahren Richtlinien für jene „gendersensible Sprache“ entworfen, die nicht nur von Eugen Gomringer abgelehnt wird. Verbreitet ist heute, wo immer möglich, die Verwendung neutraler Formen mit Partizipbildung, nicht mehr so sehr die Nennung beider Geschlechtsformen. Es wird bald keine „Teilnehmer“ mehr geben, sondern nur noch „Teilnehmende“, auch keine „Referenten“, sondern „Referierende“, so wie „Studenten“ flächendeckend bereits zu „Studierenden“ mutiert sind.

Wie die Sprache der Poesie mit dieser Gendersensibilisierung umgehen wird, wird sich in den kommenden Jahren wohl erst zeigen. Sie wird sich wie auch immer dazu verhalten, so wie sie sich zu anderen Sprachkonventionen des Alltags verhält und immer verhalten hat, aktuell etwa zum vermehrten Gebrauch des Englischen, zur Hybridform der mündlichen Schriftlichkeit digitaler Kommunikation oder eben auch zum Imperativ der political correctness – was stets auch die Möglichkeit einschließt, solche Sprachkonventionen vollkommen zu negieren, indem sie etwa auf eine (wenigstens auf sehr basalem Niveau allgemein verständliche) inhaltliche Botschaft verzichtet und eine Fantasiesprache implementiert (wie Durs Grünbein im Libretto „Die Antilope“), die Handlung in die Zukunft verlegt (Dystopien boomen) oder nicht-menschliche Erzählpositionen wählt (etwa ein Frühstücksei, womit man den Bachmannpreis gewinnen kann).

Wie notwendig eine gendersprachliche Sensibilisierung im öffentlichen Diskurs in unserer Gesellschaft nach wie vor (oder leider sogar: wieder verstärkt) zu sein scheint, zeigen im Zuge dieser Debatte vor allem zahlreiche Postings und Hass-Mails, auf die Bettina Völter, Prorektorin der Hochschule, in ihrer höflich-sachlichen Verteidigung der Protestierenden hinweist. Anstatt den Protest der Studierenden pauschal als „barbarischen Schwachsinn“ abzutun oder ihn als selbstdeklarierte Feministin als humorlos, kleingeistig und überzogen zu betrachten, müsste man ihn, wenn man ihn nicht teilen will, so doch zumindest insofern positiv anerkennen, als er wohl ein Signal dafür darstellt, dass diese Sprachsensibilisierung tatsächlich eine Veränderung in den Köpfen zu bewirken vermag, was das Frauen- und das Männerbild angeht.

Aus ästhetischen Gründen mögen Kunstschaffende die Gendersensibilisierung der Sprache ablehnen, als gesellschaftliche Konvention ist sie anzuerkennen. Und vielleicht wäre der Protest der Studierenden auch ganz ausgeblieben, verhielten sich in avenidas „Bewundernde“ zu den „avenidas“, „flores“, „mujeres“ (Straßen, Blumen, Frauen). Im konkreten Fall würde die unpersönliche Form mit Partizipbildung gleich zwei Bedeutungsverschiebungen bewirken: Das Geschlecht des handelnden Subjekts des Gedichts bliebe unbekannt, womit ein weiterer, purerer Raum des Nachdenkens über den Akt des Bewunderns selbst geschaffen würde, in dem das Verhältnis der Geschlechter zueinander überhaupt keine Rolle spielt. Und auch die Heraushebung des handelnden Subjekts als Singuläres im Verhältnis zu dem Im-Plural-Bewunderten wäre getilgt, die Aufzählung, mit „y“ („und“) verbunden, wäre gleicher als sie es in der tatsächlichen Konstellation ist (wenn auch noch nicht vollkommen „gleich“, weil immer noch lediglich die weibliche Hälfte der Menschheit bewundert würde).
In den 1950er-Jahren wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, nicht die männliche Form zu verwenden. Simone de Beauvoirs L’autre sexe war eben erst erschienen, der Mann noch offizielles Familienoberhaupt und Haushaltsvorstand und die Frau daran gewöhnt, in der männlichen Form als der allgemeingültigen für die gesamte Menschheit mitgemeint zu sein. Hätte Gomringer das Augenmerk damals so stark wie möglich auf den Vorgang des Bewunderns lenken wollen – was er laut Interviewaussagen nicht intendierte –, hätte er von dem Bewunderer („l’admirador“) schreiben können, die männliche Form als generisches Maskulinum verwenden.

Klanglich hätte das im Spanischen wie im Deutschen ebenso deutliche Konsequenzen gehabt wie eine Umschreibung hin zu „Bewundernde“. Nachdem es hier um ein Gedicht geht, ist die Klanglichkeit wie das Schriftbild essentieller Bestandteil seiner Wirkung als Kunstwerk und damit Sache des Werkschaffenden. Und das Werk ist wiederum immer Ausdruck der Zeit – und auch der Sprache dieser Zeit (die es nicht affirmieren muss, zu der es sich wie auch immer aber verhält) –, in der es entstanden ist. Deshalb wäre ein Hinweis auf das Veröffentlichungsjahr des Gedichts auf der Fassade womöglich sinnvoll gewesen, um klarzustellen, dass das Gedicht, je nachdem, wie man sich entschließt, es zu lesen, entweder als kleine, subjektive Momentaufnahme der Nachkriegszeit eine inzwischen antiquierte Weltsicht abbildet, in der Frauen durch einen männlichen Blick zwar bewundert, aber damit zugleich fremdbestimmt werden, oder – sehr viel interessanter – etwas Allgemeineres-Philosophisches, nämlich das Verhältnis des Ichs zur Welt in der Haltung eines Bewundernden, so zum Ausdruck bringt, wie das in den 1950er-Jahren sprachlich opportun war und ästhetisch „gut“ erschien.

Über das Bewundern wurde in der Debatte erstaunlicherweise wenig gesagt. Das Bewundern, mit „un admirador“ im Gedicht an besonderer Position, abgesetzt in der letzten Zeile, ins Spiel gebracht, ist das einzige Teilchen, das sich aktiv zu den anderen Teilchen der Konstellation verhält. Michael Lentz stellt fest, dass das Gedicht auf Verben verzichtet, und auch wenn kein Tun in der Konstellation angelegt ist, so drückt es doch eine innere Haltung aus, und zwar eben durch „un admirador“, das einzige Abstraktum der Konstellation, das als solches eine andere Qualität aufweist als die drei Konkreta („avenidas“, „flores“, „mujeres“), die neben dem „y“ in ihrer spezifischen Anordnung die übrigen Teilchen der Konstellation darstellen, und das obendrein als einziges Teilchen auch nur ein einziges Mal auftaucht – womit die Gleichwertigkeit der „y“-Aufzählung gleich dreifach konterkariert, aber deshalb nicht völlig aufgehoben wird.

Bewundern meint laut Duden, „etwas oder jemanden als außergewöhnlich betrachten, hochschätzen“. Bewunderung ist eine besondere, überaus positive Form des Anerkennens-von bei gleichzeitigem Staunen-über, ein unaufhörliches stilles Sich-Wundern, weil sich die Größe des Bewunderten niemals restlos erschließen lässt. Wer bewundert, empfindet das Bewunderte als erhaben über sich, d. h. er nimmt sich selbst gleichsam zurück. Bewundern hat mit Schweigen zu tun und auch mit Demut.
In dieser Diskussion war – wie in der gesamten Internet-agorá dieser Tage – weder vom einen noch vom anderen viel zu bemerken. Sonst hätte man, wenn man das lokale Problem schon in die Öffentlichkeit trägt, zunächst womöglich lediglich nach einer Begründung der Gedichtauswahl verlangt, die vielleicht das Potenzial gehabt hätte, die Forderung nach einer Entfernung von der Fassade obsolet erscheinen zu lassen. Und man hätte die Gekränktheit der Laien-Lesenden, die immerhin täglich mit dem Kunstwerk im öffentlichen Raum umgehen müssen und echtes Interesse am Text zeigen, zumindest anerkannt, weil ein Diskurs auf der Höhe der Zeit keinen anderen als einen höflich-sachlichen Ton zulässt, die Suche nach einem Weg zu einer gelungenen Koexistenz der Geschlechter alles andere als ein zu marginalisierendes Thema ist und man als Schreibende in Zeiten womöglich sehr unklug handelt, wenn man Lesenden allzu arrogant begegnet, es sei denn, man möchte die Literatur wirklich möglichst schnell zu einem Nischendiskurs degradieren, der gesellschaftlich vollkommen irrelevant ist, dafür aber nur noch von Fachleuten auf theoretisch höchstem Niveau geführt wird.

In der Debatte um die Hausfassadengestaltung der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin ist inzwischen wohl ein Treffen in der realen Welt zwischen Autor und Studierenden angedacht, was womöglich das erste Mittel der Wahl hätte sein können, um das Problem um die Hausfassade, deren Renovierung offenbar ohnehin ansteht, für alle Seiten verträglich zu lösen. Von Prorektorin Völter als symbolischer Hausfassadenersatzschmuck ins Spiel gebracht wurde Eugen Gomringers Konstellation schweigen. – Für unsere Zeit, die – gerade weil sie sich post-autoritär und inklusiv organisieren müsste – mehr denn je einen sachbezogenen, argumentativen, zugleich höflich-respektvollen, rücksichtsvoll-umsichtigen Gedankenaustausch bräuchte, wie er auf unserer agorá aktuell leider aber kaum zu finden ist, vielleicht ein sehr stimmiges poetry landmark. Was durchaus traurig stimmen kann.


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