• Politikkolumne. Reflexionen über „Verdienst“ nach Besuch eines Schachturniers

    1.

    Eine meritokratische Gesellschaft, also eine, in der »Verdienst«, wie auch immer man dieses definiert, der einzige Grund für Status und Erfolg ist, sähe vermutlich nicht wie ein Golfclub aus. Sähe sie vielleicht aus wie ein Schachclub? Den Golfclub stellen wir uns als Verein mit homogener Mitgliedschaft besserer Stände vor. Diese Homogenität wird durch Mitgliedsbeiträge gesichert. Die Mitglieder beanspruchen einen sozialen Status, von dem sie nicht selten glauben dürfen, sie hätten ihn verdient. Jedenfalls tendieren Menschen mit wachsendem Erfolg dazu, diesen für berechtigt zu halten.  Erfolg lässt sich zudem einfach darstellen, namentlich in Geld. Verdienst dagegen ist eine unklare und umstrittene Figur. Dazu passt es, dass der Status in einem Golfclub oft nicht von der gut messbaren sportlichen Leistung abhängen dürfte, sondern von anderen Umständen. Den Golfclub verdienen sich manche durchs Golfspiel. Für andere ist er eine Institution, in der externer Erfolg intern abgebildet wird.

     
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  • Der lange Abschied der SPD. Kleine Parteienkunde I

    »But I’m never sure you can bribe the electorate financially. They are cleverer than that.« Sasha Swire, Diary of an MP’s Wife

    1. Am 23. September 2020, als die Partei nicht eben im Vordergrund des allgemeinen Interesses stand, titelte die FAZ in ihrer Hauptschlagzeile: »Das Ansehen der SPD auf neuem Tiefstand«. Als Anlass für diese Meldung genügte eine Umfrage. Wie beim von der Boulevardpresse vorgeblich fürsorglich begleiteten langen Sterben eines Prominenten kann bei der »ältesten Partei Deutschlands« immer noch jede kleine Verschlechterung der Lage als Neuigkeit zählen. Auch ist eine gewisse Lust am Siechtum selbst bei denen zu beobachten, die die Moribunde eigentlich mögen. (mehr …)

  • Wir, die Bürger(lichen)

    Ob liberale Demokratien überleben, erscheint heute überraschend ungewiss. Vielleicht hat eine Ordnung, an der Mehrheiten kein Interesse haben, weil sie bloß versorgt und unterhalten werden wollen, keine Zukunft – schon gar nicht, wenn sich die Ordnung selbst als Mehrheitsherrschaft versteht. Doch ist offen, ob die, die sich heute auf eine Mehrheit berufen, um deren Herrschaft aus den Angeln zu heben, tatsächlich in der Mehrheit sind. Denn Präsident Trump, der Brexit oder die knapp gescheiterte Wahl von Norbert Hofer in Österreich, der einen höheren Stimmenanteil erhielt als Trump, sind nur unter zwei Bedingungen möglich: Sie bedürfen einer nicht mehrheitsfähigen Linken, die Kandidaten wie Corbyn oder Mélenchon unterstützt und so rechtsautoritäre Siege wahrscheinlicher macht.